Wieder Sifnos, und nach Agios Sostis

Ich hatte ja gedacht, ich würde Sifnos diesen Mai weglassen. Wenn mir Serifos gut gefallen würde. Serifos hat mir gut gefallen. Aber schon bei der Durchfahrt in Kamares wußte ich: es würde nicht ohne gehen. Und wenn es nur für zwei Tage ist, weil ich danach schon Milos gebucht hatte. Sollte man nicht, sich in so ein enges Kostüm zwingen. Und dabei habe ich dieses Jahr drei Wochen Urlaub, drei Wochen Zeit für die Kykladen. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren.

Trotzdem zu kurz.

 

Während ich auf Serifos bin, bekomme ich eine eMail von Lesern meiner Website. Sie würden gerade auf Sifnos bei Flora wohnen, und es wäre wunderschön. Flora würde sich auch gut an mich erinnern. Tja, und damit ist es um mich geschehen, und ich buche ganz schnell drei Nächte bei Flora. Nur drei Nächte. Viel zu kurz, aber immerhin zwei Tage Zeit zum Wandern. Und am Montagvormittag schnell weiter, weil Lothar, Therese und deren Freunde mich auf Milos erwarten. Sie werden am Sonntag für drei Tage von Syros herüberkommen. Volles Programm also, aber zuerst noch Sifnos.

 

Der "Speedrunner 3" bringt mich in einer halben Stunde auf dem Hunde- und Raucherdeck hinüber nach Sifnos. Er ist ganz schön voll am Freitagabend, und viele wollen auf Sifnos von Bord. Weil ich ein Taxi nach Ano Petali brauche, und es nicht so viele Taxis gibt, dränge ich mich nach vorne. Ich ergattere ein Taxi, das ich gerne noch mit einem griechischen Paar teile, das nach Apollonia will. Zehn Euro bezahlen wir jeweils, und natürlich fährt mich der Taxifahrer die steile Rampe mit der engen Kurve hinauf zu den "Geronti" - mehrere Quartiere nebeneinander ("Geronti", "Nikoletta Geronti", "Flora Geronti", "Moscha Geronti"), alles in der Familie.

Juhu, ich bin wieder da!

Flora empfängt mich direkt, auch sie freut sich. Für morgen lädt sich mich zum Frühstück ein.

Ich hab die Wahl zwischen drei Zimmern, nur meines vom letzten Jahr ist belegt, von den deutschen Internetbekannten. Die sind aber schon zu Abend aus, und reisen morgen weiter. Ich nehme das vorderste Zimmer, das auch so hübsch eingerichtet ist wie das andere. Und dieser Blick von der Terrasse auf die Ostküste und Paros! Und die Blumen, das muss trotz der Wasserknappheit sein. Noch.

 

Ich halte mich aber nicht lange mit Auspacken auf, sondern ziehe schnell wieder los. Ins "Drakakis", wo Renate mit Bärbel und Elmar schon dinieren. Renate aus der Ortenau im Badischen (Dimitrios Mastoras hatte uns beide als "Schwäbinnen" bezeichnet, was natürlich ein übler Fehler ist, den Renate aber einem griechischen Fischkopf leicht verzeihen kann. Und für mich ist ja schon das  Ruhrgebiet Norden....) ist ebenso langjährige Sifnos-Besucherin (hatte nicht Theo etwas über die Wiedergänger geschrieben?) wie das ältere Paar aus Kiel. Anscheinend bin ich ihnen 2005 schon begegnet, und sie hätten eine Bemerkung über meine beiden Jajades und mich als Betreuerin gemacht, die ich ihnen übergenommen hätte. Ich kann mich daran nicht erinnern.

 

Es ist windig heute, und so sitzen wir drinnen im gut gefüllte Lokal. Der Wirt hat auf speziellen Wunsch von Bärbel Mastixhühnchen zubereitet, das nicht mehr auf der Karte steht. Dazu Ofenkartoffeln der leckeren Sorte, und natürlich reichlich Wein. Es wird ein sehr netter Abend, der erste in einer Reihe, die ich nicht solo in der Taverne verbringen werde.

Das "Drakakis" ist gut gefüllt, Touristen und Einheimische. Und schnell merke ich wieder, dass man weniger Aufmerksamkeit für die Umgebung hat wenn man nicht solo irgendwo im Lokal sitzt. Was ich auf Sifnos nicht sein werde (und das ist auch gut so).

 

Gleich morgen wollen Renate und ich wandern. Renate war schon überall auf der Insel, traditionell macht sie in jedem Urlaub die Wanderung zur Panagia Toso Nero, die es mit 15 Kilometern und sieben Stunden reiner Gehzeit aber in sich hat. Die würde mich auch sehr reizen, allerdings hat Renate am Samstagvormittag noch eine Verabredung zum Frühstück, und dann würde es zu spät. Wir verschieben Panagia Toso Nero also auf Sonntag und wollen morgen Nachmittag nach Agios Sostis. Keine so lange Tour zum Einstieg. Renate war in diesem Urlaub schon dort, kommt aber gerne nochmals mit.

 

Der Samstag zeigt sich wieder mit bestem Wanderwette:  Sonne und etwas Wind.

Und halb neun bekomme ich, wie bestellt, von Flora ein schönes Frühstück auf meiner Terrasse serviert. Perfekt! Einfach nur schön hier!

Vorher habe ich mit meinen Zimmernachbarn, Nathalie nebst Partner,  geschwätzt. Sie sind viel gewandert auf der Insel und es hat ihnen ausgezeichnet gefallen. Heute geht es mit der Frühfähre weiter nach Milos - vielleicht laufen wir uns dort wieder über den Weg. Milos ist ja auch schön, aber auf ganz andere Art.

Nach dem Frühstück bummle ich durch den Ort hinab nach Apollonia, gucke, was sich zum Vorjahr verändert hat (wenig) und erfreue mich an den Kykladengassen mit blühenden Kapernsträuchern und knalligen Bougainvilleen. Neu ist das Lokal "Tselementés", benannt nach dem Koch und Autoren Nikolaos Tselementés. 1878 auf Sifnos geboren revolutionierte er die griechische Küche, seine Kochbücher sind in Griechenland bis heute Standardwerke. Nun hat einer seiner Nachfahren am oberen Ende des Steno gegenüber der Hauptkirche ein Kafenio-Ouzerie eröffnet, und dort sitzt Renate, die hier in der Nähe in Dina's Rooms wohnt, mit Maria, einer weiteren Deutschen, beim Frühstück. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist Sifnos die erste Insel in diesem Urlaub, auf der auch verstärkt Deutsche urlauben. Wobei: Franzosen hat es ebenfalls reichlich.

 

Wir lassen uns Zeit zum Informationsaustausch, und verabreden schließlich, dass Renate gegen  dreiviertel zwölf bei mir vorbeikommt, da der Weg nach Agios Sostis durch Ano Petali führt.  Und so marschieren wir um zehn vor zwölf dort los. Sifnos Trail Nummer 8, ab Artemonas 5,9 Kilometer oneway, 300 Meter Höhenunterschied, der gleiche Weg wieder zurück.

Hügelaufwärts gehen wir durch Artemonas, von dem mir nicht klar war, wie weit nach oben es sich erstreckt ehe es nahtlos in die Ortschaft Agia Anna übergeht. Die Kirche Agia Anna ist offen (wie die meistens auf Sifnos), nebenan ist ein gepflegter kleiner Friedhof. Überhaupt ist auf Sifnos alles sehr sauber und ordentlich, ohne deshalb unecht zu wirken. Aber man merkt den Wohlstand der Bürger.

 

Etwas weiter kommt uns eine große Wandergruppe entgegen. Es sind Deutsche aus dem Großraum München, die jedes Jahr für botanische Wanderungen nach Sifnos kommen. Das Durchschnittsalter ist 75 plus - da werden die Wanderungen kürzer und die Wanderstöcke mehr, aber die Leute sind gut drauf. Sifnos hat etwas süchtigmachendes, ich merke das gerade selber zu gut. Sollte ich etwa auch zum Wiedergänger werden?

 

Wenn ich so dahinwandere, nun mit der Aussicht auf die tief unter uns liegende Küste und das azurblaue Meer, verstreut auf Terrassen liegende weiße Häuser, und Kapellen auf dunklen Bergen, und über uns der wolkenlose Himmel, auf einem schönen, gelegentlich gepflasterten Wanderweg, am Rand die Kräuter und Blumen - ja, ich fürchte, es hat mich schon erwischt.

Nach etwas über einer Stunde erreichen wir die Straße nach Cheronissos, auf der es ein Stück weitergeht bis uns rechts ein Wegweiser bergab schickt. Einige Felder auf den Terrassen sind bewirtschaftet, und wieder mal stellen wir fest, wie mühselig das hier ist. Ob die Mühe nach dem trockenen Frühjahr Früchte trägt?

 

Wieder kommen uns Wanderer entgegen. Franzosen. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass man auf Sifnos gut wandern kann. Wenig später können wir unser Ziel unter uns auf einer felsigen Landzunge liegen sehen: das leuchtendweiße Gebäude der Kirche von Agios Sostis. Die Landschaft wird kärger, felsiger. Ein paar Löcher und Höhlen in den Felsen sind vielleicht die Reste früherer Bergwerke. Hier wurde Eisenerz und Blei abgebaut, auch von Silber ist die Rede, aber das war wohl früher, von der Bronzezeit bis zur Antike. Das Ende des Abbaus ist schon hundert Jahre her, und es gibt hier keine maroden Förderanlagen, die dekorativ vor sich hin rosten. Auf Sifnos ist man eben ordentlicher, und räumt den Krempel weg.

Der Weg ist schön gepflastert, und schnell nähern wir uns der weißen Kapelle mit der blauen Kuppel.

Es sind offenbar Leute dort, denn wir können mehrere Pferde oder Mulis sehen.

Von nahem erkennen wir: es sind zwei Pferde, ein Esel und ein Mulifohlen, die bei der Kirche angebunden sind. Das heißt, das Fohlen nicht:  das hüpft fröhlich dazwischen herum, was die Mutterstute (Pferd) jeweils mit Hufscharren und Schnauben quittiert wenn es sich zu weit entfernt.

 

Und die Leute? Die sitzen gerade alle im Speiseraum beim Mittagsessen. Da wollen wir nicht stören, bekommen aber einen Gebäckkringel geschenkt. Es ist eine Großfamilie, und sie sind zum Arbeiten da. Am Donnerstag (17. Mai) ist nämlich das Panigiri zu Agios Sostis und da muss die Kirche natürlich frisch gestrichen und geputzt sein. Dieses Jahr fällt das Kirchenfest auf den gleichen Tag wie das bei Chrissopigi (an Christi Himmelfahrt, und damit ein beweglicher Feiertag), aber es würden trotzdem viele Leute kommen. Nicht hunderte, aber siebzig, achtig.

 

Gerade ist man vor allem drinnen zugange oder macht ein Mittagsschläfchen, und wir sitzen draußen auf einer steinernen Bank und gucken dem Fohlen zu. Was heißt eigentlich Fohlen auf Griechisch? Und Muli? Πουλάρι heißt Fohlen, und μουλάρι Maultier. Ein Moulari-Poulari also? Oder doch eher ein Moularáki? Auf alle Fälle kann ich an den Esel mein altbackenes Brot verfüttern, das ich für einen oder mehrere willige tierischen Abnehmer eingesteckt habe. Passt.

Wir haben übrigens ziemlich genau zwei Stunden hierher gebraucht. Hinauf dauert es länger, aber wir gönnen uns eine lange Pause, denn die Sonne geht ja erst spät unter.

Schön hier.

Die Kirche ist natürlich offen, wie meistens auf Sifnos.

 

Vorne am Felsenkap steht, wie bei Chrissopigi, ein Taufstein. Und besonders interessant finde ich den dünnen Glockenaufbau, der noch seines Anstriches harrt. Eine junge Frau widmet sich nun den Linien auf dem Boden (wir machen bereitwillig Platz), während ein Mann sich schon solo auf den Rückweg bergauf gemacht hat, sein Bündel mit einem Stock geschultert. Ein Panigiri hier ist nichts für Bequeme, wobei man vielleicht auch mit dem Boot kommen kann.

Irgendwann müssen wir dann doch wieder hinauf. Uns wird warm, aber es ist noch sehr angenehm zu gehen heute. Ich weiß schon, warum ich im Mai Urlaub mache. Das Meer mag noch kühl sein, aber sonst ist es ein wunderbarer Urlaubsmonat.

 

Renate schlägt einen kurzen Abstecher zur Kirche Panagia Manganon vor. Ist schon praktisch, wenn man mit jemand unterwegs ist, der sich so gut auskennt. Ich muss gestehen, ich hab auf der Herweg im Häusergewirr von Artemonas und Agia Anna nicht auf die Wegmarkierungen geachtet, die sicher da sind. Renate weiß in dem Labyrinth wo es lang geht, ganz ohne Ariadnefaden.

Und auch die Kirche Panagia Manganon ist einen Besuch wert. Eine hübsche Anlage mit schattigem Innenhof, alles blitzblank, und die Botanikergruppe hat die Türe mit Blumen geschmückt.

Erstaunlich ansonsten der Nadelwald, der bei der Kirche liegt.

 

Der restliche Weg geht dann weiter westlich als vorhin. Irgendwo hier trifft er den Weg von Epta Piges, den ich letztes Jahr gewandert bin. Terrassen mit Olivenbäumen, und natürlich immer wieder weiße Kapellen. Gegenüber der breite Rücken des Profitis Ilias mit dem Kloster darauf.

Wir begegnen einem Hirten mit seinen Ziegen, und passieren später einen Pferch mit weiteren Hornviechern samt Zicklein. Für das letzte Wegstück wählen wir den Weg nach Apollonia, wo wir gegen sechs Uhr eintreffen.

Jetzt einen Frappé bei Lakis an der Platia. Schnell die Bundesligaergebnisse checken, heute ist letzter Spieltag. Der VfB hat gegen die Bayern gewonnen und den siebten Platz erreicht. Respekt! Und der HSV hat endlich den Abstieg geschafft, auf den er schon seit Jahren hingearbeitet hat. Ein rundum gelungener Tag also.

Den wir am Abend bei "Margarita" in Artemonas abschließen. Wir sind wieder zu viert, bestellen Fava, Fisch-Carpaccio (Ceviche), Auberginenscheiben, Hühnchen in Brandy und Schweinefleisch in roter Sauce. Alles schmeckt ausgezeichnet, und ich bin froh, dass ich es endlich mal hierher zum Essen geschafft habe, denn "Margarita" kann man empfehlen. Mit Wein bezahlen wir zu vier fünfzig Euro, ähnlich wie gestern.

Man kann wirklich sehr gut essen auf Sifnos. Noch ein Punkt für die Tselementes-Insel. Und in netter Gesellschaft macht es noch mehr Spaß.

 

Und morgen dann die Marathon-Wanderung. Panagia Toso Nero. Ich freu mich drauf.