Tour de Spetses

Nachts haben mich Stechmücken genervt – da haben wohl ein paar in meinem Zimmer überwintert, und sind jetzt recht ausgehungert. Meine Jagdversuche waren nur mäßig erfolgreich.

Das Wetter ist auch am heutigen Dienstag nicht zu beanstanden, die Sonne lacht, der Wind weht nur leicht von Süden. Beim nahen Bäcker habe ich mich mit Proviant und Frühstück versorgt (die leckeren Schokokringel), die Küche meines Zimmers ist mit Heißwasserkocher, Kaffee, Tee und Mich ausgestattet. Das Leitungswasser schmeckt besser als auf Hydra und wird getrunken. Nur auf dem Balkon ist es zu nass zum draußen sitzen (und auch frisch), aber es hat einen großen Esstisch im Zimmer, und viel mehr Platz als im Zimmer auf Hydra.

 

Um dreiviertel zehn verlasse ich das Haus, als mein iphone klingelt. Eine griechische Nummer, ich vermute Yannis aus Hydra und melde mich dann mal griechisch mit „nä?“. Verwirrung am anderen Ende der Leitung. „I Katerina eime“ schiebe ich nach, was die Verwirrung am anderen Ende nicht verringert. Es ist Nikkos, der Radverleiher, der dachte, mit einer ihm bekannten Katerina aus Belgien verbunden zu sein. Dabei wollte er mir nur sagen, dass er verschlafen hat (zu viel Party am Vorabend, tss, tss) und erst eine halbe Stunde später kommen kann. Na, von mir aus, die Insel zum umrunden wird ja hoffentlich in sieben Stunden möglich sein.

 

Ich setze mich auf eine Bank vor dem Grand Hotel und genieße die Sonne. Die Wettervorhersage hatte seit Tagen mäßiges Wetter prognostiziert – nichts davon ist eingetroffen. Finde ich gut!

Um halb elf bin ich dann am Radverleih, und Nikkos (er schreibt sich mit zwei „K“) kommt auch pünktlich. Er fragt mich was ich denn um diese Jahreszeit auf der Insel mache, und ist überrascht über meine Antwort: „Urlaub“. Na, von den mitteleuropäischen Touristen ist man ja allerlei Skurrilitäten gewohnt… Zehn Euro bezahle ich für das Rad, das ordentlich aufgepumpt und mit einem Gepäckkorb versehen wird. Ein Zahlenschloss bekomme ich auch noch (und vergesse prompt den Code), ich soll das Rad am Abend oder am nächsten Morgen wieder vor dem Laden abstellen (und abschließen).

 

Und dann radel ich los, erst zum alten Hafen – Boot an Boot - und zur Balitza-Bucht. Dort wird in den Kaiki-Werften überall geschliffen, geschraubt und gestrichen. Sehr viele der hübschen Holzboote liegen hier in der Winterwerft, ich bin überrascht über die Größe der spetsiotischen Fischerflotte. Und ganz am Ende liegen die vier Tanker, Seite an Seite. Es sind drei Wasserschiffe und eine kleineres, unbetankt ragen sie steil aus dem Wasser, alle mit langen Leinen an einem Pfosten angepflockt.

Nach einem Abstecher zum Leuchtturm (abgesperrt) stelle ich das Rad ab und gehe einen Weg zur Küste hinab, wo ich die metallene Gorgone erspäht habe. Da stehen noch mehr eiserne Tiere – ein Stier, Ziegen aus Ketten, eine Eule. Urheber unbekannt. Die Gorgone ist ganz unten am Ufer, sie guckt finster als ich sie für meine Gorgonen-Sammlung ablichte. Wie ist das noch mit den Persönlichkeitsrechten beim Fotografieren?

 

Eine kanonenbewehrte Mauer ist auch noch da, und die Statue eines jungen Mannes mit Fackel und Enterhaken, vermutlich mal wieder ein freiheitskämpfender Brandstifter – dass das in Griechenland ein Ehrentitel ist, hab ich schon auf Psara gemerkt. Und eine Büste von Orlow (nein, nicht der aus dem Kretaforum, sondern Alexei Grigorojewitsch Orlow, dem Admiral von Katharina der Großen und Kämpfer gegen das Osmanische Reich).

Weiter geht meine Tour de Spetses im Uhrzeigersinn Richtung Süden durch den östlichen Ortsteil Pityoussa und aus dem Ort heraus. Es ist ein angenehmes Fahren, die Sonne, blauer Himmel, kaum Wind, die gepflegte Asphaltstraße unter den Reifen. 25 Kilometer soll die Runde lang sein, zu Fuß würde das auf dem harten Untergrund wenig Spaß machen, aber mit dem Rad ist es perfekt.

Ich passiere den Strand von Agia Marina – badetechnisch hat Spetses besseres zu bieten als Hydra. Jetzt im Januar sind aber natürlich alle Strände verlassen. Wie viel Grad das Wasser wohl hat? Ich werde die Temperatur später messen, und auf knapp 17°C kommen. Geht doch eigentlich noch.

 

Überall ist wächst das Gras in frischem Grün, das türkisfarbene Meer ist ein schöner Kontrast. Zypressen und Olivenbäume sorgen für toskanische Gefühle. Und ich radle vor mich hin, die Straße ist etwas wellig, aber auch für Schönwetterradler gut zu bewältigen.

 

Vor dem südöstlichen Kap von Spetses liegt die waldige Insel Spetsopoula, eine Privatinsel im Besitz der Familie des Reeders Stavros Niarchos. Und damit ihm niemand die Aussicht verbaut, hat er auch noch Grundstücke in diesem Teil von Spetses erworben. Man kann gut hinüberschauen zum Anleger, es ist nicht weit. Zum Inselsammeln hinüberschwimmen? Muss nicht sein.

 

Was dann kommt, dürfte Herrn Niarchos weniger gefallen, aber er muss es ja nicht riechen: die Müllkippe von Spetses. Eine riesige offene Erdschräge, bunte Müllsäcke, mit Baggern wird herumgewälzt und untergegraben. Schreiende Möwen darüber. Ich suche strampelnd das Weite, schon nach der leichten Steigung und der nächsten Kurve hab ich das Idyll wieder.


Unterhalb der Straße liegen gelegentlich gut abgesperrte weitläufige Landsitze von Menschen mit dickem Geldbeutel. Schon die Tore riechen nach Geld. Aber es ist niemand zu sehen, nicht einmal ein albanischer Gärtner. Und auch Verkehr hat es keinen auf der Straße - ich kann ungestört vor mich hin fahren.

Gegen halb eins bin ich an meinem ersten Tagesziel Agii Anargyri. Ich parke das Fahrrad (weil der Fahrradständer etwas kurz ist, muss ich immer aufpassen, dass mir nicht das ganze Rad umfällt) und sehe mich um. Aus der Richtung der Taverne „Manolis“ kommt Musik, aber das Lokal ist trotzdem zu – ich hatte auch mit nichts anderem gerechnet. Über den Sand-Kiesstrand gehe ich nach Osten bis zu einem betonierten Anleger. Guter Platz für eine Rast und ein Schläfchen in der Sonne. Der Blick auf die wolkenverhangene Peloponnes nach Westen, nur die leise plätschernden Wellen durchbrechen die Ruhe.

 

Nach einer Stunde gehe ich wieder zurück zum Rad. Eigentlich wollte ich die Bekyri-Höhle besucht, die in der Geschichte oft Fluchtort der Inselbevölkerung war, aber Theo sagte, dass diese nach Steinschlag gesperrt sei. Inzwischen ist sie wohl wieder offen, aber die Verstellung, hier am Ende der Insel alleine in eine schlüpfrige und dunkle Höhle hinabzusteigen, lässt mich Abstand nehmen. Ich weiß auch nicht wo genau es zur Höhle geht, beschildert ist nichts.

 

Ich fahre noch einen Seitenweg zu Agii Anargyri-Kapelle, und wundere mich über Zwergkaninchen, die in einem Garten und auf der Piste herumhoppeln. Und über Steinhühner in einer Voliere. Am nächsten Tag werde ich merken, dass die Insel fahrtechnisch so gut erschlossen ist, dass sie von den bequemen spetsiotischen Jägern völlig leergejagt ist. Wenn die Mitglieder des lokalen Jagdvereins etwas schießen möchte, müssen sie es zuerst freilassen…. Ganz im Gegensatz zu Hydra, wo die Jäger zu Fuß gehen müssen (und das in deutlich anspruchsvollerem Gelände) und man entsprechend mehr Vögel sieht und hört.

Dann tanzt noch ein kollernder Truthahn vor mir über die Straße – was für anmutige Bewegungen! Hat was von Sirtaki….

Ich folge weiter der Küstenstraße, lasse den baumbestandenen Strand von Agia Paraskevi mit der kleinen Kapelle links liegen. Laut der Anavasi-Karte „Spetses“ von 2011  zweigt hier am nordöstlichen Ende der Insel eine Piste links ab, das wäre vielleicht eine reizvolle Variante hinab zu Küste. Die Karte im Maßstab 1: 12.500 ist ganz brauchbar, leider enthält sie aber keinerlei Entfernungsangaben (was ich von Anavasi nicht gewohnt bin). Diese Piste ist aber nur ein schmaler, ausgewaschener und zugewachsener Weg, nicht fahrradgeeignet, und so verzichte ich. Unter mir liegt jetzt die weite Bucht von Zogaria, und die sieht echt hübsch aus. Deshalb stelle ich am östlichen Ende der Bucht das Fahrrad wieder ab, und gehe zu Fuß die Piste hinab.

 

Herr Siebenhaar schreibt in seinem „Peloponnes“-Reiseführer, man gelänge hier „zu zwei idyllischen Badebuchten…..zwei Kilometer den Berg hinunter…..inmitten von Pinien, Ölbäumen und Zedern….“. Also entweder war er noch nie hier (wofür die „zwei Kilometer“ sprechen, denn da ist man schon halb auf der Peloponnes), oder er hat ein botanisches Bestimmungsproblem, denn die Pinien sind Aleppokiefern, und die Zedern Zypressen. Immerhin: die Ölbäume sind Ölbäume. :-) Und mit der idyllischen Badebucht hat er recht.

Das Ufer besteht hier aus zusammengebackenem Gestein (nennt man, glaube ich, Nagelfluh), Badeschuhe empfohlen, aber es hat auch kleine Kiesstücke dazwischen.


Ich möchte ja nicht baden, spaziere aber die Bucht entlang nach Westen bis zur hübschen Analipsi-Kapelle.

Eine vorbyzantinische Siedlung war hier auch, sagt die Landkarte. Nix davon zu sehen.


Soll ich noch weiter? Da ist noch eine Kapelle (Agios Giorgios) auf einer Landzunge. Ich verzichte, bin etwas müde. Innerhalb kürzester Zeit sind drei Motorrad- oder Mopedfahrer an mir vorbeigesaust, mehr als den Tag über auf der Straße zuvor. Da muss irgendwo ein Nest sein…. Aber einen Ort gibt es hier im Inselnorden nicht, es gibt sowieso nur Spetses-Stadt mit seinen Ortsteilen, und das Dorf Ligoneri etwas nördlich davon.

Wieder oben an der Straße nehme ich das letzte Viertel der Straße in Angriff. Hier an der Nordküste hat es auch einige kleine Badebuchten, felsen- und baumbestanden: Waiza, Vrellos und Paradissos. Ich überhole einen Jogger. Auf Spetses gibt es einen Insellauf, den Spetses(mini)Marathon, der im Oktober stattfindet (ich hab auf der Straße entsprechende Markierungen gesehen) und in der langen Variante rund um die Insel führt, genau wie ich heute gefahren bin. Und da muss man natürlich ganzjährig trainieren. Kein Problem bei dem Wetter heute.

 

Vor Ligoneri halte ich an einer Kapelle (zoodochou pigis, passenderweise), die sich rechts in einem Taleinschnitt versteckt. Sie ist leider auch abgeschlossen. Hinten unter einer Felsenwand ist ein Wasserspeicher mit kleinem Becken: „ligo neri“ = wenig Wasser – aber immerhin, es hat welches.

 

Auf der Weiterfahrt muss ich den Jogger wieder überholen. Die Straße führt unterhalb von Ligoneri vorbei, von dem man fast nichts sieht. Danach kommt ein riesiger, aus mehreren Gebäuden bestehender Hotelkasten, der ziemlich heruntergekommen aussieht. Abschreckend.

Auch der Strand von Scholes (school)/Kaiki sieht etwas heruntergekommen aus: zerbrochenen Betonplatten, die vermutlich mal ein Weg waren. Hängende Sonnenschirmhüte. Bis zum Saisonbeginn gibt es noch einiges zu tun. Aber da sind doch wirklich zwei Schwimmer im Wasser. Im Neopren-Anzug allerdings. Eis-Schwimmen auf Spetses… :-) Gegenüber liegen die großen Gebäude der Anargyrios & Korgialenios School of Spetses in einer gepflegten Gartenanlage. Sieht aber auch verlassen aus, inzwischen wohl nur noch eine Summer School.

 

Weil ich gerade so schön im Schwung bin, radel ich nochmals durch Spetses-Stadt hindurch bis zum alten Hafen. Wo ich beim Absteigen von Rad an der Aussichtsstelle mit den zwei Bänken irgendwie am Rad hängen bleibe und mich auf die Nase lege und mir den Knöchel anschlage. Aua! Radfahren ist doch nicht so inselgeeignet… ;-)

Um Viertel nach vier bin ich wieder im Niriides zurück, wo Theo gerade versucht, seine Markise hochzukurbeln. Die hat das ewige Gewinde, und so muss man etwas länger kurbeln für ein minimales Ergebnis. Sein Balkon ist um 45° zu meinem versetzt und ohne Meerblick – dafür hat es dort ein anderes Klima: kein Tau am Morgen, keinen Mücke in der Nacht. Tssss…

Theo hat eine kleine Odyssee durch den Ort hinter sich, die er auf seiner Website beschreibt. Schaden hat zum Glück nur sein Trolley erlitten…. :-)

 

Nach einem Abendspaziergang (mit Taschenlampe) zum alten Hafen und der Erkenntnis, dass da auch heute kein Lokal geöffnet hat, kehren wir dann wieder bei „Argyris“ ein.

Theo bestellt Hühnersuppe, ich das kotopoulo lemonato mit Reis. Rote Beete und Fava vorab, beides schmeckt gut. Theo bekommt dann einen tiefen Teller mit Brühe, und nach zehn Minuten einen – zunächst vergessenen - weiteren Teller mit einem gekochten Hühnerbein samt Gemüse und Kartoffeln. Worauf ihm der restliche Appetit - viel war es eh nicht mehr, denn die Vorspeisen waren sättigend – vollends vergeht. Dass man bei Fischsuppe die Brühe und den Fisch getrennt serviert bekommt, wußten wir. Allerdings nicht, dass das bei Hühnersuppe auch so ist (beziehungsweise sein kann).

Der Schnaps aufs Haus ist dann kostenlos, und weil wir noch einen Liter Wein vernichtet haben, gehen die alkoholischen Tage weiter.

 

Morgen wird dann wieder gewandert! Ins Inselinnere.