Das Panigiri, und ein Tag in Mandraki

 

Schon vor halb sieben sind wir am Hafen, wo der Bus bereit steht. Vier Euro bezahlen wir pro Person für Hin- und Rückfahrt. Es sind nur wenige Fahrgäste da, aber mit etwas Verspätung kommt noch eine ganze Gruppe Amerikano-Griechen - vom Architektur-Symposion vermutlich. Nach sieben Uhr sind wir dann oben am Kloster Agios Ioannis Theologos bei Nikia (von uns wegen unserer Erlebnisse dort auch "Kyrie-Elesion-Kloster" genannt). Um halb zwölf wird der Bus hier wieder abfahren.

Zu Fuß geht es hinab zum Kloster, wo sich schon zahlreiche Menschen aufhalten, und der Gottesdienst in und vor der kleinen Kapelle im vollen Gange ist, was von der feierlustigen Gemeinde aber nur am Rande gewürdigt wird.

 

Wir suchen uns auf der oberen Terrasse - hier wird offensichtlich der Tanz stattfinden - einen Platz, und treffen dort Erich Hänßler mit seiner Göppinger Reisegruppe. Weil wir erst neulich in telefonischem Kontakt waren, bin ich von Erichs Anwesenheit nicht überrascht: ich wusste, dass er auch mit über achtzig Jahren noch eine Reisegruppe nach Nisyros und Tilos führen würde. Trotzdem freuen wir uns über das Wiedersehen - zum dritten Mal in Griechenland nach Amorgos 2004 und Sifnos 2005. Und dazwischen in Böblingen bei seinen Vorträgen. Er hat Nisyros schon besucht, als meine Existenz noch nicht mal geplant war. Wer Freude an Anekdoten über die griechischen Inseln in den letzten 60 Jahre hat, dem sei sein Büchlein "Griechische Inselreisen. Erinnerungen" empfohlen, das bei ihm selbst zum Preis von 15 Euro zu erwerben ist (Tel. 07161 33573). Wie immer wohnt er mit seiner Gruppe in Pali, das ich weniger mag - witzigerweise zieht er auf allen diesen Inseln andere Standorte als ich vor. Chacun à son goût.

 

Wir sind rechtzeitig da, um uns einen Platz auf einer der steinernen Bänke vor einer Mauer zu sichern (Sitzkissen inklusive - der Stein ist kalt). Und nun harren wir der Dinge, die da kommen. Drei Musiker fangen an ihre Ausrüstung aufzubauen. Aus der Küche dringen Duftschwaden von Gekochtem. Das muss ich mir näher ansehen, und uns außerdem etwas zum Trinken holen. Im Raum hinter der Getränketheke stehen Dutzende Teller mit griechischem Salat, im Raum nebenan dampfen riesige Kochtöpfe auf dem Feuer. Die Köche sind alle mit einem roten Halstuch geschmückt und einer ist gerne bereit, mich in den Topf gucken zu lassen. Es gibt - upps - doch schon wieder - Katsiki. Ich bekomme eine Kostprobe und soll mein Urteil abgeben ob das Zicklein gut gewürzt ist. Es ist - nostimo!

Inzwischen sind Vorsänger und Papas an der Kapelle zum Ende gekommen, das geweihte Brot Artos wird aufgeschnitten und verteilt. Ich schätze, dass sich inzwischen dreihundert Menschen eingefunden haben, und der Zustrom hält an.

In einer Rede werden nun die Gäste begrüßt und die Spender von Essen und Zutaten genannt. Der eine hat drei Ziegen gespendet, der andere zwei Säcke Kartoffeln, eine dritte eine Kiste Gurken. Alle finden Erwähnung. So ein Fest ist eine Gemeinschaftsaktion und wichtig für den sozialen Status, und da möchte man auch in der Krise zeigen, dass man die Spendierhosen an hat.

 

Nun teilen Helfer Teller mit Karotten-Kraut-Salat aus. Nein, es bekommt nicht jeder einen für sich, man teilt sich den Salat, was nicht alle aus der Göppinger Reisegruppe verstanden haben. Auch Artos ist so reichlich da, dass wir einen großen Brocken des eigentümlich gewürzten Brotes beschert bekommen.

Vom Ziegenbraten mit Reis bekommt aber jeder einen Teller, und der ist sehr gut gefüllt. Da werden wir, nach guter alter griechischer Sitte, übriglassen müssen, obwohl das Horntier wirklich ausgezeichnet schmeckt.

 

Bis alle Gäste auf unserer Terrasse versorgt sind, dauert es. Die Terrasse ist längst voll, Neuankömmlinge müssen mit den Plätzen auf der unteren Terrasse, weiter weg vom Tanzplatz vorlieb nehmen. Die drei Musiker, einer mit Geige, zwei mit Laouto, haben bereits zu spielen begonnen. Traditionelle Inselmusik, und irgendwann beginnen ein paar Frauen zögerlich zu tanzen. Die anderen haben darauf nur gewartet, schnell füllt sich die Tanzfläche zum inseltypischen Syrtos, danach zu einer schnellen Sousta. Da muss ich natürlich mitmachen, auch wenn ich die hiesige Variante nicht kenne - ist nicht so schwer, und macht Spaß!

Die Musik spielt ohne Pause, man bleibt aber tanztechnisch in der Region: gerade mal ein Kalamatianos wird eingeschoben. Später folgen Roditikos und noch später Michanikos von Kalymnos, den aber nur wenige beherrschen (das ist der Tanz der Schwammtaucher von Kalymnos, bei dem der Erste immer wieder den sterbenden Schwan spielt, und anschließend die Auferstehung).

Ein Mann namens Dimitris, der mich vorhin angebaggert hatte (als Wanderfreak - eine originelle und bisher in GR noch nicht erlebte Variante ;-) ), glaubt mir mit besonders brachialer Tanzweise imponieren zu können. Nein, da ziehe ich es leichtfüßiger (und vor allem leichtschultriger, *ächz*) vor.

Schnell vergeht die Zeit, die Busabfahrt um halb zwölf rückt näher. Für ein griechisches Fest viel zu früh, etliche Gäste kommen jetzt erst, und es geht bestimmt bis zum Morgengrauen. Aber ich bin auf meine Kosten gekommen, und auch der Mutter hat es gefallen. Erich ist mit seiner Seniorentruppe schon früher abgezogen, sicher werden wir uns nochmals über den Weg laufen.

Bevor wir gehen, besuchen wir noch die kleine Theologos-Kirche - wir hatten sie größer in Erinnerung. Hier spielen die Kinder, die ich oben schon vermisst hatte.

Im Mondschein suchen wir uns den Weg hinauf zum Bus, der pünktlich abfährt.

Als wir um Mitternacht in Mandraki ankommen, läuft gerade die "Blue Star Diagoras" ein. Das schauen wir uns noch von Nahem an bevor wir ins Bett sinken. Ein erlebnisreicher Tag geht zu Ende.

 

*

 

Eigentlich wäre ich heute gerne nochmals gewandert, von Nikia nach Mandraki. Aber es ist ja so schwierig mit den Bussen, und wir möchten auch ausschlafen. Der Rückfahrtsverkehr vom Panigiri hat uns in der Nacht gelegentlich aus dem Schlaf geholt. Vor allem die Zwei- und Dreiräder sind ziemlich laut.

Und so beobachten wir lieber von unserem Balkon aus, dass auch heute Ausflugsschiffe ankommen, aber es sind weniger, und sie sind nicht ganz so voll. Klar, Samstag ist auf Kos Großflugtag (wie wir letzten Samstag erlebt haben), das macht sich auch hier bemerkbar. Unsere Schweizer Nachbarn sind schon früh unüberhörbar mit der "Panagia Spiliani" nach Kardamena abgereist. Wenn der Flug nicht zu zeitig am Vormittag abfliegt, lässt sich das gut einrichten.

 

Später brechen wir zu einem ausgiebigen Bummel durch Mandraki auf. An der Verbindungsstraße vom Hafen in den Ort fallen uns die mehrsprachigen Schilder auf, die darauf hinweisen, dass man dort einkaufen und einkehren soll, wo man das möchte und nicht wo man sich - durch wen auch immer - verpflichtet fühlt. So interpretiere ich zumindest die völlig unverständliche Übersetzung ins Deutsche (auf Englisch ist es etwas besser).

Aber die Tagesausflügler sind noch auf dem Weg zum Vulkan, der Ort erwartet sie erst am Nachmittag, und wir können die Auslagen der Läden in aller Ruhe anschauen. Neben Klamotten und dem obligatorischen Touristenkitsch wird viel Inseltypisches angeboten: Mandelmilch, Kanellada (Zimtsirup), Bims, Obsidian. Schade, dass es den Laden von Artin, dem Fotografen, nicht mehr zu geben scheint.

Wir verlassen die Hauptstraße Richtung Uferfront, wo die markante Windmühle steht und die Chtapodia in der Sonne trocknen.

Besonders nett ist die Ecke unter dem Panagia-Felsen. Der Weg um den Felsen zum Hochlaki-Strand ist wieder weitgehend gerichtet, eine halbherzige Absperrung warnt aber vor dem Begehen des Weges wegen Steinschlag. Da der Weg weiter südlich aber noch nicht fertig ist (Armierungseisen ragen in den Weg) belasse ich es bei einem Blick von weitem. Der Strand ist menschenleer, sieht aber mäßig verlockend aus. Was an den vulkansteingrauen Kieseln liegen kann, und dem angeschwemmten Seegras samt etwas Müll.

Kein Badetag in Mandraki also, ich werde wieder auf unseren Thermalpool zurückgreifen müssen, wenn ich nicht den kleinen Agios-Savas-Strand an der Paralia oder die Felsenküste unterhalb unseres Hotel nehmen möchte. Dass Nisyros nicht die optimale Badeinsel ist, wussten wir vorher. Oder genauer: Mandraki. Südöstlich von Pali liegt der lange Strand von Lies, und noch weiter Pachia Ammos. Morgen.

Im Gassengewirr unterhalb der Panagia Spiliani stoßen wir auf das kleine Kirchenmuseum. Das gab es bei unserem letzten Besuch noch nicht. Für einen Euro Eintritt kann man sich zwei Räume voller Votivgaben, Ikonen und anderen Kirchenschätzen ansehen. Beeindruckend ist vor allem die extrem große Zahl der Spenden, von Münzen über Schmuck und Wachspuppen bis zu hunderten von Tamata.

Nun aber hinauf zur Kirche. Allein, wir bleiben gleich am nächsten Museum hängen: dem laografiko, also volkskundlichen Museum. Zwei Euro Eintritt werden hier fällig, eine nette Dame legt ihre Stickerei zur Seite und zeigt uns die Räume mit einem schönen Soufas, zahlreichen Alltagsgegenständen von früher, Trachten, Fotografien, Stickereien und vielem mehr, und auch das Kellergeschoss mit bäuerlichem Gerät und Vorratsbehältern. Das Museum ist hübsch gemacht und gepflegt, keine Vitrinen mit Sammlungen toter Fliegen und dicken Staubschichten. Trotzdem sind wir die einzigen Besucher - die Masse strömt vorbei.

Nun also wirklich hinauf zur Höhlenkirche! Natürlich muss man sich anständig anziehen bevor man das Gotteshaus betritt (Leihkleidung liegt parat), für die Gruppe Russinnen, die gerade kommt, ist das selbstverständlich. Wer noch ein Tama oder eine Kerze benötigt, kann diese im Vorraum erstehen.

Wir setzen uns auf einen der Stühle und beobachten die Russinnen, die mit dem Procedere mit den Ikonen vertraut sind. Als eine junge Frau aus der Gruppe nach einem langen Gebet ein Tama mit einer Brust unter der Ikone der Panagia Spiliani, der Muttergottes von der Höhle, befestigt, fühlen wir uns kurz als Voyeure. Möge die Panagia helfen!

 

Die warme und stickige Luft treibt uns wieder nach draußen. Das schönste an der Panagia Spiliani ist für uns ja der Ausblick von der Terrasse oder Treppe auf die Dächer der Altstadt. Das Wetter ist immer noch sonnig, und die Nachbarinseln Giali und Kos sind ganz nahe.

Wir verlieren uns etwas in den Gassen Richtung Süden bei dem Versuch, ob man nicht doch hinauf zum Kastro steigen kann, das am anderen Ende des Felsenklotzes der Panagia Spiliani liegt. Nein, kann man nicht, und wenn man der Beschilderung zum Kastro folgt, landet man beim Paleokastro außerhalb des Ortes. Da wollen wir nicht hin.

 

Der Süden von Mandraki mit seinen blumen- und kieselmosaikgeschmückten Gassen bietet schöne Fotomotive und ist mit keinem anderen Ort in Griechenland vergleichbar, den ich kenne. Die Mischung aus dunklem Naturstein und weißen Häusern - einzigartig.

Zurück im Zentrum bei der Platia Ilikiomeni ist inzwischen richtig was los - die Tagesausflügler sind da. Wir haben Hunger, wählen aber lieber das Café "Glyka Onira", das etwas abseits liegt. Ein Galaktobureko, ein Ekmek und zwei Mandelmilch (Soumada) verpassen uns einen Zuckerschock - wir hatten vergessen, wie süß die Mandelmilch ist. Flüssiges Marzipan im Glas, das wir mit reichlich Wasser auf eine mitteleuropäisch verträgliche Süße verdünnen.

 

Für das archäologische Museum ist es danach leider zu spät, das schließt in fünf Minuten (geöffnet bis 15 Uhr). Dafür kann ich am Hafen bei Kapitän der "Agios Antonis", die gerade anlegt, fragen, ob er uns am Montag mit nach Giali nehmen kann. Er kann, ist aber etwas widerwillig und murmelt zur Abschreckung etwas von zwanzig Euro pro Person. Wir würden pünktlich um sieben Uhr da sein, antworte ich.

Nach einer schöpferischen Pause am warmen Pool gehe ich gegen 18 Uhr nochmals los zum Hafen um uns ein Mietauto zu leihen. Beim ersten Verleiher sind alle kleinen Autos ausgebucht (das Architektur-Symposion), aber im unteren Stockwerk ist ein anderer Vermieter (Rent a Car Manos K.), und dort bekomme ich einen Nissan Micra für dreißig Euro, bar auf die Kralle und ohne Vertrag, und mit ausreichend Benzin. Die einzige Tankstelle der Insel ist an der Straße nach Pali, dort tanke ich später für zehn Euro, was gerade reichen wird.

 

Wir fahren los, unser erstes Ziel ist Nikia. In den Kurve hinter Emborio stehen Rinder auf der Straße. Ziegen, Schafe, Hühner, Katzen, Hunde - alles schon erlebt, aber Kühe noch nie. Noch dazu ist eine wirklich schöne Kuh mit einem niedliches Kalb dabei. Fotostopp.

Nun aber weiter, damit wir den Sonnenuntergang nicht verpassen.

Ich parke das Auto vor dem Vulkanmuseum in Nikia. Und obwohl wir eigentlich zunächst nicht dort hinauf wollten, gehen wir doch peu à peu die Stufen zur Kapelle des Profitis Ilias hinauf, die auf einem Felsenkegel östlich von Nikia liegt.

Der Ausblick von dort ist zu toll: über das schmucke Dorf Nikia und die Caldera hinab zum Stefanos-Krater, weiter nach Emborio, und auf der anderen Seite hinüber zur Nachbarinsel Tilos. Die alles in ein goldenes Licht tauchende Sonne geht im Westen hinter dem Felseninselchen Pachia unter, und ganz in der Ferne vermeine ich Astypalea auszumachen.


Stimmungsvoll und bezaubernd.

Als es dunkel wird, fahren wir dann weiter, oder vielmehr zurück nach Emborio, wo wir in der Taverne "To Balkoni tou Emboriou" einkehren. Auch wenn das Vulkanpanorama schon im Nachtdunkel versunken ist, ist es ein herrlicher Essensplatz. Ausgezeichnet schmecken auch die Fava, das Rindfleisch in Zitronensauce und die Biftekia. Die Portionen sind reichlich, und die freundlichen, kuschligen Katzen unter dem Tisch bekommen so auch noch etwas ab. Es ist Samstag, und das Lokal wird noch voll: eine Familienfeier am einem Tisch, eine Gruppe Männer am anderen, und das junge griechische Paar saß gestern beim Panigiri neben uns. Nisyros ist klein.

Und einfach schön!


Gut, dass wir noch mehr davon haben können.