Von Milos nach Polyegos

Mit Stopps in Santorin und Folegandros fegt der "Seajet 2" nach Milos, wo wir pünktlich kurz nach 17 Uhr ankommen. Da ich nicht eineinhalb Stunden auf den nächsten Bus warten möchte, gönne ich mir ein Taxi nach Triovasalos. 15 Euro werden für die paar Kilometer fällig - ganz schön teuer geworden. Milos boomt, und das sind die unschönen Begleiterscheinungen.

 

Das Kafenion Perros ist wieder mein Ziel. Von hier (bzw. ab Pollonia) aus möchte ich ab übermorgen eine organisierte fünftägige Umpaddelung von Kimolos und Polyegos starten. Nachdem ich in den letzten Jahren etwa zwanzig Tagestouren mit Rod von Sea Kayak Milos gemacht habe, bin ich auf der Suche nach etwas neuem auf diese "Expedition" gestoßen. Sie umfasst und fünf Kajak-Tage und sechs Übernachtungen, zwei davon hier in Petrinelas Guesthouse, und vier wildcampend im Zelt auf Kimolos und Polyegos. Die Gesamtdistanz beträgt etwa 85 Kilometer, die Tagesetappen sollen zwischen 15 und 22 Kilometer lang sein. Ob ich das schaffen würde, hatte ich Rod gefragt, und er hatte bejaht.

Da er selbst mit den Tagesausflügen beschäftigt ist, wird die Tour von einem der saisonalen Mitarbeiter geführt: Jeremy, den ich noch nicht kenne.

So wenig wie ich Wildcampen kenne. Das habe ich noch nie gemacht und bin auch nicht entsprechend ausgerüstet. Zum Glück kann man bei Rod Zelt, Matte und Drybags leihen, so dass ich nun nur einen nagelneuen Schlafsack und etwas Kleinausrüstung - Teller, Besteck, kleine Drybags - im Gepäck habe. Und große Spannung. Die hat sich durch den Blick in Windfinder verschärft: die nächsten fünf Tage wird das Wetter mit wenig Wind perfekt für mich sein, aber am Donnerstag, unserem letzten Paddeltag, sind Windstärke 6 und 7 angesagt. Da möchte ich ja lieber nicht auf dem Wasser sein.

Dazu kommt noch, dass die Tour mit Selbstverpflegung ausgeschrieben ist. Das heißt, dass entweder jeder sein eigenes Süppchen kocht (ein Campingkocher gehört immerhin zur Expeditionsausrüstung), oder jeden Tag einer für alle kocht. Beides stellt mich als Camping-Rookie vor zusätzliche Herausforderungen. Zum Glück war gestern eine eMail von Rod eingetroffen: für 120 Euro pro Person würde Jeremy die Vollpension für die fünf Tage für uns übernehmen. Das klingt nach einem hervorragenden Angebot, dass ich gerne annehmen würde.

 

All das habe ich im Hinterkopf, als ich in Triovasalos eintreffe, und Petrinela und Rod begrüße. Max, der langgewachsene französische Assistent vom Vorjahr, ist auch wieder da (Dario kommt erst im Juni).

Mein Zimmer ist dieses Mal im Erdgeschoss im Hinterhof, direkt neben Rods Garage und Werkstatt, und da der Preis für zusätzliche Nächte - ich habe vier davon gebucht - inzwischen auf 55 Euro für das Einzelzimmer mit Frühstück erhöht wurde, finde ich das eigentlich etwas zu viel. Aber gut, ist mir jetzt egal - der dreiwöchige Urlaub wird sowieso nicht gerade preiswert werden, und man (bzw. frau) lebt nur einmal.

Ich räume nur das Notwendigste aus, denn ich habe ja morgen noch einen Tag, die Tour beginnt erst übermorgen, am Sonntag. Dann gehe ich vor das Kafenio, wo ein junger Mann mit dunklem lockigem Haar sitzt: Jeremy. Da Rod Jeremy auf seiner Website bis dahin nicht vorgestellt hatte (was er inzwischen nachgeholt hat), wusste ich weder, dass er so jung, noch dass er Franzose ist. Aber er macht einen sympathischen Eindruck. Und dann sind da auch schon meine Mitpaddler - es sind nur drei: Kim aus Dänemark, er ist etwas älter als ich und ein ruhiger Typ, und ein englisches Paar im Ruhestand, Felicity "Fleece" und Martin. Unsere ganze Gruppe ist also schon heute versammelt, obwohl er ja erst übermorgen losgehen soll. Und ganz schnell kommt das Gespräch auf die Windprognose für Donnerstag, die Jeremy natürlich auch längst sorgenvoll zur Kenntnis genommen hat. Es gäbe da nun zwei Alternativen: am letzten Tag mit der Fähre nach Milos überzusetzen (wenn die denn fährt) und irgendwo im Windschatten zu fahren, oder schon morgen aufzubrechen. Zehn Minuten später hat sich Jeremy in Rücksprache mit Rod für Zweiteres entschieden: es geht morgen schon los!

 

Das versetzt mir einen kleinen Schock, denn nun muss ich schnell Umdenken und Umpacken. Zum Glück hat Jeremy schon alles eingekauft, was wir unterwegs zu Essen und Trinken brauchen (auch die anderen genießen lieber die Vollpension als selber küchenmäßig tätig zu werden), und schickt uns gleich mal die ausgearbeitete Menuliste für die nächsten Tage. Beginnt mit Cretan salad zum Lunch und Chickencurry zum Dinner und endet mit (süßlastigem) Frühstück und Nudelsalat am letzten Tag. Da merke ich zum ersten Mal, dass Jeremy viel Erfahrung für solche Touren mitbringt. Und eile dann auf mein Zimmer, das ich in wenigen Minuten mit vollkommenen Packchaos überziehe. Ich habe noch nie im Zelt übernachtet, was werde ich brauchen? Wir werden fünf Tage (oder mindestens vier) fernab der Zivilisation unterwegs sein: keine Läden, Tavernen, Duschen, Toiletten. Zum Glück hat Rod auf seiner Website eine Packliste zusammengestellt, die ich nun nochmals abarbeite. Ich bekomme dann das Zelt (erstaunlich kompakt), die Matte (erstaunlich klein und leicht), einen Anorak (den ich nicht brauchen werden), und noch vier große Trockentaschen, in die ich verpacke was ich die nächsten Tage zu brauchen glaube. Da kommt ganz schön viel Krempel zusammen, hoffentlich passt das alles auch ins Kajak ...

 

Immerhin können wir die anderen Sachen während der Tour auf unseren Zimmern lassen, da diese nicht benötigt werden. So richtig wie in Vor-Corona-Zeiten läuft das Paddelgeschäft noch nicht wieder, was uns nun zu Gute kommt.

Danach bin ich fix und fertig. Zum Abendessen schaffe ich es gerade noch ins benachbarte "Bakalikon Galanis" auf den obligatorischen Kartoffelsalat und Tiropittes. Die Salatportion scheint mir etwas kleiner geworden zu sein, aber das Essen schmeckt. 15 Euro werden für Speisen und ein Viertel Wein und Wasser fällig.

 

Beim Frühstück fragt Jeremy nach unserem Befinden (gut, aber Kribbeln im Bauch) und brieft uns für die Tour. Es soll von Pollonia zunächst rüber nach Kimolos gehen, wo wir Mittag machen werden. Dann setzte wir nach Polyegos über, wo wir die erste Nacht in einer der Mersini-Buchten campieren werden. Das scheint mir die längste Etappe. Gegen den Uhrzeigersinn werden wir Polyegos umrunden und die zweite Nacht auf der Ostseite verbringen, ehe wir am dritten Tag wieder nach Kimolos übersetzen werden, das wir ebenfalls gegen den Uhrzeigersinn mit zwei Übernachtungen dort umpaddeln werden. Am letzten Tage geht es dann wieder nach Milos rüber und vielleicht dort noch etwas die Küste entlang. Wetterbedingte Änderungen sind natürlich jederzeit möglich. Heute scheint die Sonne, und der Wind bläst nur schwach. Ich schätze mich glücklich, dass mein Wetter-Timing in diesem Urlaub offenbar perfekt ist: Wandern wenn es kühl und windig ist, und Paddeln wenn es zu warm und windstill zum Wandern ist.

 

Jeremy spricht ausgezeichnet Englisch, allerdings mit französischem Akzent. Kim spricht auch sehr gut Englisch, und Fleece und Martin sowieso, Martin aber nicht immer sehr deutlich. Mein Englisch ist ausbaufähig, vor allem habe ich oft das Problem, die Anderen nicht oder nicht richtig zu verstehen, zumal wenn es um kajaknautische Fachbegriffe oder britische Paddelreviere geht. So geht manches Gespräch samt Details an mir vorbei. Aber ich versuche, auch hier dazuzulernen.

 

Nach dem Frühstück geht es dann los. Wir passen alle in den blauen Jeep und holen erst den Anhänger im Depot, beladen ihn mit unseren Kajaks - ich habe wieder ein Laser von Rainbow, mit Steuerruder, in hellgrün-gelb - und fahren nach Pollonia. Schnell sind die Boote abgeladen, schwieriger wird es mit dem ganzen Geraffel, das ins Kajak muss. Dazu kommt noch der Proviant, den Jeremy nach Mahlzeiten in Tüten verpackt hat. Jeder bekommt zwei Tüten für einen Tag in sein Kajak, ich machen den Auftakt, was den Vorteil hat, dass ich früher mehr freien Platz habe. Denke ich, und denke falsch. Außerdem muss jeder zehn 1,5-Liter-Flaschen Wasser verstauen. Jeremy zeigt, wie man am besten packt: Zelt quer in die Kammer hinter den Sitz, Matte ganz hinten ins Heck, die Wasserflaschen auch in die Bugspitze und direkt hinter den Sitz und und und und. Iirgendwann ist tatsächlich alles drin und die Deckel lassen sich auch noch schließen. Man staunt, was so alles in ein Kajak geht, das aber nun natürlich relativ schwer ist und langsamer auf Manöver reagiert, da es tiefer im Wasser liegt. Jeder bekommt noch Spritzdecke, Paddel und Schwimmweste, schnell noch die Fußrasten einstellen, dann eine kleine Yogaeinheit unter Fleece's Anleitung, und gegen elf Uhr legen wir tatsächlich ab.

Es fühlt sich gut an, wieder im Kajak zu sein, und meine Bedenken wegen meiner schmerzenden linken Schulter zerstreuen sich auch bald - bei Paddelbewegungen wird sie nicht ungünstig beansprucht. Mein Husten hält sich meist in Maßen, nur Jeremy argwöhnt kurz Corona - seine Frau hätte auch so geklungen, als sie Covid hatte. Nein, das wird mich nicht stören (höchstens die Anderen, in der Nacht ...).

 

In diesem Urlaub wollte ich eigentlich Fotos auch aus dem Kajak machen und hatte mir für meinen Fotoapparat eine entsprechenden Hülle besorgt. Aber die funktionierte leider nicht richtig: zu straff, zu schlecht zu bedienen. Also ging die Hülle zurück, und Fotos gibt es nur von Land. Außer den Fotos natürlich, die Jeremy machen wird.

 

Aus dem Bucht von Pollonia hinaus queren wir hinüber nach Kimolos und paddeln entlang der Küste nach Osten. Der Wind ist stärker und frischer als prognostiziert, er produziert kurze Wellen. Zum Glück kein Problem für mich, und für die Anderen sowieso nicht.

 

Nach einer Stunde legen wir den ersten Halt am Strand von Alyki ein. Gelegenheit für einen kleinen Snack und zum besseren Kennenlernen. Jeremy ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn und lebt auf Korsika, wo er im Sommer Touren veranstaltet. Er war vor zwölf Jahren in der Schildkrötenhilfe in ganz Griechenland aktiv, hat dann drei Jahre auf Santorin gelebt und dort im Team von Santorini Sea Kayak gearbeitet (wo ich damals bei Adonis meine ersten Paddelschläge im Einer-Kajak getan habe). Und so spricht Jeremy auch sehr gut Griechisch, und er kennt offenbar alle Sea Kayak Veranstalter in Griechenland, natürlich auch Alex auf Paros. Später war er in Patagonien als Kajak-Coach tätig, spricht auch Spanisch. Seine Kenntnisse über die Natur, über Flora, Fauna und die geologischen Gegebenheiten der griechische Inseln stehen denen Rods kaum nach. Darüber hinaus ist er humorvoll und gelassen, und es scheint nichts schöneres für ihn zu geben, als seinen Gästen diese wundervolle Paddelrevier auf eine schonende und naturnahe, aber auch kritische Weise zu zeigen, ohne belehrend zu werden. Kurz: er ist der geborene Guide, souverän, aufmerksam und sehr sympathisch. Und ein guter Koch ist er auch noch. In den nächsten Tagen kann ich nicht anders, als zu seinem Fan zu werden.

Aber noch bin ich mehr mit mir und dem Kajak beschäftigt. Beim Wiedereinsteigen ins Kajak nach der Pause hole ich mir eine nasse Hose und friere auf den nächsten Kilometern etwas. In Kombination mit meinen Husten nicht ideal, ich sollte mir vielleicht eine Neopren-Hose zuzulegen. Andererseits schwitzt man sich da bei warmem Wetter vermutlich zu Tode.

 

Den Lunch wollen wir in Goupa-Kara einnehmen. Der Weg verläuft allerdings nicht entlang der Küste, denn Jeremy führt uns hinaus zur vorgelagerten Insel Agios Efstathios mit interessanten Felsenformationen, Bögen und Tunnels im weichen Tuff. Hey, das macht Spaß!

Nun nach Norden, wir passieren Psathi und ziehen die Kajaks am Strand der Bootshaussiedlung Goupa an Land. Und erschrecken ein paar ältere Einheimische, die im Schatten der Bootshäusern sitzen und einen Tag am Meer genießen. Und tatsächlich auch Baden gehen. Ja, das Wetter ist endlich gut dafür. Keine Angst, wir bleiben nicht lange.

Jeremy tritt in Aktion, er bekommt von mir die Luch-Tüte und bereitet und uns auf einer gefundenen Palette, die er als Tisch verwendet, flugs eine kretischen Salat zu, mit Tomaten, Gurken, Feta und Paximadi. Natürlich unterstützen wir ihn und schnippeln Gemüse. Mhh, das schmeckt! Nur das Sitzen auf dem harten Kieselboden ist bloß mäßig bequem.

 

Nun wollen wir Chorio einen Besuch abstattet. Zum Glück sorgt der Wind für etwas Frische beim nahezu schattenlosen Aufstieg in den Hauptort. Hier kann ich als Ortskundige bei den Paddlern punkten und ein bißchen was über das Kastro und die Kirche der Osia Methodia erzählen. Prompt ernennt mich Jeremy zur landeskundlichen Co-Führerin. Mache ich doch gerne.

Es ist dann fast vier Uhr, als wir wieder mit den Kajaks ablegen. Aber das ist das Schöne bei so einer Tour: wir haben keine Termine, müssen nicht irgendwann irgendwo sein. Eine Uhr habe ich sowieso nicht dabei, nur das Handy oder der Fotoapparat wissen die Zeit, aber die sind oft wasserdicht unter Deck verstaut. Macht nichts, denn die nächsten Tage werden vom Tagesrhythmus und dem gemeinschaftlichen Tun bestimmt. Das tut sehr gut. Und angenehmerweise sind alle Mitpaddler sehr relaxt unterwegs, keiner will Kilometer bolzen.

Der Wind ist abgeflaut. Wir queren nun hinüber nach Polyegos. Das zieht sich etwas, und ich merke die fehlende Übung und die erlahmende Armkraft. Aber geht schon. Kim wirft seine Angelleine aus, hat aber keinen Fangerfolg. Außer dass ich beinahe in seiner Leine hängenbleibe.

Bald erreichen wir die hier weiße Küste von Polyegos, der Ziegeninsel, und paddeln diese entlang südwärts. Das Meer leuchtet in durchscheinendem Türkisgrün, einfach wunderschön. Kann es ein schöneres Paddelrevier geben?

 

Polyegos ist mit 18 km² die größte unbewohnte Insel der Ägäis, auch wenn der Census 2011 noch zwei Einwohner angibt. Es gibt eine Kirche dort, und ein paar verstreute Häuschen fernab der Küste. Nun können wir die nächsten zwei Tage Robinson spielen.

Unser Tagesziel ist die weite, sandige Bucht von Pano Mersini. Gut zwanzig Kilometer haben wir laut Jeremy heute zurückgelegt.

Als wir ankommen, liegen noch zwei Ausflugsboote dort, und ein Segelboot, das wohl auch die Nacht bleiben wird. Die Ausflugsboote sind eine Katamaran und ein Segelboot, die Gäste plantschen, unterstützt durch wummernde Bässe vom Katamaran zwischen Boot und Ufer. Offenbar gibt es auch Spätnachmittags- und Sonnenuntergangstouren nach Polyegos, ich war vor fünf Jahren mit der "Eleni" mittags hier. Zum Glück entschwinden die beiden Boote bald und lassen uns in der Ruhe des Strandes zurück.

Die Bucht ist sehr weitläufig und sandig-kiesig, sie wird nach Süden von einer niedrigen Felsenhöhe begrenzt. Wir haben am südlichen Ende angelegt und suchen nun jeder einen Platz für unser Zelt. Jeremy zeigt mir, wie ich das Zelt aufbaue. Zwei dünne, flexible Stangen zusammenstecken, durch das Unterzelt und fixieren, dann noch die Stange für die Front, und schließlich das Überzelt darüber und mit zwei Sandheringen die Türe befestigen. Das war einfach. Die Matte ist aufblasbar, und wenn man davon absieht, dass ich sie die erste Nacht zu fest aufgeblasen haben, ist das auch kein Hexenwerk. Schwieriger ist es, bis ich aus den verschiedenen blauen Drybags meine Sache so sortiert habe, dass ich sie auch finden. Da wird es zwei, drei Tage Routine brauchen.

 

So, nun noch schnell ein Bad im Meer, das immer noch nur 18 Grad kalt ist. So allmählich sollte es sich doch mal erwärmen.

Danach höre ich im Webradio die Übertragung der letzten Viertelstunde des letzten Spieltages der Fußball-Bundesliga. Der VfB Stuttgart schafft tatsächlich das Wunder, gewinnt in letzter Minute gegen Köln während Hertha verliert, und ergattert so tatsächlich noch den letzten Nichtabstiegsplatz. Glückwunsch-SMS treffen ein. Hey, wenn das mal kein geglückter Tag ist!

Nun schnell der Anderen helfen bei der Zubereitung des Abendessens. Die Entsorgung soll individuell hinter den Büschen im Hinterland erfolgen, das Papier bitte mitgebracht und vor der Abreise verbrannt werden. Das erregt Martins Missfallen - ob Jeremy keine Schaufel dabei hätte? Hat er nicht. Ich kann mich damit arrangieren, es hat Platz genug hier.

 

Das Abendessen - Chicken Curry - schmeckt köstlich, und weil Jeremy auch Wein, Tsipouro und Ouzo eingepackt hat, müssen wir nicht beim Wasser bleiben. Nur ein bißchen rationieren. Einen ins Flüssige übergegangen Joghurt mit Honig gibt es als Nachtisch auch noch für jeden. Wir haben ja keine Kühlmöglichkeit, Verderbliches muss zuerst weg.

Martin und Felice haben zusammensteckbare Campingstühle dabei, um die ich sie im Laufe unserer Tour noch beneiden werde. So etwas werde ich mir auch zulegen sollte ich öfters Mehrtagestouren machen. Das Kauern auf dem Boden ist doch sehr unbequem für meinen vom viele Sitzen auf Stühlen verwöhnten und deformierten Rücken - die Iliosakralgelenke lassen prompt grüßen.

Jeder und jede fasst noch kurz die Eindrücke vom Tag zusammen - auch dies wird eine abendliche Ritual werden -, aber ich muss alles erst mal sacken lassen. Und auf Englisch fehlen mir da eh die Worte.

 

Den Sonnenuntergang hinter Kimolos genießen wir vom Felsenrücken aus. Zu dem Segelboot haben sich zwei weitere gesellt, aber sie bleiben alle draußen in der Bucht. Heute Nacht werden wir die einzigen Bewohner von Polyegos sein. Schade, dass die Insel nicht dauerhaft bewohnt ist, sonst könnte ich sie sogar nach gwg_49s Maßstäben - gezählt werden dürfen nur Inseln, auf denen man auch übernachtet hat - als gesammelt abhaken.

In Psathi und Chorio gehen die Lichter an. Das sieht so schön aus.

Der Fast-Vollmond geht in unserem Rücken auf. Er beschwert uns während der ganzen Tour auch nachts ausreichend Beleuchtung. Wir sitzen noch eine Weile und schwätzen. Leider haben wir nicht genug Brennbares für ein Lagerfeuer gefunden, und wir alle sind auch herzlich müde. Und so ist wenig später schon Schlafszeit. Oder zumindest Rückzugszeit in Zelt. Jeremy skypt noch mit der seiner Familie, wie nun jeden Abend. Hier hat er Empfang, aber an unseren nächsten Etappenzielen wird das nicht immer der Fall sein, so dass er nächtlich auf eine Anhebung steigen muss. Aber er kennt natürlich die entsprechenden Stellen.

Und ich kämpfe die halbe Nacht mit den vielen Eindrücken, und mit meinem Schlafsack, dem aufblasbaren Kopfkissen und der (zu hart aufgeblasenen) Matratze. Es ist erst zu warm und ich stranguliere mich beinahe im Schlafsack. Schlüpfe ich heraus, wird es zu frisch. Vermutlich ist es normal, dass man die erste Nacht im Leben, die man in einem Zelt schläft (ja, tatsächlich!) oder zu schlafen versucht, nicht gut schläft. Zusätzlich schmerzen dann doch die Arme und Schultern, die ich schließlich mit einer Ibuprofen erfolgreich ruhig stelle. Schließlich muss ich noch vier Tage paddelfähig sein.
Vier weitere Tage voller unvergesslicher Eindrücke.