Ermoupolis und Ano Syros

Mit einer Viertelstunde Verspätung legt die "Superfast XII" am Freitagabend gegen 22.45 Uhr in Ermoupoli an. Ruhig war die Fahrt ab Piräus auf dem sehr gut belegten Schiff verlaufen, das seine weitere Route Richtung Dodekanes führen wird. Ich verlasse es schon im ersten Hafen, leicht bedauernd, dass man das beeindruckende, sich bis auf die Doppelhügel erstreckende Häusermeer von Ano Syro und Ermoupoli im Dunkeln nur erahnen kann.

 

Netterweise werde ich am Hafen empfangen: Lothar und Therese, die einige Herbstwochen im töchterlichen Ferienhaus in Parakópi verbringen, lassen es sich nicht nehmen, mich auf "ihrer" Insel Syros willkommen zu heißen. Habe ich doch Syros viel zu lange links liegen gelassen oder nur zum Stop-over genutzt. Und wäre wohl auch jetzt nicht hier, wäre es nicht schon der 20. Oktober. Mein herbstlicher Griechenlandurlaub hatte sich aus mehreren Gründen nach hinten verschoben: zu viele Termine privater und beruflicher Natur, und die gewünschten Paddeltouren auf Milos bis Mitte Oktober ausgebucht.

Wenn man aber erst so spät unterwegs ist, und sich nicht von der Herbstdepression samt Nachsaisonblues einholen lassen will, dann muss man auf eine Insel reisen, die wenig vom Tourismus abhängig ist. Syros bot sich da an. Außerdem sollte sie eine Fährverbindung zum gesetzten Milos haben (dass diese dann eine elfstündige Fährfahrt bedeuten würde, konnte ich zum Zeitpunkt der Buchung noch nicht wissen).

Syros passte, und dass Lothar und Therese auch da sein würden, rundet die Sache ab.

 

Schnell verstaue ich mein Gepäck im Zimmer des naheliegenden Studios "Ostria", wo ich vier Nächte für je 40 Euro (mit Balkon) gebucht habe. Großzügig ist das Zimmer, gut eingerichtet. Den Balkon mit seitlichem Meerblick und vollem Neorion-Werft- und Busbahnhof-Blick werde ich aus Mangel an Muße kaum nutzen, und die wummernden Motoren der nächtlich im Hafen liegenden "Aqua Jewel" und "Artemis" bringen die Hafennähe deutlich in Erinnerung. Stört aber weniger als die schlagartig laute Müllabfuhr morgens um sechs Uhr. Na, muss auch sein. Und warum die Asphaltfläche des Busbahnhofes Samstagfrüh von einem kleinen Bagger lautstark aufgeraut wird, wissen die Götter. Bisher war ich eigentlich kein Lärm-Magnet.

Aber das ahne ich jetzt alles noch nicht.

Bei einem Tsipouro und einer Focaccia im "Amvix" lasse ich meinen ersten Syros-Abend mit Lothar und Therese ausklingen, erste Planungen für die nächste drei Tage werden getroffen. Drei Tage Syros sind viel zu wenig, das war mir vorher schon klar. Aber immerhin.

Der Samstag steht ganz im Zeichen von Ermoupoli und Ano Syro. Nach dem Spiegelei-und Speck-Frühstück im "Peri Ouzias" geht es daher zunächst entlang der Paralia in die Stadt des Hermes.

Von einem halben Dutzend Fischerboote wird fangfrisch die Beute der letzten Nacht verkauft.

In der Ladenzeile gegenüber werden in mehreren Läden die süßen Leckereien von Syros, Chalvadopittes und Loukoumia angeboten. Und in der Marktgasse zur Platia Miouli hinauf gehen einem in den Läden die Augen über. Weniger von den Tierkostümen, die von der Decke herabbaumeln (Halloween, oder einfach so?), aber von den Auslagen der Metzgerei, der Obst- und Gemüseläden und vom Spezialitätenladen (dort gibt es auch offenen Tsipouro und Wein) mit Kapern, Käse, Kräutern, und was sonst des Syrioten Herz begeht. Von den Bäckereien und Süßwaren ganz zu schweigen.

Oberhalb breitet sich die Platia Miaouli aus, samt steinernem Admiral am Eingang.

Ein toller, weiter Platz, wie man auf den Kykladen keinen zweiten findet.

 

Und dahinter, über einer breiten Treppe, das klassizistische Rathaus, vom deutschen Architekten Ernst Ziller erbaut und 1898 eingeweiht. Es ist ab 14 Uhr geöffnet, und so sehe ich mir zunächst die zweite architektonische Sehenswürdigkeit von Ermoupoli an, das Apollon-Theater, das hinter dem Rathaus und dessen Ostflügel - hier ist die Bibliothek - steht. Samstags und sonntags ist es von zehn bis 14 Uhr geöffnet, zwei Euro kostet der Eintritt, der auch zum Besuch des kleinen Museum ist oberen Stockwerk berechtigt.

 

Das Theater wurde 1864 eröffnet, und wird gerne als Miniatur-Skala bezeichnet, nach der Mailänder Oper. Die kenne ich nicht, und ob sich dieses Bonsai-Theater wirklich mit einem derartigen Haus vergleichen muss? Na, Bonsai ist ungerecht, immerhin hat das Theater vier Etagen und Platz für 350 Besucher. Seit der letzten Renovierung im Jahr 2000 ist es wieder in Betrieb, proper und gepflegt. Trotzdem strahlt es den Geist längst vergangener Zeiten aus.

Ich fotografiere auf Bitte einer jungen Griechin die Leute offenbar internationaler Herkunft, die sich auf der Bühne befinden, und schicke ihr später die Fotos. Ob ich hier in den nächsten Tagen ein Event verpasse? In Ermoupoli ist immer etwas los.

Noch ein Schlenker Richtung Hafen, ins Vaporia-Viertel und zur prächtigen Kirche Agios Nikolaos. Es ist überraschend warm für einen 21. Oktober - ob das schon der kleine Sommer des Dimitrios, der καλοκαιράκι του Αγίου Δημητρίου ist?

Unten am Strandbad hat es einige Leute, auch im Wasser. Und auch am Hafen, beim Hotel Nisaki, hab ich einen Schwimmer am eigens eingerichteten Badeplatz gesehen.

Dann lande ich wieder an der Platia Miaouli.

Kinder benutzen die marmorne Brüstung der Rathaustreppe als Rutschbahn und ich hab Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum man in Deutschland kaum noch spielende Kinder im öffentlichen Raum sieht.

 

Die nun unverschlossenen Rathaustüre lädt zum Bummel durch das Gebäude ein. Das kleine Café im rechten Innenhof ist geschlossen, sieht aber absolut bezaubernd aus. Eigentlich bin ich kein großer Fan von klassizistischer Architektur, aber hier gefällt mir die Leichtigkeit, die Ruhe in der Strenge.

Der Sitzungssaal im oberen Stockwerk ist offen, eine Frau schrickt auf als ich hineinspicke. Auch am Samstag wird hier gearbeitet.

 

Ich gönne mir lieber einen Frappé an der Platia, wo nun Kinder Tauben jagen und eine chice Parea am Nebentisch Großstadtflair verbreitet. Hier ist gut müßig sein.

Ich mache mich nach einer Pause aber auf den Weg hinauf nach Ano Syro, dem katholischen Ortsteil der Doppelstadt Ermoupolis-Ano Syros mit der Georgskirche auf der Hügelspitze. Weil man im Häusermeer den Gipfel nicht sieht, suche ich den Weg nach der ungefähren Richtung, bergauf.

 

Die Stadt ist ein Katzenparadies, und in der der Folge auch ein Katzenklo. Schade um die gepflegten Treppen, die marmornen Pflaster, die bougainvilleaüberhangenen Plätze. Meine Zielrichtung hat gestimmt, ich erreiche die Straße, die nach Ano Syro und in den Inselnorden führt und von der wenig später links eine Treppe himmelwärts zur Gipfelkirche geht. Sieht gar nicht so weit aus, erweist sich aber als Scheinriese: je näher man kommt, desto steiler die Treppe, desto weiter weg das Ziel.

Die Höhe des gegenüberliegen Kirchenhügels ist aber schon erreicht, der ist deutlich niedriger.

Ein umfangreicher Wegweiser sorgt für Irritation statt für Übersicht. Das Vamvakaris-Museum liegt links, das hebe ich mir für später auf (und bin nicht so optimistisch zu glauben, dass es offen hat). Die Taverne "Lilis" ist sowieso geschlossen (der Keller mit der Original-Kneipe ist nur für besondere Gäste zu besonderen Anlässen zugänglich). Vielleicht am Abend offen, aber wohl kaum den steilen Weg wert. Außerdem bin ich später in Parakopi eingeladen.

 

Ano Syros präsentiert sich als hübsches, aber verschlafenes Kykladendorf, das am Samstagnachmittag nur von Katzen bewohnt scheint. Vom nahen und lebendigen Ermoupoli trennen es Welten.

 

Ich erklimme schließlich die letzten Stufen des Hügels, auf dem die blassockerfarbene Agios-Georgios-Kirche thront. Die ist offen, und wirkt irgendwie anders. Klar, die Ikonen fehlen, die Kirche ist ja schließlich katholisch (sogar Bischofskirche). Dazu muss man wissen, dass Syros als Erbe der Venezianer katholisch war. Erst mit dem Flüchtlingsstrom aus Chios und Psara ab 1822 kam eine große Zahl an orthodoxen Flüchtlingen hier an. Sie wurden von den Einwohnern an der ungeliebten, da unsichere Küste angesiedelt und gründeten die Stadt Ermoupolis, die sich schnell zum bedeutenden Handelszentrum auswuchs (da hat sich Hermes offenbar persönlich ins Zeug gelegt). Trotzdem ist die Bevölkerung von Syros immer noch zur Hälfte katholisch (es gab da mal eine schöne SWR-Dokumentation "Doppelhochzeit auf Syros").

 

Die Flüchtlinge von Psara brachten übrigens eine Marien-Ikone mit, die sich heute in der Kirche "Kimisi tou Theotokou" in Hafennähe in Ermoupoli befindet und die von Dominikos Theotokopoulos, bekannter als "El Greco", gemalt wurde. Am Mittag hab ich die Kirche besucht und wurde von freundlichen Pappas sofort auf die Ikone hingewiesen, die sich im Kirchenvorraum platziert ist. Ob das die Ikone von Psara sei, hab ich ihn gefragt, und mich auf seine positive Antwort hin gefreut, dass sich für mich hier ein Kreis schließt.

 

Zurück nach Ano Syro. Die Glastüren zur Aussichtsterrasse vor der Georgskirche sind verschlossen, die hohen Mauern versperren komplette Ausblicke auf Stadt und Land, aber die Ausschnitte sind auch beeindruckend. Rechts der höchste Berg von Syros, der 442 Meter hohe Pirgos mit seinen Telekommunikationsmasten, davor die Kirche der Agia Paraskevi.

Vor mir ein filigraner Campanile mit graumarmornem Zierrat, daneben die blaue Kuppel einer Kirche. Und unten natürlich die Häuser von Ermoupoli, überragt von der Auferstehungskirche, rechts begrenzt von den Kränen der Neorion-Werft, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.

 

In der Ferne leuchten als heller Streifen die Häuser von Tinos-Stadt.

Doch, schon wegen der Aussicht lohnt sich der Aufstieg.

Bergab lasse ich mich in den Gassen verwirren, lande zuerst auf der Zufahrtsseite, gehe zurück, und treffe die ersten anderen Ano-Syros-Besucher.

Abwärts ist nun gar nichts mehr beschildert, aber das Dorf entfaltet seinen vollen Kykladencharme. Hier ein Wurf kleinster Kätzchen, dort ein idyllisches Plätzchen mit hochgestellten Stühlen oder blauem Tavernentischchen. Und dazwischen Stufen. Stufen ohne Ende.

Ich haben Sorge, dass ich die Vamvakaris-Platia verpasse und gehe weiter östlich. Unweit der originellen Telefonzelle in einer Nische werde ich dann fündig. Treppab weist ein großes Schild auf das Geburtshaus von Markos Vamvakaris, dem vermutlich bekanntesten Rembetiko-Musiker, hin. Sein bekanntestes Lied "Frankosyriani", auch die zweite Nationalhymne Griechenlands genannt und ein echter Ohrwurm, geht mir nicht mehr aus dem Sinn seit ich auf Syros angekommen bin: Tha se páro - na jiríso - Fínika, Parakópi - Galisá ke Delagrátsia - ke as mou'rthi synkopí ...

Besser hätte kein Fremdenverkehrsverband arbeiten können, aber das war kaum Markos' Intension als er das Lied 1935 geschrieben hat. Über die Geschichte mit dem katholischen Mädchen haben sich andere schon ausgelassen (z.B. Fred Wyss), und es gibt unzählige Versionen von dem Lied, von denen die von Locomondo eine der originellsten ist.

 

Überfrachtet mit dererlei Erwartungen finde ich das kleine Museum im Geburtshaus dann überraschenderweise doch geöffnet (Lothar hatte das bezweifelt und sich schon ins Zeug gelegt um mir den Besuch zu ermöglichen - danke! ). Tatsächlich: Dienstag bis Samstag 12 bis 20 Uhr.

Einen Euro Eintritt bezahle ich, und finde mich im einzigen Ausstellungsraum - im Untergeschoß gibt es noch eine Filmvorführung - von zahlreichen Vamkakaris-Devotionalien umgeben: sein Bouzouki, ein Tzouras (eine Art Bouzouki), seine Klamotten. Außerdem eine Tsambouna, Fotos, handschriftliche Liedtexte, Noten. Beschriftung logischerweise (wir sind ja auf Syros, wo kaum ausländische Touristen herkommen) nur auf Griechisch. Und so bleibt mir mancher Ausstellungsgegenstand im Dunkeln, lasse ich nur das Flair des Authentischen auf mich wirken.

 

Aber der Frankosyriani-Ohrwurm dreht in meinem Kopf jetzt völlig ab. Wieso fällt mir nur kein anderes Lied von Vamvakaris ein um ihm das Maul zu stopfen?

Passenderweise heißt das malerische Café an der Platia mit dem Vamvakaris-Denkmal neben dem Museum auch "Frankosyriani". Unter einem pinkfarbenen Bougainvillea-Dach sitzt man - zumindest in erster Reihe - mit toller Aussicht auf die südliche Unterstadt. Frischer Galaktobureko wird offeriert und genossen, samt der späten Nachmittagssonne.

 

Ein perfekter Abschluss des Oberstadtbesuches.

Die vielen Treppen abwärts in meinen Sommerschuhen, Frankosyriani auf den Lippen, sind dann fast so anstrengend wie hinauf. Da hätte sich der Einsatz meiner Wanderschuhe gelohnt. Die werden morgen zum Einsatz kommen. Da wird im Inselnorden gewandert.

Am späten Abend, zurück von der Essenseinladung - sehr schmackhaft, und verbunden mit ausgesprochen anregenden Gesprächen (nochmals danke!) - bummle ich durch Ermoupoli. Die Tavernen und Cafés sind noch voll. Bloß das mir von Theo so dringend ans Herz gelegt "Aeriko" finde ich nicht. Kann doch am Samstagabend nicht geschlossen sein?

Endlich werde ich fündig. Es ist geschlossen: "Το Αερικό μεταφέρεται στο Κίνι - das Aeriko ist nach Kini umgezogen" prangt auf einem Schild an der Türe. Wie schade!

Aber ich bin sowieso satt. Und werde tatsächlich kein einziges Mal dazu kommen, in Ermoupoli richtig essen zu gehen. Keine Tavernenempfehlungen also. Dieser Urlaub wird sowieso etwas anders als sonst. Und trotzdem wunderschön.