Nonnen und Steine

 

Bei Tom&Gerry mieten wir uns ein Auto. Wieder einen Fiat Panda, für 20 Euro am Tag, weil er nicht geputzt ist. Das Ganze geht höchst unbürokratisch ab: die Frau im Büro schreibt meine Führerscheinnummer auf, zeigt uns das Auto und gibt uns den Schlüssel. Zahlen sollen wir beim Zurückgeben, heute Abend, oder morgen früh, alles kein Problem.

Wir packen Badesachen ein – heute will ich an nen richtigen Strand! Zuerst aber – zur Abwechslung - ins Kloster, das hatten wir auf Patmos noch nicht ;-)

 

Zum Kloster des Heiligen Nektarios. Die nette Frau im Informationszentrum hat es uns in der Karte eingezeichnet, es liegt an der Bucht von Sapsila zwischen Skala und Grikos. Wir verpassen die Abzweigung beim ersten Mal, Bauarbeiten auf der Straße irritieren uns. Also in Grikos wenden und  langsam zurück, rechts abbiegen – da ist es. Röcke anziehen. Vor uns liegt eine ausgesprochen gepflegte kleine Klosteranlage, die wehrhafte graue Steinmauer sieht man nur von der Meerseite. Das Tor ist offen, überall blüht es, die Büsche sind geschnitten, ein Pflanzenfreund muss hier wohnen. Allerdings ist niemand da und die Kapelle geschlossen. Wir sehen uns etwas um und wollen wieder gehen als die Mutter leise ein Glöckchen läutet. Da bewegt sich der Vorhang hinter einem Fenster – upps, ich fürchte, wir haben jemanden geweckt…. Kurz darauf erscheint eine alte Frau im Nonnenhabit. Ob wir die angekündigten vier Frauen sind – die Frage erklärt sich von selbst. Sie schließt uns die Kapelle auf – diese scheint mir recht neu zu sein. Singen oder nicht – wir trauen uns nicht so recht, und lassen es lieber (traumatische Erlebnisse in andern Klöstern…).

Die Nonne fragt uns aus: Wo wir herkämen? Aus Deutschland, bei Stuttgart. Da fängt sie plötzlich an, Deutsch zu radebrechen. Das würde sie kennen, sie hätte in Sindelfingen gearbeitet, zu Beginn der sechziger Jahre, bei Daimler. Böblingen, Herrenberg, Leonberg kennt sie auch… na da schau an, die Welt ist klein! Wie sie wohl den Weg hierher nach Patmos und ins Kloster gefunden hat? Ich würde sie gerne fragen, aber sie will nun von uns wissen welcher Religion wir angehören. Evangelisch – ja, das geht nun aber gar nicht!  Katholisch wäre schon schlimm genug, aber Evangelisch! Wir müssten doch lesen, und denken, und dann würden wir merken, dass der orthodoxe Glaube der einzig wahre ist. Ich kann das so stehen lassen, aber nicht die Tante, die kirchlich sehr engagiert ist. Zum Glück reichen für einen Disput die beidseitigen Fremdsprachenkenntnisse dann doch nicht aus.

 

Die Nonne führt uns durch ein Tor hinauf ans Ufer – hier hätten schon Taufen stattgefunden, da wären mal zwei  Kölner Priester dagewesen – so ganz versteh ich nicht was sie nun meint. Aber dass sie uns am liebsten an Ort und Stelle zum orthodoxen Glauben bekehren und taufen würde, das sehen wir ihr an. Ist auch ein wunderschöner Platz, das Ufer hier. Taufen muss aber nicht sein.

Wir loben den wundervollen Garten und fragen sie, ob sie denn einen Gärtner oder sonst jemanden hat, der ihr hilft (wie alt mag sie wohl sein?). Nein, sie würde den Garten nur alleine zusammen mit dem heiligen Nektarios pflegen, Hand in Hand. Der Heilige hat offensichtlich einen grünen Daumen, das muss man ihm lassen…. Die Nonne ist auch keineswegs den Errungenschaften der modernen Technik abhold, auf dem Parkplatz steht ihr Auto - mit Nektarios am Steuer kann ihr ja nichts passieren.

Wir verabschieden uns. Eine seltsame Begegnung. Eine Begegnung, die uns bleiben wird.

Von der Einsiedelei nun zum Großkloster. Patmos hat derart viele Klöster, da kann man schon mal den Überblick verlieren.

Neben den bekannten Johannes-Klöstern gibt es auch noch ein recht großes Frauenkloster auf Patmos, das Kloster Evangelismos unweit der Chora (eigentlich gibt es sogar zwei, das Kloster Zoodochos Pigi ist auch ein noch bewohntes Nonnenkloster). Laut Reiseführer wohnen dort etwa vierzig Nonnen und Novizinnen. Das Kloster ist auch in diesem Festungsstil ausgebaut, und erscheint recht neu, seit 1937 existiert es wohl in dieser Form. Geöffnet hat es eigentlich nur vormittags bis 11 Uhr, und das ist gerade vorbei als wir dort ankommen. Aber das breite Tor ist offen, und wir treten ein.

Eine schöne, weitläufige Anlage, die Kirche unverputzt. Sie ist innen komplett ausgemalt, in den 1980er Jahren wurde dies im traditionellen Stil von der Nonne Olympias gemacht, die auch die anderen Nonnen in der Kunst des Ikonenmalens unterrichtet hat. Davon und vom Nähen und Sticken liturgischer Gewänder kann das Kloster recht gut leben

Wir sehen ein oder zwei Nonnen, sie sind recht freundlich, aber auch schweigsam. Ist das ein Schweigeorden, oder ist nur Schweigezeit?

 

Die Fresken sind wunderschön in ihre Klarheit und der Leuchtkraft der Farben. Man könnte diese illustrierte Bibel stundenlang angucken. Die inzwischen verstorbene Olympias war eine echte Künstlerin.

Als wir aus der Kirche wieder in den Garten treten, bringt uns eine Nonne - schweigend – Loukoumia und Plastikbecher – das Wasser können wir an einem Waschbecken selbst zapfen, deutet sie an. Gut, dass wir in der Kirche einige Kerzen angezündet haben und Geld in den Kasten geworfen haben.

Die Stille, die Aufgeräumtheit der Klosteranlage, der Terrakottaboden, die farbenprächtigen Geranien – was für ein Kontrast zum vom Hügel herabschauenden Johanneskloster, wo sich vermutlich schon wieder die Kreuzfahrer auf den Füßen stehen (er lag schon wieder ein großes Schiff vor Skala). Ok, dafür fehlt noch etwas Patina, aber die wird es bei den Sauberkeit liebenden Nonnen schwer haben…. Als wir gehen, hören wir einen freundlichen Abschiedsgruß von der Nonne (die Gästebetreuerin?), die uns die Süßigkeiten gebracht hat – sie dürfen also doch reden.

 

Nun zieht es uns zum Strand, und zwar bei Diakofti/Ormos Stavrou. Hatte ja gedacht, wir würden vielleicht nach Psili Ammos laufen (35 Minuten laut Reiseführer), aber das will dann doch keine. Die kleine Taverne direkt am Strand ist zu, auch sonst ist hier niemand. Ok, für ein schnelles Bad tut es auch der schmale Uferstreifen, denken die Cousine und ich. Die Cousine ist schon im Wasser, ich kämpfe noch mit dem unbequemen Untergrund, und im Wasser hat es Algen, eigentlich will ich da gar nicht rein. Ich tue es dann doch, was sich schon nach fünf Schritten als Fehler erweist: ich trete in etwas Picksendes. Seeigel! Verdammter Mist! Die Badeschuhe sind zuhause in Deutschland, denn ich dachte sie hier nicht zu brauchen angesichts der schönen Strände von Patmos. Das Wasser ist noch seicht, zur Entlastung des Fußes greife ich mit der rechten Hand auf den Boden – und erwische auch hier etwas Stacheliges. Volltreffer, 100 Punkte. Einbeinig-einarmig hüpfe ich aus dem Wasser, setze mich ans Ufer. Erst mal die Stacheln aus der Hand, das geht ganz gut. Nur einer im Mittelfinger sitzt tief, ich werde ihn mit nach Hause nehmen (er ist immer noch drin…). Die Stacheln sind porös, brechen leicht ab. Kleinere Operation am Ufersaum, dann bin ich wieder geh- und fahrfähig. Helfen gegen die kalkhaltigen Seeigelstacheln sollen übrigens (am besten in dieser Reihenfolge): Urin, Zitronensaft, Essig, Öl. Mhh, fehlt noch Knoblauch? Ich werde es beim nächsten – hoffentlich fernen -  Mal ausprobieren.

 

Und nun? Bötigs Reiseführer hat den ultimativen Tipp, schon alleine dafür lohnt sich die Anschaffung: das Restaurant „Tarsanas“ in der Werft an der schmalen Landzunge zwischen der Ormos Stavrou und der Ormos Petras. Kein Uneingeweihter vermutet mitten in der betriebsamen Werft eine Taverne, und erst noch eine recht schicke, mit eingebauten Booten, Glastischen und total entspannter Atmosphäre. Am einen Nachbartisch sitzen Arbeiter in farbverspritzen Klamotten für einen Frappé, am anderen zwei gutgekleidete Mütter mit der rosagekleideten Tochter der einen. Dazwischen hüpft ein Jack-Russell-Terrier herum. Während an den Kaikia gearbeitet wird und ein weiteres Boot gebracht wird. Die Nudel und der Salat mit Graviera sind außerdem so lecker, ein Glas Weißwein würde dazu passen, schade, dass ich noch fahren muss, so gibt es stattdessen Edelsprudel in der Glasflasche. Es mag ein bißchen teurer sein als anderswo, aber es ist ein genialer Platz.

Nun geht es wieder nordwärts. Patmos ist klein, keine 15 Kilometer in nord-südlicher Ausrichtung, die Entfernungen sind nicht wirklich groß, auch wenn manchmal Welten zwischen den Ortschaften und Besichtigungspunkten zu liegen scheinen. Ich will einen schnellen Blick auf Grikos werfen weil ich vor 14 Jahren hier war. Da die Sonne mächtig runterpratzelt wird es nur ein ganz schneller Blick, vor zum Strand, gucken, Foto, zurück. Es wurde und wird gebaut, der Ort wird so gesichtslos wie viele andere Strandorte, die ich in Griechenland schon gesehen habe. Schade. Aber das Meer liegt immer noch so ruhig und glatt vor Tragonisi wie damals.

Wir wollen nun ganz in den Norden, zum Kieselsteinstrand von Lampi. Über Skala und Kambos schlängelt sich die Straße. Für meinen Geschmack hat es auf Patmos zu viel Straße für zu wenig Insel, selbst die hinterletzte Bucht ist mit dem Auto zu erreichen (ok, außer Psili Ammos). Heute, wo wir mit dem Auto unterwegs sind, ist uns das recht. Aber unserer angesichts der warmen Temperaturen eh geschrumpften Wanderlust gibt es den Rest. Den Graf-Wanderführer „Samos und nördlicher Dodekanes“ habe ich umsonst mitgenommen.

 

Der Kieselstrand von Lampi also. Ich habe die votsalophilen Mütter darauf vorbereitet, dass das Mitnehmen von Steinen dort verboten ist. Sie wollten sowieso nie wieder Steine mitnehmen aus Griechenland, zuhause haben sie schon Tonnen davon. Dennoch mögen sie das Verbot nicht. Man könne doch eine Begrenzung machen, jeder nur zehn Steine oder so. Der Strand käme schon nicht weg. Ja, ja, große Töne bevor wir den Strand gesehen haben…. Bei der Cousine und mir steht erst das Badevergnügen im Vordergrund, das klare Wasser macht Spaß. Keine Seeigelgefahr – Vorteil von Kiesstränden. Wundervoll das Wasser, und keine Badenden außer aus zu sehen. Etwas weiter vorne befindet sich eine Taverne, dort sitzen einige Leute. Ob die aufpassen, dass niemand ihr „Strandgut“ mitnimmt? Mutter und Tante können den Blick nicht vom Boden losreißen, erinnert mich an die zwanghafte Naxos-Augen-Suche letztes Jahr auf den Ostkykladen… Kleine Steinhäufchen besonders prachtvoller Kiesel tragen sie zusammen. Und die Steine sind wirklich so schön wie nie gesehen: fein geädert, rot, gelb, blau, rosa, bordeaux. Zunächst fotografiere ich sie nur (mit der Makrofunktion meines neuen Fotoapparates habe ich immer noch Probleme), dann lege ich auch ein, zwei, drei besonders schöne auf die Seite. Packe sie später verschämt ob der kriminellen Tat unauffällig in die Tasche. Fühle mich als Dieb. Was steht auf Kieselsteindiebstahl?

Wenn das jede macht, ist der Strand wirklich bald weg. Keine Ahnung, ob und woher Nachschub kommen könnte. Die schönsten Steine des Lampi-Strandes zieren längst mitteleuropäische Gläser, Vitrinen, Regale, Balkone. Trotzdem: die Gier ist zu groß. Und meine Auswahl ist wirklich sehr bescheiden ausgefallen im Vergleich zur Tante…

Die Taverne am Strand soll gut sein, aber wir haben erst gegessen. Man sollte sich über die Insel schlemmen. Wenigsten auf einen Frappé setzen wir uns an einen Tisch direkt auf dem Strand. Die griechische Parea, die vorhin lautstark dort saß, hat sich davongemacht, die Wirtsleute essen nun selbst, Saganaki und Pommes, Salat. Nein, wir sind noch satt, schade. Die Vorspeise am Abend ist schon gestrichen. Vom linken Hügel winken zwei Windräder, am Felsen rechts steigt ein Taucher ins Wasser. Es sind die ruhigen Orte abseits, die Patmos‘ Reiz ausmachen.

Letztes Tagesziel ist die Nordostspitze von Patmos, die Kirche Panagia Geranou. Der Weg ist das Ziel, vielmehr die Straße, die endlich mal durch wenig besiedeltes Gebiet führt. Unten reiht sich Bucht an Bucht, unter anderem die Zwillingsbucht Didimes. Davor die Insel Agios Giorgos, und zerklüftete Felsen seeungeheuermäßig dazwischen. Grün zeigt sich hier die Insel, aber es ist nur Macchia, keine Felder. Ziegen, Schafe dazwischen, die Straße überall hineingefräst. Wir parken unterhalb des nicht mehr bewohnten Klosters, ein gepflegter Weg geht hinauf. Die Kirche ist leider zu, auch den Schlüssel suchen wir vergebens. Aber der Blick ist schön. Und es ist so ruhig hier.

 

Auf der Rückfahrt sehen wir Kaninchen und einen Hardun, direkt am Straßenrand. Tss, und wir suchen die Viecher kletternderweise auf Nisyros. Die Insel des heiligen Georg liegt immer noch so schön da, dahinter zieht ein Kreuzfahrtschiff gen Norden. Vom weitem gefallen mir die Teile einfach am besten. :-)

Letzter Halt ist am Strand von Kambos. In Skala habe ich einen Aushang gesehen, dass hier heute Abend (Vorabend vor Himmelfahrt) ein Fest mit Tanz und Live-Musik stattfindet. Die Vorbereitungen sind schon mächtig im Gange: die Tanzfläche direkt auf dem Sandstrand ist aufgebaut, und der Platz für die Musikanten, der Grill produziert fleißig Souvlakia vor. Außer den Grillmeistern ist aber noch niemand da, es ist erst halb sieben. Unser Auto müssen wir erst morgen Vormittag wieder abgeben, können also gut später nochmals hierher fahren. Ich will das gerne.

Der Sandstrand von Kambos sieht übrigens immer noch genauso gut aus wie ich ihn in Erinnerung hab. Nur die umliegenden Hügel sind nicht mehr so hoch…

Allerletzter Halt in Melói (man spricht das o und das i tatsächlich getrennt und nicht als i). Nett hier, aber auch viel stärker besiedelt als „damals“. Hätte ich nicht wiedererkannt. Einige Esel grasen auf zwei Wiesen – es sind die ersten Esel in diesem Urlaub (zumindest mit vier Beinen).

Zurück in unserem Quartier ist der nichttanzende Anhang (also alle außer mir) absolut unlustig, später noch nach Kambos zu fahren. Weil ich auch nicht weiß ob man als Tourist dort wirklich gerne gesehen ist, verzichte ich. Und bin jetzt noch traurig darüber…. Vielleicht hätte ich alleine hinfahren sollen. Andererseits hab ich heute schon so viel gesehen, und der Tag ist noch nicht zu Ende.

 

Wir essen nur Vorspeisen in der Ouzeri Tsivaéri (Z’viri? Nein, ein getragenes Lied, Tsivaéri heißt Schatz, Edelstein), die direkt am Strand liegt, nur durch die Uferstraße von ihm getrennt. Und am Strand findet ein besonderes Ereignis statt: mehrere Feuer wurden entzündet, und Kinder und Jugendliche springen über die Feuer, tanzen drum rum. Aus löschpraktischen Gründen in Badekleidung – es ist auch immer noch sehr warm. Rauch und Aschefetzen ziehen auch zu uns in die Ouzeri, die im ersten Stock auf einem Balkon liegt. Auch auf der anderen Buchtseite am Hafen und oben in Chora scheinen Feuer zu brennen, es gibt sogar ein Minifeuerwerk. Hat das mit Himmelfahrt zu tun? Keine Ahnung. Die Erwachsenen beteiligen sich nicht am Feuerhüpfen, machen lieber die Volta an der Paralia entlang, gucken.

Am Nachbartisch ist jemand nicht zufrieden – keine Ahnung was das Problem ist, wir haben nichts auszusetzen am Essen.

 

Morgen fahren wir nach Marathi.