Von Gorgonen

Wenn der oder die klassisch Gebildete „Gorgone“ hört, dann denkt er an Perseus und Medusa. Medusa war eine von drei schlangenhaarigen Töchtern des Phorkys  und der Keto, und außerdem ein Ungeheuer. Wer sie anblickte, der erstarrte zu Stein – weil sie so hässlich war... Perseus erlegte die einzige Sterbliche der drei Gorgonen mit Hilfe eines Spiegels (vielmehr eines spiegelnden Schildes), den Athene ihm reichte. Er enthauptete Medusa, und aus dem kopflosen Körper entsprang das Flügelpferd Pegasos. Mit dem Kopf hat er dann noch den Titanen Atlas zum Gebirge versteinert, bevor Athene den Schrumpfkopf bekam und auf ihrem Schild befestigte.

 

Die schlangenhäuptige, meist fratzenhaft dargestellte Medusa war ein beliebtes Motiv in der Kunst von der Antike bis heute. Besonders eindrücklich ist mir das archaische Giebelrelief eines Artemis-Tempels in Erinnerung, das Teil befindet sich heute im archäologischen  Museum von Kerkyra und war meine erste Gorgone auf griechischem Boden.

Und apropos Medusa – so, nämlich η μέδουσα, heißt die Qualle auf Griechisch. Doch nicht so weit weg, wenn man auch nicht versteinert. Oder nur kurzzeitig, nach der Berührung.

Es gibt aber noch mehr und ganz andere Gorgonen:

 

Die „moderne“ γοργόνα ist nämlich völlig unmedusahaft eine Meerjungfrau oder Nixe. Und Meerjungfrauen begegnet man in Griechenland immer wieder: gemalt, als Relief, als Statue, als Bugfigur natürlich. Meist wird sie mit einem Schiff in der einen und einem Kreuz in der anderen Hand dargestellt, es kann aber auch mal ein Fisch sein, oder eine Kapelle.

 

Eng mit dieser Art Gorgone ist ein Mythos verbunden: Es soll sich um die Schwester Alexander des Großen handeln. Sie fragt alle vorbeifahrenden Schiffsbesatzungen, ob denn Alexander der Große noch lebe: „Ζει ο βασιλιάς Αλέξανδρος;“ Wehe, die Besatzung antwortet mit „nein“! Dann wird das Schiff von ihr in die Tiefe gezogen… Die richtige und lebensrettende Antwort lautet „Er lebt und herrscht als König - Ζεί και βασιλέβει.“

 

Wie kam es nun, dass die Schwester Alexanders zur Nixe wurde? Nun, Alexander der Große hatte alles erreicht und alle besiegt, und wollte nun auch den Tod besiegen. Dazu müsse er, so weise Männer, das Wasser des Lebens finden und trinken (und vorher noch den Drachen besiegen, der es bewacht – so ein wenig Siegfried-Story muss ja auch noch dazu, wenn schon keine Jungfrau).

 

Alexander hat das geschafft (wie es sich für einen Held gehört) und das Wasser mitgenommen. Bevor er davon trank, war er aber sehr müde und hat sich ein Nickerchen gegönnt. Seine Schwester fand ihn, trank von dem Wasser, durstig wie sie war, und goss mit dem Rest die Pflanzen. Alexander war stinksauer und hätte sie gerne erschlagen, bloß das ging nicht: sie war ja nun unsterblich - im Gegensatz zu ihm, der schon mit 33 Jahren sterben musste... aber das ist nun wieder Geschichte.

 

So verfluchte er sie wenigstens, und das Ergebnis war, dass sie wuchs und wuchs, und sich verwandelte: Sie bekam einen Fischschwanz.

Ihr unsterbliches Leben lang sucht sie den Bruder auf den Weltmeeren, inzwischen groß genug, Schiffe in die Hand zu nehmen und bei Bedarf zu versenken.

Beim nächsten Sturm in der Ägäis ist es mit Sicherheit hilfreich, die Zauberworte zu kennen: „Ζεί και βασιλέβει“.

Sie muss inzwischen riesig sein....

 

 

Juli 2012:

Für die US-Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration NOAA ist es inzwischen amtlich: Meerjungfrauen gibt es nicht:

No evidence of aquatic humanoids has ever been found.

Wie fantasielos....

 Warum diese Stellungnahme für notwendig erachtet wurde, dazu hier ein Artikel im Spiegel.

 

Und hier unten der Gegenbeweis: