Wandern auf den Kasos Trails

Der feurige Sonnenaufgang steht dem Sonnenuntergang in nichts nach …

Um acht Uhr bin ich zu früh dran für die beiden Bäcker - Brot gibt es erst später. Beim Bäcker am Rathaus werden aber gerade Chortopittes zubereitet und in den Ofen geschoben, so lange sie backen, drehe ich eine Runde am Hafen, kaufe noch etwas Obst. Das Frühstück mit der Pitta ist köstlich. Die Füllung aus Wildkräutern ist nicht so herb wie oft – ob es das gleiche Kraut ist wie für die lokale Speise „Roïko“? Oder Meerfenchel? Egal – ist zu empfehlen. Die „Kasos Princess“ legt außerplanmäßig am Hafen ab und verschwindet gen Westen: wohl Sitia. Planmäßig fährt sie dorthin eigentlich erst in den Monaten Juni bis August, freitags.

 

Gegen zehn Uhr fahre ich los. Kaufe nun fertiges Brot beim Bäcker, und eine Tüte Käsestengel – bester Wanderproviant. Tanke dann für zehn Euro an der einzigen Tankstelle der Insel an der Straße nach Poli. Das Benzin kostet zwei Euro zwanzig der Liter, aber viel Sprit werde ich an zwei Tagen ja vermutlich nicht brauchen - die Insel ist ja nicht so groß.

Meine Fahrt geht in den Südwesten der Insel, über eine eindrucksvolle Hochebene. Der Himmel hat sich bewölkt, die Stimmung ist düster geworden. Aber nur die am Himmel, meine nicht.

 

Mein Ziel ist das Kloster Agios Georgios Hadiés, aber den ersten Halt mache ich an der Panagia-Kirche in Élleros, einer weitläufigen Anlage an einem flachen Hang, mit niedrigem Kirchlein und Nebengebäuden. Der Wind hat zugelegt und bläst über die karge Landschaft. Na, da wird das mit meinen Badeplänen heute wohl eher nichts werden.

Natürlich ist das Kirchlein geöffnet und offeriert sein ordentliches Innenleben.

Ich habe ab der Ebene die südliche Straße zum Georgskloster genommen und merke mir die Abzweigung zum Helatros-Strand wenig später. Bestimmt einen Abstecher wert, und offenbar ist die Straße bis zum Meer asphaltiert.

Aber zuerst steht das Kloster im Programm, und meine Wanderung, es ist nur noch ein Stück über eine gewundenen Straße, die sich durch eine einsame Landschaft schlängelt. Chadiés ist kein Ort, nur ein Gewann.

 

Mehrere große weiße Gebäude vor einem grauen Felsenwand kann ich von der Straße aus sehen, darin eine blaue Kuppel. Ich parke den Wagen an der Zufahrt zum Kloster. Ein eckiges Betontor mit geöffneten Türflügeln lädt mich ein, und dann stehe ich in dem gepflegten Innenhof, der hinten von der Kirche abgeschlossen wird. Blaue Dächer, blaue Türen und Fensterläden, mit weißer Zierdeko – wirklich hübsch. Außer dem Wind bewegt (sich) hier aber nichts.

 

Die Kirche ist offen (natürlich, ich bin ja auf Kassos) und innen ganz ausgemalt und prächtig. Eine hölzerne Ikonostase birgt die Ikonen. Überraschend finde ich den kleinen Raum gegenüber, der einen kleinen Marmorschrein enthält mit einer Ikone des heiligen Georg darauf, und Tabletts für Kerzen. Ein Gästebuch liegt auch aus, ich blättere darin und finde vertraute Namen. Meine Kerzen zünde ich aber in der Kirche an, und singe auch. Ein sehr schönes und unglaublich gepflegtes Gotteshaus.

Hier beginnt nun meine Wanderung hinab zu Küste. Im Herbst letzten Jahres hat man den Kasos Trail Nummer 7 in „Eleftherios-Venizelos-Pfad“ umbenannt, denn der große griechische Staatsmann mit Frau Elena und hundertköpfiger Offiziers-Entourage legte hier nach einem von ihm mitinitiierten, aber missglückten Putsch gegen König und Regierung auf der Flucht vom griechischen Kreta auf die seit 1912 italienisch verwalteten Dodekanes-Inseln am 12. März 1935 mit dem Schiff „Averoff“ an. Die Kassioten laden sie ein, im Kloster zu übernachten, die Entourage wird auf die Häuser von Privatpersonen in der Inselmitte vermutlich verteilt. Am nächsten Tag geht es wieder hinab zum Meer, und mit einem italienischen Schiff dann nach Karpathos und weiter. Ein kurzer Besuch, aber auf einer unscheinbaren Insel wie Kassos schon ein besonderer Anlass. Ein ausführlicher Text dazu auf Fotopedia.

 

Ich hätte die Wanderung auch ohne den prominenten Vorläufer gemacht. Keine zwei Kilometer oneway, in einer halben bis dreiviertel Stunde gut zu bewältigen. Das Einzige, das mir nicht gefällt, ist, dass ich hier keinen Netzempfang habe, wie überhaupt im ganzen Westteil der Insel. Und auf der Website der Kasos Trails wird explizit davor gewarnt, alleine zu wandern. Aber ich mache das auch sonst oft, und bin entsprechend vorsichtig. Um 11 Uhr 40 starte ich am Schild des Venizelos-Pfades an der Straße meine Aufzeichnung.
Zunächst geht es auf einem Feldweg entlang von Getreidefeldern auf der Hochebene. Nach einer Viertelstunde beginnt der Abstieg über ein im Felsen verlaufendes Monopati, das mich etwas an den äußersten Westen von Ikaria auf dem Weg zum Leuchtturm erinnert. An der Küste kann ich schon mein Ziel ausmachen, eine kleine Bucht namens Plati Avlaki links einer sich ins Meer erstreckenden Felszunge. Der Wind aus Nordwest hat nicht nachgelassen, aber vielleicht, wenn ich Glück habe, liegt der kleine Strand windgeschützt.

 

Zwanzig Minuten später stehe ich unten am Ufer des Avlaki-Strandes, den ein nagelneues Venizelos-Denkmal ziert. Marmor mit Bronzebüste, aufgestellt am 6. September 2025 von der Gemeinde Kassos. Bißle absurd finde ich das ja schon, aber in Sachen Denkmäler finde ich in Griechenland oft ein anderes Verständnis avor.

Die Felsumrandung des ockerfarbenen Kies-Strandes bietet tatsächlich den für ein Bad nötigen Windschutz. Den Badeanzug kann ich schonen, wate ins flache Wasser, das immer noch kaum 20 Grad frisch ist. Zum Schwimmen etwas flach, aber ich will mich vom Wind nicht weiter hinaustragen lassen. Leider hat sich die Sonne endgültig hinter Wolken verzogen, so dass ich beim Versuch, mich anschließend von der Sonne trocknen zu lassen, schnell friere und meinen Strandaufenthalt nicht zu lange ausdehne. Auf der Felsenzunge gehe ich noch ein Stück bis zu einem Gebäude unbekannten Zweckes. Anthrazitfarbene Stein mit faszinierender Linienstruktur sind in den hellen Boden eingebacken und wirken beinahe wie Kunst. Dann noch ein Abstecher zur nördlichen Bucht, wo die Brandung heftig gegen die Felsen schlägt. Kassos zeigt sich hier und heute recht abweisend.

 

Fünfundvierzig Minuten benötige ich für den Aufstieg zurück zum Kloster und Auto. Es ist zwei Uhr vorbei, zweieinhalb Stunden war ich unterwegs, habe 200 Höhenmeter ab und auf bewältigt und etwa eine Stunde Bade- und Erkundigungspause gemacht.

Der Inselsüdwesten scheint weiterhin völlig verlassen.

 

Und so ist es auch der Strand von Helatros, zu dem hinab die befestigte Straße führt. Eine beeindruckende, ovale Bucht mit türkisfarbenem Wasser, gerahmt von dunklen Felsen. Der Strand ist bestimmt 200 Meter lang und zehn bis 15 Meter tief. Hellgraue Kiesel von mittlerer bis großer Größe, viel grober Müll dazwischen, leider. Das Schild mit der Aufforderung, den Strand sauber zu halten, wirkt angesichts des vielen Treibgutes hilflos.

Badeschuhe empfohlen (finden sich vielleicht auch am Strand), aber ich war ja heute schon im Meer.

Hölzerne Schutzdächer unter riesigen Tamarisken und ein Holzbüdchen sowie zwei weitere Blechhütten – Toiletten? - lassen auf sommerliche Bewirtschaftung schließen, aber bis dahin ist noch viel zu tun. Vielleicht wird hier auch wild gecampt. Eine Picknickgruppe lädt zur Rast ein, aber ich habe nichts mehr zu Essen dabei.
Also schlendere ich bis zum Bootsanleger am östlichen Ende, lege mich dort kurz in die Sonne, ist aber nicht bequem.

Das Meer leuchtet so wunderschön!

Über die Hochebene fahre ich zurück Richtung Fry. Die Wildblumen am Straßenrand, die mit Mauern eingefriedeten Olivenhaine, die kargen Felsenhänge – gefällt mir. Leider erschließt keiner der Kasos Trails diese Gegend, aber langweilig wird mir dennoch nicht werden. Kurz vor Arvanitochori liegt der Hügel des Profitis Ilias links der Straße, der müsste sich auf Kasos Trail Nummer 2 erwandern lassen, wenn man die löchrigem Piste dem Mietwagen nicht zumuten möchte. Noch eine Option.

 

Ich halte kurz in Arvanitochori und besuche den Friedhof bei der Hauptkirche Agios Dimitrios mit einigen ungewöhnlichen, den Epitafii der Karfreitagsprozessionen nachempfundenen Grabmälern. Im Kafenio an der Platia Maroukla ist nichts los, aber ich werde heute Abend zum Essen nochmal herkommen.

 

Parke dann den Wagen am Hafen in Fry um mich im Café Free mit einem Käsekuchen und einem Frappé zu stärken und erfrischen.

Und als ich dann auf den verwirrenden Einbahnstraßen von Fry in einer weiten Schleife am Bouka-Hafen vorbei zurück hoch zu meinem Quartier fahren will, kommt mir die Abzweigung zum Flughafen, nach Agios Konstantinos und Antiperatos dazwischen. Da könnte ich doch noch etwas die Küste entlangfahren und Eindrücke sammeln. Gedacht, getan. Von der Straße kann man auf die Piste des Flughafen gucken, die heute still daliegt: seit meiner Ankunft habe ich kein Flugzeug mehr gesehen oder gehört. Es gibt keine täglichen Flüge, aber heute müsste schon einer gekommen und (gegangen) sein.

 

Der Wind fegt über die felsige Westküste, an der ich schon von weitem die weiß leuchtende Kapelle Agios Konstantinos sehen kann. Hinter der Küste ragt ein langgestreckter Bergzug hoch, Kasos Trail Nummer 6 würde dort entlangführen bis Chadies, aber Markus hat gewarnt: nicht alleine, kein Netzempfang (der hört ja schon hinter Arvanitochori auf) und lange wäre es auch noch. Zudem nur oneway, also mit dem Taxi nach Chadiés und dann hierher wandern. Na, jetzt bin ich erst den zweiten Tag hier, und habe noch genug Pläne für die nächsten zwei Tage. Oder drei, wenn ich verlängere.

 

Vor dem kleinen Felsenkap mit der Kapelle Agios Konstantinos darauf liegt der Strand von Ammoua, heute aber nicht einladend. Zwei junge Leute sitzen auf einer Mauer, warten sie auf eine Mitfahrmöglichkeit? Ich bin in der falschen Richtung unterwegs. Oder haben sie das Inseltaxi gerufen von Jenny gerufen? Markus hatte mir vorsorglich die Nummer gegeben, aber ich werde sie nicht brauchen.

 

Am 21. Mai, also nächste Woche, ist der Namenstag von Konstantin und Eleni, der an der Kapelle hier sicher gefeiert wird. Das Innere zeigt sich gepflegt, aber für das Kirchenfest muss natürlich noch mehr vorbereitet werden. Ich lasse mich von der Lage nahe der Brandung beeindrucken, und von der weiß gischtenden Brandung. Rauh wie Schmirgelpapier, und schwarz sind die Uferfelsen. Die Insel Armáthia sieht weit weg aus hinter dem milchigen Meer.

Ich fahre weiter bis Antipératos, wo ein Denkmal ("Holocaust") an das schlimmste Kapitel der kassiotischen Geschichte erinnert. Das Massaker an der Bevölkerung durch die Osmanen fand im Juni 1924 statt. Kassos hatte sich zuvor sehr blutig am griechischen Freiheitskampf – die Grenzen zur Piraterie waren damals wohl fließend – beteiligt, und dazu die einst waldige Insel – heute schwer vorstellbar – für den notwendigen Schiffsbau fast vollständig abgeholzt. Um ein Exempel zu statuieren, eroberten zum osmanischen Reich gehörende ägyptische Truppen die Insel, die sie hier betraten, massakrierten trotz Kapitulation 500 Männer, versklavten 2000 Frauen und Kinder und plünderten die Insel. Ironischerweise wurden überlebenden Kassioten als Matrosen für die ägyptischen Schiffe angeheuert. Was hätte sie auch tun sollen, mit zerstörter Lebensgrundlage und ohne ihre Familien? Kassos brauchte lange um sich von dieser Bluttat zu erholen.

 

Überall blutgetränkter Boden in Griechenland Geschichte, ob auf Psara, Chios oder an Kloster Arkadi. Später die Besatzung durch die deutsche Wehrmacht mit weiteren Massakern. Schlimm. Ich verdränge die Schatten der Vergangenheit und betrachte lieber die heroische Küste, dunkelsandig mit roten Felsen, aber daneben gelbblühend von Immortellen, und leuchtend im Licht des fortgeschrittenen Nachmittags… das öffnet das Herz.

Auf der Rückfahrt sehe ich mir noch die Kirche Agios Georgios an, die sich auf Höhe des Flughafens in  einem oleanderbewachsenen Taleinschnitt gegenüber von Ruinenmauern verbirgt. Aber der weißblaue Glockenturm verrät sie.

Zum Abendessen fahre ich dann wieder nach Arvanitochori. Das  Kafenion Maroukla hat Plätze innen und außen auf der Terrasse, die innen sind belegt von der männlichen Stammkundschaft. Draußen ist es etwas luftig, und ich wähle schließlich einen etwas geschützten Tisch vor der Hauswand. Da habe ich die Straße und den Platz im Auge, sitze aber meinerseits auch auf dem Präsentiertisch. Es wird mir bedeutet, dass ich etwas warten muss bis der Kellner/Wirt kommt. Kein Problem. Irgendwann taucht er auf und offeriert mir das überwiegend aus Gegrilltem bestehende Angebot. Ich bestelle Biftekia und Maroulisalata, dazu ein Viertel Weißwein, und Wasser. Während der Wartezeit kann ich die Grillküche beobachten, die sich gegenüber befindet. Wie sich mehr Tische mit ausschließlich männlichen Gästen füllen. Und die drei Jungs, die auf einer Mauer sitzen und gebannt in das elektronische Spielzeug des einen gucken. Immer wieder angesprochen vom Wirt, der wohl der Vater von mindestens einem der Jungs ist.

Das Gegrillte ist auch gut, 22 Euro werden dafür fällig.

Und so beschließe ich den Tag zufrieden und hoffe auf morgigen Gipfelsturm.

 

*

 

Der Blick von der Terrasse ergibt: kein Wölkchen am Megalo Priona. Der große Prionas ist mit 601 Metern Höhe der höchste Berg auf Kassos, und mein heutiges Ziel. Zuvor verlängere ich aber die Autoleihe um einen Tag – ich will auch morgen noch unabhängig vom Bus unterwegs sein, von dem ich eh nicht weiß ob er auch sonntags verkehrt. Vielleicht nochmals in den  Westen. Da ist noch ein Touristenpaar, das einen Wagen leihen möchte - die Saison fängt zaghaft an. Die Vermieterin weist mich auch noch darauf hin, dass die Tankstelle sonntags geschlossen hat. Ob ich prophylaktisch nochmals tanken sollte? Für fünf Euro? Besser ist es. Als Tankwart wird man auf Kassos trotz der hohen Benzinpreise nicht reich.

 

Hinter Poli schraubt sich die Straße hinauf auf einen Pass, von dem wenig später rechts die Zufahrt zum Kloster Agios Mama abzweigt. Ich fahre auf der Höhe ostwärts, durch eine wild-einsame Landschaft mit tollen Ausblicken auf beiden Seiten. Der Wind hat nachgelassen, die Sonne guckt immer wieder heraus.

 

Das Hochplateau Skafi ist mein Ziel, und als links der Straße ein geparktes Auto an einer Wander-Übersichtstafel steht, parke ich daneben. Das wird aber erst Ereikiás (= Heidekraut) sein, was aber auch passt. Die Kasos Trails empfehlen zwar, die Wanderung Nummer vier weiter oben zu beginnen und gegen den Uhrzeigersinn zu wandern, da so die Aussichten beeindruckender wären. Ich möchte aber nicht nachher noch auf der Straße bergauf wandern müssen, und habe außerdem überlegt, ab Skafi – kein Ort, sondern ein Plateau - noch die Wanderung Nummer 5 anzuschließen, zu der ich dann eventuell ein Stück des Weges abkürzen kann.
Um zwanzig nach zehn starte ich meine Aufzeichnung auf einer Höhe von 370 Metern und wandere auf einem schmale Fußweg über baumlose Hänge leicht ansteigend nordostwärts, auf eine Anhöhe zu. Den Wegverlauf kann ich von unten ganz gut erkennen. Der Bergfelsen, der dahinter herausguckt, dürfte der Megalos Prionas sein.

 

Nach wenigen Minuten habe ich am einer Zisterne weiten Blick auf die Inselnordseite und nach Fry hinab, das gerade von der Blue Star Delos angefahren wird. Der Weg führt nun nördlich eines niedrigeren Gipfels über grüne Almen nach Osten.

Die Fliegendichte ist hoch hier oben, eine Folge der Viehwirtschaft. Noch sehe ich nur die Hinterlassenschaften der Schafe auf dem Boden, aber ich werde heute noch ein paar schöne Schafsfoto machen können. Ich mag Schafe. :-)

 

Hinter mir ist nun der Blick über die Inselmitte mit dem 583 Meter hohen Kapsalos frei, die weißen Dörfer liegen rechts zu seinem Fuß. Die Anhöhe davor mit den Masten, das muss der Serafis sein, und weiter hinten die Anhöhe der Moutsounas. Großartige Aussicht ist das hier!

 

Der Weg verläuft nun auf der Höhe, bei einem verlassenen Haus muss ich die Markierungen etwas suchen, werde aber schnell wieder fündig. Nach den Erfahrungen meines ersten Wandertages habe ich auch heute die langen Hosen angezogen, aber hier gibt es keine Dornen und Brennnesseln (und auch keine Spinnen!) – alles ist kurz abgegrast.

Weiter geht es durch eine Mulde zwischen zwei Gipfeln durch wieder auf die anderen Inselseite. Eine Schafherde quert vor mir, im Gänsemarsch, der hier besser Schafsmarsch heißen müsste. Ein Hirte ist nicht zu sehen.

In dem Trail ist der Prionas-Gipfel nicht inkludiert, aber den kurzen Abstecher hinauf auf den Bergkamm lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Ein Betonpfeiler links, eine Steinpyramide weiter rechts – wo ist denn nun der Gipfel? Laut Outdoor-Active beziehungsweise Open Street Maps keiner von beiden, sondern weiter östlich. Das scheint mir aber nicht zu stimmen. Ist auch egal, ich genieße einfach die Aussicht erst am Betonpfosten und dann an der Steinpyramide. Kleine Vesperpause ist auch fällig.

 

Die Wanderung war bislang leicht. Und bleibt es auch auf dem weiteren Weg. Der Blick hinüber nach Karpathos wird frei und verschwindet wieder. Nun geht es südlich des Berghanges nach Westen.

Wieder erschrecke ich Schafe, wieder ist kein Hirte zu sehen. Aber bestimmt ist da irgendwo einer und beobachtet mich. 

Vor mir am Rande der Skafi-Hochebene kann ich nun eine großes flaches Gebäude sehen, vielleicht der Stall oder die Käserei zu den vielen Schafen. Die Ebene, an der die Straße endet, ist mein nächstes Ziel. Eine mögliche Abzweigung zu Weg Nummer sechs habe ich verpasst, aber egal. „Limni Skafis“, also „Skafi-See“ heißt diese Gegend, und tatsächlich scheint es auf der Ebene manchmal einen flachen Teich zu geben, von dem jetzt aber nur noch ein tiefes Loch mit Wasser darin übrig ist. Üppige Wildblumen darum, und ich sehe Schafe im Liegen grasen. Ein Schaf-Schlaraffenland.

 

Es ist erst Viertel vor eins, und so könnte doch noch nach Grammata an der Ostküste wandern. Dort soll es antike Felsenschriften geben, was mich an den gleichnamigen Ort auf Syros erinnert.

 

Knapp zwei Kilometer und vierzig Minuten gibt der Wegweiser an. Allerdings ist das letzte Wegstück laut Wanderbeschreibung sehr steil und abschüssig, und daher nicht ungefährlich. Und ich habe schon hier keinen Netzempfang mehr. Aber ich kann mal ein Stück gehen und gucken – ich muss sowieso den gleichen Weg zurück.

Vorbei an der Schafweide mit dem See-Loch geht es zunächst auf einer Piste bis zum Ende des Plateaus. Dort zweigt ein Fußweg ab, der dann oberhalb eines Tales mit Blick gen Osten vorbeiführt. Es ist einsam hier, und Krähen in der Luft verstärken die unheimliche Stimmung. Ok, ich gehe noch bis zur nächsten Biegung. Ein totes Zicklein oder Schaf - so genau gucke ich nicht hin -  liegt über den Weg, noch recht frisch. Brrr….

Und dann doch noch weiter, bis sich vor mir der Blick weitet, auf einen weiten Hang, an dessen Ende eine flache Hütte steht. Und dahinter das Südende von Karpathos, überraschend nah. Soll ich noch bis zu der Hütte gehen? Überraschenderweise habe ich nun wieder 5-G-Netzempfang, vermutlich von Karpathos herüber. Gut, ich gehe weiter, das sind keine zehn Minuten. Die Hütte, das muss Merta sein. Dahinter bricht die Ebene steil ab. Der Weg nach (Ellinika) Grammata führt nun links davon in einer Scharte in einen kleinen, aber sehr steilen Abschnitt hinab und quert dann weiter unten ein steiles Geröllfeld. Ich probiere zunächst den Abstieg, gebe aber nach wenigen Meter auf: alles steil und lose, und ich möchte kein Risiko eingehen und abstürzen. Da würde mir den Netzempfang nichts helfen, denn es ging zweihundert Meter steil hinab ins Meer ohne Halten.


Es geht für mich auch ohne Grammata, über das im Internet wenig zu finden ist. Seit dem 2. und 1. Jahrhundert vor Christus  sind dort in zwei Blöcken Wortfragmente in den Felsen geritzt, was auf eine antikes Nymphen-Heiligtum, vielleicht der Kabiren-Götter von Samothraki, schließen lässt:

α ΧΑΙΡΕΤΕ

ΘΕΟΙ      

ΕΥΔΗΜΟΣ  

ΔΗΜΟΣ    

β

ΧΑΙΡΕΤΕ

ΝΥΜΦΑΙ       

ΧΑΙΡΕΤΕ ΝΥΜΦΑΙ

Es sollen viel mehr Schriften gewesen sein, die aber im Laufe der Jahrhunderte von Wind, Wetter und Felsstürzen ausgelöscht wurden.
Aber gut, das werde ich mir nicht ansehen (können).

Ich steige wieder hoch, gucke noch etwas herum und mache mich dann an den Rückweg. Um Viertel vor drei bin ich wieder in Skafi und kann nun auf der Straße bequem bergab gehen. Misstrauisch beäugt von Schafen. Eine weiße Kapelle – Agios Charalambos – und ein paar graue Steinhäuser liegen eine  Geländestufe tiefer rechts der Straße. Beim Näherkommen sind auch hier überall Schafe versteckt, der Zaun um die Kapelle ist lächerlich lückenhaft. Eine Herde flieht vor mir über die Straße, ein Nachzügler hechtet in einem weiten Sprung von einem der Gebäude rechts. Bricht dir nichts auf deiner wilden Flucht, ich tue dir ja nichts!

Um drei Uhr bin ich wieder am Auto. Zehn Kilometer hat die heutige Gesamtdistanz betragen, 345 Höhenmeter hinauf und hinab. Vier Stunden vierzig Minuten war ich gesamt unterwegs.

Auf der Rückfahrt statte ich dem Kloster Agios Mamas einen Besuch ab.  Auf dem Parkplatz steht ein Polizeiauto, dem gerade zwei Männer entstiegen sind. Polizei? Es scheint sich aber um einen privaten Besuch zu handelt. Am Kloster ist Baustelle. War das nicht vor 18 Jahren auch so? Die beiden Männer sind mit ihrem Klosterbesuch schnell fertig - waren sie überhaupt in der Kirche? Die Türe geht schwer, ist aber unverschlossen. Teile der Möbel sind mit Plastikplanen verhüllt, Renovierung auch innen. Bis zum Namenstag des Heiligen am 2. September ist ja noch etwas Zeit, alles fertigzustellen.

Die Kirche ist eher schlicht, aber nicht nur der Kieselsteinboden echt schön.

Wieder zum Auto und hoch auf den Sattel. Und dann gleich weiter zur nächsten Kirche, dieses Mal am Sirafis-Hügel mit den Telekommunikationsmasten hoch über Poli und Panagia. Die Straße hat ein übles Loch, vorsichtig fahren. Schafsköttel überall, und ein Schaf schubbert sich genussvoll an der Leitplanke. Die Kapelle der Agia Kyriaki hat auch ein rotes Dach mit blauen Türen und Fenstern, typisch Kassos eben. Scheint noch nicht so lange renoviert. Das Beste ist auch hier die Aussicht. Und dann kommt das Polizeiauto auch hierher. Wäre ich auf Limnos oder Samothraki würde ich mich jetzt verfolgt fühlen, aber hier ist alles harmlos – vielleicht zeigt der Polizist seinem Nachfolger das Revier? Oder hat einfach Besuch? 

Hungrig gucke ich wo ich in Fry jetzt was essen könnte. Lande im „Orea Bouka“ und bestelle einen schönen griechischen Salat und eine Limo für elf Euro. Bekomme von der Wirtin einen Orange geschenkt und beobachte die Warzenente am Bouka-Hafen. Es ist Samstagnachmittag, und sehr ruhig hier. Am Strand von Emporios war aber reges Badeleben. Kein Bad im Meer heute für mich.

 

Meine Wirtin schickt mir eine SMS – wann ich denn morgen abreisen würde? Morgen? Nein, ich habe doch bis Montag gebucht. Und würde gerne noch eine Nacht länger bleiben. Allerdings ist das Studio bei Booking nicht mehr verfügbar, also wohl gebucht. Ich frage bei Evdokia nach, die verwirrt ist: am Dienstag ginge doch nur die Blue Star früh am Morgen? Nun bin ich verwirrt, denn gtp und auf der Facebook-Seite der „Kasos Princess“ steht die Fahrt am Dienstag um 8 Uhr im Plan. Des Rätsels Lösung: der Fahrplan ändert sich genau jetzt. Und Evdokia fragt ihren zukünftigen Gast, der erst am Dienstag ankommen wird, ob er etwas dagegen haben würde wenn ich bis halb acht Uhr morgens noch auf dem Zimmer bleibe. Hat er nicht, und so kann ich bis Dienstag bleiben. Ich freue mich, denn ich hatte schon überlegt ob ich für eine Nacht noch umziehen soll (eher nicht) oder gleich um zwei Nächte verlängere (ungerne, da zu Lasten von Karpathos).

 

Die „Pizza di Kasos“ hat heute Abend geöffnet, das Lokal an der Durchgangsstraße mit der originellen VW-Bus-Deko. Draußen ist es mir zu frisch, aber es gibt auch einen Gastraum drinnen, an dem einen vierköpfige Frauen-Parea sitzt und sich zwei Pizzen und Salat teilen. Die Pizzen sind riesig. Ob es die auch in kleiner gäbe? Bestimmt, antworten sie, und rufen nach dem Wirt, einem jungen Mann. Günter ohne h hatte mir die Pizza Kasos empfohlen. Mit Sitaka, dem lokalen Weichkäse. Und Krithari, wie es auf der Karte steht. Krithari heißt Roggen, und auch auf Englisch steht da barley. Roggen auf der Pizza? Schwer vorstellbar. Tatsächlich ist es aber kritamos, also Meerfenchel, der auf der dicken Pizza liegt, die ich wenig später von Konstantinos, dem jungen Mann und Sohn des Besitzers serviert bekomme. Er hat am Mittwoch Namenstag und freut sich schon auf das Panigyri am Vorabend. Wir schwätzen über Kassos jetzt, im Herbst (wunderbar) und im Sommer (ihm zu voll), lokale Musik und Panigyria. Die Kassioten sind wirklich sehr nett und zugänglich. Wider Erwarten schaffe ich die ganz Pizza, zusammen mit einem eher süßen Roséwein. Lächerliche zwölf Euro werden fällig, und ich steige zufrieden mit dem Tagesverlauf wieder in mein Domizil hoch.

 

Morgen dann nochmal in den Westen. Oder so.