Ankunft auf Spetses

Im Passagierraum der Flying Cat ist es heiß und stickig. Welchen Platz mir mein Ticket zuweist kann ich getrost ignorieren – nur wenige Plätze sind belegt, und ich suche mir einen Fensterplatz auf der linken Seite. Schnell verschwindet Hydra hinter der verspritzten Fensterscheibe. Die Fahrt geht zunächst nach Ermioni auf der argolischen Peloponnes. Unspektakulär. Dann weiter um das südlich gelegene Kap herum, zwischen der Peloponnes und Dokos durch, und völlig unvermittelt beginnt der Katamaran übel zu schaukeln. Und zwar so garstig, dass mir von null auf hundert richtig schlecht wird. Die dicke Luft im Passagierraum tut das Ihrige dazu. Mit viel Beherrschung und durch Umsetzen in die Mitte des Schiffes kann ich den Gebrauch der in den Sitzen steckenden weißen Tüten verhindern. Wäre eine Premiere gewesen, eine verzichtbare allerdings.

 

Und so freu ich mich umso mehr als die Flying Cat gegen Viertel nach Zwölf in Spetses am Dapia-Hafen anlegt. Dort müsste mich Stella erwarten. Ich hab ein Zimmer im Guesthouse Niriides bestellt. Die Quartiersuche auf Spetses war schwierig (und ohne vorherige Buchung wollte ich so außerhalb der Saison auch nicht anreisen): die wenigen über booking buchbaren Unterkünfte waren (zu) teuer oder hatten – wie der Yachting Club Inn, der außerdem abseits liegt – miserable Bewertungen. Irgendwie war ich dann auf das Niriides gestoßen, das mit dem 55 Euro für das Zimmer (egal ob Einzel oder Doppel) auch nicht gerade preiswert ist. Aber die Bewertungen waren gut, der Kontakt mit der Besitzerin Maria erfolgte schnell und unkompliziert (ich habe direkt gebucht), und eine Anzahlung war auch nicht von Nöten. Da die Besitzerin nicht vor Ort ist, sollte mich Stella abholen, die sich auf Spetses um die Zimmer kümmert. Meine Ankunftszeit habe ich per eMail angemeldet.

 

Und so schaue ich nun ob jemand ein Niriides-Schild oder eines mit meinem Namen hochhält. Das ist aber nicht der Fall, und es spricht mich auch niemand an. Also vor Richtung Stadt, und da steht am Ende des Anleger eine Frau mit einer Zeitung unter dem Arm. Sie guckt unbeteiligt, aber sie muss es sein. „Stella?“ - „Yes“, und das war es dann wohl mit ihren Englischkenntnissen, denn ohne ein weiteres Wort bedeutet sie mir, ihr zu folgen, und wir ziehen um ein paar Ecken bis zum Niriides, das allerdings nicht, wie Theo gemeint hatte, am Fischmarkt liegt. Das Zimmer ist hell und groß, mit einer Kochzeile, einem schönen und funktionellen Bad und einem kleinem Balkon, der auch etwas Meerblick freigibt. Die Heizung ist aber – wieder – nur die Klimaanlage, und die heizt gerade mächtig ein. Und ich brauch erst mal eine Pause um mich von der Überfahrt zu erholen.

Ein halbstündiger Mittagsschlaf stellt mich dann wieder so weit her, dass ich Hunger hab. Hatte ich da nicht vorhin eine Souvlakibude gesehen? Ich überquere den Platz am Uhrturm, im Winter eine unschön wirkende Sammlung geschlossener Fast-Food-Lokale. Nein, so schön Hydra ist Spetses leider nicht. Aber das ist ja nur der erste Eindruck, der kann auch täuschen.

 

Die Souvlakibude ist offen, und ich bestelle eine Gyropitta, die ich dann am Anleger des Dapia-Hafen verzehre. Zwei Nonnen warten auf ein Schiff, es könnte hier also ein bewohntes Kloster geben. Wie bei Hydra ist die gedruckte Information über Spetses dünn gesät. Ich habe die paar Seiten aus dem MM „Peloponnes“ dabei, aber zu den Kirchen und Klöstern wird da kein Wort verloren. Sowieso beziehen sich alle Empfehlungen auf die Sommersaison, im Winter ist es hier aber ganz anders. Das Bouboulina-Museum dürfte ebenso geschlossen sein wie das Hatzigiannis-Mexis-Museum, und nach abends geöffneten Tavernen muss ich noch suchen.

 

Die Sonne ist längst wieder da, und ich schlendere entlang der Paralia nach Nordwesten. Spetses-Stadt zieht sich über zwei, drei Kilometer entlang der Küste, im Südosten beginnend mit dem alten Hafen und der Balitza-Bucht mit den Werften, über Agios Nikolaos und Agios Mamas mit den schönen Archontika (Herrenhäusern) zum zentralen Ortsteil mit dem Dapia-Hafen, wo die Fähren anlegen und ich wohne. Ins Landesinnere geht die Straße hinauf bis zum ältesten Ortsteil Kastelli. Am Ufer geht es weiter nach Norden, am mondän wirkenden Posidonion Grand Hotel und dem Rathaus vorbei zieht sich der Ort über Kounoupitsa, und läuft dann am Anargyris-Strand aus, wo sich auch die großen Gebäude der Anargyrios & Korgialenios School of Spetses befinden (Spetses war die Vorlage der Insel Phraxos in John Fowles Roman „Der Magus“ von 1965. Ich hatte mir das Buch als Reiselektüre antiquarisch gekauft, wegen der Backsteingröße der Schwarte war es dann doch nicht die richtige Reiselektüre. Warum gibt es das nicht als ebook?)


Ich bewundere die schönen Kacheln am namenlosen, aber gut besuchten Kafenio am Taxiboot-Hafen, lasse mich von den zahlreichen – nach der hydriotischen Ruhe völlig ungewohnten – Mopeds und Dreirädern aufscheuchen, bewundere die wimpelgeschmückte Agios Antonis Kapelle (der Namenstag war vorgestern) und beobachte die Flying Cat auf dem Rückweg nach Piräus. Und dann ist da noch die „Katerina Star“, die Fähre vom Typ Landungsboot, die zwischen Spetses und Kosta auf der Peloponnes hin- und herpendelt. Und auch Autos transportieren kann obwohl die Insel doch eigentlich autofrei ist. Aber man ist auf Spetses nicht annähernd so konsequent wie auf Hydra. Was ich schade finde.

Ich schlendere bis zum großen Spetses Hotel in Kounoupitsa. Es ist geschlossen, wie eigentlich alle touristischen Einrichtungen. Ein Restaurant (Patralis) sieht offen aus, ob das am Abend auch so ist?

Auf dem Rückweg notiere ich mir die Telefonnummer am, natürlich ebenfalls geschlossenen Laden von Nikkos Bikes neben dem Rathaus. Ich möchte mir nämlich morgen gerne ein Fahrrad leihen und die Insel umrunden.

 

Hinter dem Posidonion Grand Hotel befindet sich das Bouboulina-Museum – es ist leider wirklich zu. (Theo kennt es geöffnet, siehe hier.) Sehr schade. Der im Roman „Alexis Zorbas“ vom Titelhelden zitierten Kriegsheldin Laskarina Bouboulina begegne ich dann aber immerhin auf dem Platz vor dem Grand Hotel, als Statue (wen ihre Geschichte interessiert, der sei auf den Roman „Bouboulina, Heldin von Hellas“ von Michael von Griechenland hingewiesen).

Auch die Kutschfahrten sind jetzt im Januar in der Winterpause, nur das Preisschild weist darauf hin, dass dergleichen hier stattfinden könnte. Oder vielleicht am Sonntag.

Aber immer wieder flitzen Taxiboote geschäftig hinüber auf die Peloponnes.

Entlang der Paralia gehe ich nun nach Osten, Richtung altem Hafen. Vorbei am Hotel Klimis, das ich auch erwogen hatte. Im Café im Untergeschoß wird umgebaut, Lärm dringt heraus. Das wäre wohl kein ruhiger Aufenthalt geworden, auch wenn ich vielleicht direkten Seeblick gehabt hätte.

Weiter sind da sind die schönen alten Herrenhäuser, der kleine Strand von Agios Mamas, das Kloster Agios Nikolaos mit dem großen Kieselsteinmosaik davor, dessen Türe aber zu ist, die benachbarte Kirche Neomartyron. Und im alten Hafen, zu dem es aber noch ein Stück ist, sehe ich vier Tanker liegen, nebeneinander. Das ist mir aber jetzt zu weit, da gehe ich heute Abend hin, vielleicht ist dort ein Restaurant geöffnet.

Zurück im Niriides kläre ich mit Stella ob ab morgen noch ein Zimmer für Theo frei ist. Es ist (ich bin der einzige Gast), und das gebe ich an Yannis vom Hydra Icons weiter. Der ist aber noch auf der Peloponnes und will es Theo morgen sagen. Na, hoffentlich klappt das auch, per SMS ist für lange Erklärungen kein Platz. Warum hab ich Theo nicht einfach meine Mobilfunknummer gegeben, er hätte mich ja anrufen können. Stella will Theo am Hafen abholen, weil ich radfahrenderweise unterwegs sein möchte.

 

Am Abend mache ich mich nochmals auf dem Weg zum Radverleih, was ich mir hätte sparen können, denn natürlich ist der immer noch zu. Ich rufe aber die Telefonnummer an, es meldet sich jemand mit dem obligatorischen „näh?“, den ich nach einem Rad für morgen frage. Kein Problem, welche Uhrzeit? Zehn Uhr vor dem Laden. Daxi.

 

So, nun kann ich mich um mein Abendessen kümmern. Direkt am Uhrturmplatz ist das Restaurant „Argyris“, das geöffnet aussieht. Schon mal gut. Das Kafenio am Taxibootstand ist mir jetzt zu wenig, die Gyrosbude habe ich heute Mittag schon ausprobiert, das will ich am Abend nicht. Die anderen Lokale am Uhrturmplatz sind geschlossen, dito die an der Paralia. Licht und Leben ist nur am Syriza-Büro am östlichen Ende der Fußgängerzone. Und dem Supermarkt daneben.

Ich nehme die Abkürzung am Kloster vorbei Richtung altem Hafen und stelle fest, dass man an der Straßenbeleuchtung spart: es ist ziemlich dunkel, und ich habe die Taschenlampe nicht dabei. Ein Licht wäre vor allem gut, um die vorbeipesenden Zwei- und Dreiräder auf mich aufmerksam zu machen, die wohl nicht mit Fußgängern rechnen. Gut, dass das iphone eine Taschenlampenfunktion hat.

 

Die Lichtsituation wird auch am alten Hafen nicht wesentlich besser. In einer Kneipe ist Licht, aber der Wirt winkt ab: morgen Vormittag wieder. Und weiter östlich beleuchtet nur ein Periptero die Szene, alle Lokale (und es hat einige) sind dunkel. Tja, das ist schade, da hatte ich mir etwas mehr erhofft. Aber es ist ja auch Montag.

 

Also zurück zum Uhrturmplatz ins „Argyris“. Ein schönes und großes Lokal, und eine sehr freundliche Wirtin. Nur ein Tisch ist sonst noch belegt, da sitzen vier Männer, sehr schweigsam starren sie auf den großen Fernsehbildschirm in der Ecke, auf dem der Premierminister Samaras eine Rede hält. Dass die vier Männer das Gesehene und Gehörte nicht diskutieren kommt mir komisch vor – sie wirken wie sediert. Und das in Griechenland, wo vier Männer sonst fünf Meinungen haben und sie auch lautstark austauschen. Und am Sonntag sind Wahlen... Hat man auf Spetses schon resigniert?

 

Ich bestelle einen Karotten-Kraut-Salat, und danach das Moschari kokkinisto. Das Rindfleisch ist sehr reichlich, weich, und schmeckt sehr gut. Wäre also nicht so schlimm, hier vier Abende hintereinander essen zu müssen (was dann auch tatsächlich eintritt). Ein netter Familienbetrieb, die Tochter macht noch Hausaufgaben an einem Tisch, und der freundliche Wirt (der namensgebende Argyris?) löst später seine Frau ab und kümmert sich um die Gäste. Zum Nachtisch gibt es noch ein Stück Halva aufs Haus - nicht die Süßigkeit aus Sesam, sondern ein fester, puddingähnlicher Kuchen. Sehr sättigend.

Doch, ist schon nett auf Spetses, wenn auch nicht so beschaulich. Und verirren sich nach Hydra im Winter immerhin noch ein paar Tagesausflügler und eine Handvoll Touristen, so scheint das hier auf Spetses völlig abwegig zu sein. Aber die Stadt lebt auch so (und Spetses hat laut letzter Volkszählung von Mai 2011 auch gut doppelt so viele Einwohner wie Hydra).

Dann bin ich mal auf meine griechische Fahrradpremiere morgen gespannt!