Da für ausführliche Berichte wohl keine Zeit bleibt, versuche ich hier eine Kurzfassung der Eisvogeltage 2026. (Das war der Plan, aber ist dann doch etwas länger geworden. und ob Teil 2 noch kommt, ist offen).
Am Neujahrsabend ging es mit Aegean Airlines von Stuttgart nach Thessaloniki. Ein ob der kurzen Strecke wütender Taxifahrer brachte mich gegen 23 Uhr für elf Euro ins nahe Hotel „Iris“ in Thermi, wo mich ein eiskaltes Zimmer empfing. Da mein Gepäck wider Erwarten bis Iraklio durchgecheckt werden konnte, konnte ich zum Nachthemd nur mit der Strumpfhose aufrüsten. Und im Laufe der Nacht noch einer zweiten Bettdecke.
Gutes Frühstück um halb neun, dann bei Sonnenschein zu Fuß in zwanzig Minuten zum Flughafen. Weiterflug nach Athen über die Sporaden und das südliche Evia (Schnee am Berg Ochi), nach einer Stunde Aufenthalt in Athen dann Weiterflug nach Iraklio, leider über den Kykladen in Wolken.
Pünktliche Landung um zwanzig nach zwei.
Bei den Mietwagen empfängt mich Martin von The Best Cars mit einem älteren Fiat-Panda-Modell, das wir für 177 Euro für zehn Tage gebucht haben. Wir, dass sind meine Cousine Barbara und ich. Barbara wird, von Zürich über Athen kommend, erst kurz vor sechs Uhr am Abend hier landen. Da fahre ich so lange inklusive Irrfahrt in unser Quartier in der Altstadt von Iraklio, ins „Lato Annex Hotel“, wo wir für 69 Euro ein Doppelzimmer inklusive Frühstück gebucht haben. Die Gastgeber meinen es gut mit uns, wir bekommen ein gratis Upgrade mit Meerblick. Allerdings ein Doppelbett mit nur einer Decke. Dann doch lieber ins gebuchte Zimmer mit seitlichem Blick – bei Bettdecken sind die Cousine und ich nicht teilungsbereit. Den Mietwagen kann ich kostenlos auf den Hotelstellplätzen am Hafen abstellen, eine feine Sache!
Die Zeit reicht bei sonnigem Wetter noch für einen kurzen Stadtbummel in der noch weihnachtlich geschmückten Innenstadt und zur Koules-Festung am Hafen hinab. Die Gipfel des Dikti-Gebirges grüßen aus der Ferne schneebedeckt. Bei der Fahrt zum Flughafen verfahre ich mich wieder – einmal falsch abgebogen. Beziehungsweise nicht abgebogen wo ich hätte links fahren müssen. Inzwischen ist es schon dunkel geworden.
Zum Glück kommt jetzt die Navigatorin. Barbara landet nur etwas verspätet, ich warte in zweiter Reihe am Zebrastreifen vor den Mietwagen, so wie die Griechen auch. Große Wiedersehensfreude!
Schnell wieder ins Hotel, und das Auto zum Hafen. Und dann in die Innenstadt, wir sind hungrig. Von Conny und Markus habe ich den Tipp, ins Kafenio „Lakkos“ im gleichnamigen Viertel zu gehen. Wir suchen und finden es. Drinnen ist Platz, nahe dem Holzofen, in den die Bedienung noch einen riesigen Holzklotz nachlegt. Bestellen Bohnensalat, Spetsofai und Bougiourti, dazu ein halber Liter Rotwein und Brot. Wasser gibt es gratis sowieso. Schmeckt hervorragend, und mit dreißig Euro auch sehr preiswert. Aufs Haus gibt es noch kleine Kuchenstücke, und natürlich Tsikoudia. Schließlich sind wir auf Kreta.
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Das Hotelfrühstück ist gut, das Zimmer auch. Wir buchen gleich noch für die Nacht vor dem Rückflug.
Um Viertel vor zehn fahren wir dann los, bei sonnigem Wetter nach Westen. 18° Lufttemperatur. Passt. Unser erste Standort ist Kissamos, wo wir vier Nächte bleiben wollen. Das ist ein Stück, und so legen wir den ersten Halt erst am Kournas-See bei Georgioupoli ein. Ich war noch nie am Kournas-See, aber er scheint mir recht leer zu sein, der Wasserstand niedrig. Bislang hat es noch zu wenig geregnet in diesem Winter, wie fast überall an der Ägäis.
Ein Dutzend Tretboote liegen am Ufer, klar sind die im Winter nicht im Einsatz. Besonders hübsch das pinke Flamingo-Tretboot. Eine Handvoll anderer Touristen verteilt sich am Ufer, und eine griechische Familie mit Kindern. Samstagsausflug. Wir bummeln mit, und bewundern auf dem Rückweg das riesige Loch in der gesperrten Uferstraße: was ist das denn für eine Baustelle?
Einige der angrenzenden Tavernen decken die Tische ein fürs Mittagsessen. Bei einer brutzelt das Antikristo (bitte nicht Antichristo!) auf dem Grill. Da werden heute schon noch Gäste erwartet. Wir sind noch satt vom Frühstück, gönnen uns aber einen frischgepressten Orangensaft, ehe wir weiterfahren.
Chania ist schnell passiert, den nächsten Halt gibt es in Máleme auf dem Soldatenfriedhof. Immer wieder ein interessanter und auch traurig-beeindruckender Besuch. Die sehr gut gemachte Ausstellung (dreisprachig Englisch, Griechisch und Deutsch) im Eingangsgebäude, ehe es hinauf auf die große Fläche mit den Gräbern geht. 4.468 Menschen sind hier bestattet. Die Gräber sind dicht mit roten Mittagsblumen bepflanzt, was der Anlage im Sonnenschein trotz der Schwere des Themas eine gewissen Leichtigkeit verleiht. Die in Dreiergruppen stehende Steinkreuze darin sorgen für Würde. Dahinter das Meer und die Höhen der Rodopou-Halbinsel. Traurig-schön hier, wir fahren nachdenklich und beeindruckt weiter.
Ich habe uns für halb vier im „Sea Daffodil Apartment“ in Kissamos angemeldet, am Ortsrand nahe des Strandes gelegen. Unsere Wirtin Tonia empfängt uns und zeigt uns das Apartment mit geräumiger Küche samt Wohnzimmer sowie zwei Schlafzimmern. 242 Euro bezahlen wir für vier Nächte via booking. Die Wohnung hat einen Balkon zum Meer hin, und ist relativ kühl. Wir werfen gleich die Klimaanlagen an um einzuheizen. Nach einem Tag ist die erste klamme Kälte vertrieben. Typisches Winter- und Frühjahrsproblem wenn die Wohung länger leer stand.
Danach Ortsbummel samt Einkauf im nahen Sklavenitis-Supermarkt. Frühstück werden wir uns selber machen. Der Bäcker Papadakis an der Durchgangsstraße hat auch sonntags geöffnet, wenn auch mit kleiner Brotauswahl, wird mir beschieden.
Von den Lokalen an der Paralia sind die meisten geschlossen. Tonia hat Barbara eine Liste der geöffneten Taverne geschickt, aber die meisten sind nicht direkt im Ort. Wir landen schließlich im „Breeze Café & Bar“. Nicht ganz optimal zum Abendessen, aber Dakos, Salat mit Schinken, und Pilzrisotto sind ok, die Halbliterflasche Retsina dazu auch (Wein glasweise ist zu zweit keine Alternative und der andere Flaschenwein eher teuer). Kommt nicht an das Essen von gestern ran, aber geht schon. 33 Euro werden fällig.
In der erste Nacht frieren wir noch ordentlich. Auch dauert es bis wir die Klimaanlage in Griff bekommen.
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Das Brot von Papadakis ist ausgezeichnet und wird auch morgen noch schmecken. Nach dem Frühstück gehen wir zu Fuß nach Kissamos hinein und besuchen das archäologische Museum, das vor allem wegen der Mosaiken sehenswert ist. Fotografieren verboten, und so gibt es wieder keine Fotos von den wunderschönen Mosaiken der vier Jahreszeiten.
Es ist Sonntagswetter, aber der Wind weht mit sechs bis sieben Beaufort aus Süd. In der Ägäis wird teilweise der Fährverkehr eingestellt - gut, dass wir diesen Urlaub auf kein Schiff müssen und uns das egal sein kann. Ebenso wie der massive Ausfall der Flugsicherheitstechnik in Athen, der heute den Flugverkehr im griechischen Luftraum stundenlang zum Erliegen bringt. Die veraltete Technik und die gewachsene Zahl der abzuwickelnden Flüge – keine gute Kombination. Man stelle sich vor, das wäre in der Saison passiert … gut, dass wir schon in Griechenland sind!
In unserem Quartier holen wir dann den Wagen und die Wanderschuhe und fahren ins nur wenige Kilometer entfernte Falassarna. Das ist nicht wirklich ein Ort, sondern eine Streusiedlung: Hotelanlagen und die riesigen Flächen von Gewächshäusern verteilen sich in der grünen Ebene, die uns zu Füßen liegt als wir von der östlichen Anhöhe kommen. Unten lockt kilometerlanger Sandstrand, laut regelmäßig veröffentlichen Umfragen einer der drei schönsten Kretas, zusammen mit Balos und Elafonisi. Was in der Saison die entsprechende Überlaufenheit und Zerstörung mit sich bringt. Von Überlaufen kann aber jetzt keinen Rede sein: der Südwind bläst so stark, dass wir unsere vagen Badeidee sofort ad acta legen. Nur ein Campingmobil mit Berner Kennzeichen steht am tiefen leeren Strand, die Besitzerin ist Windsurferin und offenbar fortgeschritten: auf ihrem Surfbrett sehen wir sie wenig später draußen gekonnt die weißschäumenden Wellen reiten. Wow, die traut sich was!
Rosa schimmern Ufersand und Brandung in den von schwarzen Felsen eingefassten Buchten. Sehr schön, und deutlicher als ich es von Elafonisi in Erinnerung habe. Der tiefe Sandstrand an sich ist dann aber gelblich, mit niedrigen Dünen und Sandstrukturen durchzogen.
Wir fahren ein Stückchen weiter nach Norden, parken das Auto an einer größeren, aber winterlich-verlassenen Hotelanlage mit Taverne und gehen auf einer breiten Piste durch Olivenhaine und frischgrünes Gras mit hellvioletten Tupfen der Kronen-Anemonen zum antiken Falassara. Links steht der antiken Thron am Wegrand, von einer dünnen Kette halbherzig geschützt. Das Gelände an sich ist dann aber doch durch einen hohen Zaun abgesperrt. Schade, ich hatte gedacht, man könnte frei darin herumgehen. Und habe zu spät im MM-Reiseführer, neueste Ausgabe, gelesen, dass nur Montag, Mittwoch und Freitag von 8:30 bis 15 Uhr geöffnet ist. Jetzt im Winter wohl gleich gar nicht, denn keine Schild weist am Zaun darauf hin. Wir versuchen, von außen Blicke zu erhaschen, gehen zur Kapelle Agios Georgios und noch weiter hinauf auf eine Felsenhöhe wo vielleicht eine Oberstadt war. Schöner Blick über die grasgrüne-gelbliche Ausgrabungsfläche, aus der Ruinenreste und Fundamente nur mit Mühe herausgucken. Da liegt irgendwo der antike Hafen, heute einige Meter über dem Meeresspiegel da sich die westliche Landmasse Kreta im Laufe der Jahrhunderte angehoben hat.
Wieder unten an der Kapelle wandern wir noch nach Südwesten bis zu Felsenküste und ein Stück entlang um die Reste eines britischen Schiffswrackes zu sehen, die sich dort befinden sollen. Sie haben sich aber inzwischen so weit zersetzt, dass sie nur sehr wenig und selten aus dem immer noch welligen Meer herausgucken, als wir sie endlich gefunden haben. Lohnt die Suche nicht.
Auch von der Meerseite sind die Tore aufs Ausgrabungsgelände verschlossen.
Mit dem Auto fahren wir über Platanos und Zerviana zurück nach Kissamos, holen uns unterwegs bei Bäcker zwei Stücke Pizza, die wir am Hafen von Kissamos verspeisen. Kein Schiffsverkehr heute, aber ein paar Männer verlieren sich Winterwerft und Anleger. Es gibt immer etwas zu tun.
Schließlich kurven wir noch hoch nach Polyrrhinia, halten erst oberhalb an der Kirche der heiligen Väter und gehen dort herum. Den Weg hinauf zur Akropolis sparen wir uns, schlendern stattdessen durch das kleine Dorf, in dem heute auch nichts geöffnet ist. Aber die Blicke ins bergige, olivgrüne Hinterland und die Wolkenstimmungen sind uns Lohn genug. Die Reste der Weihnachtsdeko samt Krippe, und das Orangen-Fallobst gefallen uns.
Zum Abendessen gehen wir auf Tonias Empfehlung ins „Stimadoris“, das außerhalb des Ortes an der Straße zum Hafen liegt. Ein geräumiger Gastraum, auch auf Wintergäste eingestellt. Wir bestellen Dolmadakia, Auberginen Imam und die Tagesempfehlung Schweinefleisch mit Sellerie. Ein halber Liter Rotwein dazu, Brot und Wasser. Uns schmeckt es. Es ist etwas teurer hier, das Schwein mit Sellerie kostet alleine 17,50 Euro, die Auberginen zwölf. Da beläuft sich das ganze Essen auf 45 Euro und wird damit zu unseren teuersten Mahlzeiten während dieses Aufenthaltes gehören.
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In der Nacht fallen hungrige Schaken über mich her. Ich habe die Balkontüre einen Spalt offengelassen und leichtsinnigerweise das Mückengitter nicht geschlossen. Ein Fehler! Vielleicht haben die ausgehungerten Steckmücken auch im Schrank überwintert, wie vor Jahren auf Spetses. Unter Hinterlassung hässlicher Blutflecken ändere ich den Blutrausch nach meinen Regeln. Den Mückenstecker habe ich dummerweise nicht dabei, und es gibt auch keinen in der Wohnung. Noch in den folgenden Nächten werde ich die surrenden Blutsauger jagen müssen, deren Stiche erst nach Tagen zu jucken beginnen.
Das sonnige Wetter bleibt uns auch am Montag weitgehend erhalten, im Laufe des Tages ziehen mehr Wolken auf, aber der Wind hat nachgelassen.
Wir wollen heute wandern und fahre dazu nach Nopígia östlich von Kissamos, wo wir den Wagen am östlichen Ortsrand nahe dem Campingplatz abstellen. Ein Angler probiert sein Glück auf den Felsen, sonst ist hier nichts los. Unsere Wanderung soll in einer Runde im Landesinneren nach Ravdoucha führen, und dann oberhalb der Küste wieder zurück. Der Wanderweg K3, der sogenannte Costal Trail der Chania Trails, ist sogar ausgeschildert. Er beginnt am Freilufttheater, zickzack dann auf einer schlechten Piste ordentlich bergwärts. Nach einer halben Stunde haben wir die Höhe fast erreicht, ruhen auf einer Holzbank aus. Wolken sind hereingezogen, es wird doch nicht regnen? Noch ein Stück aufwärts, überall blühen die winzigen Schlagen gleichen Gemeinen Krummstäbe. Ab der Anhöhe führt der Weg dann eben durch Olivenhaine. Die Lefka Ori grüßen teilwolkenverhüllt von der Ferne, viele Schnee liegt nicht oben. Aber unsere Umgebung ist soo grün! Darin die hellgelben Sprenkel des nickenden Sauerklees. Es geht ja das Gerücht, ich würde keine grünen Inseln mögen. Das stimmt so nicht: Grün ist schon ok, spätestes der Mai macht dem auf den trockenen griechischen Ägäisinseln eh den Garaus, und optisch mag ich das Karge einfach lieber. Was ich aber weniger mag, sind blickverstellende grüne Bäume, ob nur Kiefern oder Oliven. Da lobe ich mir die Südägäis. 😊
Erdbeerbüsche mit roten Früchten stehen am Wegrand, später ein Pferch mit vielen Schafen aller Altersklassen. Achtzig Minuten nachdem wir in Nopigia aufgebrochen sind, erreichen wir Ravdoucha. Ein kleines Blumendorf ohne eine geöffnete Taverne. Ohne eine Taverne überhaupt. Wir vespern Mitgebrachtes auf der Bank beim Friedhof mit hübscher Kapelle. Wie von einem Balkon reicht unser Blick hinab zum Ufer mit kleinen Strandabschnitten über den Golf von Kissamos zur Halbinsel Gramvousa. Eine schöne Ecke ist das hier! Und der Himmel ist auch wieder fröhlicher geworden.
Der Rückweg bleibt weit über der Küste. Zunächst zweigt der Fußweg nach unten von der Straße ab, dann geht er nach Süden auf der Höhe, und schneidet eine Serpentine ab. Die byzantinische Kapelle der Agia Marina kuschelt sich hier unter fast laublosen Platanen an einen großen Felsbrocken, sie ist unverschlossen und wir können die alten Fresken betrachten und singen. Nebenan gibt es noch ein großes Waschhaus.
Weiter auf der Straße nach Süden, nun kurz aufwärts, weshalb wir uns bei einer großen Baustelle kurz in die Irre führen lassen. Aber erst in der nächsten Haarnadelkurve geht unser Weg ab, meist rot-weiß markiert. Eine wunderschöner Panoramaweg, und tatsächlich kommen uns hier auch einmal Wanderer entgegen. Von oben suchen wir uns aus welches der Häuschen an der Küste unseres wäre. Stöbern dann Ziegen auf, viele mit winzigen Zicklein, die niedlich vor uns über die Felsen toben. Queren noch eine kleine Schlucht während der Weg sich ganz allmählich der Küste nähert. Vor der nächsten Kapelle haben wir sie erreicht. Auch das Gotteshaus der Agios Vassilios ist unverschlossen, aber nicht so alt wie die Agia Marina.
Auch das Gotteshaus der Agios Vassilios ist unverschlossen, aber nicht so alt wie die Agia Marina. Da die Kapelle so abseits ist, wird nicht vassilisgemäß an Neujahr gefeiert, sondern im Juli.
Nun das letzte Wegstück am felsigen Uferstreifen entlang. Begleitet von ganzen Büscheln Gemeiner Krummstäbe. Dunkle Felsentürme mit bizarrer Gestalt im Meer.
Zwischen Felsen und kleinen Buchten steht ein Campingbus – von Nopigia führt eine Straße hierher. Kurz darauf weist ein großes Schild auf das Unterseekabel hin, das von der Peloponnes hierherführt. 135 Kilometer ist das Hochspannungs-Gleichstromkabel lang, und es liegt bis tausend Meter tief. 356 Millionen Euro wurden dafür 2014 bis 2020 ausgegeben (wenn es gereicht hat). Beeindruckend!
Um drei Uhr sind wir zurück am Auto und haben knapp elf Kilometer mit 310 Höhenmetern absolviert. Wir sind hungrig und suchen nach der Taverne mit dem urgriechischen Namen „Maracaibo“ – wie kommt eine Taverne hier an den Namen einer venezolanischen Hafenstadt? - im nahen Koleni, die uns unsere Wirtin empfohlen hat. Sie liegt direkt an der Straße und ist für einen Montagnachmittag überraschend gut belegt – fast alle Tische drinnen sind belegt, und fast alle von Griechen. Aber heute ist ja auch Brückentag.
Wir bestellen eine Kritiki Salata, Giouvarlakia und Boureki, dazu Brot, Wasser und ein Viertel Wein. Auf der Tageskarte steht auch „Askolimproi“, aber da haben wir noch keine Ahnung was das ist. Drei dicke Fleischklößchen in einem tiefen Teller mit Brühe, ein würziger Kartoffel-Zucchiniauflauf und der Salat - das Essen ist hervorragend und reichlich, und als wir das Lokal kurz vor fünf Uhr nachmittags verlassen, bezahlen wir 37 Euro fünfzig und sind satt für den Rest des Tages. Abendessen fällt heute aus, beziehungsweise gibt es nur Wein, Nüsse und Käsecracker, die wir auf dem Rückweg noch besorgen.
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Der Feiertag empfängt uns mit sonnigstem Wetter, aber wieder stärkerem Südwind. Nach dem Frühstück gegen zehn Uhr gehen wir zur Paralia um zu gucken wo die Theophanie stattfindet. Vor zwei Tagen war noch nichts zu sehen, aber nun ist man dabei, den kleinen Platz am westlichen Ende der Paralia mit Wimpeln zu schmücken. Wir drehen eine Runde in den Ort, zur Kirche Agios Spyridonas, wo der Gottesdienst zur Theophanie im Gange ist. An Theophanie, auch Epiphanie genannt, wird die große Wasserweihe gefeiert, zur Erinnerung an die Taufe Christi im Jordan durch Johannes den Täufer. Überall im griechisch-orthodoxen Glaubesbereich wird heute in Gewässern nach dem Kreuz getaucht, ob in den eisigen Seen Nordgriechenlands, in moosigen Tümpeln oder an der südlich-sonnigen Ägäisküste.
Um die Kirche herum lungern Grüppchen mit Wartenden, herausgeputzte Kinder, gestylte Frauen, die Männer eher leger. Das dauert noch. Im Ort selbst ist nichts los, auch die Platia Tzanakaki an der kleinen Kapelle ist verwaist. Nur ein Hund heult jaulend im Takt zum plötzlichen Glockengeläut.
Wieder unten an der Paralia haben sich nun schon Leute versammelt. Ein kleines Podest wurde aufgebaut, für die Geistlichen und Ehrengäste. Wir sichern uns einen Platz in erster Reihe auf der Ufermauer und harren der Dinge, die nun kommen. Die ersten Schwimmer erscheinen und fachsimpeln, Boote gucken nach einen optimalen Platz. Das Wasser ist recht flach hier, hoffentlich kann der Pappas weit werfen! Immer mehr junge Männer in Badehose klettern die Leiter von der Paralia hinab zu den Felsen, die als Startlinie für das religiös-gesellschaftliche Ehrenrennen dienen. Die Sonne tut das ihrige dazu und strahlt - die Szenerie sieht sommerlich aus. An der Südküste Kretas dagegen ist heute vielerorts das Kreuztauchen nur schwer möglich, da die Südwind heftigste und gefährliche Brandung aufwirft.
Es ist elf Uhr als dann die Prozession von der Kirche hier eintrifft. Das Gedrängel nimmt zu, die Ehrengäste steigen aufs Podium, die Kreuzschwimmer machen sich startklar. 13 oder 14 Jungs oder junge Männer sind es, und ein kleines Mädchen. Ein Erste-Hilfe-Boot ankert vor uns. In einem weiteren Boot steht ein älterer, sehr korpulenter Mann in Badehose. Er wird doch nicht mitschwimmen wollen? Eine Reihe Schlauchboote bilden der maritimen Zuschauerrang.
Einer der drei oder vier Geistlichen wirft nun das Kreuz, das die ersten zwei Mal noch an einem seidenen Band befestigt ist und nicht weit fliegen kann.
Aufpassen Schwimmer, Kreuz im Rücken ist nicht so gesund!
Und dann fliegt das Kreuz, befreit von haltenden Zwängen!
Es fliegt überraschend weit bis hinter das Rote-Kreuz-Boot, und die Horde der Jungen stürzt hinterher, zunächst mehr watend als schwimmend – das Wasser ist ja nicht so tief. Der Dicke vom Boot springt tatsächlich auch ins Meer, aber er ist zu langsam – fünfzehn Sekunden nach dem Wurf hat der erste Schwimmer das Kreuz erreicht und sich gesichert – jubelnd hält er es in die Höhe, begleitet vom Böllerknallen und Hupen der Boote. Dazu zieht nun roter Rauch über das Wasser – von den Booten wurden Rauchpatronen geworfen. Die erfolglosen Schwimmer kehren an Land zurück während der Sieger noch im Wasser das Kreuz herumreicht um es zu küssen zu lassen. Viel Ehre für ihn!
Wir beobachten noch eine Weile. Nach dem Spektakel streben die Schwimmer Handtüchern zu, und die Gemeinde den Cafés. Und wir? Wir beschließen spontan, eine Fahrt nach Elafonisi zu machen.
Entlang der Südküste mit einem schnellen Abstecher zum Hafen von Kissamos, wo heute die „Aqua Jewel“ liegt. Wind- oder feiertagsbedingt? Eigentlich wäre sie dienstags noch unterwegs, aber sie ist schon gestern gekommen.
Barbara fährt heute, und so kann ich die Fahrt mit Blicken über die Westküste genießen. Schon schön hier. Mächtige Drahtverhaue sichern stellenweise die Straße vor Steinschlag. Wir begegnen Schafen und Raubvögel, aber kaum Menschen.
Um Viertel nach eins erreichen wir Kloster Chrysoskalitissa. Das wäre gerade noch rechtzeitig für einen Schnellbesuch vor der Mittagsschließung um halb zwei, aber dienstags ist immer geschlossen. Wobei natürlich auch hier vorher ein Gottesdienst samt Kreuztauchen stattgefunden hat.
Also weiter nach Elafonisi. Die Wiesen am Straßenrand vor den Olivenhainen sind hellviolett von Kronen-Anemonen. Natürlich müssen wir da halten. Und spüren den Wind, der hier nicht durch die kretische Landmasse abgehalten wird. Der Himmel zieht sich etwas zu. Saharastaub?
Wir stellen das Auto am Zugang zu Elafonisi ab – die Schranke zur Weiterfahrt ist unten. Seit ich vor zehn Jahren das letzte Mal hier war, hat der touristische Zulauf zugenommen. Und die Versuche, die überwiegend mit dem Auto Anreisenden zu bändigen und von den naturgeschützen Uferbereichen fernzuhalten. Also die Autos, bei den Menschen ist das unmöglich. Und waren Theo und ich vor zehn Jahren im Januar noch fast alleine hier, so haben wir heute durchaus Gesellschaft. Nicht viele, aber doch.
Natürlich ist jetzt nichts hier geöffnet, und wir parken auch gratis. Gehen über die Dünen vor zum Strand mit dem schmalen Isthmus, der das vorgelagerte Inselchen Elafonisi - nicht zu verwechseln mit der landschaftlich ähnlichen Insel Elafonisos vor der Peloponnes – mit dem kretischen Hauptland verbindet. Durchs Wasser müssen wir heute nicht waten, die Verbindung ist wind- und tidebedingt heute sehr breit. Wir gehen hinüber zu der Insel, aber so richtig Spaß macht das mit dem Wind hier nicht, und für die rosafarbene Optik des Sandes fehlt die Sonne. Da war Falassarna beeindruckender. Hatte ich vorher noch die vage Idee an ein Bad im 17 Grad warmen Wasser, so verbietet sich jetzt schon das Ausziehen der Windjacke. Wir schlendern also etwas herum und versuchen, uns nicht vom Wind umblasen zu lassen.
Nach einer Stunde haben wir genug gesehen und machen uns auf die Rückfahrt, dieses Mal durch das Inselinnere über Elos. Immerhin eine der zahlreichen Verkaufsbuden am Straßenrand ist geöffnet und wir halten an. Der nette Verkäufer lässt uns Öle, Oliven und verschiedene Honigsorten probieren. Typisch für Elos sind die Kastanien, aber er hat auch Thymian- und Blütenhonig. Eigentlich mag ich Kastanienhonig sonst nicht so, aber der hier schmeckt wunderbar karamellig. Wird gekauft. Ein Thymianhonig für die Nachbarn noch, dazu noch Diktamos und Traubensirup Petimezi – mit vollen Tüten fahren wir zurück an die Nordküste.
Bewundern die monstermäßig ausgebaute Straße, die geradezu rennbahnähnlich den Topolia-Tunnel umfährt. Klar, die Busse nach Elafonisi wollen sich nicht an dem schmalen Tunnel mit der Ampel aufhalten lassen. Aber wie viele Millionen hier landschaftszerstörend investiert wurden, will ich gar nicht wissen.
Unser Ziel ist nicht Kissamos, sondern Drapanias, wo es im Strandrestaurant „Ippocampos“ heute Nachmittag Live-Musik gibt. Hat zumindest ein Plakat in Kissamos behauptet, das mir vorgestern aufgefallen war. Die Musik schallt uns schon entgegen als wir den Wagen an der Uferstraße abstellen und aussteigen. Das „Seepferdchen“ besteht aus einem riesigen Raum mit flachem Dach, die durchsichtigen Seitenwände aus Plastik sich lassen im Sommer hinaufrollen. Die Tische stehen locker, es hat reichlich Platz. Auf einer seitlichen Bühne sitzen sechs Musiker, zum Schutz unseres Hörvermögens suchen wir unseren Tisch so abseits wie möglich aus. Einer der aufmerksamen Kellner bringt uns die Speisekarte, wir entscheiden uns für Kontosoufli, Patates und Maroulisalata, dazu ein Viertel Wein. Während wir auf das Essen warten betrachte ich die Musiker: ein Lyraspieler ist nicht dabei, dafür eine Geiger. Das ist wohl typisch für die Musik dieser Region. Dazu kommen drei (!) Musiker mit Laouto, einer in einer kleineren, kurzhalsigen Variante, eine Mandoline wohl. Ganz links sitzt noch ein Spieler mit Toubeleki-Trommel. Sie spielen gut zusammen, und an die Lautstärke gewöhnen wir uns. Das Essen ist auch gut, wir haben reichlich Pommes, da das Kontosoufli – Fleisch vom Spieß – auch noch mit Patates kommt. Der Wein ist von der bräunlichen Sorte, die ähnlich wie Sherry schmeckt. Passt auch. Und schnell werden wir von einer blonden Katze belagert, die am liebsten in meinen Schoss oder sogar auf den Tisch möchte. Gut, ein paar Pommes kann sie haben, aber sie muss unten bleiben.
Es kommen noch Leute, ganze Familien sogar.
Gruppen wünschen sich Musik und tanzen. Nicht für alle. Schade.
Barbara wird es irgendwann zu kalt, und so bleiben wir nicht zu lange. Bezahlen 34 Euro für das Essen, und fahren dann zurück ins Quartier, nicht ohne vorher noch einen Blick auf das Schiffswrack zu werfen, das nahe der Küste in der Bucht von Kissamos liegt. Die „Manassa Rose M“ havarierte am 25. Januar 2022 während eines Sturmes hier und bracht in zwei Teile. Die zehnköpfige Besatzung konnte sich retten, im Schiff vorhandenes Öl wurde später abgepumpt, und die Ladung geborgen. Seither bildet das Wrack eine fotogene Landmarke.
Logischerweise brauchen wir heute auch kein Abendessen im Restaurant mehr.
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Am Mittwoch steht unser Umzug zum nächsten Standort an. Auf dem Weg möchten wir einen Abstecher an die Südküste machen. Um halb zehn kommt unsere Wirtin Tonia zur Abnahme der Wohnung, und kurz darauf sind wir auf der Straße. Kissamos war eine gute Wahl als erster Standort dieses Urlaubes. Nun geht es nach Chania.