Vom Flughafen nach Nafplio

An einem sonnigen Januarmorgen blicken Barbara und ich auf den tiefen Einschnitt des Kanales von Korinth, und mir stellt sich unweigerlich die Frage: Ist die (oder auch der) Peloponnes nun eigentlich eine Insel, oder nicht? Nominell als "Insel des Pelops" schon, aber offiziell bleibt es eine Halbinsel. Obwohl der Kanal von Korinth die Peloponnes seit 1893 vom Festland trennt, und damit Kreta als größtes griechisches Eiland ablösen würde. Na, das gäbe aber Ärger mit den Kretern .... nein, dann doch besser nicht. Künstliche Trennungen durch Bauwerke gelten nicht, sagt auch wikipedia.

Und so werden wir die nächsten zehn Tage eben auf einer Halbinsel verbringen. Von zweieinhalb Stunden abgesehen.

 

Gestern Nachmittag hatten Barbara und ich uns am Flughafen Athen getroffen und den beim Aegean-Flug von der Cousine über Thrifty gebuchten, vollgetankten Mietwagen in Empfang genommen. Ein Fiat Panda mit 8.000 Kilometern für 154 Euro. Allerdings wurde vor Ort dann noch ein Zuschlag für den zweiten Fahrer fällig, was den Preis dann doch über 200 Euro trieb. Aber den neue Wagen machte das wett, und schnell umfuhren wir auf den Autobahn Athen. Das ging einfacher als gedacht.

 

Als erstes Etappenziel hatten wir das Küstenhotel Cokkinis bei Kineta ausgewählt, unkompliziert nach einer Stunde Fahrt zu erreichen, und damit noch vor Einbruch der Dunkelheit. Wir hatten beide keine Lust, uns im Dunkeln durch irgendwelche Vorstädte zu suchen, wurden aber hinter Elefsina von heftigen Fallwindböen beinahe von der Straße geweht. Die Schaumkronen auf dem Meer hatten wir schon aus dem Flieger gesehen, der Fährverkehr war eingestellt. Hoffentlich nur ein kurzes Sturmintermezzo - wir hoffen ja wieder auf die sonnigen Eisvogeltage.

 

65 Euro kostet das Doppelzimmer im 3. Stock im Cokkinis Hotel inklusive Frühstück. Das Zimmer ist nicht besonders groß und eher kühl, aber für eine Nacht passt es schon. Den Blick von der riesigen Terrasse über den saronischen Golf werden wir erst morgen genießen können - jetzt ist es dunkel. Schnell hinab ins Restaurant, der Tag war lange und wir sind hungrig. Für eine Tirosalata, Apaki mit Feta, Zucchinibällchen und gegrillten Oktopus mit Fava, einen halben Liter Wein sowie zwei abrundenden Raki als Finale bezahlen wir 52 Euro (der Oktopusarm ist teuer), sind aber mit der Qualität sehr zufrieden. Auch das Ambiente des Lokales ist schön. Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe Italiener (offenbar auf Montage für eine Unterseebaufirma, wie wir am nächsten Morgen feststellen werden, als sie in Arbeitskleidung frühstücken. Vielleicht am Kanal?).

Das hat alles gut geklappt, und wir sinken bald in die Federn. Draußen regnet und stürmt es.

 

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Auch das umfangreiche Frühstücksbüffet lässt keine Wünsche übrig. Der Regen hat praktischerweise aufgehört, die Sonne kämpft sich aus noch rosagelben Wolken.

Um halb zehn sind wir wieder auf der Straße - Ziel der Isthmus (= Landenge) von Korinth samt durchschneidendem Kanal. Der ist schnell erreicht. Wegen einer Baustelle fahren wir falsch, erreichen wir ihn in Isthmia bei der versenkbare Brücke am Ostende des Kanales. Nicht so imposant hier, also weiter zur Brücke weiter westlich. Das sieht schon besser aus! Ein beeindruckender Einschnitt, an der höchsten Stelle 79 Meter hoch und unten maximal 24 Meter breit. Der 6.343 Meter lange Kanal ist seit Januar 2021 leider für den Schiffsverkehr gesperrt - es sind immer wieder Steine aus der Wand in den Kanal gestürzt. Richtung Westen sehen wir Felsen im Wasser, und noch weiter entfernt ein Bauboot. Im Sommer wird der Kanal jeweils für drei Monate geöffnet, vor allem für Segler und Touristenboote. Für den internationalen Frachtverkehr ist der Kanal längst zu klein.

 

Wir sind nicht die einzigen Betrachter des Kanales. Durchreisende griechische Gruppen und Familien, internationale Touristen - viele halten hier, auch im Winter. Das Besucherzentrum ist aber geschlossen, Informationen zum Kanal gibt es trotzdem auf einem Denkmal aus Porphyr. Und im Sommer kann man von der Brücke Bungy springen .... Wir gehen noch auf die Parallelspur, gucken nach Osten in den Kanal. Weniger spannend.

Weiter nach Alt-Korinth (Archea Korinth), das weiter vom modernen Korinth entfernt ist als wir dachten. Wir streifen die Neustadt, kriegen aber noch rechtzeitig die Kurve zur Schnellstraße. Unweit des Tickethäuschen parken wir den Fiat Panda. Vier Euro Eintritt bezahle ich, während die Cousine mit ihrem ICOM-Ausweis gratis reinkommt. Hinter dem Glauke-Brunnen grüßen die Säulen des Apollon-Tempel aus frischgrünem Gras, aber wir biegen erst in das Museum ab. Weil eine große Gruppe den Bildungstempel ebenfalls gerade entert, gehen wir dort linksherum.

 

Meine erste Griechenland-Reise mit Rotel-Tours 1990 hat mich auch über die Peloponnes geführt. Mykene, Epidauros, Korinth, Nafplio - vieles habe ich damals besichtigt. Aber ich kann mich kaum mehr daran erinnern. Das Museum gab es damals auch schon, aber inzwischen wurde es mehrfach renoviert und die Ausstellung überarbeitet. Und das haben sie sehr gut gemacht, so dass wir eine Dreiviertelstunde im Museum bleiben. Besonders gefallen mir die beiden Kouroi von Klenia, 2010 bei Antiquitätenschmugglern beschlagnahmt. Aber auch die vielen "Geisterfigürchen" aus geometrischer Zeit, und diverse andere Figürchen sind interessant.

Das Ausgrabungsgelände präsentiert sich schön unter weiß-blauem Himmel, optische Akzente setzen die Paternoster-Bäume. Die wenigen Besucher - zwei große Gruppen und ein paar Einzelbesucher - verlieren sich. Ein großer Hund macht den schläfrigen Wächter, während menschliche Aufpasser nicht zu sehen sind. Es ist eine beeindruckende Ausgrabung, und ich will mir lieber nicht ausmalen, was hier im Sommer los ist. Auf dem Kegelberg im Süden zeichnen sich die Zacken der Burgruine von Akrokorinth ab. Vielleicht wäre ein Besuch doch noch drin, da man mit dem Auto hinauffahren kann?

 

Erst aber hier unten. Apollon-Tempel, Stoa, Bema, und die drei Säulen eines weiteren Tempels - wir verbringen eine weitere Stunde hier, ehe uns der Hunger in eine der Tavernen an der Platía treibt. Zwei der vielen sind geöffnet, sie scheinen eher auf Massenabfertigung eingestellt. Wir wählen "Aigli" und sitzen windgeschützt hinter durchsichtigen Plastikplanen, die Sonne heizt schnell ein. Blitzschnell sind die bestellten Lachanodolmades und der überbackenen Feta da, dazu zwei große Tassen Bergtee, und auf Wunsch noch eine größere Ladung Brot (die zwei mickrige Scheibchen waren wohl ein Test ob mehr gewünscht ist). Schmeckt gut. Die eine Gruppe hat sich nun ebenfalls für unser Lokal entschieden, es wird voll. Internationale Töne, viel Amerikanisch. Ein Tagesausflug von Athen, oder eine geschlossen Gruppe auf Griechenland-Trip? Die Bedienung ist alleine und schwer beschäftigt. Uns einen griechische Kaffee zuzubereiten hat sie kein Zeit. Gut, geht auch ohne. Wir bezahlen 21 Euro und gehen noch hinab zum Gelände unterhalb des Parkplatzes mit den Überresten des antiken Theaters und des Odeons. Die sind aber weniger ergiebig.

Hinter dem Parkplatz weist uns ein Pfeil den Weg nach Akrokorinth. Es ist Viertel vor zwei, das reicht noch für einen Besuch. Die Straße ist gut ausgebaut und schlängelt sich schnell hinauf bis zum Fuße der Burg mit großem Parkplatz. Ein paar Wohnmobile stehen da, und eine Handvoll PKW. Im Winter ist die Burg, wie nahezu allen Museen und Ausgrabungsstätten nur bis 15.30 Uhr geöffnet (dienstags geschlossen). Der Eintritt ist ganz frei, aber wir werden von der Frau am Tickethäuschen am unteren Tor A extra darauf hingewiesen, dass das Tor um halb vier geschlossen wird. Offenbar ist kein Wächter auf dem Gelände, und es will auch niemand zur Schließung nachsehen, ob alle Besucher wieder draußen sind. Verständlich, wenn man das extrem weitläufige Gelände sieht, das sich über den monolithischen Bergkegel erstreckt und von einer endlosen Mauer eingefasst wird.

 

Über eine Treppe geht es aufwärts zu Tor B und weiter zum Tor C. Dahinter befand sich der Kern der Festung, die immer mal erweitert wurde. Besiedelt war Akrokorinth schon in der Antike, kein Wunder bei der Aussicht, die vom Golf von Korinth über Alt-Korinth bis zum Isthmus reicht. Im Westen ragt ein schneebedeckter Gipfel in die Ferne. Der Chelmos?

Die Sonne strahlt vom Himmel, und keine von uns beiden hat Sonnencreme in Reichweite.

 

Wir schauen uns die byzantinische Kirche Agios Dimitrios an, und die Überreste anderen Gebäude Moschee, Badehaus, Hamam. Einem Weg folgen wir bis zum nördlichen Ausguck - das Gelände ist wirklich riesig, aber hier geht es nicht weiter. Also zurück. Unten hat inzwischen ein Bus gehalten, es ist die Gruppe aus der Taverne, die nun zum fränkischen Turm hochstrebt. Wir sind aber etwas müde, und müssen auch weiter.
So steigen wir wieder zum Auto hinab und fahren weiter Richtung Nafplio.

Plötzlich blinkt die Kontrollleuchte vom Reifendruck auf. Hoppla, haben wir einen Platten? Nein, nichts zu sehen. Das erinnert uns an Rhodos letzten Januar, auch ein Fiat Panda, auch die Reifen-Warnlampe.

An der nächsten Tankstelle bitten wir den netten Besitzer, uns den Reifendruck zu messen, was er auch gerne tut. Der Reifendruck sei viel zu niedrig, moniert er, und fragt ob es ein Mietwagen sei. Das wäre nicht in Ordnung, einen Wagen so herauszugeben. Rechts hat er! Er füllt Luft nach und wir bedanken uns herzlich und fahren weiter. Benzin brauchen wir ja noch nicht wirklich - sind ja erst 150 Kilometer gefahren. Die Kontrollleuchte zurückzusetzen werden wir aber nicht schaffen - der Pling-Ton beim Starten und das rote Licht wird uns durch den Urlaub begleiten. Weshalb wir jetzt bei jedem Tanken den Reifendruck messen werden. Alles gut, zum Glück.

 

Aus der leicht bergig-einsamen Landschaft geht es dann bald hinab in die fruchtbare Ebene von Nafplio. Orangen- und Olivenhaine wechseln sich, und als am Straßenrand an einem Stand lokale Produkte verkauft werden, halten wir an und kaufen eine Tüte Orangen und zahlreiche Mandarinen, dazu zwei Gläser mit löffelsüßen Früchten. Bekommen noch Zitronen geschenkt. So ausgerüstet geht es nach Nafplio hinein, wo wir dem Vermieter unserer Ferienwohnung unsere Ankunft schon angekündigt haben.

 

Das Design Apartment von Habitat Bnb liegt im 1. Stockwerk eines Hauses im Ostteil der Stadt an einer ruhigen Ausfallstraße. Ein Parkplatz findet sich problemlos (191 Kilometer sind wir vom Flughafen Athen bis hierher gefahren), ein Bäcker und zwei Mini-Märkte sind nur ein paar Schritte entfernt.
Unser Vermieter Panos empfängt uns, gibt ein paar Tipps (das Leitungswasser wäre trinkbar, wenn auch nicht wirklich schmackhaft) und rät aufs heftigste davon ab, auf der Weiterfahrt gen Gythio über Leonidio und die Berge zu fahren: Schnee, Eis, die fürchterlichste Autofahrt seines Leben! Ok, so was ist man in diesen Breitengraden vielleicht nicht wirklich gewohnt, und das schlechte Wetter der letzten Tage könnte Auswirkungen gezeigt haben. Aber Winterreifen haben wir natürlich auch nicht. Es gilt ja gegebenenfalls Schneekettenpflicht - sind die an Bord? Keine Ahnung...

 

Ich hatte direkt gebucht und hundert Euro angezahlt, bezahle nun bar den Rest. Panos zeigt uns das Codesystem für die Türen, verspricht, uns noch ein paar Restauranttipps zuzuschicken, und verschwindet. Wir werden ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber es gibt auch keinen Grund dazu. Die Tipps kommen postwendend und sind gut. 

Die Wohnung ist hell und geräumig, hat zwei Schlafzimmer und eine voll eingerichtete Küche zum Wohn- und Essraum. Es gibt zwei Balkone, die wir allerdings nicht nutzen werden. Das Bad mit hübschen Schwarz-Weiß-Boden gefällt uns, und alles funktioniert gut. Wenn die Sonne nicht ausreichend scheint um das warme Wasser zu erwärmen, kann man per Boiler nachhelfen. Für Wärme sorgen ausschließlich Klimaanlagen, die leider das Bad nicht gut erreichen - da wäre vielleicht doch noch Nachbesserungsbedarf. 85 Euro bezahlen wir für die Nacht, vier Nächte werden wir hier bleiben.

Wir kaufen im Minimarkt ein paar Basics fürs Frühstück ein, und machen uns gegen sechs Uhr zu Fuß auf die die Altstadt. Panos hatte geraten, mit dem Wagen zum Hafen zu fahren und dort zu parken (Grieche halt ...), aber die zehn Minuten zu Fuß sind nun wirklich kein Problem. Die Straße des 25. März entlang entdecken am Weg eine Psistaria und zwei Restaurants, die gut aussehen. Weiter unterhalb der Palamidi-Festung bis zum langgestreckten, parkähnlichen Platz mit diversen Denkmälern, alten Häusern und dem ehemaligen Bahnhof. Heute fährt kein Zug mehr nach Nafplio (die zugewachsenen Gleise haben wir unterwegs gelegentlich überquert - temporarly closed), aber der Busbahnhof liegt etwas weiter westlich. Über Fahrpläne muss ich mir in diesem Urlaub keinen Gedanken machen, wir haben ja ein Auto.

 

In der Altstadt ist dann eh Fußgängerzone. Die meisten Läden sind geschlossen, was aber am Mittwochabend liegt und nicht am Winter. Wir schlendern etwas durch die stillen Gassen, manche liegen im Stockdunkeln, andere wieder in Festbeleuchtung. Von oben thront die angestrahlte Palamidi-Festung, und übers Meer leuchtet die Bourtzi-Festung. Panos hat gesagt sie wäre seit November wieder geöffnet. Ein Besuch wäre schon interessant, aber wir können keinen Fahrplan für ein Boot hinüber entdecken.
Die prächtig ausgestattet Kirche Genisi tis Theotokou ist geöffnet, natürlich werfen wir einen neugierigen Blick in das innen eingerüstete Interieur hinein. Am zentrale Syntagma-Platz haben ein paar Cafés und Bars geöffnet, und auch an der Uferstraße. Wir werden uns für eine Besichtigung Nafplios noch einen Tag Zeit nehmen, das muss nicht heute sein. Am Samstag ist Wochenmarkt, das könnte passen.

 

Viele Restaurant liegen doch im Winterschlaf. Panos hatte uns unter anderem "To Omorfo Tavernaki" empfohlen. Das schöne Tavernchen hat geöffnet, und so wollen wir dort einkehren. Weil noch alle Tische belegt sind, müssen wir aber erst noch eine Viertelstunde vertrödeln und ein Runde ums Karree drehen.

 

Die Speisenauswahl ist gut, die Preise sind im Rahmen. Die auch bei Griechen als Reiseziel sehr beliebte Stadt Nafplio ist kein ganz preiswertes Pflaster, sorgt aber für Qualität. Den Wein gibt es nur glas- oder flaschenweise, wir bestellen zwei Gläser Roten. Und einen Salat mit Feigen vorab, ich dann eine Strapazada und Barbara gegrillten Bauchspeck. Nichts für mich, und vielleicht liegt ihr diese fettige Speise in der Nacht und am nächsten Tag im Magen. Vielleicht hat sie sich aber auch anderswo etwas eingefangen, das ihr Verdauung beschleunigt. Sehr ungünstig im Urlaub. 

Wir bezahlen wir 31 Euro. Und brauchen dann noch einen Tsipouro.

Im Kritikos-Laden können wir auf dem Weg zurück ins Quartier noch unsere Vorräte ergänzen.

Morgen wollen wir dann einen ersten Ausflug machen.