Am Samstag ist es so windig, dass ich das Frühstück von der Terrasse nach innen verlegen muss. Nur ein hartgesottenes Paar harrt draußen aus. Aufpassen, dass das Brot nicht wegfliegt!
Mit der wärmeren Decke habe ich heute Nacht viel besser geschlafen und bin tatendurstig. Oder besser wanderdurstig. Der Körper hat sich ausreichend regeneriert, und so werde ich die längere Tour
von Melanes durch das die Potamia-Dörfer und weiter nach Chalki in Angriff nehmen. Kein Neuland wie gestern, aber eine Wanderung mit vielen Aus- und Einblicken.
Der Busfahrplan hat heute gewechselt, aber schon vorher gab es am Wochenende keine Busverbindung nach Melanes (und unter der Woche um 7:30, 12:00 und 14:30 Uhr – nicht richtig wanderfreundlich). Es wird oft geschrieben, dass Naxos sehr gute Busverbindungen hätte. Das ist leider nur teilweise wahr und betrifft die belebten Strände der Westküste und die großen Dörfer an der Tragea bis Apiranthos. In den Norden, etwa nach Apollonia oder Koronos gibt es in Vor- und Nachsaison nur spärliche Routen dreimal die Woche, und Moutsouna kann man gleich ganz vergessen. Sehr schade für Wanderer!
Ich habe gestern Margrit gefragt ob sie mich hinfährt, und so holt sie mich um Viertel vor zehn am großen Parkplatz hinter der Chora ab. Wir haben wie immer viel zu schwätzen und die Fahrt ist zu für alles das. So verabreden wir uns für den Abend zum Essen in der Chora im „Ladocharto“, das sie noch nicht kennt. Wir wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag, und werden ihn beide haben.
Um zehn nach zehn starte ich die Aufzeichnung meines Tracks in Melanes. Es geht erst durch den Ort aufwärts nach Süden. Im Januar 2019 bin ich mit Barbara, Therese und Lothar hier gewandert, an einem sonnigen Wintertag. Jetzt ist es deutlich weniger grün, aber die olivenbaumbestandenen Hänge mit den weißen Dörfern darin und den verschiedenen Gipfel darüber befeuern die Wanderlust.
Die Wanderroute verläuft zunächst auf einer Straße nach Süden aus dem Ort hinaus. Bei der Kapelle Genisi tou Sotiros flattern zwei große Flaggen im Wind während dahinter an einer Baustelle gearbeitet wird. Die glatte Oberfläche einer randvollen Zisterne ist neben der Kapelle zu erkennen. Der Regen letzte Woche hat gutgetan, auch wenn er manche Urlauberfreuden vergällt haben dürfte.
Zur Ruine des verlassenen Jesuiten-Klosters Kalamitsia ist es nicht mehr weit. Es war vom 17. bis Mitte des 19. Jahrhundert in Betrieb und gehört heute dem griechischen Staat, der es verfallen lässt. Naxos ist eine perfekte Insel für die Liebhaber von Lost Places, denke ich, als ich vorsichtig durch die maroden Räume streune. Schwarzhohe Bogentüren, teilgepflasterte Boden, bröselnde Wände, kecke Schornsteinchen wie Wächter darüber. Von draußen drückt üppiges Grün herein - die Kombination hat was.
Aber heute zieht es mich schnell weiter, langen Schrittes. Ein Blick zurück: da ist noch ein Pyrgos darüber. Oder ist es ein Taubenhaus? Das Tonnendach ist seit dem Besuch vor sechs Jahren eingestürzt, die stummeligen Überreste wirken wie Turmzinnen.
Nun muss ich kurz den Weg suchen, es hat auch ein paar Zäune, die ich nicht überwinden kann. Aber ich bin nur kurz falsch gegangen und finde mein Monopati etwas weiter unten. Nach einer Wiese – hier war damals die große Gänseschar unterwegs – erreiche ich die Straße nahe Kato Potamia. Eine Stunde bin ich nun unterwegs. Ein Stück muss ich auf der Straße gehen, ehe die weißstrahlende Kapelle Agia Anna bei einem Weingut als Landmarke auf die Abzweigung ins Tal hinab hinweist. Eine Weinprobe in der Saint Anna Winery ist zwar verlockend, aber wandertauglich wäre ich dann nicht mehr. Die Kirche ist aber unverschlossen und ermöglicht mir das Anzünden von Kerzen. Etwas warten ehe ich sie wieder auslösche – das Kirchlein scheint frisch geweißelt
Am Weingut vorbei also hinab ins Potamia-Tal, ein Bogen folgt dem Talverlauf, dann erreiche ich eine Straße, die aber nicht mehr die Hauptstraße ist. Sie führt nach Kato Potamia hinein, an der großen Kirche mit dem schattigen Platz vorbei. Die Route zweigt nun nach Osten ab. Der Bach sorgt für ein grünes Tal, dem ich an der nächsten Abzweigung mehr südlich folge. Die Taverne „Basiliko“ hat eine verschlossene Türe, aber der Blick über die Mauer zeigt einen gedeckten Tisch unter einer schönen und großen Pergola. Neugierig trete ich durch den Nebeneingang. Eine Gruppe Griechinnen sitzt an einem weiteren Tisch, sie sortieren Granatäpfel. Ob geöffnet sei, frage ich. „Ochi“ bekomme ich als Antwort. Auch nicht für ein Getränk? Nein. Schade. Ich lobe die schönen Granatapfel und bekomme prompt einen der Glücksbringer in die Hand gedrückt. Efcharistó!
Kaum habe ich die Pforte hinter mir geschlossen, kommt mir eine Gruppe von zwölf, vierzehn Personen, überwiegend Frauen und eher nicht griechisch, auf dem Weg entgegen. Sie betreten den Tavernengarten und lassen mich ratlos zurück. Was machen die denn da? Margrit wird mir am Abend die Antwort geben: die Taverne bietet Kochkurse für Touristen an (mal unter
„Naxos cooking lessons“ suchen), und das waren die Kursteilnehmerinnen. Solche Kurse sind vor allem auf dem anglophonen Markt ein starker Urlaubstrend, wie ich immer wieder in internationale Griechenland-Foren feststellen kann. Ok, die einen lernen im Urlaub Griechisch, die anderen Tanzen, und die dritten Kochrezepte. Mal abgesehen von den Erkundern aller Art – mit dem Bus, mit dem Auto, zu Fuß, mit dem Boot oder Kajak, oder mit dem Fahrrad. Passiv am Strand herumliegen scheint zumindest in der Nachsaison weniger gefragt. Ist eh zu kalt mit dem Wind. Ich finde das einen begrüßenswerten Ansatz, der meine Urlaubsvorlieben trifft.
Nachdem ich die Wassermühlenübrigbleibsel um die Taverne erkundet habe, führt mich der weitere Weg bergauf Richtung Mesa Potamia. Ich halte mich dabei unterhalb der Straße, suchen den Pyrgos Kókkou. Der liegt aber wohl weiter unten im Tal und ich habe keine Lust, wieder hinabzugehen nachdem ich vorhin erst die steile Steige an der alten Schule erklommen habe. Auf einem gepflasterten Weg entlang des Bachlaufes störe ich ein paar Enten. Nun muss ich mich rechts halten und nach Ano Potamia hinauf. Wieder steil. Ein ruhiges, bougainvileagepflegtes Dorf. Inzwischen ist es halb eins. Soll ich in die Taverne Pigi abzweigen, die an der kurvigen Straße ein gutes Stück abseits meiner Wanderroute liegt? Oder mich auf dem Weg halten, weiter östlich, und irgendwo mein improvisiertes Vesper genießen? Ich bin schon etwas angestrengt, verwerfe den Abstecher und genieße ein eher frugales Mahl auf einer Bank an der Straße mit Blick über das schöne Potamia-Tal.
Der weitere Weg geht zunächst als Feldweg auf der anderen Seite der Straße weiter, Chalki und Apano Kastro sind ausgeschildert. Auch hier blüht Heidekraut am Wegrand. Die Landschaft hat sich gewandelt, von grün und üppig zu karg und felsig. Es geht leicht bergauf und bald kann ich die Felsenhöhe des Apano Kastro vor mir sehen. Soll ich wieder ein Gipfelversuch starten? Vor zweieinhalb Jahren fehlt mir die Zeit, heute habe ich sie. Und ich weiß jetzt auch wo der Weg verläuft.
Zunächst statt ich aber der Kapelle Agios Andreas einen Besuch ab, wundere mich wieder über das Fresko mit den Füßen im Wasser. Stellt es ein frühes Fisch-Spa dar?
Bis zum Fuße des Burgberges ist es nun nicht mehr weit, und ich werde es probieren mit dem Gipfel. Durch das Tor im Mauerring an der Kapelle Agios Panteleimonas, und dann aufwärts durch die Frygana leicht nach links. Schnell ist die erste Geländestufe erreicht, hier wird es kurz etwas leichter. Über mir eine schmale Kapelle, in den Himmel ragend.
Eine dreiköpfige Gruppe kommt mir entgegen, ein Touristenpaar mit einem einheimischen Guide. Ich frage ihn, wo der Weg zum Gipfel verläuft, und ob er schwierig ist. Er mustert meine Ausrüstung und ist offenbar zufrieden. Zeigt dann wo es lang geht, und dass man oben etwas klettern muss. Als Solo-Wanderin möchte ich keine Risiko eingehen, was er bekräftigt. Wir wünschen uns gegenseitig kalo dromo. Und werden uns morgen wiedersehen.
Bis zur nächsten Geländestufe rechts des Rundturmes ist es über steinige Wege nicht einfach, aber machbar. Ich weiß ja jetzt wo ich durch muss und habe dort dann zwischen Mauern und Gebäudefundamenten schon eine atemberaubend Aussicht: An eine steinerne Kapelle (Metamorphosis) tief unter mir kuscheln sich ein paar Schafe. Dahinter reicht der Blick über Naxos und das Meer bis Paros. Auf der anderen Seite die Tragea mit den weißen Dörfern darin, und der gestreiften Wand des Fanari sowie dem Zas dahinter.
Dann versuche ich, auf der Höhe den Einstieg zur obersten Bergetage zu finden. Stolpere über bis fußballgroße Steinbrocken und zerkratze mir die Waden an den unvermeidlichen dornigen Bibernellen. Ich gehe weiter um die Kegelspitze herum, finde aber keinen geeigneten Einstieg. Wieder weiter hoch und zurück – nicht gut, das ist nur was für die Ziegen, die ich dort oben entdecke. Ich werde es auch heute dabei belassen, und setze mich auf eine Steinmauer, sauge das Panorama in mich auf. Klar wäre es oben noch besser, aber vielleicht komme ich mal irgendwann in Gesellschaft her.
Betrachte dann noch die Ruinen um mich herum: Das Apano Kastro war eine venezianische Festung, vielleicht schon auf antiken Resten gebaut. Es bestand aus mehreren Mauerringen und diente auch als Fluchtburg.
Vorsichtig steige ich wieder hinab – zu leicht machen sich die runden Steine unter der Sohle selbständig und man landet auf dem Allerwertesten. Ich bin froh an meinem Stock, und als ich wieder den Wanderweg Ano Potamia nach Tsikalarió erreicht habe. Letzter Blick zurück und hinauf, dann geht es über einen ausgespülten Weg bergab nach Tsikalaró. Weil ich inzwischen körperlich schon sehr müde bin, folge ich dem Wegweiser nach rechts zu einem Friedhof aus der geometrischen Zeit nicht, sondern strebe zügig Chalki zu, vorbei an der wie immer verschlossenen Kirche Agios Stefanos. Ich bin durstig, aber in Tsikalario scheint es keine Einkehrmöglichkeit zu geben. Der Weg nach Chalki zieht sich länger als ich ihn in Erinnerung hatte, aber vor zwei Jahren bin ich ja auch in der Gegenrichtung unterwegs gewesen und war zu Anfang meiner Wanderung noch frisch. Es ist kurz vor drei Uhr, als ich das Dorfzentrum von Chalki erreiche. Vier Stunden und 40 Minuten war ich unterwegs, auf 11,6 Kilometern Strecke mit 439 Höhenmetern hinauf und 300 hinab. Die reine Gehzeit betrug laut Outdooractive drei Stunden, was mir doch etwas kurz vorkommt.
In der sehr gut belegten Taverne „Giannis“ an der kleinen Platia finde ich einen freien Tisch und bestelle eine Spanakopitta, Limo und Wasser - letzteres natürlich kalt. Schnell friere ich auf dem zugigen Platz, nassgeschwitzt wie ich bin, und ziehe mir an was ich an Klamotten dabeihabe. Muss in die Sonne, aber die versteckt sich etwas.
Der Bus fährt erst gegen halb fünf, und so habe ich, inzwischen abgetrocknet, noch Zeit für einen ausgedehnten Ortsbummel samt Besuch der hübschen Geschäfte inklusive „Fish & Olive“. Und natürlich der Kitrondestillerie Vallindras. Vielleicht sollte ich mich wirklich mal in Chalki einquartieren.
Das Busticket für die Rückfahrt, das man auf Naxos vor der Fahrt kaufen muss, bekomme ich in dem kleinen Lädchen „To Kellari tis Gitonias“, zwei Euro fünfzig werden fällig. Der Bus kommt schon gut gefüllt von Apiranthos und Filoti, aber ich bekomme noch einen Sitzplatz für die halbstündige Fahrt nach Chora.
Und wieder bin ich erschöpft, aber glücklich zurück in meinem Turmzimmer.
Am Abend verabrede ich mich mit Margrit. Wir treffen uns im „Avaton 1739“ oben am Kastrorand und genießen gemeinsam den Untergang der Sonne hinter Paros. Der Wind hat aufgefrischt und wird weiter an Stärke zulegen. Was uns beim Abendessen im „Sto Ladocharto“ nicht stört. Erstaunlicherweise kennt Margrit es nicht, was auch an seiner diskreten Lage im ersten Stock über der Paralia aber mit Eingang von der Rückseite liegen könnte. Ich hätte wissen müssen, dass die Portionen hier üppig sind, und obwohl wir zusammen nur drei Speisen bestellt haben – eine Loukaniko-Vorspeise, frittierte Zucchinisticks und einen interessanten Hühnchensalat mit Pommes – schaffen wir das Gebrachte nicht. Was nicht an der Qualität liegt. Mit einem halben Liter Wein, Brot und Wasser dazu bezahlen wir vierzig Euro und sind mehr als satt und zufrieden. Ein schöner Tag klingt aus.
Morgen ist Sonntag, und ich habe mich mit Thomas zu einer weiteren, allerdings nur kurzen Wanderung verabredet.
*
Und tatsächlich bläst es am Sonntag wieder in heftiger Stärke, so dass das Frühstück erneut drinnen stattfinden muss. Ich bin erst um elf Uhr mit Thomas am Parkplatz hinter dem Kastro verabredet und habe so Zeit für einen Bummel zum Hafen, wo die „Blue Star Naxos“ mit halbstündiger Verspätung in Schräglage von Donoussa kommend anlegt. Wegen des „Donoussa Trail Run“ hat sie eine Sonderfahrt eingelegt. Christina müsste mit ihr kommen, aber ich entdecke sie nicht.
Der Weg zur Portara auf ihrem vorgelagerten Inselchen wird von den Wellen nassgespritzt, und so verzichte ich darauf, mir jetzt schon den neuen Zaun um den Tempelrest anzusehen, den die Dummheit eines Touristen notwendig gemacht hatte: Er hatte im Sommer mit einem hochgehobenen, schweren Tempelstein über dem Kopf in social media geprahlt. Was zeigt, dass Körperkräfte nicht unbedingt mit adäquaten Geisteskräften einhergehen. Dank ihm wurde schon Schutz der Ruinen eiligst ein Bauzaun hochgezogen. Von der Ferne sieht der eigentlich recht unauffällig aus.
Pünktlich um elf Uhr holt mich Thomas mit seinem Mietwagen am Parkplatz ab. Wir kennen uns schon lange aus dem Kretaforum, wo er oft der Schrecken des damaligen Forumsbesitzers war. Inzwischen hat er sich gemäßigt und seine gelegentlichen Trollereien werden mit Amüsement und auch Verständnis geduldet. Thomas ist wie ich ein großer Liebhaber von Amorgos, wo wir uns vor über zehn Jahren schon mal in Langada verabredete hatten. Weil er und seine Freundin sich oft, so wie jetzt, in Agia Anna auf Naxos aufhalten, hatten wir uns letzten Herbst dort und in Egiali mehrmals getroffen und über unsere Nissomanie ausgetauscht. Er wandert gerne weglos, auf der Suche nach Walloneneichen, Walnussbäumen, Höhlen und mehr. Heute wollen wir nur eine kleine Tour machen, von Keramotí zum Wasserfall von Routsounas.
Die Fahrt nach Keramoti dauert eine Dreiviertelstunde, aber ich genieße sie. Thomas schwärmt mir von dem Dörfchen Keramoti vor, das zwischen Fanari und Mavro Vouni versteckt in einem üppig-grünen
Tal liege, und in dem nur noch ein Handvoll alte Leute leben würden. Offiziell sind es nach 56 nach dem Census 2021, aber als wir uns dem abgelegen Dorf nähern, ist die ganze Straße, eine
Sackgasse, zugeparkt. Was Thomas Missfallen erregt: Menschenmassen, von ihm gerne als „Horden“ betitelt, sind ihm ein Gräuel. Mir auch, aber hier handelt es sich um etwas spezielles, wie wir bald
erfahren: am heutigen Sonntag findet ein 40-Tage-Mnimosyno (Gedenkgottesdienst) für den Anfang September verstorbenen Gemeindepräsidenten von Keramoti, Emmanouil Fakinos statt. Der Mann war
offenbar hochgeschätzt und viele Einheimische nehmen an dem Gottesdienst teil oder warten um die Kirche. Da wollen wir nicht stören und durchqueren das malerisch, quellenreiche Dorf, in dem es
einige museale Gebäude zu besichtigen gäbe, etwa Mühlen oder eine alte Wäscherei. Jetzt nicht, aber der Wanderweg Nummer 12 nach Routsounas und weiter nach Skeponi ist ausgeschildert. Gerne
würden wir bis Skeponi gehen, aber das sind elf Kilometer, und wie kämen wir dann zurück zum Auto?
Zum Wasserfall von Routsounas sind es nur zweieinhalb Kilometer, für die 50 Minuten Gehzeit angegeben werden. Das passt uns, auch wenn meine Erwartung an kykladische Wasserfälle nicht sehr hoch
sind. Aber vielleicht hat sich durch den Regen der letzten Woche auch da etwas getan.
Ein wunderbarer Pflasterweg führt unter einem dichten Laubdach – Platanen, Nussbäume, Eichen - unten aus dem Dorf hinaus, geht dann entlang einer Wasserleitung mit einer Art Aquädukt. Der gute Weg wird aber kurz darauf steiniger, und ich packe meinen Wanderstock aus.
Der Weg führt nicht im Talgrund entlang, wie Margrit gedacht hatte, sondern auf halber Höhe, und damit bald auf dem Wald heraus. Dennoch sind wir hier vom Wind ziemlich geschützt. Ein paar Wanderer kommen und entgegen, andere überholen wir. Über das unteren Talende kann man nun bis zum Meer und Paros gucken. Es ist ja das gleiche Tal, das ich vorgestern nach Engares gewandert bin, nur weiter oben. Der Weg nach Skeponi hält sich im weiteren Verlauf aber weiter oben und verläuft am Südhang des Mavro Vouni und Koronos, den Thomas natürlich schon erklommen hat, nach Westen und dann Norden. Es gibt hier noch viel zu wandern.
Die Landschaft wird steiniger, und eine gute halbe Stunde nachdem wir Keramoti verlassen haben, weist ein Wegweiser im rechten Winkel links den Abzweig zum Wasserfall. Spätestens hier ist dann Ende für Spaziergänger, denn er Pfad geht nun sehr steinig und wenig später auch recht steil im Zickzack den Hang hinab. Dazu kommt noch Frygana-Gestrüpp. Die Bezeichnung ist ausreichend, und nach einer Viertelstunde können wir den Wasserfall von Routsouna sehen, der über einen Felsen fällt. Wir sind noch weit weg, aber was wir sehen, ist eine Enttäuschung, denn die Wassermenge ist spärlich. Mal sehen wie es von näher dran aussieht.
Nun müssen wir sogar etwas klettern, trauen uns aber nicht bis ganz hinunter in die schmale Klamm, die mit einem Wasserbecken zwischen großen Felsbrocken gefüllt scheint, und von Bäumen überwachsen ist. Unten klettern zwei Männer herum, suchen offenbar einen Weg weiter hinab ins Tal. Irgendwann kommen sie zurück, offenbar erfolglos.
Uns ist es zu halsbrecherisch hinab, und es reicht uns was wir sehen. So machen wir eine Rast auf einer Felsenbank und genießen die Atmosphäre und die Gespräche.
Als wir wieder hinaufsteigen, kommen uns zwei Frauen – Mutter und Tochter – entgegen. Mit ihren leichten Sneaker sind sie jetzt schon von dem Abstieg überfordert und wir raten dringend ab, weiterzugehen. Komisch, dass viele Urlauber offenbar denken, auf einer griechischen Strand- und Ferieninsel gäbe es keine schwierigen Wege. Aber viele Touristen denken ja auch, dass griechische Inseln nur für Urlauber da sind, und nur bewohnt so lange man touristische Bedürfnisse erfüllen muss … Irgendwo hier treffe ich dann auch den Wanderguide von gestern wieder, mit anderen Wandergästen.
Thomas erklärt unterwegs verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten auf den Mavro Vouni und den Koronos. Beim nächsten Naxos-Besuch.
Um zwei Uhr sind wir wieder zurück in Keramoti. Viereinhalb Kilometer waren es hin und zurück, 179 Meter hinauf und hinab. Der Gottesdienst ist vorbei, in der Kirche wird aufgeräumt. Für so ein
kleines Dorf ist es eine ziemlich große Kirche, und schön ausgemalt. Eine Frau drückt uns zwei verpackte Tsourekia in die Hand, als wir uns im Kirchenhof etwas hinsetzen und ausruhen. Auf der
anderen Seite der Kirche, wo die Wirtschaftsräume sind, wird noch gesessen, gegessen und geschwätzt.
Wir sind nun auch hungrig, und Thomas schlägt vor, nach Moní zu fahren und dort einzukehren. Machen wir. Wir parken in der Spitzkehre und landen in der Taverne „Panorama“, setzen uns draußen auf den Balkon, halbwegs windgeschützt. Bestellen die offerierten Biftekia und Gigantes. Die Portionen sind großzügig, die Fleischküchle aber hart und recht kalt, die Essensqualität eher durchschnittlich. Ein Viertel Wein dazu, und Wasser. Die anschließend fälligen dreißig Euro sind da eigentlich zu teuer.
Thomas klaut noch ein paar Äpfel am Straßenrand ehe wir die Fahrt nach Chora antreten, wo wir gegen fünf Uhr ankommen und mich Thomas absetzt. Danke Thomas, das war ein schöner Tag! Noch einen schönen Aufenthalt! Und viele Grüße an Friedel!
Zum Sonnenuntergang gehe ich hinab zu Hafen. Als Feuerball verschwindet die Sonne hinter Paros während der Wind das Meer zu Wellen treibt. Die Blue Star fährt gen Piräus. Und auch wenn ich eine Volldusche befürchten muss, werde ich nun zur Portara hinübergehen. Mit etwas Glück und dem richtigen Timing erwischt es mich nicht zu heftig. Dort genieße ich den Blick auf die Altstadt und dahinter den Zas im Abendrot, als mein Telefon klingelt. Es ist Manolis, der grünes Licht für die Kajak-Tour morgen gibt. Natürlich geht es nach Kalantos an der Südspitze von Naxos, und von dort zur Rina-Höhle. Kenne ich schon, aber das ist mit egal. Hauptsache Kajak.
Nun kann ich mich der Portara widmen. Der zwischenzeitliche Bauzaun ist inzwischen einer schlichteren und filigranen Umrandung aus Pfosten und Schüren gewichen, nur deutlich höher als die frühere. Leicht überwindbar, aber auch die Optik kaum störend. Mit etwas mehr Abstand gibt der Zaun dem Tempelrest die Würde zurück, und ich finde ihn gelungen. Es kann aber sein, dass das nun wachgerüttelt Ephorat für Altertümer die ganze Tempelinsel zukünftig absperrt, so dass der Zugang nur noch mit Eintritt möglich ist. Das wäre schade, aber man wird sehen.
Ich verweile hier bis sich die Silhouette von Paros nur noch als dunkler Schatten vor dem rotgoldenen Himmelsrand abhebt. Erwische auch auf dem Rückweg noch einen halbwegs trockenen Moment auf der Landverbindung. Zum Abendessen bin ich nicht hungrig genug, aber ein schönes Eis gönne ich mir in einem der Cafés an der Paralia. Die Kugel kostet drei Euro fünfzig, ist aber riesig. Dubai-Style mit Pistazie und knusprigem Engelshaar – köstlich, und eine vollwertige Mahlzeit, fürchte ich.
Zufrieden lasse ich den Tag ausklingen.