Sto Agistri

 

Die „Poseidon Hellas“ verläßt Poros pünktlich um sechs Uhr dreißig. Wir wundern uns, dass wir auf die Frage nach unserem Fahrtziel Aegina das Gepäck im Bug des Schiffes deponieren sollen, es also ganz nach vorne tragen müssen. Das Schiff ist mäßig belegt.

 

Ein letztes Mal durch den Steno Porou vorbei am Leuchtturm. Kurs Methana. Das Meer liegt ruhig. Um sieben Uhr legen wir in Methana an. Ähm, tun wir das? Das Schiff hält mit dem Bug zum Anleger – es muss auch vorne einen Ausgang haben. Ist ja merkwürdig!

Zu unserer Rechten inszeniert die Sonne einen tollen Aufgang. Ein kleines Riff mitten im Meer sieht von der Ferne aus wie ein Segelschiff. Links ragen die Vulkane von Methana hoch, grüner als erwartet. Und als wir die Ostspitze Methanas passieren wird endlich, endlich, der Blick auf unser Ziel frei: die waldige Insel Agistri (auch Angistri) präsentiert ihre unbewohnte Ostseite, mit einer paar Häusern am rechten Inselrand. Ja, das sieht nicht schlecht aus.

Zuerst aber geht es nach Aegina, wo die Fähre um kurz vor acht Uhr anlegt. Wir verlassen die „Poseidon Hellas“ vorne – da hat sie nämlich noch eine Ladeklappe. Das ist selten bei den Fähren in der Ägäis (ich kann mich an kein anderes Schiff dieser Bauart erinnern), und sieht richtig nach einem Maul aus. Gelassen sehen wir uns vom Land aus den Ent- und Beladevorgang an – zum Schluss geht ein großer Müll-Laster auf das Schiff – der wird den Laderaum ordentlich vollstinken! Gut, dass wir nicht mehr an Bord sind!

Aegina ist noch nicht sehr wach, in einem Café sehen wir beim Frühstück zu wie es lebendiger wird. Da kommen die Fähren von Piräus: die rote „Phivos“, die beige „Agios Nektarios Aeginas“ der Simi-Genossenschaft. Fast ununterbrochen pendeln sie zwischen Attika und Aegina, und außerdem noch die „Poseidon Hellas“ und die „Apollon Hellas“, die weiterfahren nach Poros. Und für Eilige gibt es die Flying Dolphins: gerade mal vierzig Minuten dauert die Überfahrt nach Piräus mit der gelb-blauen „Athinai“ von Aegean Flying Dolphins oder der rot-weiß-blauen namenlosen (dafür nummerierten) Konkurrenz der Hellenic Seaways.

Die von Piräus kommende Nummer XXIX besteigen wir um kurz nach halb zehn um nach Agistri (τοΑγκίστρι - Singular Neutrum, auch selten bei Inseln!) hinüberzufahren. Fahrtzeit zehn Minuten, Fahrpreis fünf Euro fünfzig (Tickets gibt es in den kleinen Buden zu Beginn des Anlegers, die sind erst kurz vor der Abfahrt geöffnet. Achtung – jede Linie hat eine eigene Bude und entsprechend eigenen Abfahrtszeiten). Nur eine Handvoll Passagiere teilt die Schnellfähre mit uns – Ostern ist vorbei, der Reisestrom geht in der Gegenrichtung.

 

So warten auch schon zahlreichen Menschen samt Gepäck am Anleger von Megalochori (auch Mylos genannt) um abzureisen. Die kleinen Schnellfähren legen dort an während die großen Fähren den Hafen im zwei Kilometer weiter östlich gelegenen Skala ansteuern. Eigentlich hatte ich mir im Vorfeld eher Skala als Quartier ausgeguckt, aber später werden wir froh sein, in Megalochori gelandet zu sein.

Sogar ein Bus steht am Pier, Destination laut Schild Skala und Limenaria. Gut!

Wir sehen uns aber nun hier nach einem Quartier um. Vom Anleger führt eine Straße in den Ort hinauf, wir nehmen aber die Küstenstraße nach Osten, wo lose einige Hotels stehen. Es sind recht hässliche Betonbauten älterer Bauart, die in der schon wieder herabknallenden Vormittagssonne auch nicht schöner werden. Vor manchen hat es ein paar Meter Kies-Sand-Strand mit Liegen und Sonnenschirmen, und angeschwemmten Algen.

Es gefällt uns nicht.

 

Ich parke die Mutter samt Gepäck im Schatten eines Uferbaumes und gehe alleine weiter nach Osten auf Quartiersuche. Aber was da ist und gut aussieht hat geschlossen oder ist gar keine Pension. Also gehe ich doch vom Ufer weg und hinein bzw. hinauf zurück in den Ort. Drinnen, nahe bei der Kirche, ist das Hotel Boulas. Von dieser Seite sieht es deprimierend aus, und so gehe ich weiter zu den „Studios Sunrise“, die recht ansprechend aussehen. Aber niemand da. Ich klingle, und in einem Haus auf der anderen Straßenseite erscheint eine Frau. Zimmer hätte sie, und zeigt mir eines im Mittel- und eines im Obergeschoss. Geräumig, mit großem Balkon, Küche und Meerblick, und mit Wifi, verkündet sie stolz. 45 Euro möchte sie dafür, eigentlich zu viel für mein Preisgefüge. Ein seitliches Zimmer wäre günstiger, aber hat nicht so einen tollen Ausblick, sondern geht zur Straße. Also entaxi, wir nehmen das mit Blick. Fünf Euro hin oder her ist doch egal.

 

Katerina heißt die Wirtin, und ihr Mann Kostas holt die Mutter samt Gepäck an der Uferpromenade ab.

Danach machen wir erst mal Pause. Ein Stück unterhalb an der Uferstraße liegt das Hotel Theris, das uns wegen seiner massiven Betonbauweise so wenig gefallen hat. Ein Zimmer hätten wir da eh nicht bekommen – es ist komplett belegt mit einem Seminar deutsche Psychoanalytiker, die frühmorgens lautstark im Meer planschen und auch sonst oft nicht zu überhören sind.

 

Aber der Blick vom Balkon ist toll, reicht vom Hafen in Megalochori über die vorgelagerte Insel Metopi und Aegina bis zum Kap in Skala. Und wenn die Beleuchtung und das Wetter stimmen sieht man die bebaute Küste von Piräus und Athen.

Einkaufen kann man in einem Supermarkt in der Ortsmitte, und einen Bäcker gibt es auch. Er hat köstlichen Grießkuchen im Angebot, und Bougatsa, und allerlei andere Leckereien. Freundlich fragt er uns woher wir kommen (ist ja meist die erste Frage), und in Erwartung der üblichen Merkel-Schmähungen ziehe ich den Kopf ein (nein, so weit bin ich noch nicht, dass ich mich als Schweizerin ausgebe). Aber er findet das was Merkel macht gut, es wäre ja auch Zeit, dass endlich mal jemand in Griechenland durchgreife und ausmiste. Vielleicht sollte er mal mit Kostas von Poros reden – das gäbe bestimmt eine wilde Diskussion. Richtig griechisch, denn es sollte doch niemand so naiv sein zu glauben, dass zwei Griechen einer Meinung sein könnten. ;-)

 

Der Himmel hat sich bewölkt, für die nächsten Tage sind Gewitter und eine Temperaturabsenkung in den unter Zwanzig-Grad-Bereich angekündigt. Zur Abwechslung mal gar nicht schlecht. Noch aber ist es warm und ich suche mir ein Badeplätzchen. Vor dem Hotel Theris ist nur ein schmaler Mini-Strand, nicht ganz seeigelfrei, und außerdem von den Hotelgästen belegt. Weiter östlich, vor einer Strandbar vor dem dazugehörigen Hotel Amaryllis (dort setzt man vor allem auf britische Gäste, wie die Beflaggung zeigt) ist ein etwas breiterer Sandstrand mit Liegen und Schirmen, nun nur mäßig besetzt. Da lässt es sich gut baden, auch wenn mir vereinzelt Seeigel im Wasser zu sein scheinen. Und auch hier zeigt das Badethermometer schon 23°C!

Später spazieren wir dann entlang der Küstenstraße zum Nachbarort Skala hinüber.

Nett das Schild, das um Rücksicht für Enten auf der Straße bittet. Der Verkehr auf der Küstenstraße ist doch recht spärlich. Die Küste ist flach und felsig, keine guten Bademöglichkeiten. Am Ortseingang von Skala empfangen uns zahlreiche Pensionen und Hotels. Irgendwie sehen sie alle so aus als hätten sie schon bessere Zeiten gesehen - ist es die Trostlosigkeit der Vorsaison? Ich entdecke auch einige der Namen, die ich im Vorfeld bei booking.com abgecheckt habe - deprimierend. Gut, dass wir nicht vorher gebucht haben!

 

Skala ist ein reiner Touristenort, entlang der Promenade reiht sich Café an Bar an Taverne, dazwischen und etwas zurückgesetzt Pensionen und Hotels, teilweise mit handtuchgroßen Pools, die schmalen Plätze am Rand mit Liegestühlen bedeckt. Die Bauweise zeigt viel Beton und wenig Geschmack. Nett ist aber das Kap mit der weit hinausragenden sandigen Landzunge und die Kirche Agii Anargiri mit ihrem sympathisch-zerzausten Pappas, der einem Roman von Kazantzakis entstiegen scheint. Und der anschließende Hafen mit reichlich Bötchen und dem Anleger für die großen Fähren.

 

Ich versuche, irgendwo eine vernünftige Landkarte der Insel aufzutreiben denn wir wollen morgen etwas wandern. Vergeblich. In den Reiseführern wird Agistri sträflich vernachlässigt, gerade eine Seite opfert der MM-Führer Peloponnes von Herrn Siebenhaar, Landkarte Fehlanzeige. So hab ich mir die Luftansicht der Inseln bei Google Earth ausgedruckt, besser als nichts. Und wenn wir keine Karte mit Wanderwegen finden werden wir eben auf der Straße wandern.

Für den Rückweg wählen wir die vom Ufer etwas zurückgesetzte Parallelstraße. Links oberhalb von Skala liegt noch der Weiler Metochi, dann kommt Wald mit einer Kapelle darin, hoch über dem Ort. Wie man dort hinkommt? Da hat man bestimmt eine tolle Sicht über die Nordküste Agistris und weiter.

Im Ort ist die Hauptkirche Panagia Zoodochou Pigis mit gelben Kirchenfähnchen geschmückt. Noch von Ostern, oder gibt es bald ein weiteres Fest? Eigentlich ist Megalochori ein sympathischer Ort.

 

Das Abendessen nehmen wir in der Taverne „Mandraki“ ein, unten am nördlichen Eck von Agistri, neben dem Hafen. Der Himmel verwöhnt uns mit einem beeindruckenden Sonnenuntergang, und das Essen (scharfe gebratenen Fischchen, und Huhn mit Reis) schmeckt gut, auch wenn die Karte – außerhalb der Fischgerichte – überschaubar ist.

Es hat immerhin einige Touristen auf der Insel, Griechen, Franzosen, Briten. Segler?

Das abendliche Duschen offenbar ein Manko unseres Quartieres: es gibt keinen Duschvorhang. Das ist ja vielleicht besser als ein „anhänglicher“ wie auf Hydra, sorgt aber für komplette Überschwemmung des Bades samt Aquaplaning sowie Abzüge in der B-Note. Und wir wissen jetzt auch warum ein Eimer und ein Wischmop in der Ecke parat stehen.

Und Schnaken hat es auch....

Morgen wollen wir uns auf der Insel ein wenig umsehen. Wenn es nicht regnet.