Die Überfahrt nach Santorin verläuft ruhig. Nur bei der Einfahrt in die Caldera muss befürchtet werden, dass das Schiff kentert weil alle auf die linke Seite drängen um zu gucken und zu fotografieren. Aber die „Blue Star Delos“ ist ja keine Nussschale. Wobei sie neben dem vor Anker liegenden, riesigen Kreuzfahrtschiff, der „Odyssey oft he Seas“ so wirken muss. Ihr 4.200 Passagiere fluten gerade Santorini, und da dürfte die viel zu niedrige Tagesgebühr von zwölf Euro pro Person - es ist ja schon Nachsaison, sonst wäre es zwanzig – auch überhaupt nichts dran ändern. Ob das Geld tatsächlich in die Infrastruktur der Insel fließt, sei dahingestellt. Man könnte beispielsweise die Seilbahn ausbauen, und die Esel und Mulis ganz abschaffen. Aber man schöpft die Gewinne wohl nur ab, und nach uns die Sintflut.
Ich hatte lange gezögert ob ich länger auf Santorin bleiben sollte. Der Direktflug in die Heimat von dort war zu verführerisch gewesen als dass ich ihn nicht hätte buchen müssen. Nicht das strapaziöse Übernachten in Athen, der riesige Flughafen, die anstrengenden Stadt, die Kutschiererei zwischen Hafen, Stadt und Flughafen. Stattdessen Urlaub bis zum Abflug. Und es gibt noch einige weiße Flecken für mich auf Santorin. Also plante ich vier Nächte hier ein. Und dieses Mal bitte mit Caldera-Blick. Wenn schon, denn schon!
Kurz nach drei legt die Fähre in Athinios an. Ich bin schnell vom Schiff und eine der ersten am öffentlichen Bus, der im linken Hafenbereich wartet. Der Preis von zwei Euro für die Fahrt nach Fira steht angeschrieben, ein Mann hilft bei der Zuordnung – „public bus to Fira!“ - und beim Verladen des Gepäckes im Laderaum. Es herrscht die obligatorischen Hafenhektik bei der Fährankunft. Die meisten Passagiere strömen aber zu den Reisebussen auf der anderen Hafenseite. Oder zu den bestellten Taxis – vierzig Euro werden für den bestellten privaten Transfer vom Hafen oder Flughafen nach Firostefani aufgerufen. Wenn man das Taxi erst vor Ort nimmt, ist es vermutlich etwas preiswerter. Aber alle wollen ja vorher buchen, damit sie ja nicht übers Ohr gehauen werden. Und werden genau damit übers Ohr gehauen… 😉
Wir fahren los, und dann staut sich der Verkehr erst mal auf den endlosen Serpentinen hinauf zur Calderakante. Ich genieße den Blick hinab zu Hafen durch die getönte Busscheibe und freue mich auf die restlichen Urlaubstage, wenn ich diese Blick hoffentlich öfters genießen kann. Die „Blue Star Delos“ legt unten schon wieder ab, fährt zwischen drei großen und einigen kleinen Kreuzfahrern durch, die zwischen Thira und den Kameni-Inseln liegen. Und der „Eurochampion Jet“ wird von nach Kreta Reisenden gestürmt. Da schließt sich der Kreis für mich schon wieder.
Kurz vor vier Uhr kommen wir nach halbstündiger Fahrt am Busbahnhof von Fira an. Ein Ort großer Unübersicht, an dem man ständig befürchten muss, dass jemand im Chaos und der Hektik von den einparkenden Bussen überfahren wird. Wer Busfahrer auf Santorin ist, brauchte Nerven wie breite Nudeln.
Früher konnte (oder musste) man nach Firostefani den Bus nach Oia/Ía nehmen, aber inzwischen gibt es einen Rundkurs, der stündlich von Fira über Imerovigli und Firostefani zurück nach Fira verkehrt. Das Ticket für zwei Euro bekomme ich am Ticketbüro – auch die Verkäuferinnen dort müssen stresserprobt sein – und ergattere gerade noch den Vier-Uhr-Bus. Schwätze mit den Sitznachbarin, einer jungen Frau aus Kanada, die erst auf dem Jakobsweg gewandert ist ehe nun ihren Europaurlaub an der Ägäis beschließt. Der Jakobsweg soll ja inzwischen auch völlig überlaufen sein, zumindest nahe an Santiago de Compostela. Horden wohin man guckt.
Der Bus fährt zuerst auf der unteren Straße nach Imerovigli, wo die junge Frau aussteigt. Ich fahre weiter zur nächsten Haltestelle Firostefáni, an der Kirche Agios Gerassimos und dem kleinen Patz, der Straße und Calderarand trennt. Nun muss ich nur über die Kante und dann auf einem Fußweg dreißig, vierzig flache Stufen hinab zum „Manos Small World“, wo ich mich für vier Nächte eingebucht habe. Das Quartier hatte ich über Booking entdeckt, wo mir aber Preis und Konditionen nicht so richtig zusagen. Etwas günstiger war es über die hoteleigene Website. Eine direkte Anfrage per eMail führt schnell zu einer Antwort und einem Preisangebot von 90 Euro die Nacht. Sechzig Euro angezahlt, der Rest vor Ort, am liebsten bar. Passt mir.
Die Rezeption ist zwischen 16 und 18 Uhr nicht besetzt, ein Gepäckträger in dieser Zeit würde 15 Euro kosten. Da mache ich den Lastesel doch lieber selber, bergab auch kein Problem, es sind nur zwei Minuten. An der Rezeption hängt ein Zettel für mich: Mein Zimmer mit der Nummer 7 liegt direkt neben der Rezeption im mittleren Teil der dreistöckigen Anlage, die sich wiederum in einer Ansammlung weitere Studios und Apartments befindet, die den ganzen steilen Hang überzieht. Einige haben Pools, aber ich brauche das nicht. Zumal das rare Wasser im Herbst wohl mehr Chemikalie als Wasser wäre.
Die „Junior Suite mit Caldera View“ ist schön und geräumig gestaltet, das Schlafzimmer ist hinten an oder in den Hang gebaut. Es gibt einen Heißwasserkocher und etwas Küchenausrüstung, aber keine Spüle oder Kochgelegenheit. Das optionale Frühstück soll zwanzig Euro kosten, das ist mir zu teuer.
Den schlechten Luftaustausch – Nachteil von Höhlenwohnungen - kann ich mit einem großem Ventilator über dem Bett verbessern und auch für Abkühlung sorgen ohne die Klimaanlage anwerfen zu müssen
Aber das Beste ist der Blick! Er reicht über die unteren Studios auf die Caldera und die Kameni-Insel nach Thirassia! So schön!
Ich bin restlos zufrieden. Nun schnell ein paar Sachen einkaufen. Einen Alpha-Minimarkt gibt es die Straße hinab Richtung Fira, unweit der Taverne Simos, die ich heute Abend besuchen möchte.
Bepackt mit Joghurt, Orangensaft, Brot, Käse, Ouzo und Wasser geht es wieder zum Zimmer. Die sinkende Sonne überzieht alles mit warmem Glanz, und mir wird klar, dass es zum Pflichtprogramm der nächsten Tage gehören wird, spätestens um 17 Uhr hier zu sein um diese Stimmung aufzusaugen und zu genießen. Sonnenuntergang im Gedränge von Ía – wer’s mag. Hier habe ich meine Ruhe bei vollem Genuss. Schade nur, dass ich vergessen habe, Wein zu kaufen!
Die Rezeptionistin Eva, eine junge Albanerin, die die Anlage seit zwölf Jahren betreut, ganzjährig hier wohnt und inzwischen auch Familie hat, hilft mir aber aus und bringt mir ein Glas Weißwein. Als hätte sie es geahnt. Efcharisto poly! Sie ist eine ganze Nette, und wir werde noch viel Gelegenheit zum Griechischschwätzen haben.
Die Sonne verschwindet hinter den südlichen Ende von Thirassia, alles in Gold.
Das ist so wunderschön, dass ich dahinschmelze.
Ich bin völlig eins mit mir, und glücklich.
Mit der untergehenden Sonne verlassen die ersten Kreuzfahrtschiffe die Caldera. Auf den anderen gehen die Licher an, und auch in der Hotelanlagen hier an der Caldera. Ich warte bis auch der rosa Schein am Horizont verglüht ist, was so um halb acht der Fall ist.
Zeit zum Abendessen. Die Lokale am Calderaweg oberhalb sind gut gefüllt, machen mich aber nicht so an. Auf einer Schleife nach Firá hat es dann nur noch Studios und Luxusanlagen. So biege ich vor Fira – hier ist es überraschend dunkel - in eine Gasse im Innere ab, durch Firostefani durch, und lande schließlich bei „Simos“. Immer noch eines der Lokale mit einer typische griechischen Speisekarte ohne mediterranes Crossover, auch wenn die Gäste längst international sind, und kein Tisch lange leer bleibt. Hier bekomme ich zu meiner Fava und dem Spetsofai auch noch anstandslos einen Viertel Liter Wein. Schmeckt gut, und mit 22 Euro ist der Santorin-Zuschlag sehr verhalten.
Die nächtliche Caldera ist wunderbar, auch wenn die meisten Kreuzfahrtschiffe jetzt weg sind.
*
Ich schlafe mäßig, es ist warm in dem Zimmer, und die mangelnde Durchlüftung lässt sich auch mit dem Miefquirl an der Decke nicht ganz ausgleichen. Die Türe kann ich nicht gut offen lassen, nur das Fenster.
Es ist kurz nach sieben als eine englischsprachige Durchsage an mein Ohr dringt: das erste Kreuzfahrtschiff, die „Voyager of the Seas“, hat direkt unter uns geankert, und offensichtlich sind die 3.114 Passagiere Frühaufsteher. Oder werden dazu durch die Durchsagen …. Laut Cruises Schedule werden heute sieben unterschiedliche große Kreuzfahrtschiffe in der Caldera erwartet, mit zusammen über 9.000 Passagieren. Die „Celestyal Discovery“ mit 1.266 kommt aber erst am Nachmittag, bleiben gut 7.500. Könnte heute die Hölle auf der Insel werden. Die ersten Tenderboote pendeln schon Richtung Altem Hafen. Und vier weitere Schiffe liegen weiter links, darunter der luxuriöse Viermaster „Wind Star“ (148 Passagiere) und „Mein Schiff 5“ mit 2.534 Passagieren. Und die „Silver Whisper“ mit 392 Fahrgästen. Da werden die Durchsagen dann nur geflüstert für das silberhaarige Publikum …
Als die rote Fähre „Dionysios Solomos“ zwischen den Cruisern durchfährt, wirkt sie fast wie ein Fremdkörper. Aber nur ein kleiner.
Völlig unbeeindruckt schläft ein großer braunschwarzer Hund auf dem Tonnendach der Anlage weiter rechts. Das ist offensichtlich sein Schlafplatz. Auf der Terrasse unter mir wird das Frühstück serviert.
Mein Tischchen und die Stühle auf der Terrasse sind nass vom nächtlichen Tau. Ich trockne sie notdürftig ab und genieße das Frühstück mit Caldera Blick. Ein Mann kommt und wischt überall die Tische und Stühle ab, bringt Kissen. Und mir noch eine Tasse Tee. Danke!
Ich werde heute mit dem Bus nach Pyrgos fahren, dann auf den Profitis Ilias wandern, und weiter nach Alt-Thera. Von dort hinab nach Perissa oder Kamari.
Gegen Viertel nach neun breche ich zum Fuß nach Fira auf. Der Calderahang liegt noch weitgehend im Schatten und es ist wenig los auf dem Fußweg. In Fira arbeitet die Seilbahn aber schon fleißig daran, die Kreuzfahrer vom Alten Hafen hinauf nach Fira zu schaffen. 600 Passagiere kann sie in den sechs kleinen Gondeln pro Stunde aufwärts befördern (und gleichzeitig 600 abwärts, aber das ist jetzt noch nicht gefragt), was logischerweise zu langen Wartezeiten führen kann. Die Mulis und Esel soll man doch bitte vermeiden (ich werde dieses Mal gar keine sehen, da ich nicht hinab zum Treppenweg gehen werde), und zu Fuß gehen auch nur die wenigsten. Die Alternative ist, sich mit kleinen Booten zum Ammoudi-Hafen unterhalb von Ía bringen zu lassen, die Rückfahrt erfolgt dann aber mit dem Bus nach Fira und dann doch wieder Seilbahn oder per pedes hinab.
Na, alles nicht mein Problem.
Am Busbahnhof ist das übliche Durcheinander, ich fotografiere mir schnell die Fahrpläne ab und kaufe mein Ticket nach Pyrgos (2,50). Es ist der Bus nach Perissa, der aber nur stündlich über Pyrgos (offiziell Pyrgos Kallistis) fährt.
Zwanzig Minuten dauert die Fahrt bis zu dem kleinen Platz in der Biegung unterhalb der Altstadt. Eine vierzehnköpfige Fahrradgruppe deutscher Sprachfärbung hat gerade hier ihre Bikes abgestellt, und auch sonst ist schon so viel los. Pyrgos als wenig besuchter Geheimtipp auf Santorin – das war mal. Ich fliehe schnell bergauf, denn ehe ich zu meiner Wanderung aufbreche, möchte ich einen schnelle Ortbummel bis hinauf zum Burgberg unternehmen.
Die Läden haben gerade erst geöffnet, es gibt den obligatorischen Touristenkitsch wie überall auf der Insel.
Im Kastelana Café und Fotografiezentrum neben dem Tor zum oberen Mauerring des Kastro gibt es eine kleine Ausstellung mit historische Fotografien von Nelly´s (Elli Sougioultzoglou-Seraidari, 1899 - 1998) zu sehen, die zusammen mit dem Benaki-Museum erstellt wurde (es hat ihren fotograsfischen Nachlass erhalten). Santorin zwischen den Kriegen ist das Thema, genauer: 1928-1932. Interessante Fotos, und der Kontrast der Schwarz-Weiß-Fotos mit ärmlich wirkender Bevölkerung zur aktuellen, hyperbunten Realität könnte kaum größer sein wenn man nach draußen guckt, wo nun ein Busladung Asiaten hinter einer fähnchenschwingenden Guide die Gassen füllt. Aber auch die fotografischen Blicke in die damals noch unverbaute Landschaft kontrastieren heftig mit heute. In den sieben Jahren seit meinem letzten Santorin-Besuch haben sich überall die Lücken weiter geschlossen, und man fragt sich unwillkürlich, wo eigentlich noch die Fläche für den berühmten Wein herkommen soll, zu dem es immer mehr Weinkellereien samt Wine-Tastings gibt. Oder die Fava-Schälerbsen und Mini-Tomaten.
Ich drehe eine zügige Runde im Kastro und versuche, mich nicht über die Ignoranz der Besucher zu echauffieren, vor der weder Kapellendächer noch Kirchenglocken sicher sind. Rücksicht auf diese überall herumposierenden Selfidioten zu nehmen habe ich mir schon gestern abgewöhnt, da schlicht unmöglich. Und schnell macht es mir Freude, erst recht in die Fotos zu laufen. Was sehen die Leute schon außer sich?
Um elf Uhr bin ich wieder unten an der Bushaltestelle und beginne meine Wanderung auf Trail Nummer eins. Der Weg zum Profitis Ilias wird dort mit einer Stunde zehn Minuten zum Gipfel angegeben (2,4 Kilometer), und nach Alt-Thera mit zwei Stunden (4 Kilometer). Ich verlasse Pyrgos durch die gepflasterten Gassen Richtung Süden, dann geht es auf einem Steinweg an der Kirche Agii Apostoli vorbei. Links zweigt der Weg zur in der nordwestlichen Steilwand des Profitis Ilias gelegenen Kapelle Agios Georgios to Katafyo ab, aber ich steige auf meinem Weg fast schnurgerade und konstant bergwärts, das mastenbestandene Ziel oft vor Augen. Pyrgos bleibt zurück, und der Ausblick wird weiter. Von unten dringt der Lärm des Steinbruches empor.
Es ist warm heute, aber nicht heiß, mit einem angenehmen Wind, und so steigt es sich gut. Nach einer Dreiviertelstunde erreiche ich die Straße auf den Profitis Ilias, schneide auf dem nun gerölligen Weg die erste Serpentine ab und erreiche die Straße wieder gegenüber einer sehr kleinen ockerfarbene Kapelle, darüber ein flaches größeres olivgrünes Gebäude, gut eingezäunt. Militär vermutlich. Das Kapellchen ist unverschlossen und dem Heiligen Païsios (der Athonit) gewidmet, einem mir bislang unbekannten und mit Lebensdaten von 1924 bis 1994 (2015 heiliggesprochen) und damit einem der jüngsten Heiligen der orthodoxen Kirche. Es gibt eine ihm geweihte Kirche in Messaria, und eben diese kleinen Kapelle.
Nun muss ich auf der Betonstraße weiter, bin aber schon fast oben auf dem Gipfel. Eine Stunde habe ich ab Pyrgos gebraucht. In der Kurve hält einer der unvermeidlichen Touristenbusse, und wieder strömen internationale Besucher gen Kloster Profitis Ilias.
Den 1711 erbauten Einkehrort mit vielbestücktem Glockenturm kann man allerdings nicht besuchen – das Tor ist zu. Die Mönche wissen warum, denn dann wäre Ende ihrer stiller Einkehr. Für die Besucher gibt es aber in einem kleinen Garten mit Aussichtsterrasse die Kapelle des heiligen Nektarios, die man besuchen kann, und einen Shop. Nun ist der heilige Nektarios erst 1920 gestorben, die Kapelle also mitnichten alt oder von historischer Bedeutung. Was aber keinen der Besucher zu stören scheint. Mich stört dagegen, dass ein Asiate – ich tippe auf Chinese – lautstark deklamierend in der Kirche einer Handvoll Landsleuten irgendetwas erklärt. Respekt und gedämpfte Stimme ob es Gotteshauses? Fehlanzeige.
Ob diese Besucher überhaupt noch wissen wo sie sind? Heute Santorin, morgen Mykonos – Griechenland oder Italien – Hauptsache Europa. Was können sie davon verstehen? Falls sie das wollen? Sieht nicht so aus. Was würde ich verstehen bei einer zweiwöchigen Ostasienreise? Wohl nicht viele, selbst wenn ich wollte. Und die hier wollen gar nicht.
Nach einer kurzen Rast auf einer schattigen Bank fliehe ich vor dem Rummel. Mein weitere Wanderweg geht nun über den östlichen Bergrücken des Profitis Ilias, vorbei an einem maroden Gebäude und einer Telekommunikationskugel auf einem Mast. Der Weg ist auch hier ausgeschildert, eine Stunde soll es nach Alt-Thera sein. Das ganze nordwestliche Santorin liegt nun unter mir, mit dem Flugplatz und den zusammengewachsenen Siedlungen ab Fira. In der Ferne die weiße Kette von Ía und gegenüber Thirassia. Auf dem Boden blassviolette Blümchen, Cupanis Zeitlose sagt die App.
Der Weg ist nicht immer ganz deutlich, einmal gehe ich zu weit rechts, komme dem Abgrund nahe. Halt mich dann weiter links und entdecke den Weg wieder. Vor mir ragt nun der steingraue Gipfel des Messa Vouna hoch, mit steiler Südwand, und Perissa am seinem Fuße. Der Weg dorthin ist gut zu sehen, aber er beginnt am Sattel links davon. Dorthin muss ich erst hinab. Und dann wieder hinauf wenn ich nach Alt-Thera will. Ich hatte das gar nicht alles so imposant in Erinnerung. 1993 wohnten meinen Mutter und ich zwei Wochen in Ía, in einer Höhlenwohnung namens Oia Village. Schon damals Santorin teurer als die anderen Kykladen, aber die Wohnung eher primitiv. Und an einem Tag sind wir von Pyrgos über den Profitis Ilias nach Alt-Thera gewandert, wo die Mutter auf die Besichtigung verzichtete und während meines Blitzbesuches der Ausgrabungen vom Ticketverkäufer angebaggert wurde, der anbot, sie mit seinem Motorroller hinab nach Kamari zu bringen. Wir sind dann doch lieber zu Fuß gegangen, auf der endlosen Serpentinenstraße. Und auch die Einladung zum Sonnenuntergang in Alt-Thera schlugen wir aus – die Straße nach Ía wurde damals erneuert und der Busverkehr zwischen Fira und Ía war eingeschränkt. Den Sonnenuntergang in Ía besuchten damals schon viele Menschen, aber nur ein Bruchteil der heutigen Zahl. Der Applaus oben, die Blitzlichter oben und unten, und unsere klammheimliche Freude wenn die Sonne sich mal wieder ganz unspektakulär hinter dem Horizont verzogen hatte. Unser Studio lag auf der Innenseite, wir hatten keinen Sonnenuntergangsblick. Dafür allnächtlich Katzen im Bett, die die zur Belüftung (vergeblich) geöffnete Wohnungstür als Einladung missverstanden. Mama war damals jünger als ich heute. Schnell schicke ich ihr ein Foto.
Die Erinnerung hat auch die Länge des Weges ausgeblendet, der sich zum Sattel hinabzackt. Zweimal kommen mir Wanderer entgegen, und ich bin froh, dass ich bergab gehen kann, auch wenn ich da mehr aufpassen muss nicht mal wegzurutschen. Es ist warm jetzt.
Über den Bergrücken wechsle ich nun auf die andere Seite des östlichen Profitis-Ilias-Ausläufers. Sehe den Parkplatz am Sattel und die endlose Haarnadelkurven nach Kamari hinab links davon.
Gegenüber erhebt sich der kahle und schattenlose Mesa Vouno, auf dem das antike Alt-Thera liegt.
Hoffentlich gibt es die Imbissbude am Sattel noch, und hoffentlich hat sie geöffnet. Mein Wasser wird etwas knapp, und ein Happen zu Essen über meinen Müsliriegel hinaus wäre auch schön.
Der Blick zurück zeigt schroffe Abwehr des östlichen Profitis Ilias. Unten im Kamari locken Sonnenschirme. Aber Kamari hat mir nie so recht gefallen, ich werde wohl nach Perissa hinabwandern. Ein Flugzeug steuert unter mir die Landebahn von Santorin an.
Um halb zwei bin ich am Sattel. Und ich habe Glück, denn die Imbissbude hat geöffnet. Noch, wie mir der Verkäufer erzählt. Heute (16. Oktober) noch, und morgen und übermorgen vielleicht. Dann ist Ende für dieses Jahr. Und er hat auch nicht mehr viel im Angebot. Ich kaufe eine Tüte Chips, eine Limonade und eine Flasche Wasser, und stärke mich auf der Bank vor der Bude. Da geht es mir schnell besser.
Beobachte so lange, dass die Zahl der Besucher sich in Grenzen hält. Ein paar Urlauber kommen mit Mietfahrzeugen die Straße von Kamari hinauf, einige wandern tatsächlich los gen Profitis Ilias. Aber sonst ist alles sehr beschaulich hier. Ob hier heute auch ein Bus schon seine Gästeladung ausgespuckt hat?
Mit neuen Kräften geht es nun zur Ausgrabung von Alt-Thera. Knackige zehn Euro kostet der Eintritt, und nur bis 15.30 Uhr habe ich Zeit, dann schließt die Ausgrabung auch in der Sommersaison (mittwochs geschlossen). Vom Tickethaus, das noch nahe dem Sattel liegt, geht es bergauf bis rechts in der Kurve die Ruinen einer doppelschiffigen Kapelle liegen, Agios Stefanos. Tolle Aussicht auf Kamari hinab, und rüber zum Profitis.
Noch etwas weiter kann man sich auf die Suche nach verwitterten Reliefs in der Gestalt einen Löwen und eines Adlers machen. Und dann sind es nur noch weniger Meter hinauf auf die große Gipfelplattform, die mit unzähligen antiken Resten bedeckt ist. Alt-Thera ist nicht minoisch und annährend so alt wie Akrotiri, war aber spätestens vom 9. Jahrhundert vor Christus an bewohnt (bis in frühe nachchristliche Jahrhunderte). Höhepunkt war in hellenistischer Zeit (3. Jahrhundert vor Christus), als die Kriegsflotte der Ptolemäer hier stationiert wurde und die Stadt repräsentativ ausgebaut wurde.
Ich mache mich auf den Rundweg und staune wie riesig das Gelände ist, und wie gut erhalten viele Fundamente sind. Nein, vor 30 Jahren habe ich das nicht gesehen. Da verlaufen sich auch die vergleichsweise wenigen Besucher, die bei übergriffigem Besteigen alter Mauerreste von den Pfiffen der Aufseher in die Schranken gewiesen werden.
Auf der Südseite kann ich nun nach Perissa und die endlosen grauen Strände dahinter hinabgucken während auf der anderen Seite des Berges Flugzeuge im Landeanflug unter uns vorbeidröhnen. Selbst Mitte Oktober starten und landen und starten hier täglich noch zwei bis drei Dutzend Flieger, und keine kleinen. Die internationalen Flüge enden aber jetzt demnächst für diese Saison, dann geht es nur noch nach Athen.
Auch wenn ich hier nicht auf Details eingehen möchte - Alt-Thera finde viel interessanter als erwartet, und die zehn Euro Eintritt wert. Noch dazu bei so schönem Wetter. Die paar Dutzend Besucher verkaufen sich im Gelände, und Gruppen sind gar keine da.
Gegen drei Uhr bin ich wieder am Eingang. Ich entscheide mich, nach Perissa und nicht nach Kamari hinabzugehen, auch wenn ich seit Jahrzehnten nicht mehr in Kamari war. Den endlosen und tiefen Strand von Perissa fand ich immer besser als den steinigen von Kamari.
Der Wegweiser zur Wanderweg Nummer 3 zeigt 35 Minuten für die 1,3 Kilometer bis Perissa an. Es wird ein warmer Kilometer werden, auf einem steinigen und schmalen Fußweg abwärts entlang des schattenlosen Westhanges des Mesa Vouno. Rechts beeindruckt der Felsenklotz des Profitis Ilias, der sich nun in seiner vollen Breite präsentiert.
Nach 25 Minuten kommt eine Abzweigung zur Kapelle Panagia Katefiani, die über Perissa in der Felsenwand hängt. Den Abstecher mache ich jetzt auch noch, denke ich, weit kann es ja nicht sein. Ist es auch nicht, aber höllisch steil. Und inzwischen merke ich jeden Meter der neun Kilometer, die ich heute schon auf nicht immer bequemen Wanderwegen in den Beinen habe. Mit Mühe und Not erklimme ich die Kapelle, die aber - natürlich – verschlossen ist. Auf der Terrasse daneben stehen Tische und Bänke aus Stein und laden zu einer kleinen Rast ein. Weil aber das inzwischen nahe Meer vehement lockt, wird es nur eine kurze Rast. Schnell hinab nach Perissa! Aber vorsichtig, der Weg ist oft mit losem Geröll bedeckt!
Noch ein kleiner Bogen ist Landesinnere, dann erreiche ich eine Straße, die vor Richtung Strand führt. Nach 10,3 Kilometern, 417 Höhenmeter hinauf und 728 hinab und drei Stunden reiner Gehzeit (eher mehr, würde ich sagen) beende ich die Wegaufzeichnung um vier Uhr an der Ausgrabung mit den Fundamenten der dreischiffigen Basilika der Agia Irini (namensgeben für Santorini), wichtigstes frühbyzantinisches Bauwerk auf Santorin. Ok, altes hatte ich heute schon genug, nun schnell ins Meer!
Leichter gesagt als getan: den Abschnitt mit Sonnenliegen und Schirmen ganz im Norden meide ich, und am nächsten geht es flach rein, aber mit vielen Steinen. Soll ich mich wirklich aus den verschwitzen Klamotten quälen, und, noch schlimmer, nachher wieder hinein? Nur um mich abzukühlen? Ich bin eigentlich fix und alle, und zaudere. Tue es dann aber doch , und finde auch einen Stelle, an der ich unfallfrei ins flache Meer komme. Es hat immerhin 22° Celsius, Rekord der letzten Woche.
Um 17 Uhr nehme ich den Bus zurück nach Fira, schleppe mich entlang der Straße hinauf nach Firostefani nicht ohne unterwegs noch eine Flasche Wein zu kaufen.
Und freue mich dann auf den Vor-Sonnenuntergang und den Sonnenuntergang von meinem Balkon-Logenplatz mit einen Schlick guten Weines. Unschlagbar!
Na, fast.
Im Nebenzimmer wohnt jetzt ein asiatisches Paar mit erwachsener Tochter. Schwer zu sagen wo sie herkommen, Singapur vielleicht? Der Mann verhandelt mit Eva erbittert um eine Bootstour in der Caldera mit Sonnenuntergang, und ich kann nicht umhin, alles mitzuhören. Auf Evas Ratschlag, dass sie den Sonnenuntergang hier doch perfekt sehen könnten und dazu gar keine Bootstour bräuchten und daher eine andere, frühere und bessere Bootstour buchen sollten, geht er nicht ein. Aber das Angebot ist ihm zu teuer. Es geht hin und her, und ich kann Evas lächelnde Geduld nur bewundern. Natürlich verdient sie an den Touren mit, und es ist ihr Job, aber ich wäre bei dieser Ignoranz längst aus der Hut gefahren und hätte dem Mann nahegelegt, seine Tour doch woanders zu buchen.
Und während er noch diskutiert, verpasst er den Sonnenuntergang., der Depp. Seine Frau immerhin hat Augen dafür.
Heute zeichnet die untergegangene Sonne noch Strahlen in den blauen Himmel während die ersten Kreuzfahrtschiffe die Caldera verlassen.
Weiter als die 30, 40 Stufen hinauf zum Calderaweg muss ich heute nicht fürs Abendessen im „Akteon“ – es liegt direkt an der Treppe und ist gut belegt. Ich bekomme ein Tischchen draußen, bestelle Salat mit Bakaliaros, Brot und einem gut gefüllten Glas Wein (natürlich sind hier keine Viertelliter Wein möglich). Schmeckt und ist mit zwanzig Euro auch preislich im Rahmen. Tatsächlich isst man in Firostefani wohl besser und preiswerter als in Fira.
Für morgen habe ich noch keinen Plan. Mal sehen was die müden Knochen meinen.