In und um Chorió

Verloren stehen wir am Anleger des Hafenortes Psáthi, das Schiff hinter uns haut schon wieder ab. Da ist ein Café namens „En Plo“, aber das lassen wir rechts liegen, gehen weiter Richtung Strand (erstaunlich hell beleuchtet, aber dort wollen wir uns nicht einquartieren), auf der Suche nach einem Bus. Keiner zu sehen, war es eine etwas zu optimistische Annahme, dass es jetzt einen geben könnte? Zu Fuß rauf in den Ort? Im Dunkeln? Ist ja nicht so weit, aber mit Gepäck? Mhhh.

 

Rechts ein kleines Plätzchen mit einem Kafenio, das sitzen drei Männer vom Typ Seebär, vor allem der Mittlere. Ich frage sie, ob es einen Bus gibt. Nein. Wie man den in die Chora kommen könnte, die hier übrigens Chorio heißt (falsch bezeichnet, lieber MM. Wie überhaupt die Info über Kimolos darin magerst und teilweise falsch ist)? Mit dem Taxi. Ob er mir eine Taxinummer hat? Wohin wir denn wollten? Wir hätten noch kein Quartier. Kurzes Beratschlagen, dann werden zwei Handys gezückt. Ein erfolgloses Telefonat, dann ein erfolgreiches. Gleich würde jemand kommen und uns abholen. In ein sehr ruhiges Quartier. Das klingt gut. Keine fünf Minuten später hält ein SUV vor uns, ein unscheinbarer Mann steigt aus, lädt unser Gepäck ein. Wir bedanken uns schnell noch herzlich bei den drei Seebären, steigen ein, und los geht die Fahrt, bergauf.

 

Der Mann stellt sich als Apostolis vor – warum wir da wären will er wissen, und wie lange wir bleiben wollten? Diakopes – irgendwie scheint das hier ungewöhnlich zu sein. Macht niemand Urlaub auf Kimolos? Zumindest nicht Ende September…. Nach drei Kurven sind wir schon am Ortseingang, weiter auf der rechten Straße, dann links hinein in das Gassengewirr. Rechts, links – die Straßen sind schmal, die Kurven noch enger, das Auto ist breit, trotzdem steuert Apostolis berührungsfrei und ohne zu bremsen mit schlafwandlerischer Sicherheit durchs Gassengewirr. Ich erkenne nichts wieder von unserem Besuch vor Jahren, aber es ist auch dunkel, und wer weiß wo das Quartier ist. Vor einem erleuchteten Ouzomezedopolio mit dem schönen Namen „Kali Kardia“ hält das Fahrzeug: wir sind da.

Betreten hinter Apostolis die Gaststube des Ouzomezedopolio. Ein gutes Dutzend Männer sitzt dort beim Tavli- und Kartenspiel, ein Breitwandbildschirm überstrahlt alles. Und alle starren uns jetzt an. Ja wie, haben die noch nie Touristinnen in ihrem Lokal gesehen?

Apostolis stürmt nach hinten in die Küche, wo eine Frau – seine Mutter – an einer Nähmaschine schläft. Er sucht den Schlüssel fürs Zimmer. Der Vater, ein korpulenter Mann, sitzt an der Kasse: sein Platz, von dem aus er den Überblick über das Lokal hat, und jeder kommt zum Bezahlen zu ihm. Das Lokal wirkt neu, es ist großzügig mit hoher Decke, und eine große Jukebox in der Ecke beeindruckt mich. In der anderen Ecke ist ein schöner Verkaufstresen für Zigaretten und Ouzo. Apostolis hat inzwischen den Schlüssel gefunden, vorbei an der Küche geht es hinauf in den ersten Stock in ein Zimmer über der Gaststube mit Minibalkon auf die Hauptgasse hinab. Das Zimmer ist einfach, aber zweckmäßig und sauber, ohne irgendwelchen Kykladenchic. 20 Euro pro Nacht verlangt Apostolis dafür, und das Frühstück ist inklusive. So preiswert haben wir seit Eurozeiten noch nie gewohnt. Ich fragte Apostolis dann noch gleich, ob es im Lokal etwas zu essen gibt, wir hätten Hunger. Er verneint, verweist aber auf morgen. Die Zimmer laufen übrigens unter dem Namen „Bochoris“.

 

So ziehen wir wenig später los durch die ziemlich nachtschwarzen Gassen, reichlich orientierungslos. Kommen schnell abseits, hier ist keine Taverne, kein Laden, nur Wohnhäuser. Wir wenden uns mehr nach links und kommen schließlich an die Hauptplatia. Auch dort kein Lokal geöffnet. Wir werden hungrig zu Bett gehen müssen. Da nähern wir uns unserer Rettung in Gestalt einer Souvlaki-Bude. Einer geöffneten Souvlaki-Bude. Nur mit zwei, drei Sitzgelegenheiten, aber wir können die Spießchen ja mit aufs Zimmer nehmen. Wir ordern zwei Souvlakipittes, und zwei Dosen Bier, gehen damit die Hauptgasse vor und stehen nach drei Minuten wieder vor dem „guten Herz“, wo die Männer immer noch fröhlich Karten spielen (πρέφα = prefa soll das Spiel heißen, oder „Préférence“). Wir essen auf unseren Betten sitzend. Von unten dringt der Lärm des Kafenio hinauf.

 

Der Lärm dauert an. Manche Gäste sitzen draußen auf der Straße, verabschieden sich lautstark. Und das Echo des hohen Raumes ist auch nicht schlecht. Ich kann nicht schlafen. Erst gegen ein, zwei Uhr wird es stiller. Dafür knattert immer mal wieder ein Moped durch die Gasse, lässt mich im Bett stehen. Was hatte der Seebär am Hafen gesagt? Die Zimmer wären ruhig? Hatte er das ironisch gemeint?

Am frühen Morgen, es wird schon wieder hell, geht das Geplauder auf der Gasse schon wieder los. Frühaufsteher hier, scheint mir. Und das am Samstagmorgen.

Wir werden das Quartier wechseln müssen.

Da klingt von unten Musik, genauer: Gesang. Wir stürzen auf den Balkon. Auf der Gasse zieht eine Prozession vorbei, Fahne und Ikone vorweg, Pappas und zwei Dutzend Leute hinterher. Die meisten haben Reisetaschen dabei – eine Pilgerfahrt auf eine Nachbarinsel? Oder ein Gemeindeausflug? Zumindest haben die Leute sich gegenüber getroffen, was den morgendlichen Lärm erklärt. Jetzt ist es ruhiger. Trotzdem zu laut in der Nacht.

Als wir zum Frühstück nach unten gehen, treffen wir eine Frau, die sich im Flur mit Handtüchern zu schaffen macht – ein Zimmermädchen (wobei der Ausdruck „Mädchen“ hier gar nicht passt, eine gestandenen Frau ist‘s). Ich sehe, dass es noch mehr Zimmer gibt, auch auf die Rückseite hinaus, und frage sie ob wir vielleicht umziehen könnten. Aber sie ist nicht autorisiert und eher unwirsch, wir sollen Apostolis fragen. Das tun wir wenig später beim Frühstück an einem der Tischchen auf der Gasse – Nescafé, frisches Brot (der Bäcker ist direkt nebenan wie uns der Backduft längst verraten hat), Butter, Honig, Marmelade. Kein Problem, versichert uns Apostolis nachdem ich ihm mein Lärmproblem geschildert habe (die Mutter hat der Krach weniger gestört, sie mochte den Blick auf die Gasse lieber), und zeigt uns ein großes Zimmer auf der rückwärtigen Hausseite, mit Blick auf den Dorfrand und flachen Hügel. Ob die anderen Zimmer in der Nacht belegt waren, ob die Menschen von der Prozession vielleicht nur zu Gast hier waren? Das Zimmermädchen ist weniger begeistert, ein leichtes Lächeln geht erst über ihr Gesicht als wir ihr erklären, wir würden unser Bettzeug nebst Handtüchern natürlich mitnehmen und die Betten selbst beziehen. So richten wir uns zum zweiten Mal häuslich ein.

 

Und wenig später geht es los, Chorio erkunden. Wir waren vor sechs Jahren schon mal auf Kimolos, ein Tagesausflug von Sifnos aus, der sich durch die Verspätung der Fähre auf gerade mal zwei Stunden verkürzte. Von denen wir gut eine im Volkskundemuseum im Kastro verbrachten weil der gästetechnisch offenbar ausgehungerte eifrige Besitzer uns nicht wieder gehen lassen wollte, die verbleibende Zeit brauchte ich ein Glas des weltberühmten Honigs vom Kimolos (der beste der Ägäis....) zu kaufen, Wunsch einer Internet-Bekanntschaft. Was tut man nicht alles… Kurz und gut (oder vielmehr schlecht): wir hatten damals kaum Zeit für einen Bummel, und schon gar keine für einen tieferen Eindruck von Kimolos. Was wir gesehen hatten, hatte nur mäßig gefallen, aber ich hatte immer das Gefühl, der Insel nicht gerecht geworden zu sein. Wie das halt so ist wenn man beim Inselsammeln Quantität vor Qualität setzt. Und deshalb waren wir jetzt wieder da, für knapp vier Tage immerhin.

 

Über die einbahnverkehrgeregelte Hauptstraße, die trotzdem nur eine Hauptgasse ist, kommen wir schnell an die Platia und dahinter an das Kastro, das wir zunächst umrunden. Einen netten Laden namens “Arzantiera” mit allerlei Souvenirs und Schmuck gibt es dort, und der Laden ist geöffnet. Besonders gefallen uns die blechernen Fisch-Mobiles, und die stilisierten Schiffe. Wenn man auf der Insel die Augen offen hält, begegnet man ihnen immer wieder mal. Weil wir uns unter den vielerlei Dingen nicht entscheiden können, beschließen wir, an einem den nächsten Tagen wiederzukommen. Der freundliche Besitzer drückt uns noch einen faltbaren Pappaschenbecher für den Strand (interessantes Patent, fast schade, dass wir nicht rauchen) und einen Prospekt mit einer brauchbaren Landkarte über die Insel in die Hand, und verweist auf das Lokal Echinoúsa unten in Psathi. Wobei das allerdings schon geschlossen sein könnte.

Zwanzig Meter weiter, gegenüber der Hauptkirche Panagia Odigitria, stoßen wir auf das nagelneu aussehende archäologische Museum, das es aber anscheinend schon seit 2006 geben soll (weshalb nicht zu verstehen ist, dass es in der MM-Auflage von 2009 noch außerhalb des Ortes verzeichnet ist.) Unten sitzt eine junge Frau vor der Türe, die uns fragt ob wir das Museum besichtigten wollen. Ja, klar, wenn offen ist. Für uns öffnet sie das kleine Museum im oberen Stockwerk, der Eintritt ist frei. Viele der Exponate stammen aus mykenischer Zeit, als es im Inselsüdwesten eine Stadt gab. Dieser Teil der Insel liegt inzwischen teilweise unter Wasser und teilweise auf dem vorgelagerten Inselchen Agios Andreas. Wir wollen uns diese Ecke samt dem dazugehörigen Mavrospilia-Strand in den nächsten Tagen mal ansehen.

 

Mittags gegen zwölf Uhr ist die Chora von Kimolos weitgehend ausgestorben. Ausländische Touristen Fehlanzeige, wir scheinen die einzigen zu sein. Nicht mal Tagesausflügler von Milos. Das Café gegenüber der Panagia-Kirche sieht auch geschlossen aus, dafür ist die Kirche geöffnet und wir können einen Blick hineinwerfen. Sie ist zwar groß und die Hauptkirche, aber es gibt ältere und schönere Kirchen auf Kimolos. Und wir werden noch das Glück haben, hinein zu können.

 

Nun betreten wir das Kastro, und hier hat sich in den letzten Jahren nichts getan: das Innere des Wehrviertel gammelt vor sich hin, schon dreiviertel eingestürzt. Baufällige Mauern, puppenstubenartig offene Räume, überwachsen von Unkraut. Am Folklore-Museum gehen wir schnell vorbei, wollen uns nicht einfangen lassen. Aber es ist eh geschlossen. Unverändert und geschlossen präsentieren sich bei beiden Kapellen in inneren Zentrum des Kastro: die größere Jenisi tou Christou (Christi Geburt, von 1592) und die neuere Osia Methodía.

 

Der äußere Kastro-Ring ist besser erhalten, einige der Häuser sind noch bewohnt, bei anderen starren leere Fenster nach draußen. Es ist schon schade, dass man hier nicht ein wenig in den Erhalt investiert hat - in Zeichen der Krise ist nun sowieso kein Geld da, und der Verfall setzt sich fort.

Vorbei an der unverputzten und breiten Kirche Agios Ioannis Chrisostomos gehen wir wieder Richtung Quartier. Eine Taverne haben wir nicht ausmachen können, nur ein Kafenio an der Platia, und die schon bekannte Souvlaki-Bude, neben der sich noch ein ähnlicher Imbiss befindet. In der Hauptgasse gibt es zwei Supermärkte, in denen wir uns mit Ouzo, Oliven und Käse als Wegzehrung eindecken. Die Terrain-Karte Milos/Kimolos ist in keinem der beiden zu bekommen, das ist schade. (Hier gibt es übrigens brauchbare Kimolos-Karten online.) Da werden wir uns mit der primitiveren Karte des Kimolos-Prospektes behelfen müssen, und denen des Graf-Wanderführers. Um dem sich nun einstellenden Hunger zu begegnen kaufen wir in der Bäckerei eine Spanakopitta und eine Tiropitta, die wir auf unserem Balkon genießen. Danach Siesta – es gilt, versäumten Nachtschlaf nachzuholen.

 

Später gehen wir auf der Straße in einer Viertelstunde hinunter zum Meer bei Goupa, einer Fischersiedlung mit in den weichen Tuff gehauenen farbenfrohen Bootsgaragen, wie man sie auch auf Milos sehen kann. Hier sind sie aber wirklich komplett in die Uferfelsen gehauen und nicht irgendwie angebaut. Ein paar Kaikia dümpeln im Wasser, ansonsten ist die Idylle in samstagnachmittägliche Ruhe getaucht. Den Horizont begrenzt die Nachbarinsel Políegos (= die Insel der vielen Ziegen) – die größte heute unbewohnte Ägäisinsel und Natura-2000-Gebiet. Man kann sich mit dem Boot hinüber bringen lassen und dort baden oder wandern (macht zum Beispiel Hermann Richter).

Wir finden erst mal die Bootsgaragen ein ausgezeichnetes Fotomotiv, bevor wir auf schmalen Simsen entlang der Felsen zum Kiesstrand von Goupa gehen und dort in die Sonne sitzen. Da der Strand auch im Wasser eher steinig ist, verzichte ich auf ein Bad. Angrenzend an die Bucht befindet sich eine merkwürdige langgestreckte Baracke, Männer arbeiten dort am Ufersaum, holen Felsbrocken aus dem Wasser. Aus einer Tonne steigt Feuer und Rauch, ein Hauch von Bronx. Ein Schwarzer wäscht einen Teppich im Meer, wringt ihn aus, hängt ihn über eine Leine. Aussteiger oder Illegale?

 

Entlang einem Grundstückszaun führt ein zugewachsener Weg hinüber auf den breiten Fußweg, der Psathi mit Chorio verbindet. Oben thront die Panagia-Odigitrias-Kirche wie eine Glucke über Chorio, links daneben ein großes Gebäude – das werden wir uns nachher ansehen.

In fünf Minuten sind wir ab hier am Hafen und feinsandigen, flachen Strand von Psathi. Was gestern Abend noch so groß aussah, ist nun irgendwie geschrumpft: zwei Tavernen sind am Strand geöffnet, das „To Kyma“ und das „Echinoússa“ – also doch, aber das war's dann auch. Darum verteilt ein paar Häuser, überschaubar.

Wir trinken einen Frappé im „To Kyma“, wo unser Wirt Apostolis zugange ist – der Laden gehört anscheinend zum Kali Kardia, oder ist irgendwie in Familienbesitz (auch „Ta Bochorakia“ – „Bochoris“ heißen ja auch unsere Zimmer). Beobachten, wie einige Männer ein Boot von einem Anhänger auf den kleinen Platz heben, wo gestern noch die auskunftsfreudigen Seebären saßen. Die Bootssaison ist zu Ende.

Zwischen den beiden Taverne steht ein nettes Häuschen, ein Blondine sitzt davor mit ihrem Laptop – bestimmt ein Wochenenddomizil, denn es handelt sich um eine Griechin, die danach ins „To Kyma“ geht und eine Riesenladung Spaghetti mit Meeresfrüchten bestellt. Da bin ich aber schon im Wasser, das es immer noch auf angenehme 24°C bringt. Die Fähre „Panagia Faneromeni“ legt nach Pollonia auf Milos ab, kommt eine Dreiviertelstunde später zurück. Kaum Gäste an Bord.

 

Wir erkundigen bei der Chefin des „Echinoussa“ ob das Lokal auch die nächsten Tage geöffnet ist – es ist, da werden wir abends mal herkommen zum Essen. Ein sympathischer Flecken, dieses Psathi. Wir gehen noch vor zum großen Anleger, vorbei an dem feudalen Sitzplatz samt (trockenem) Brunnen aus kimolitischen Steinen – aus besseren Zeiten, als noch reichlich Geld floss. Natürlich ist eine Tafel mit dem Namen des edlen Spenders dran – wenn in Griechenland an allen Steuern der Namen des Zahlenden dran stünde, wäre es um die Steuermoral besser bestellt.

 

Vom Anleger hat man einen guten Blick auf die beiden Kimolos vorgelagerten Inseln Agios Efstathios und Agios Georgios. Zweitere Insel gehört der Reederfamilie Ventouris, mit deren Schiff „Agios Georgios“ wir eigentlich hätten nach Sikinos fahren wollen – wäre es nicht wegen gefälschter Sicherheitspapier vorübergehend stillgelegt worden. Das Schiff der Ventouris-Sealines-Flotte (nicht zu verwechseln mit der Ventouris Ferries in der Adria) trägt übrigens immer den Namen des Heiligen Georgs, ob als Express oder als Agios. Ich vermute mal, wegen dieser Familieninsel, auf der eine große Kirche steht (Oder ist es ein Kloster? Wir werden es nur von weitem sehen…).

Irgendwann gehen wir auf dem breiten Fußweg hinauf nach Chorio. Die Fahrstraße macht einen großen Bogen, den wir abkürzen. Vorbei an einer edlen Ferienanlage in einer Windmühle und weiter oben den Apartments Kimolis – beide sehen unbewohnt aus. Und wir haben immer noch keine ausländischen Touristen gesehen.

 

Am unteren Ortseingang befindet sich das große Natursteinhaus, das wir vorhin bereits von unten gesehen haben. Es handelt sich um ein Pflegeheim des Stifters Giorgos Ikonomou Afentakis bzw. der Afentakeion Foundation. Der Stifter steht in Stein gemeißelt am Rand des Anlage. Seine gestorbene Nichte Sofia hat er von dem berühmten tiniotischen Bildhauer Chalepas in Marmor meißeln lassen (auf dem 1. Friedhof in Athen zu sehen).

Eine alte Frau betrifft gerade das Anwesen, ärgert eine dort liegende Katze mit ihrem Stock – das Heim ist also noch bewohnt.

In den Gassen von Chorio sitzen die überwiegend älteren Leute jetzt in der Abendsonne vor ihren Häusern. Offziell 900 Einwohner hat Kimolos laut dem Census 2011 – aber ein Einheimischer wird uns erzählen, dass es im Winter nur mehr gut fünfhundert Leute seien. Wir entdecken neben einer Apotheke noch zwei Ticketagenturen - gut zu wissen.

 

Zu Abend wollen wir unten in unsere Mezedopolio essen. Wir gehen schon relativ zeitig hinab – wir haben Hunger. Das Lokal ist gut gefüllt, im großen Flachbildschirm läuft ein Fußballspiel der griechischen Super Liga: Ergotelis (Iraklio) gegen Olympiakos Piräus, wem die Sympathien der Anwesenden gelten ist schwer zu sagen – entsprechende Beifalls- und Unmutbekundungen kommen kaum vor. Besonders gebannt betrachtet vor allem von einem einzelnen Mann, der sich nur in der Pause losreisen kann, das Spiel. Mindestens zwanzig Männer halten sich hier auf, spielen Karten und Tavli, sehen fern. Trinken Ouzo und Portokalada, Bier ist weniger gefragt. Ich bin überrascht, wie viele der Männer den ganzen Abend nur eine Limo vor sich stehen haben. Aber hier dürfen sie das, es herrscht kein Konsumzwang.

Was für ein sympathischer Ort.

 

Wir setzen uns an den einzigen freien Tisch nahe der Kasse, wo wie immer Apostolis‘ Vater sitzt. Die Bedienung, eine junge Frau, die wir eher nicht zur Familie gehörend einordnen, fragt uns was wir wollen. Wir wollen essen. Es gäbe nichts zu essen, nur Häppchen zum Ouzo, antwortet sie. Ich verweise auf Apostolis. Da kommt auch schon seine Mutter und offeriert uns Rinderbraten im Zitronensauce und Keftedes. Wir bestellen beides, noch einen griechischen Salat dazu, und natürlich Wein.

Das Essen kommt recht schnell, und ist genial! Drei dünne Scheiben Rinderbraten hab ich auf dem Teller, gespickt mit Knoblauch, butterweich und aromatisch! Ein göttlicher Genuss! Auch die Keftedakia sind knusprig und würzig. Wir schwelgen. Im Essen, in der Atmosphäre, in der Umgebung. 25 Euro wird die Rechnung für das Essen betragen, aber im Grunde ist es unbezahlbar. Schwer zu bekommen für Leute, die unbedingt Tipps im Reiseführer brauchen und sich nicht einfach mal vor Ort auf etwas Unbekanntes einlassen. Wir machen der Mutter Komplimente, und sie freut sich.

 

Sagte ich schon, dass das „Kali Kardia“ ein wundervoller Ort ist?

Das Zimmer auf der Hausrückseite ist deutlich leiser als vorne zur Straße. Allenfalls Eselsgeschrei durchdringt die Ruhe. Eigentlich.

 

In der Nacht, ein Uhr ist schon vorbei, werden wir durch laute Musik geweckt. Tanzmusik – Kalamatianos. Weniger gestört als von der Angst getrieben, ich könnte eine Tanzgelegenheit verpassen, schmeiß ich mich in meine Klamotten und gehe nach unten, woher die Musik eindeutig kommt. Spähe durch die Bar in den Gastraum: da sitzen zwei Handvoll jüngere Männer und unterhalten sich. Getanzt wird nicht. Da kommt auch schon Apostolis (wann schläft er wohl?): ob wir uns gestört fühlen? Ich verneine, und frage ob die Musik aus der Jukebox komme, und dass ich gedacht hätte, es würde getanzt. Nein, sie säßen nur einfach so da, und die Musik käme aus der (beachtlich dimensionierten) Stereoanlage. Schade.

Es wird kurz darauf leiser, und wir schlafen wieder ein.

 

Am Sonntag wollen wir ein wenig wandern, zum "Steinpilz" vielleicht.

 

 

 

 

Im September 2011