Auf Kastellorizo unterwegs

Über 400 Stufen führen vom Ort hinauf auf das Hochplateau, dessen steile Felsen wie eine Mauer hinter dem Ort emporragen. Das weißgestrichene Steingeländer und damit die Wegführung kann man von unten gut erkennen. Gleich nach dem Frühstück, dieses Mal mit frischem Brot vom nahegelegenen Bäcker, machen wir uns auf den Weg hinauf. Wir haben es nicht eilig, denn wir wollen auch die Aussicht genießen. Sie reicht von der Kaserne links über die Hafenbucht bis zur Mandraki-Bucht mit dem Friedhof, dazwischen das Kastro Rosso, die Kirchen Kontantin und Eleni und Agios Giorgos, die Santrape-Schule, das türkisgrüne Meer mit den vorgelagerten Inselchen Psoradia, Psomi und Agios Giorgos darin, und natürlich die türkische Küste mit den Häusern von Kaş. Wir verweilen immer wieder und gucken. Gerade kommen die beiden Ausflugsschiffe von Kaş, die „Altug I“ und die „Meïs Express“. („Meïs“ ist der türkische Name von Kastelorizo), es scheint schon einige Leute drauf zu sein. Sehr praktisch ist der kleine Grenzverkehr für EU-Bürger, die in der Türkei wohnen und alle drei Monate in die EU müssen um ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern – die EU ist sehr nahe hier.

Schließlich sind wir oben auf dem etwa 150 Meter hohen Plateau, und auf einem ordentlichen Weg über rote Erde ist es nicht mehr weit zum Kloster Agios Giorgos tou Vounou. Das Kloster ist nicht mehr bewohnt, und ohne Schlüssel kommt man nicht hinein in den von hohen Mauern umgrenzten Innenhof und die Kirche. Schade, wir hätten doch versuchen sollen, den Schlüssel zu bekommen. Aber keine  von uns möchte deshalb nochmals hinab nach Megisti. Ein Loch in der Mauer ist auch mit Draht verbarrikadiert, das bringt nichts, sich hier durchzuschlagen. Kleine Rast im Schatten eines Baumes.

Neben dem Kloster entdecken wir zuerst versteckt ein antikes Grab, und dann ein paar Meter weiter südlich einige Vertiefungen im Boden: die alte Weinkelter, Patitiri genannt.

Wir entschließen uns, ab hier auf der Piste in einem Bogen um den Vigla herum zum Paleokastro zu wandern. Wie wir uns das Patitiri ansehen – es soll noch einige davon hier geben – kommen zwei Wanderer auf dem Weg. Es sind die Holländer von gestern, auf dem Weg zum Strand von Navlakas. Der Weg ist in Dieter Grafs Wanderführer „Südlicher Dodekanes“ beschrieben, unter „der Franzosenweg“, da die Franzosen im 1. Weltkrieg die Rampe benutzten, ihre Geschütze auf die Hochebene zu ziehen. Die Holländer sind beeindruckt von der Wanderleistung unsere beiden Mütter, das tut denen gut, dass sie auch mal ein wenig Anerkennung kriegen! Dann tauschen wir Wegbeschreibungen aus, und gehen weiter.

Hier sind überall militärische Stellungen und Geschützstände, sehr gut erhalten, aber verlassen. Wir sind mal wieder fassungslos über die Geldverschwendung im griechisch-türkischen Kleinkrieg (von der Deutschland als großer Rüstungsexporteur profitiert), immerhin scheinen manche der Stellungen gelegentlich als Ziegenställe zu dienen. Die Mütter spielen dann ein wenig Soldat, erwarten immer, von irgendwoher zurückgepfiffen zu werden, aber nichts. Upps, fotografieren hätte man hier gar nicht dürfen – das windschiefe und angerostete Verbotsschild überzeugt uns allerdings nicht, gleich mal fotografieren....

Nun geht der Weg hinunter zur Navlakas-Bucht ab, wüstes Geröll und grober Schotter – man muss schon sehr dringend baden wollen um hier hinunterzugehen. Die Holländer wollen, wir nicht. Weiter auf der Straße, die nun breiter wird. Vor uns der Vigla-Hügel mit dem militärischen Aussichtspunkt und Telekommunikationseinrichtungen – zum ersten Mal sehen wir heute Soldaten, die aber – anderes als vor 6 Jahren – nicht reagieren (damals legte einer spielerisch auf uns an…). Über den Sattel nun auf die westliche Inselseite, Blick auf die Flugpiste und das Paleokastro.

Vor dem Kastrohügel befindet sich rechts eine Kapelle hinter einer Garteneinfriedung, Agios Panteleimonas geweiht. Eine Frau und ein Mann (ihr Sohn?) arbeiten gerade dort, er weißelt die Mauern und Steine im Garten. Gerne zeigen sie uns die Kapelle, und wir singen einen Kanon. Die Frau ist angetan, singt nun ebenfalls.  Dann wir wieder - bevor es ein Wettstreit wird, hören wir aber lieber auf!

 

Nun aber rüber zum Paleokastro. Vier Kapellen sind darauf, die ganz rechts, etwas abseits, Agia Marina, ist optimal für eine Rast. Vorsicht aber, ein großes Spinnennetz sperrt den Weg! Der Blick von hier auf die Hafenbucht ist einfach toll. Wir klingeln auch das an einem im Bäumchen hängende Glöckchen.

 

Im Paleokastro beeindrucken uns die Zyklopenmauern, das schöne Kieselsteinmosaik (mit den Initialen der Cousine) und die Zisterne mit der megaschmalen Wendeltreppe hinein. Und die schöne Lage, der Blick aufs Meer, segelschiffverziert. Weiter wollen wir nicht auf der Straße, sondern einem Weg, der vom Sattel direkt zur Kaserne führt. Keine richtige gute Idee, denn der Weg ist – abgesehen von den ständigen Spinnennetzen darüber (echt stabil die Teile, und die Monsterspinnen…) ziemlich unwegsam und steinig, nicht optimal für die Tante. Aber zurück will auch niemand, also schlagen wir uns eben durch, und sind froh, nicht in der Gegenrichtung zu wandern, das ist der Weg nämlich auch noch kaum zu finden und der Einstieg an der Straße – trotz Beschilderung – recht kriminell.

Die Regatta aus rund einem Dutzend Segelschiffen, die wir vorhin auf dem Meer gesehen haben, trifft mit uns in Megisti ein, an der Hafenfront wird es voll, einige legen am Fähranleger an (es kommt kein Fährschiff mehr heute). Es sind vor allem Russen, die sogar ihre eigene Live-Musik mitgebracht haben - zum Glück nicht so laut wie befürchtet beschallen sie abends die Taverne von Lazarakis. Wir holen uns zur Erfrischung erst mal Bier und Limo zwecks Radlermischung im Garten – schmeckt das gut! Ist uns doch gut warm geworden auf den letzten Metern, und die Mutter hat einen Höllen-Sonnenbrand an den Waden. Nein, das ist mehr als ein Sonnenbrand, das ist schon eine Allergie. Sieht übel aus, da sind die nächsten Tage lange Hosen angesagt.

Wir sitzen am Abend im „Olive Garden“ (Ελαιώνας) von Monika und Damien. Das Restaurant hat heute eröffnet, und da wollen wir uns die Premiere natürlich nicht entgehen lassen. Empfohlen werden die Loukania (Bratwürste, deren Namensherkunft von der Tessiner Stadt Lugano mir nicht bewusst war, die Cousine als Schweizerin weiß so was*), Monika erzählt, sie hat den rhodischen Metzger, der sie herstellt, selbst ausgewählt, er liefert immer frisch und wenn das nicht möglich ist, dann gibt es eben keine. So viel Qualität schmeckt man.

Wenn unsere Fähre am Mittwoch – trotz Generalstreiks – fährt, haben wir nur noch einen Tag auf Kastellorizo zur Verfügung (Ja, wir könnten auch länger bleiben, aber es locken halt wieder andere Inseln…). Ich habe mit der Nachbarinsel Ro geliebäugelt, war aber nicht überzeugend – was gibt es da schon, außer ein paar Soldaten, ein wenig Strand, einer Kapelle? Kostas, der Bootskapitän, fände das schöner als die Blaue Grotte, auch Fokiali-Höhle genannt, aber es wäre auch teurer, da wesentlich weiter. Die Spritpreise sind mächtig gestiegen. Zehn Euro pro Person kostet der Höhlentrip, und das gönnen wir uns dann.

 

Für halb elf am nächsten Vormittag haben wir uns verabredet, wegen der Beleuchtung ist es am besten, vormittags in die Höhle zu fahren. Pünktlich sind wir da, Kostas hilft uns in sein Motorboot. Das ist zwar flach, aber nicht flach genug für die Höhle. Deshalb haben wir ein Schlauchboot im Schlepptau, in das wir dann vor der Höhle umsteigen müssen. Ein Mann steigt noch ein, mit Hund. Kein Einheimischer, sieht nach Nordeuropäer aus. Vorgestern haben wir die beiden in Mandraki gesehen, da hat er den Hund apportieren lassen, aus dem Wasser – für Momente sah es so aus, als könne der Jagdhundmischling über das Wasser laufen. Eine freundliche Hündin, ganz lieb und gut erzogen, sogar als ich sie versehentlich trete (eng, das Boot). Wir fahren aus der Bucht raus, um das Kastro herum und an Mandraki vorbei, die Küste entlang nach Süden. Schöne Aussichten!

Der Mitfahrende ist kein Tourist, sondern ein Engländer, der hier als Zimmermann bei der Renovierung von Häusern arbeitet. Kostas hat ihn mitgenommen, das Motorboot zu steuern solange er mit dem Schlauchboot in der Höhle ist. Für Bauhandwerker geht auf Kastellorizo die Arbeit so schnell nicht aus. Er erzählt uns von der Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt, und den hohen Lebenshaltungskosten auf Kastellorizo. Wenn er in ein paar Jahren in Ruhestand gehe (Schon? Er kommt mir noch recht jung dafür vor), könne er sich das Leben hier nicht leisten und würde nach Kefallonia gehen. Mhh, das Paradies ist teuer….

 

Wir flitzen mit dem Boot dahin, sind schon auf der Höhe der Navlakas-Bucht. Steilküste. Dann bremst Kostas, wir sind bereits da, zwanzig Minuten hat die Fahrt gedauert. Die Höhle hebt sich kaum von der Meeresoberfläche ab, so niedrig ist sie. Ein Meter vielleicht. Klar, dass man da nur bei ruhiger See rein kann. Nun heißt es umsteigen ins Schlauchboot, für zwei Passagiere ist Platz, die Cousine und ich fangen an. Es steht reichlich Spritzwasser im Boot, ich ziere mich, muss aber ganz reinsitzen, das Gesäß klatschnass, aber es ist ja nicht kalt. Dann rudert Kostas uns zum Höhleneingang. Nun noch den Kopf einziehen, ganz klein machen, und wir sind drin. Die Decke hebt sich über uns weit, und das Meer unter uns, es leuchtet türkisblau, leicht milchig, einfach wunderschön! Das Tageslicht zwängt sich durch den niedrigen Eingang durch, aber die Höhlendecke ist kaum zu sehen, denn die Sonne ist das einzige Licht. Wir sind beeindruckt.

Schade nur, dass Kostas es etwas eilig hat, kaum drinnen und eine kleine Runde gedreht sowie vier Fotos gemacht drängt er wieder nach draußen. Vielleicht weiß er nicht ob der Engländer als Steuermann das Motorboot unter Kontrolle hat? Wieder Kopf einziehen, und hinaus. Da kommt gerade ein zweites Boot, ein flaches Motorboot, flach genug dass die Fahrgäste ohne Umsteigen in die Höhle hineinkönnen. Es verschwindet in der Grotte.

 

Wir klettern ins Motorboot, der nasse Hintern fühlt sich etwas unangenehm an, zum Glück wissen wir dass es nur Meerwasser ist. Die Tante denkt beim Umsteigemanöver an ihre künstliche Hüfte (vor zwei Jahren auf Karpathos hatte sowas schon mal Folgen) und verzichtet dann doch lieber auf die Höhle. So darf die Mutter alleine in die Höhle, muss aber auch auf den Boots-und-Hosen-Boden sitzen, sie protestiert, es hilft nix, Opfer müssen gebracht werden. Das andere Boot ist noch in der Höhle drin, aber es hat ja Platz genug für viele Boote. Mutter und Kostas verschwinden in der Höhle. Wir quatschen mit dem Engländer über seinen netten Hund (der würde am liebsten schwimmen gehen), der darüber vergisst, das Boot vom Ufer wegzuhalten, er kommt ihn bedrohlich nahe bevor er es merkt und schnell Gas gibt. Kostas kommt in dem Moment aus der Höhle und rudert wie der Weltmeister zu uns her, übernimmt schnell das Steuer und fährt von der Küste weg. Die Mutter kann aussteigen, die Tante lässt sich nicht überreden, nun, sie muss nicht. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir besser das andere, flachere Boot genommen. Zu spät, man muss seine Erfahrungen selbst machen, kein Urlaub aus zweiter Hand.

Wir fahren wieder zurück zum Hafen. Vor dem Torso des ehemaligen Gouverneurs-palastes, in dem sich  jetzt die Faros-Bar befindet, sitzt einer der Hafenpolizisten mit einem Frappé. Er beobachtet offensichtlich die ein- und ausfahrenden Boote – kein allzu anstrengender Job. Kostas lässt uns aus dem Boot, an der Stelle kann er nicht anlegen, ein anderes Boot hat seinen Platz belegt. Parkplatzprobleme auf Megisti… Und was machen wir nun mit nassem Hintern? Zurück in die Pension? Ach nee, wo wir schon mal da sind, will ich gerne noch in das andere Museum, in das archäologisch-volksgeschichtliche, das sich oberhalb der Moschee in einer Mini-Festung befindet. Der Eintritt ist frei, und der blumengeschmückte Innenhof ist auch immer noch so schön. Besonders gut gefallen mir zwei Friese mit Männchen drauf, lykischer Stil, aus römischer Zeit. Einmal eher abstrakt und eckig, einmal besser ausgearbeitet und kriegerisch. Auch die anderen Exponate sind interessant, die Schwammtaucher-utensilien aber reichlich angestaubt.

Im „To Paragadi“ wollen wir eine Kleinigkeit zu Mittag essen, bestellen Thunfischsalat und andere Kleinigkeiten. Das Essen wird gerade gebracht als die „Proteus“ in die Bucht einläuft. Große Fähren hatten wir hier noch keine, also muss ich unbedingt zum Anleger vor und mir angucken was so gebracht wird. Die Begleiterinnen sollen mir was übrig lassen vom Essen.

Die Abholer stehen mit Sack- und Schubkarren da, auch Damien ist dabei. Reichlich Soldaten kommen von Bord, es sind also schon noch welche da. Einige werden gleich auf ein großes Kaiki namens „Konstantinos“ verfrachtet, müssen wohl nach Ro, die Armen!  Es dauert länger als ich gedacht habe, wenigstens kann das Essen nicht kalt werden, nur warm. Der Thunfischsalat schmecke komisch, wird mir gesagt als ich zurückkomme. Ich finde ihn ok, bin aber nun auch befangen.

Nachmittagsträgheit stellt sich ein. Abliegen im Garten? Nein, ich würde noch gerne zur Nordspitze, zur Kapelle Agios Stefanos. Zur Belebung trinken wir aber erst einen Frappé oder wahlweise Elleniko auf der anderen Buchtseite an der Platia, im „Remezzo“. Ein paar junge Erwachsene hängen dort ab, eine junge Frau bedient uns gelangweilt, kurz kommandiert von einer älteren Frau – oder ist es ein Mann? Nein, es ist eine Frau, untersetzt, ihre Stimme klingt männlich-rauh, und ihre Erscheinung ist es auch.

 

Schnell die Wanderschuhe angezogen, Wasser und Limo eingesteckt, dann ziehen die Cousine und ich los nach Agios Stefanos. Weit ist es nicht, vielleicht eine knappe Stunde. Der Weg beginnt hinter dem Hotel Megisti, bei der Post, erst muss man ein Drahttor öffnen. Ist immer gut zu finden. Wir hätten zum Zerteilen der omniprä-senten Spinnennetze über dem Weg einen Wanderstock von der Tante ausleihen sollen, ein mickriges Stöckchen muss ihn ersetzen. Ist heute noch keiner hier gelaufen, warum auch. Nur Touristen sind so dämlich zu Fuß zu gehen, und die sind im Mai in der Minderheit. Die Cousine prescht voran, hat sie es eilig! Ich muss ja immer wieder fotografieren, die Aussichten auf die Hafenbucht sind zu schön.  

Nach einer halben Stunde trifft man auf die Schotterpiste, die in einem weiten Bogen von der Kaserne her die Westküste entlang hierher führt. Nur fürs Militär. Ich bin gespannt ob wir an Agios Stefanos wieder Soldaten treffen werden. Am Ende der Piste kann man die Kapelle schon sehen, dann sind wir da. Ich bin enttäuscht: Keine Soldaten. Tss, wer soll die Insel dann gegen die bösen Türken verteidigen? Es war auch länger niemand (Militärisches) da, das „Schlafzimmer“ ist voller Ziegenköttel, wurde als Stall zweckentfremdet.

Näher an der Küste ist ein kleines Rondell, ein Aussichtspunkt, da lassen wir uns nieder, genießen den Blick aufs nahe Kaş und die schmale Landzunge westlich davon, keine zwei Kilometer von hier. Die Küste ist steil, Strände scheinen Mangelware, dichte mehrstöckige Besiedlung. Plötzlich eine Detonation dort, eine Staubwolke steigt hinter der Landzunge auf - ein Steinbruch, oder Sprengungen zwecks Häuserbau? Die Staubwolke zieht ostwärts.

 

Ein Boot kommt von Westen, fährt vor uns vorbei. Es ist die „Konstantinos“, die die soldatischen Neuankömmlinge inzwischen auf Ro abgesetzt hat, und dafür ein paar – deutlich glücklichere – Soldaten zurückbringt. Wir winken, ein paar winken zurück.  Als wir vor sechs Jahren hier waren, waren deutlich weniger Touristen auf Kastellorizo, da kannten einen die Soldaten nach zwei Tagen. Es war auch noch im April damals, lag es daran? Ich glaube eher, die touristische Entwicklung ist rasant vorangeschritten.

 

Es ist ruhig nachdem das Kaiki vorbeigeknattert ist. Wir sitzen lange. Und so hören wir – tatsächlich – den Muezzin von der Türkei herüberrufen. Nachmittagsgebet? Oder schon Abend? Keine Ahnung, da kenne ich mich nicht aus.

Einen kurzen Versuch unternehmen wir noch, bei den Felsen südöstlich der Bucht zu baden. Finden aber keine geeignete Einstiegsstelle, die Felsen sind so scharfkantig und hoch, im Wasser Seeigel. Kastellorizo ist keine Badeinsel, aber das wussten wir vorher. Zurück sind wir noch schneller, denn nun geht es nur bergab. Ein paar Schafe flüchten.

Den Ouzo genießen wir heute im Radio Cafe. Auf eine mitteleuropäische Wirtin lässt hier schon das Schild „Apfelstrudel“ schließen – Elma ist Holländerin. (Was heißt eigentlich Apfelstrudel auf Griechisch? Μήλοστρούντελ?). Die Sonne geht hinter den Bergen (na ja: Hügeln) im Westen schon früh unter, aber hier sieht man sie am längsten, sie streut ein diffuses warmes Licht auf diese Ecke des Hafens und verbreitet eine wunderbare Stimmung. Oder sollte der gut eingeschenkte Ouzo daran schuld sein? Die - jahreszeitlich noch kleine - Touristen-Community trifft sich hier abends, die beiden netten Holländer sind da, und das korpulente deutsche Paar, das wir die letzten Tage auch so oft gesehen haben und das in Mandraki wohnt. Die beiden Holländer wollen morgen ebenfalls – wenn sie trotz Generalstreiks fährt – mit der “Blue Star Diagoras“ nach Rhodos fahren. Da haben wir reichlich Zeit zum Quatschen….

In Monikas Laden „Caretta“ kaufe ich mir noch den schönen Wollschal, den ich gestern schon gesehen habe. Man muss sich wirklich Zeit nehmen, das überbordende Angebot im Laden zu begutachten, das einen auf den ersten Blick beinahe erschlägt. Die hübschen Keramiken mit den Granatäpfeln und dem Mohn haben wir letztes Jahr schon auf Naxos und Paxos gesehen und davon gekauft, und manche Dinge sind einfach zu sperrig für den Transport über mehrere Inseln. Der Schal ist diesbezüglich unkompliziert und wird mich die nächsten Abende anstelle der Strickjacke begleiten.

Wir bleiben bei Monika, wechseln nur die Lokalität: in den „Olive Garden“. Für die Mütter muss es heute Lamm sein, ich nehme Loukaniko, und die Cousine macht erste Stifado-Erfahrungen. Es wird kein billiger Abend, alleine das Lamm schlägt mit 13 Euro pro Person zu Buche. Kastellorizo ist nicht unbedingt eine Billig-Insel und das Lokal ist gediegen: serviert wird auf nicht den üblichen Papiertischdecken, der offene Wein ist gut und richtig temperiert, die Gläser sind stilvoll, das Ambiente auch. Brauche ich zwar nicht wirklich, denn Hauptsache ist, es schmeckt! Das tut es definitiv.

Wir sitzen lange, nicht zuletzt weil die Arbeiter vom Nebentisch, aus welche Gründen auch immer, eine Lokalrunde Kuchen spendieren. Dann werden wir mal sehen ob die Fähre morgen fährt, ich bin ja skeptisch, zu viele negative Erfahrungen in den letzten Jahren…

Noch bevor wir am Vormittag anfangen zu packen, gehe ich zum Ticketbüro von Papoutsis an der Platia und frage nach der Fähre. 11.40 Uhr soll sie abfahren, da sie annähernd vier Stunden braucht, müsste sie schon auf dem Weg hierher sein. Sie ist auf dem Weg! Die Logik der Streikenden muss niemand verstehen, in Piräus wäre es wohl schwierig, aus dem Hafen zu kommen, und der Generalstreik wird an diesem Tag in Athen drei Todesopfer fordern. Wir sind ja so weit in der Provinz, weiter weg geht es kaum mehr. Hat sein Gutes… Vier Tickets (ein Name genügt) à 18,50 Euro – 50 Cent mehr als mit der „Proteus“, dafür etwas schneller.

 

Nochmals ein Bummel zum nordwestlichen Buchtende mit der Mutter, die war da nämlich noch gar nicht. Es ist heiß heute, und der Ortsteil Pera Meria liegt in der vollen Sonne. Mit dem Wetter haben wir Glück, vor genau einem Jahr haben wir uns auf den Kykladen ordentlich einen abgefroren, geregnet hat es auch. Klar, Kastellorizo hat sein eigenes Wetter dank seiner Exklusivlage, aber auch die anderen Dodekanes scheinen mir wettermäßig begünstigt. Noch ein Grund pro Dodekanissa…

In der Verlängerung der Häuserfront, hinter dem Hotel Megisti, abseits an den Felsen steht ein Häuschen, das aussieht wie eine Kapelle, aber keine Kapelle (mehr) ist. Am besten per Boot zu erreichen. Ein Mann wohnt dort, der dadurch auffällt, dass wir ihn immer barfuß sehen. Älter, hager, bärtig, etwas ärmlich, aber nicht abgerissen. Ein Künstlertyp. Würde gerne mehr über ihn erfahren…

Dann verabschieden wir uns von Monika und Damien, rufen in der Pension „Olympos“ in Rhodos an dass wir heute kommen werden, und gehen schnell zum Anleger vor, denn die „Diagoras“ kommt schon. Bis sie dreht und anlegenderweise fast die ganze Hafenbucht absperrt vergehen noch einige Minuten. Noch stärker als gestern sind es vor allem Soldaten, die warten. Dann dürfen wir aufs Schiff, Gepäck ordentlich unten abgeben.

Pünktlichst legt die „Diagoras“ ab, fährt aus dem Hafen und lässt die Häuser hinter uns kleiner werden. Um das Kap Stefanos herum, bei der Kapelle waren wir gestern. Die Türkei rechts zunächst wieder so nahe, dann allmählich in die Ferne entschwindend.

 Wir finden auf Deck einen schattigen Platz, versuchen, Delphine zu erspähen. Das Meer ist glatt genug dazu, aber auch plastiktütenübersät.  Gefällt den Tieren wohl nicht. Mir auch nicht, außerdem fällt mir ein Dokumentarfilm zu dem Thema ein, da vergeht einem definitiv der Spaß… Die zwei Holländer sind auch da, sie hoffen, heute noch nach Symi zu kommen, mit der „Dodekanisos Seaways“.  Ob die mitstreiken?

Sie haben den Lonely-Planet-Reiseführer „Greek Islands“ dabei, ich werfe einen Blick hinein wegen Quartierempfehlungen unserer nächsten Ziele. Nicht so ergiebig. Für Kastellorizo ist der Reiseführermarkt übrigens magerst:  der eigentlich naheliegende Führer „Rhodos“ aus dem Michael-Müller-Verlag erwähnt die Insel nicht einmal, der Führer „Griechische Inseln“ des gleichen Verlages widmet ihr wenig ergiebige drei Seiten. Besser das Reisetaschenbuch „Rhodos“ aus dem MairDumont-Verlag mit fünf Seiten, leider schon von 2004. Für unsere weiteren Ziele haben wir übrigens der 2010er-Neuauflage des Dumont-Reisetaschenbuches „Kos und Nachbarinseln“ von Klaus Bötig den Vorzug gegeben vor dem entsprechende 2010er-Titel von Michael-Müller. Eine Wahl, die wir nicht bereuen werden. Eine Flut an Übernachtungs- und Restauranttipps kann fundierte Hintergrundinformation und echte Tipps und Empfehlungen doch nicht wettmachen, die „Lieblingsorte“ des Autoren werden sich für uns als Volltreffer erweisen.

 

Zurück nach Kastellorizo, vielmehr kurz vor Rhodos:  Vier große Schiffe sehen wir schon von weitem im Hafen liegen, eine Blue-Star-Fähre und drei Kreuzfahrer. Da wird es voll sein in Rhodos. Natürlich legt auch unsere Fähre ganz im Osten am abgelegensten Anleger an. Und blöderweise verzichten wir auf ein Taxi weil ich fälschlicherweise denke, mit dem Taxi kämen man eh nicht in die Altstadt von Rhodos zu unserer Pension (nicht bis vor die Türe, aber in die Nähe, und zu viert und mit Gepäck kann das gar nicht so teuer sein).  So ziehen wir unsere Trolleys durch das nachmittäglich sehr gefüllte und gut beheizte Rhodos – das Rhodos, wie ich es gar nicht mag: voller Touristen in den unmöglichsten Aufzügen, mehr ent- als bekleidet, Bierbäuche und Sonnenbrände in allen Schattierungen. Durch Seitengassen abkürzen können wir nicht, zu viel übles Steinpflaster.  

Erhitzt kommen wir im „Olympos“ an, bekommen zwei leicht abgewohnte, kleine Zimmer – eine Renovierung würde mal nicht schaden. Egal, Rhodos ist eh kein Urlaub, nur ein notwendiges Übel.

 

Nach einer Pause stürzen wir uns ins Shopping, lassen uns von dreisten Verkäufern auf Schwäbisch anquatschen und von anderen auch mit plumpen Argumenten nicht zu Käufen überreden. Gold ist gerade recht teuer, und mein abblätterndes „Rhodos-Gold“-Armkettchen mit „lebenslanger“ Garantie hab ich zuhause gelassen. Müde trinken wir einen Ouzo in der Nea Agora in der „Säuferkneipe“. Es ist wirklich eine Säuferkneipe, ein internationales und polyglottes Publikum frönt hier offenbar schon länger alkoholischen Getränken und ist entsprechend lautstark und aufgekratzt. Wir fliehen nach dem Ouzo, kaufen unsere Tickets für morgen und essen schließlich in der Taverne von Yiannis in der Altstadt, auch einem Karpathioten. Das Essen ist gut ist gut, reichlich und preiswert, eine Portion wird allerdings vergessen und nach Reklamation nachgeliefert. Zu guter Letzt verrechnet sich der Wirt noch und lässt es drauf ankommen ob ich die erste Zahl der Summe als 5er oder 6er interpretiere. Ich rechne nach und beschwere mich. Dann gibt es mir zu wenig Geld raus. So etwas hinterlässt einen – völlig unnötigen – schlechten Eindruck. Auf Rhodos werden zu viele Besucher zu schnell durchgeschleust – wer kommt schon wieder?

 

Die „Dodekanisos Pride“ nach Nisyros wird am Morgen schon um 9.10 Uhr abfahren. Unser Pensionswirt wird uns mit dem Auto zur Fähre bringen, und wir bekommen auch noch ein Frühstück vorher (6 Euro pro Person). In der Nacht schlafen wir eher schlecht: trotz oder wegen der über Mitteleuropa anscheinend wieder aktiven Vulkanaschewolke landen einige Flugzeuge über uns herein. Mücken hat es auch, und es ist warm.

Ich freu mich auf Nisyros!


 

* Nachtrag: Gut unterrichtete Kreise bestreiten die Wortherkunft von Lugano. Tatsächlich wäre das Wort (und die Wurst, zumindest allgemein, hoffentlich nicht en detail) viel älter und käme von Süditalien, von den Lucanern.

Von mir aus - ist mir im Grunde aber wurst. :-)

 

Nun zufrieden, Theo?