Nach Zarós

Mit einem letzten Blick über Rethymno verlassen wir die Nordküste Richtung Amari-Hochtal.

Die Sonne guckt immer wieder hinter den Wolken hervor, beleuchtet Bergdörfer, schroffe Felsenwände, grüne Wiesen und Schafherden.

Den ersten Halt machen wir am Kloster Asomaton. Eine faszinierende Sammlung von alten, verfallenden Häusern, nicht fertiggebauten neuen Gebäudeteilen und in der Mitte ein nettes, gepflegtes, aber leider abgeschlossenes Kirchlein. Dazwischen ragen wie Fabrikschlote die Stämme hochgewachsener, aber teilweise kopfloser Palmen in die Höhe. Sieht nach Palmrüssler aus.

Das fette Grün der Wiesen schmerzt fast in den Augen. In den nackten Büschen an der Seite rosten abgestellte Fahrzeug vor sich hin.

Hier war eine Zeit lang eine Landwirtschaftschule, nun kann man die Anatomie der Häuserarchitektur studieren, die verschiedenen Schichten der Wände und Decken.

 

Dieses morbide Ensemble gefällt mir ausgesprochen gut! Natürlich sind wir die einzigen Besucher, und Theo, der es vorgezogen hat, im Auto zu bleiben, hat etwas verpasst. Finde ich.

Zitrusfruchtstrotzend stehen die Bäume in der Umgebung. Das fruchtbare Amari-Tal. Die gelbgrünen Wiesen. Die einrahmenden Berge. Beeindruckend.

 

Bei Plantania ist die Straße durch parkende Autos verengt. Mal wieder eine Beerdigung.

Über uns zeigen sich immer wieder Teile des schneebedeckten Psiloritis zwischen Wolkenlöchern.

Die geschenkten Chortopittes duften verlockend aus der Papiertüte. Zeit für eine Rast, aber das richtige Plätzchen dafür finden wir nicht. Theo schlägt vor, zu den Ausgrabungen einer minoischen Siedlung bei Apodoulou zu fahren. Eine schmale, aber noch befahrbaren Straße führt von Apodoulou hinab und hinüber. Soll nur ein Kilometer sein, aber es kommt mir länger vor.

 

Die Ausgrabung auf einem Hügel sind teilweise überdachte Mauerreste und Raumfundamente. Am besten gefallen mir aber die blauen und violetten Kronen-Anemonen, die hier verstreut im Gras wachsen. Und die Kulisse des Psiloritis, nur noch rechts von weißen Wolken verhüllt, die die Übergänge fließend machen. Im Stehen essen wir die köstlichen Chortopittes, der Boden ist zu nass um sich zu setzen, es muss erst noch richtig geregnet haben.

Weit ist es nun nicht mehr nach Agia Galini. Das gerne als Fischerort betitelte Städtchen (oder ist es doch nur ein großes Dorf?) liegt eigentlich nicht am Weg, aber ich war hier seit über zwanzig Jahren nicht mehr und will mir gerne ansehen wie es sich im Winter präsentiert. Und weil auch Theo Erinnerungen an Agia Galini hat, hat er nichts gegen den Umweg. Barbara macht eh alles mit.

 

Tatsächlich ist Agia Galini eine Überraschung. Oder liegt es an der Sonne, die auf die nicht wirklich schönen, übereinander gestapelten Häuser scheint (da könnten die Kreter mal etwas von den Kykladen lernen), dass sich Agia Galini überraschend freundlich präsentiert? Und sogar belebt - es hat ein paar sehr wenige offene Läden und Cafés, in den Gassen sind einige Arbeiter mit Bauarbeiten sind zugange.

Ok, man spricht Deutsch, und man müsste sich ordentlich in die Tasche lügen wollte man Agia Galini heute eine Existenzberechtigung jenseits des Tourismus' zusprechen - die Infrastruktur ist 99 Prozent touristisch. Wie so ziemlich überall an Kretas Küsten außerhalb der großen Städte. Und wer von einem idyllischen Fischerort spricht, ist irgendwann in der Zeit vor zwanzig, dreißig Jahren hängengeblieben. Heute ist die Fischerei allenfalls Zubrot und malerische Deko. Ich will hier nicht in der Saison sein, wenn die Lokale alle offen und belegt sind und die Bedienungen kein Griechisch sprechen.

 

Aber jetzt, an diesem sonnigen Januartag, gefällt mit Agia Galini. Wir schlendern hinab zum Hafen, wo nur ein paar Kaikia im Wasser liegen. Andere Boote sind aufgebockt an Land.

Dann entlang der Kaimauer. Zwei größere Schiffe liegen dort: die rostgesprenkelte "Zahra" aus Sao Tome und die "Andreas". Die "Zahra" wurde im März 2015 als Zigarettenschmuggelschiff vor der Küste aufgebracht und gammelt hier seither vor sich hin. Der Schlepper "Andreas" mit Flagge aus Tansania liegt erst seit kurzem hier und ist entsprechend in besserem Zustand. Er hatte zehn Tonnen Haschisch geladen als er am 6. Dezember 2017 vor der kretischen Insel Chrissi von der griechische Küstenwache nach einer Schießerei mit der syrischen Besatzung festgemacht wurde und nun hier der weiteren Dinge harrt. Die große Aufschrift "Safety first" am Schlepperhäuschen liest sich da fast wie Hohn.

Bei einem Bergtee beziehungsweise Frappé im Café "C'est la vie" an der Paralia sehe ich dann den Eisvogel, der auf einem der Boote am Anleger sitzt. Er hat einen hohen Schrei, fast wie ein Zirpen, durch den ich auf ihn aufmerksam geworden bin. Wie schön, dass ich diesen bunten kleinen Vogel auch jetzt wieder während der Eisvogeltage zu Gesicht bekomme. Er verschwindet schließlich in der Felsenwand, die den Hafen nach Osten abschließt, da hat er vielleicht sein Nest.

 

Natürlich muss ich noch die fast mannshohen Figuren einer Weihnachtskrippe fotografieren, die an der Einfahrtstraße steht. Wieso hat Maria zwei Josefs? Ein Fall von Polyamorie? Und die drei Könige gucken finster, wie Seebären, und nicht wie Heilige. Vermutlich gefällt es ihnen hier nicht, so in dritter Reihe an der Durchgangsstraße. Um die Bushaltestelle mit sie den umgebenden verschlossenen Autoverleihern, Ausflugsbüros, Tavernen und Cafés ist es auch nicht gerade idyllisch. Dann doch lieber näher zum Hafen.

 

Wer im Winter auf Kreta urlaubt, muss Toleranz für verbarrikadierte Türen und Lokale haben. Und anderswo kann es noch viel verlassener sein. Wie wir noch sehen werden.

Um halb vier verlassen wir Agia Galini und fahren zurück Richtung Berge. Der Psiloritis hat inzwischen seinen Wolkenschleier abgeworfen und zeigt den schneebedeckten Gipfel im voller Breite vor blauem Himmel. Schön!

Über Platanos, Lochria und Vorizia erreichen wir schließlich Zarós, wo wir für die nächsten fünf Nächte Quartier beziehen werden. Wir sind eine Stunde früher als geplant und angekündigt in den Nana-Apartments, aber das macht nichts, denn unser Gastgeber Dimitris und seine Mutter Irina erwarten uns trotzdem schon. So können wir eines der schönen und geräumigen Apartments beziehen, die dank der funktionierenden Heizung auf angenehme Temperaturen erwärmt sind. Zaros liegt immerhin schon auf einer Höhe von 350 Metern über Null, was bei Barbara vorab etwas Bedenken ausgelöst hatte. Unbegründete, wie wir nun sehen.

 

Das Apartment hat zwei Schlafzimmer, eines davon (mit breitem Doppelbett) befindet sich auf der hohen Empore, dort werden Barbara und ich nächtigen während Theo das stufenfreie untere Schlafzimmer nimmt.

Im Vorfeld hatte Dimitris angeboten, dass seine Mutter Irina abends für uns kochen kann wenn wir das wünschen. Eine gute Idee wenn die Alternative abendelang aus Gegrilltem in einer Psistaria bestehen könnte. Theo will aber unbedingt zuerst die abendliche Tavernenlage in Zaros checken ehe er sich festlegt. Für den ersten Abend habe ich das Essen aber gleich bei Irina bestellt. Auf 20 Uhr, so haben Barbara und ich vorher noch Zeit und Tageslicht, uns Zaros etwas anzusehen.

 

Das Dorf hat laut Census 2011 2100 Einwohner, und weil es sich um einen weniger touristischen Ort ohne Meerblick oder -zugang handelt (vom "See" mal angesehen, aber davon später mehr), ist Zaros auch im Winter höchst lebendig als landwirtschaftliches Zentrum. Jetzt, zur Zeit der Olivenernte, fahren und parken überall Pickups mit den vielfingrigen langstieligen Erntegeräten darauf, oder dicht bepackt Olivenzweigen.

Im Kafenio im Ort und in der kleinen Psistaria sitzen die Männer, erledigt von der Arbeit des Tages?

 

Zuerst aber landen wir im Pantopolio am südlichen Ortsausgang. Die mit allen Dingen des täglichen Lebens, aber auch zahlreichem Nippes und Kitsch knallvoll bis unter die Decke gefüllten Regale des Ladens beeindrucken vor allem Barbara. In der hintersten Ecke stapeln sich leere Pappkartons, abgestützt von einer Leiter. Ein wahrer Messie-Laden. Wir finden schließlich was wir brauchen - nach Rückfrage beim desinteressierten langhaarigen Besitzer, der gelangweilt an der Kasse sitzt. Wovon er wohl träumt?

Beim weiteren Ortsbummel - es gibt noch zwei Minimärkte in der Ortsmitte, außerdem zwei Apotheken, zwei Tankstellen und diverse, leider geschlossene Tavernen - stehen wir vor der Musikinstrumentenwerkstatt von Antonis Stefanakis, dem Vater unseres Wirtes Dimitri und dem Mann von Irina.

Antonis hatte schon diverse Auftritte in Fernsehsendungen über Kreta, denn er baut nicht nur sehr gute und schöne Musikinstrumente - Lyres, Laoutes, Bouzoukia, Mandolines - und spielt die Flöte (Mandoura) , sondern erzählt auch sehr gerne auf Deutsch (er hat lange in Deutschland gelebt) wie es zu seiner Karriere als Instrumentenbauer kam und wie er später die Eingebung hatte, aus tausenden von kleinen Holzteilen ein fischgratähnliches Muster als Korpus für seine Instrumente zusammenzusetzen. Eine Sisyphusarbeit, die finanziell kaum zu honorieren ist, aber deren Resultat wunderschön aussieht.

 

Die Werkstatt ist auch interessant. Überall hängen Instrumente der verschiedensten Art, alles bedeckt von einer dünnen Staubschicht, die die Arbeit in einer Holzwerkstatt so mit sich bringt. Ich bekomme auch gleich eine Niesattacke. Weil ich erwäge, mir eine Lyra zu kaufen, frage ich nach Preisen, und bekomme eine ausweichende Antwort. Aber für 300 Euro würde ich bei ihm eine Anfänger-Lyra samt Bogen und Tasche bekommen. Ob ich die spielen kann? Antonis zeigt mir, wie man das machte (nicht von oben auf die Saiten drücken, sondern seitlich), aber er selbst kann es nicht mehr so gut seit er sich versehentlich eine Sehne im Finger durchschnitten hat (unversehrte Finger sind bei Holzhandwerkern selten).

 

Das Lyraspiel sieht komplex aus, und natürlich müsste man dazu auch auf Griechisch singen. Mantinades oder so. Das wird schwierig. Ich spiele kein Musikinstrument, womöglich bin ich völlig talentfrei. Bevor ich eine Lyra kaufe, möchte ich sie schon wenigstens auch mal in die Hand nehmen und probieren können wie sie sich anfühlt. Ich werde mal Dimitris fragen, der ein guter Spieler (und Tänzer) sein soll.

 

Barbara kauft dann auf Antonis' Empfehlung noch eine Doppel-CD mit kretischer Lyra-Musik, die in den nächsten Tage in unserem Mietwagen rauf und runter läuft und Theos Nerven strapazieren wird. Warum sagt er auch nix? Mir gefällt sie sehr gut, und damit lässt sich flott durch die kretischen Kurven steuern. Mit diesem Soundtrack gefällt mir das winterliche Kreta noch besser.

Es ist längst dunkel als wir die Werkstatt wieder verlassen. Neben der Psistaria in der Ortsmitte, die aber nur eine ungemütliche Imbissbude mit drei Tischen ist, sehen wir nur die Pizzeria von Markos geöffnet. Die vielgelobte Taverne "Sinantisi" wird dagegen leider immer geschlossen sein. Heute ist uns das egal, da essen wir bei Irina.

Pünktlich um acht Uhr sind wir hungrig im Saloni, der auch das Wohnzimmer von Irina und Antoni zu sein scheint. Ein Kanarienvogel zwitschert, der Kamin ist mit einem breiten Gitter vor dem neugierigen Enkelkind, Irinas ganzem Stolz, abgesichert.

 

Es gibt zunächst gedünstetes Gemüse, dann gebratenes Hühnchen mit Reis. Dazu Rot- oder Weißwein nach Wunsch. Als Dessert noch löffelsüße Trauben. Es schmeckt gut, aber irgendwie fühlen wir uns etwas gehemmt hier. Als ob wir irgendwie stören würden. Antonis wird uns noch erzählen, dass er morgens immer um fünf Uhr aufsteht, und Dimitris ist mit der Olivenernte zugange wenn das Wetter es zulässt (nasse Oliven sollte man nicht ernten). Da ist man abends sicher müde und gerne früh im Bett. Wenn es die Gäste erlauben. Daher dehnen wir das Essen nicht übermäßig lange aus. Auch Autofahren macht müde.

 

Mal sehen wie wir das morgen machen. Das Wetter soll die beiden nächsten Tage durchwachsen werden und sehr stürmisch. Eher nicht wandergeeignet.