Markt und Meer. Und Nebel

Heute ist Samstag. Und was macht man am Samstag wenn man in der Nähe der Messara-Ebene ist? Natürlich, man geht nach Mires auf den Markt. Und so stellen auch wir unseren Mietwagen kurz nach zehn Uhr an der gesperrten Durchgangstraße ab und sind gespannt auf diesen Markt. Ich erwarte mir nichts Spektakuläres hier, sondern kretischen Alltag. Und die Möglichkeit, das eine oder andere regionale Produkt als Mitbringsel zu kaufen.

Gut, die leuchtendvioletten Kohlköpfe, die handgranatenförmigen Zedratzitronen und der streng riechenden Fisch sind da weniger geeignet, ebenso wie die Hühnerküken, die in einem Käfig zusammengepfercht sitzen. Verlockender wären schon die Kräuter und Blumen, die an einem Stand feilgeboten werden. Oder die dicken Sträuße mit kleinen Narzissen. Die Cousine rechnet, wie viele kretische Kartoffeln wohl noch ins Gepäck passen würden - die Schweizer Erdäpfel seien echt nicht gut. Ich bin eher auf der Suche nach Raki, aber da werde ich leider nicht fündig. Aber ein Glas Honig wandert in meine Tasche, und einige getrocknete Kräuter.

 

Manches angeboten Gemüse kann ich nicht identifizieren: Die großen Wurzeln mit dem distelartigen Kraut oben. Die kleinen dunklen Zwiebeln. Die grünen Blätterbündel. Kreta hat so Vieles zu bieten.

 

Originell ist der Scherenschleifer mit seinem kleinen Hund. Der Hund hat mit einem Gummiband ein (unlesbares) Pappschild auf seinem Rücken befestigt, was dem Tier sichtbar missfällt. Sein Herrchen schärft solange mit einem Trennschleifer fingerfertig die Zähne einer kleinen Motorsäge. Klar, jetzt während der Olivenzeit braucht man funktionierendes Werkzeug. Der Scherenschleifer ist ein aufgeschlossener Typ, der nach der Antwort auf die Frage, woher wir kommen, sofort seine Deutschkenntnisse auspackt. Natürlich war auch er mal in Jermanía, wie so viele Kreter.

Gibt es im vorderen Teil des Marktes vor allem Lebensmittel und Pflanzen, so dominieren hinten Haushaltsgegenstände und Klamotten. Ein Wühltisch ist dicht umstanden von Frauen in wattierten Jacken - es gibt Unterwäsche. Aber auch Strickwaren, Strümpfe, Stickgarn, Pfannen, Teller, Gläser, und allerlei Nippes werden angeboten, und Ikonen, Weihrauch, Tamata und martialische Gürtelschließen. Was das Herz des Kreters oder der Kreterin eben so begehrt. Teuer ist das wenigste.

 

Bei einem Preis von fünfzig Cent pro Stück erwäge ich den Kauf von Besteck für unser bevorstehende Vereinsfest. Aber die Gabeln und Messer sehen nicht so aus, als würden sie einem festeren Stück Fleisch Paroli bieten können.

 

Die Plätze in den Cafés am Straßenrand sind gut belegt. So ein Markt ist ja vor allem auch ein Treffpunkt für die Einheimischen, man schwätzt und tauscht Neuigkeiten aus. Ich genieße die Atmosphäre, und auch Barbara hat ihren Spaß. Aber wo ist eigentlich Theo? Er hat den Banalitäten des Marktes den Rücken gekehrt und sitzt beim Auto in einem Kafenio, geduldig wartend. Mhm, was hattest du erwartet? Spektakel mit Meerjungfrauen und Feuerschluckern?

Ja, die Damen lassen sich Zeit. Kein Grund zur Eile, wir sind ja im Urlaub.

Inzwischen frag ich mich öfters mal, ob dieser Kretaurlaub vielleicht ein Irrtum war. Für ihn, und für uns. Die Dreierkonstellation wird etwas anstrengend. Schade.

Was tun mit dem angebrochenen Tag bei strahlendem Sonnenschein? Natürlich ans Meer! Über Timbaki fahren wir nach Kokkinos Pirgos, wo es einen breiten, mit flachen Kieseln durchsetzten Sandstrand gibt. Wie ein großes Schiff verschmelzen die Paximadi-Inseln am Horizont miteinander, schwimmen auf den türkismilchigen Wellen. Ein Wald aus aufgespannten blauen Sonnenschirmen beschattet noch nichts. Hinter uns ist der schneebedeckte Psiloritis von Wölkchen umtanzt. Hellgelber Klee sprenkelt das grüne Gras. Farben des Januars.

Zwei mutige Frauen waten in die Fluten, können sich aber doch nicht überwinden, ganz einzutauchen. Der Wind ist kühl.

 

Ich ziehe die Schuhe aus und krempel die Hosenbeine hoch: Zeit, endlich die Meerestemperatur zu messen. Das flache Wasser ist frisch, 15 Grad zeigt mein Thermometer an. Brr, nichts für Warmbader!

Eine Schule mit Jollen verlässt den kleinen Hafen von Kokkinos Pirgos und segelt vor uns vorbei. Mal in Dreierformationen, mal wie eine Perlenschur aufgereiht. Das erinnert mich an Chania vor zwei Jahren. Aber heute ist das Wetter besser, die Schüler tun sich leichter.

 

Nach einem kurzen Strandspaziergang kehren wir auf einen Tee respektive Bier in ein Strandcafé ein. Im Schatten braucht man gleich wieder die Jacke - es ist eben erst Januar. Und bevor wir völlig durchfrieren, kehren wird ins von der Sonne aufgewärmte Auto zurück.

Wir wollen nun über Klima nach Zaros fahren, was sich als schwierig erweist, denn die Abzweigung von der Straße von Kokkinos Pirgos–Mandres ist nicht beschildert. Es wird doch nicht dieses schmale Feldweg sein, der zwischen den Gewächshäusern verläuft? Wir fahren schließlich nach Tymbaki zurück und von dort hinauf nach Klima, eine schöne Strecke durch hüglige Olivenhaine. Die Ernte ist immer noch im Gange. Weiter dann über Platanos auf bereits gefahrener Route nach Zaros. Wo wir in dem Souvlatzidiko an der Durchgangsstraße eine Kleinigkeit essen wollen eh es weiter nach Gergeri und dann auf die Passstraße Richtung Nida geht.

Wir parken direkt vor der Handweberei Mitos, und natürlich müssen Barbara und ich dort hinein nachdem wir gesehen haben, dass der Laden offen ist. Theo wartet draußen. In dem Laden gibt es schöne Sachen - Handarbeiten, Taschen, Souvenirs - und weil sie noch freie Kapazitäten in ihrem Trolley hat (die Kartoffeln sind auf dem Markt geblieben), fragt Barbara nach einer Tischdecke. Das geht natürlich nicht so schnell. Theos zunehmende Verärgerung über die Dauer des Wartens spüre ich durch die Ladentüre. Nein, er kommt nicht rein. Gut, gehen wir zwei halt schon nach nebenan in den Imbiss, Barbara wird dann schon kommen. Natürlich müssen wir mit der Bestellung trotzdem auf sie warten, ich verstehe dann noch Theos Wünsche falsch (Souvlakipitta statt Pitta mit Souvlaki), die Essenszubereitung dauert auch noch, und es schmeckt ihm nicht (zu viel Kartoffeln in der Pitta). Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, und ich frag mich, ob ich außer dem Chauffeur und dem Reiseleiter noch den Stimmungsmacher geben soll. Muss ich nicht - das ist halt so nach zehn Tagen, da nervt man sich auch mal.

Barbara klinkt sich jetzt aus und bummelt lieber noch durch Zaros statt auf den Pass zu fahren. Ähm, eigentlich hab ich von Zaros auch noch nicht viel gesehen... aber gut, ich wollte da ja auch hinauf, und sonst ermordet Theo vielleicht seinen Chauffeur, und das wäre doch ein unschönes Urlaubsende. ;-)

 

Wir fahren also zu zweit via Nyvritos nach Gergeri. Und plötzlich ist Theo wieder guter Laune. Aha.

Hinter Gergeri zweigt in einer spitzen Kehre die Straße auf die Nida-Hochebene ab. Es geht zunächst durch den oberen Teil des Ortes, und wir sind schon halb wieder in Nyvritos als wir merken, dass wir die Abzweigung verpasst haben und zurück müssen. Aber gut, wir können auf dem Rückweg hier fahren.

 

Schnell gewinnen wir auf der breiten und überall mit Leitplanken versehenen Serpentinenstraße an Höhe. Je höher wir kommen, desto mehr Felsbrocken liegen auf der Straße. Weil die Bodenfreiheit unseres Fiat Bravos nicht besonders gut ist, umfahre ich die Steine lieber. Fehlen eigentlich noch Ziegen oder Schafe, aber die machen sich rar. Es ist auch ganz schön frisch hier oben, aber der Blick auf die der Messara-Ebene vorgelagerten Hügel ist schön.

Über uns hängen aber Wolken. Und dann, plötzlich, sind wir drin. Im Wolkennebel. Upps, das sieht plötzlich überhaupt nicht mehr kretisch aus. Eher schottisch. Oder wie auf Skyros. Vorsichtig fahre ich weiter. In einer Kurve bei einigen Gebäuden endet die asphaltierte Straße. Ein steinerner Wegweiser zeigt rechts nach Anogia, links nach Agios Ioannis Rouwas, und zurück nach Gergeri. Gut, also verloren gehen wir hier schon mal nicht.

Die Schotterpiste nach Anogia sieht ganz gut aus: schön breit und frisch planiert. Aber warum sollten wir weiterfahren, wenn man schon hier keine fünfzig Meter weit sieht? Geschweige denn ins Tal?

Also halten wir an und sehen uns diese Ecke mal an.

Neben zwei aneinandergebauten Steinhütten, sogenannten Mitata (Singular μιτάτο/mitato), befindet sich ein kleines, halbrundes Freilichttheater. Erstaunlich, ein Theater hier. Aber im Sommer ist es hier bestimmt ganz lauschig. Was da wohl gespielt wird?

 

Eine Etage tiefer ist noch ein Mitato, und eine Steinhütte gegenüber. Beide sind unverschlossen. Die Hütte enthält einen Herd samt Kochtopf, das Mitato ist mit Stühlen und Tischen ausgestattet, Geschirr liegt herum. Alles für Hirten vermutlich.

Das Gebäude mit doppeltem Tonnengewölbe, das von weitem wie eine Kapelle aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Stall. Die Türen stehen offen, Mist liegt auf dem Boden. Das Vieh ist ausgeflogen. Da wundert mich das Freilufttheater umso mehr. Schäferspiele vielleicht? Oder Ziegenrodeo?

Es ist lausig kalt hier oben, und auch schon fast fünf Uhr. Wir kurven wieder nach unten und freuen uns, als die Wolken die Sicht übers Land freigeben. Ein komischer Ausflug wie in ein anderes Land war das.

Unten in Gergeri nehmen wir, wie vorhin gesagt, die Straße, die oberhalb der Hauptstraße nach Nyvritos führt. Orange eingezeichnet in meiner Anavasi-Karte. Kein Problem. Bis in Nyvritos, da wird es plötzlich etwas eng. Ein Wegweiser zeigt links im 90-Grad-Winkel eine steile Rampe hinab, aber da bin ich schon zu weit gefahren und muss zurück manövrieren, weil ich vorne mit dem Auto definitiv nicht durchkomme. Parkenden Autos machen das Ganze noch enger, aber ich krieg den richtigen Winkel, fahre die Rampe hinab und unten rechts. Hoppla, da parkt doch einer mit seinem Pickup die Straße zu. Bitte hier nicht wieder rückwärts! Ich steige aus um mir anzusehen ob und wie ich dort vorbeikomme, und sehe, dass der gar nicht auf der Straße parkt, sondern diese hinter einem Haus abzweigt. Puh, Glück gehabt! Vorsichtig fummeln wir uns durch Nyvritos, das so bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Bin ich froh als wir wieder den Asphalt der Hauptstraße unter den Rädern spüren. Schnell zurück nach Zaros. Während Sonne, Licht und Wolken für faszinierende Stimmung über dem spätnachmittäglichen Land sorgen.

Und Theo von einem Bauern im Vorbeigehen zwei Orangen geschenkt bekommt. Komm, ist doch gar nicht so schlecht hier.

Am Abend verwöhnt uns Irina wieder mit Salat, Schnitzel und Kartoffeln. Dimitris zeigt uns seine Lyra, hat aber leider keine Lust zu spielen. Und wir müssen ja auch unsere Sachen packen.

 

Morgen geht es zurück in die Heimat. Frühstück um halb acht, dann nach Iraklio.

Abschied von unseren Gastgebern. Es war schön hier.

Wer lieber das ländliche statt des touristischen Kreta kennenlernen möchte, der ist hier richtig.

 

Eine Stunde werden wir mit dem Auto bis zum Flughafen Iraklio brauchen, auf dem im Vergleich zu den Vorjahren mehr los ist. Vielleicht erscheint das aber auch nur wegen der Bauarbeiten so - viele Bereiche sind abgesperrt, der Duty Free ist auf ein Minimum geschrumpft.

 

Wir fliegen alle drei zusammen im gleichen Flugzeug nach Athen, wo sich unsere Wege trennen werden. Theo fliegt am schnellsten weiter nach Düsseldorf, Barbara und ich haben noch zwei Stunden Aufenthalt ehe ich via Thessaloniki nach Stuttgart weiterdüse, und Barbara direkt nach Zürich.

Zehn schöne Tage auf Kreta gehen zu Ende. Mir hat es gefallen, und Barbara auch.

Und Theo? Der war wohl schon mit der (späten) Erkenntnis angereist, dass ihm Kretas Mitte nicht gefällt. Davon hat er sich auch vor Ort nicht wirklich abbringen lassen wollen. Nun, man nimmt sich immer selbst mit auf Reisen. Und wir Mädels waren im Doppelpack auch nicht immer so rücksichtsvoll.

Die nächste Griechenlandreise mache ich vor allem mit mir alleine. Ich freu mich drauf.


PS. Ich hoffe, Theo ist jetzt nicht sauer.

Ich mag ihn ja trotzdem. :-)

Aber ich glaube nicht, dass wir nochmals zusammen über Kreta kutschieren.