Auf den Nirito und nach Kioni

Am Sonntagvormittag biegen wir am Isthmos auf die rechte Straße ein, die nach Anogi führt. Die Straße klettert noch weiter den Berg hinauf, und der Panoramablick auf den Inselsüden jenseits des Golfes von Molos ist einfach phänomenal! Rechts der Kegel des Aetos, links davon das grüne Massiv des Merovigli (669 Meter über Meer) und davor die Bucht von Vathy, die sich in der Frontalansicht stark verkürzt zeigt. Das sind wir nicht die einzigen, die anhalten und fotografieren. Es sind doch ein paar Leute mit Mietwagen oder -mopeds unterwegs.

Wenig später biegt links die Straße zum Kloster Katharon ab (Achtung, Ziegen!), das wir nach 800 Metern erreichen. Der volle Namen lautet Kloster Panagia tis Kathariotissas, es wurde 1696 gegründet, und ein Mönch soll noch dort leben. Dementsprechend sind wir "ordentlich" gekleidet: die Mutter mit Rock, ich hülle ein Tuch um meine Wanderhose. Aber so rücksichtsvoll sind wir mal wieder alleine, denn eine asiatisch-französische Familie entert neben uns das Klostergelände in kurzen Hosen.

Eine zweistöckiges breites steingraues Gebäude bildet den Riegel zur Außenwelt, durch das Tor gelangen wir in den rosengeschmückten Innenhof, und rechts in die blassgelbe Kapelle. Die wurde bei dem Erdbeben von 1953 schwer zerstört, präsentiert sich aber heute wieder in ganzer ausgemalter Pracht, mit vielen Tamata an der Ikone, die der heilige Lukas gemalt haben soll (der muss im Akkord tätig gewesen sein, so viele Ikonen soll es von ihm in Griechenland geben).

Zeit, ein paar Kerzen anzuzünden.

Anschließend werden wir von einem älteren Herren in ein Seitengebäude des Klosters gebeten, wo einige Griechen sitzen und wir von einer Frau Kaffee, Wasser und Loukoumia angeboten bekommen. Während der Kaffee zubereitet wird, zeigt uns der Mann einige Räume des einst stolzen Klosters - sie sind vernachlässigt und marode, dem Kloster fehlt es an Geld (wem fehlt das nicht in diesen griechischen Zeiten?), und mit jedem der hier nicht seltenen Erdstöße wird es schlimmer.

 

Der einzige Mönch, ein korpulenter älterer Mann, widmet sich auch lieber seinem Mobiltelefon. Doch, kurz fragt er woher wir kommen, und wir sind froh, dass wir auf unsere Antwort "Jermania" respektvolle Zustimmung und keine Schmähungen unserer Spitzenpolitiker zu hören bekommen, wie das in den letzten Jahren durchaus der Fall sein konnte und jetzt vielleicht wieder verstärkt vorkommen wird (ich haben sie nie gewählt und schäme mich oft für deren unsensibles Verhalten und die markigen Sprüche. Dennoch mag ich mich bei den Griechen nicht einschleimen - die Fehler liegen und lagen auf beiden Seiten. Was im Gespräch dann auch meist anerkannt wird. Dummköpfe gibt es aber überall, unabhängig von der Nationalität.).

 

Oberhalb des ummauerten Klostergebäudes steht ein hübscher Glockenturm (auch 1953 zerstört und wiedererbaut) mit einer schattigen Bank davor - hier soll die Mutter nachher auf mich warten. (Das Kloster schließt über den Mittag). Die Aussicht in fast alle Richtungen ist genial, aber ich werde heute noch mehr davon haben.

Nun geht es weiter nordwärts nach Anogi. Anogi - das obere Land (oder Erde - im Gegensatz zu Exogi - dem äußeren Land) ist das höchstgelegene Dorf auf Ithaki. Es liegt auf 550 Metern über dem Meer am felsig-kargen Osthang des Nirito und war in byzantinischer Zeit der Hauptort der Insel (so allmählich wird es unübersichtlich mit den ehemaligen Hauptorten). Klar, schifffahrende Angreifer hatten meist wenig Lust, erst mal so weit den Berg zu erklimmen. Heute hat Anogi noch 39 Einwohner (plus den einen Mönch, der auch zur Gemeinde zählt). Ferienhäuser sind hier Fehlanzeige, aber neben der Kirche gibt es ein geöffnetes Kafenio, das auch als Laden für die notwendigsten Dinge fungiert (sparsam über das wandbreite Regal verteilt). Der ausgestopfte Geier über dem Regal, flankiert von zwei ebenfalls ausgestopften Falken - eine sehr skurrile Kreuzigungsszene. Wortlos reicht mir der Wirt, ein älterer Herr, auf meine Bitte hin den Kirchenschlüssel.

 

Die Panagia-Kirche ist eine der ältesten Inselkirchen (aus dem 12. Jahrhundert), und mit ihrer kompletten Ausmalung die schönste. Wir sind ergriffen von ihrer urwüchsigen Kraft.

Kerzen darf man hier keine anzünden - die Fresken würde vom Ruß geschwärzt. Trotzdem ist eine Spende zum Erhalt willkommen - das muss schon sein!

 

Im ausreichendem Sicherheitsabstand zur Kirche (damit er bei Erdbeben nicht auf die Kirche fällt) ragt ein steingrauer venezianischer Campanile empor und rundet das Ensemble der Platia mit Kafenio und Kirche ab. Heute ist Teppichwaschtag - zwei junge Frauen breiten die farbenfrohe, gereinigte Auslegeware zum Trocken über alle verfügbaren Brüstungen, Geländer und Mäuerchen der Platia.

Wir waren wohl gerade noch rechtzeitig an der Kirche, denn der Wirt verschließt das Kafenio nachdem ich ihm den Schlüssel zurückgegeben habe, und geht davon. Mittagspause - hier kommt jetzt eh niemand mehr.

Zeit für mich, die Wanderschuhe anzuziehen. Denn von hier aus ist in meiner Wanderkarte ein Weg auf den Nirito eingezeichnet, den ich gerne begehen möchte. Es wird auch höchste Zeit für einen Gipfel! Vom Hauptgipfel Eleonoussa (809 m) werde ich dann über den drei Meter niedrigeren Nachbargipfel Klisma Paraskevis zum Kloster Katharon hinabsteigen, wo die Mutter mit dem Auto auf mich warten wird. Gut drei Stunden habe ich für diese Tour veranschlagt. Verwundert betrachtet ein älteres griechische Paar von seiner Terrasse aus meinen Schuhwechsel - ich glaube, das Verständnis für Wanderer hält sich hier ziemlich in Grenzen. Am Kirchenplatz deutet ein Pfeil nach links die richtige Richtung an (unterhalb liegt übrigens der Hubschrauberlandplatz von Ithaki, umgeben von bizarren Monolithen. Bei nächsten Ithaki-Besuch dann).

 

Um dreiviertel zwölf geht es los. Zu Beginn ist der Weg noch eine Straße, aber bei den Ruinen des Oberdorfes geht diese in einen schmalen Weg über, der sich nur kurz darauf zwischen Steinen und niedrigen Büschen in Wohlgefallen auflöst. Mist! Muss ich die Tour schon so früh abbrechen?

Nein, zum Glück nicht, denn ich finde ein paar schwache Markierungen in blassrotgrau, und das ganze Gelände wird überhaupt als Rinderweide benutzt, so dass die Vegetation kurz abgegrast ist. Man kann also fast überall gehen. Und das muss ich dann auch, denn nach kurzem ist Schluss mit den Markierungen. Ich springe also der Richtung nach bergwärts, nach Westen. Der Anstieg ist vergleichsweise flach, das Gipfelziel kann ich nicht sehen, denn der Gipfel ist nicht so exponiert. Also einfach der Spur nach, was auf dem weitläufigen Hang auch nicht so einfach ist.

Plötzlich stoße ich wieder auf Markierungspunkte. Das heißt, ich hoffe, dass das welche sind, und keine Flechten! Denn sie sind so ausgebleicht, dass sie sich kaum von den Felsen abheben und man sie auf drei, vier Metern schon nicht mehr sieht. Allerdings hat man sie vor Jahren mit hohem Aufwand an Farbe aufgebracht - große Flecken, und auch großzügig alle zwei, drei Meter. Wenn man sie denn als Markierung erkennen kann....

Auf alle Fälle verleihen sie mir die nötige Sicherheit, und wenn sie mal nicht da sind (was schnell passieren kann), dann bin ich definitiv falsch. Bloß dann wieder den richtigen Weg finden...

 

Ich komme ordentlich ins Schwitzen, vom Steigen, vom Suchen, von der Sonne. Und dann sind da auch noch diese lästigen Fliegen, die auf dem kuhfladengedüngten Boden ein gutes Auskommen haben. Irgendwie erinnert mich das an Nisyros, wo wir auf dem Profitis Ilias von Junikäfern umschwärmt wurde.

 

Für die Insektenbelästigung werde ich mit einer immer schöner werdenden Aussicht belohnt.

Nach siebzig Minuten sehe ich den Gipfel mit einer niedrigen Betonsäule darauf, und bin wenig später oben. Leider kulminiert hier auch die Insektendichte und macht das Vesper schwierig (ich mag keine Fliegen).

Ein Gipfel-Selfie und eine Gipfel-SMS nach Köln müssen aber natürlich trotzdem sein. Und ein Telefonat zur Mutter. Sie soll mal nicht so schnell mit mir rechnen.

Das Panorama ist so iperocha, so genial. Von Kefalonia (Fiskardo gut zu sehen) über Lefkada mit Meganisi, weiter bis zu unseren nächsten Inselzielen Kalamos und Kastos, davor das unbewohnte Atokos (neulich noch bei Vladis Inselhandel für 45 Millionen zu erstehen. Inzwischen verkauft? Wie war noch der dumme Vorschlag der unsäglichen Zeitung mit den vier Buchstaben - "verkauft doch eure Inseln, ihr Pxxx-Griechen"). Und die akarnanischen Berge dahinter.

Meine nächstes Ziel, den mit einem dünnen Masten gekrönten anderen Nirito-Gipfel, sehe ich auch. Der breite grüne Rücken versperrt mir die Sicht auf den Ithakis Süden. Der Weg dorthin führt durch eine flache grüne Senke, eine Art Hochalm, einfach auf Sicht zu gehen, oder man folgt den Viehpfaden.

 

Eine Viertelstunde benötige ich bis dort, und scheuche ein paar braunen Schafe mit ihren Jungtieren auf, die in wilder Panik davonstieben. Ja, mit Menschen ist hier oben nicht unbedingt zu rechnen, seit Anogi bin ich niemandem begegnet.

Der zweite Gipfel ist insofern eine Enttäuschung, als man von dort aus auch nicht besser auf den Inselsüden und das Kloster Katharo sieht - es liegt noch ein Vorgipfel davor. Ich wandere weiter gen Süden, teils pfadlos, aber die kurzgeweideten Wiesen sind gut zu begehen, die unbequemen Steine werden weniger.

Endlich wird dann auch der Südteil Ithakis mit seinen zahlreichen weißgesäumtem Bucht (Minimata und Skinos) und dem Ort Vathy frei. Da wollen wir uns morgen noch ein wenig umsehen.

Und da rechts ist jetzt mein Ziel zu sehen, das Kloster Katharon. Es liegt aber noch ein Schlucht dazwischen, und ein waldiger Bereich. Da komme ich auf der Direttissima nicht weiter. Womöglich bin ich zu weit nach Westen abgekommen?


Inzwischen wechseln sich dichter Wald mit Lichtungen ab. Ich halte mich jetzt weiter östlich, und treffe nach dem Queren eines Geröllfeldes auf einen nagelneu grellrot markierten Wanderweg. Das muss der Weg vom Kloster nach Anogi sein, auf dem ich den Weg zum Rundweg machen könnte (ist auf der Nakas Road Karte auch so eingezeichnet, 7,8 Kilometer Länge, 3 Stunden 30 reine Gehzeit). Ich bin überrascht, dass sich da doch jemand aktuell die Mühe der Markierung gemacht hat, und biege in den Weg nach Süden ein. Der führt durch hohes Buschwerk und ist von zahlreichen Spinnennetzen versperrt, das kenne ich im Frühjahr schon von Hydra und Karpathos, und weist auf wenige Wanderer hin. Ich sollte mir doch einen Wanderstock besorgen.

Der Weg ist gelegentlich geröllig und geht zum Kloster hin nochmals steil bergab im Zick-Zack. Achtung, Rutsch bzw. Rollgefahr! Kurz nach halb drei bin ich dann wieder am Kloster, wo die Mutter einen gemütlichen Mittag mit Lesen verbracht hat.

Schön war's!

Jetzt hab ich Durst. Auf was Kaltes!

Wir fahren nach Stavros, wo aber die im Reiseführer empfohlene Taverne "Polyphemus" geschlossen aussieht - es ist ja schon drei Uhr vorbei. Also parken wir an der Platia und gehen in das Kafenio, wo man schön im Schatten sitzen kann, mit Blick auf die kleine Parkanlage mit einem Modell des Palastes des Odysseus' und allerlei Erklärungen. Drinnen im Kafenio verfolgen zahlreiche Männer der Motorrad-Grand-Prix im Fernsehen, draußen sind fliegende Händler mit Knoblauchzöpfen unterwegs - auch ein olfaktorisches Erlebnis.

Zum Essen bekommen wir nur zwei Käse-Schinken-Toasts zum Cola bzw. Kaffee, aber der schmeckt sehr gut, und bei einer Rechnung von fünf Euro fünfzig hat der Wirt sicher nicht viel verdient.

Über uns füttert ein Schwalbenpaar seinen Nachwuchs.

Nun wollen wir uns den schönsten Ort von Ithaki ansehen. Zumindest wird das oft behauptet von Kioni. Die Fahrt geht über Frikes und ab dort fünf Kilometer die Küste entlang. Da hat es ein paar hübsche Badebuchten, und ich würde mir gerne noch den Schweiß abspülen. Die Strände sind aber jetzt am Sonntagnachmittag durchaus frequentiert. Besser auf dem Rückweg.

 

Wir stellen unseren Fiat Panda in einer Parklücke entlang der schmalen Zufahrtsstraße ab und gehen zu Fuß in den Ort. Als erstes fällt uns der untypisch moderne Glockenturm der Kirche Agios Ioannis Prodromos auf. Kioni soll von Erdbeben weitgehend verschont worden sein (d.h. die Gebäude), aber die Kirche hat es offenbar erwischt. Dafür präsentieren sich die Häuser entlang der Bucht sehr malerisch. Ob sie nun wirklich alt sind? Insgesamt ist mir der Ort etwas zu herausgeputzt um echt zu wirken, und er ist kleiner als ich dachte (182 Einwohner).


Aber die beigen, weißen und hellgelben Häuser sind schon nett, die Cafés sind durchgestylt, und die Segelboote, die davor liegen runden das Bild von der Idylle ab. Viele Leute sind aber jetzt um halb fünf nicht unterwegs, die Sitzplätze verwaist, die Ausflugsschiffe schon wieder weg.

Wir finden einen geöffneten Laden mit schönen Olivenholzschnitzereien (von Lefkada) und der Eigentümer feilt gerade am selbstproduzierten Schmuck. Seine Außendeko ist auch besonders: große Glaskolben, mit farbigem Wasser gefüllt, daneben farblich abgestimmte Laternen und Blumen.

Insgesamt eher gehobenes Ambiente.

Wir gehen einmal links und einmal rechts der Bucht entlang (zu den drei Windmühlen auf dem Kap ist es uns zu weit), und auch hier ist die Saison erst im Werden: frisch gestrichene Tische harren der Indienstnehmung. Und tatsächlich tuckert ein Fischer mit seinem Bötchen hinaus.

Alles ziemlich fotogen. Am schönsten finde ich aber die türkisgrüner Farbe des Meeres.

 

Und einen sehr gut sortierten Mini-Markt hat es auch noch.

Ja, Kioni sollte man sich anschauen - aber keine übertriebenen Erwartungen haben.

Auf dem Rückweg hab ich dann Gelegenheit zum Baden am Kiesstrand vor Frikes (Schinari). Das Wasser ist wunderbar warm, die Temperatur legt jetzt täglich zu.

Entlang der Ostküste fahren wir zurück nach Vathy und genießen bei einem sehr netten Picknickplatz nochmals das Panorama auf den Inselsüden. Vom Norden werden wir uns jetzt verabschieden - morgen bleiben um Vathy.

Am Abend fällt unsere Tavernenwahl eher zufällig auf das "Poseidon" vor dem maritim-volkskundlichen Museum (es hat eine sehr gute Bewertung von Tripadvisor aushängen). Die Tische stehen auf der Gasse, aber nicht vorne an der Uferpromenade. Der Wirt ist eher einer von der redseligen Sorte, die nerven ("the best moussaka of the island"), aber das bestellte Essen - Rote-Beete-Salat, gefüllte Kalamaria und Hühnchen mit Aubergine und Käse überbacken - ist absolut oberlecker und das beste, was wir in dem Urlaub bekommen haben. Die Rechnung liegt mit 30 Euro eher im oberen Bereich dessen was wir sonst ausgegeben haben, aber es war jeden Cent wert.

Ich glaube, da kommen wir morgen wieder.