Winterwandern II

Theo hängt heute etwas durch - er hat keine rechte Lust, sich mit mir auf die Wegsuche nach unbequemen Monopatia zu machen. Den richtigen Einstieg zu einer Wanderung zu finden ist in Griechenland oft das Schwerste. Noch dazu im Gassengewirr von Hydra-Stadt. Und meine geplante Tour Hydra-Stadt – Agios Mamas – Episkopi gehört nicht zu den gekennzeichneten Wanderwegen. Trotzdem bin ich heute unerbittlich, und lasse mich durch Unkereien nicht ins Bockshorn jagen. Hinterher ärgere ich mich sonst. Ich werde den Weg schon finden.

Nach Episkopi möchte Theo aber schon. Also wird er den bequemen Küstenweg nehmen, auf dem ich zurückwandern möchte. Und eigentlich müssten wir uns dann irgendwo in Episkopi treffen. Eigentlich. Ich glaube nämlich nicht, dass er es bis dorthin schafft. Und wenn doch, bin ich lange vor ihm da, denn der Küstenweg zieht sich. Denke ich. Und habe so gar keine Ahnung.

Er wiederum glaubt nicht, dass ich den Weg finde. Dann würde ich ihm auf dem Küstenweg folgen, ich würde ihn schon einholen. Aber ich bin mir sicher, dass ich den Weg finden werde.

 

In den südlichen Ausläufern von Hydra-Stadt lasse ich ihn zurück (da haben wir gerade das „Je-suis-Charlie-Plakat" bewundert – είμαστε και εμείς Charlie. Auch Hydra ist nicht aus der Welt.), er kann und will meinem Vorwärtsdrang nicht folgen, und möchte mich nicht länger aufhalten.

 

Ich habe mir auf der Terrain-Karte und dem Ortsplan ausgeguckt, dass der Weg bei der Kirche Agios Gedeon o Neos am südwestlichen Ende von Hydra-Stadt (heißt, glaube ich, Kiafa), hoch über Kamini, beginnen muss. Mit dem Ortsplan schlage ich mich ungefähr dorthin durch, zumindest zu der Kirche, die ich für die richtige halte (es gibt zahlreiche Kirchen und Kapellen in Hydra, und von außen weiß man nicht unbedingt wem sie geweiht sind). Sie ist es nicht (wie ich auf dem Rückweg sehen werde), aber dahinter beginnt tatsächlich ein schmaler Fußpfad aufwärts, dem ich folge. Nach wenigen Metern führt er zu einer Baracke, vor der drei Männer sitzen. Ob das der Weg nach Agios Mamas sei? Ja, das wäre hier richtig, aber es wäre makria, eineinhalb Stunden. Sie gucken mich mit der Skepsis an, der man als Wanderer in Griechenland öfters begegnet. Ja, das wäre kein Problem, antworte ich, und bedanke mich.

Sie gucken mir nach, aber der eine hat meine Wanderkarte gesehen, und beruhigt den anderen.

Vorwärts, aufwärts.

Strahlend blauer Himmel ist auch heute mein Begleiter. Es ist inzwischen zehn Uhr vorbei, bis zwölf Uhr sollte ich eigentlich bei Agios Mamas sein. Laut Terrain-Wanderkarte sind es 4,3 Kilometer.

 

Der Blick auf Kamini und Hydra ist geil (ipérocha hatte ich zuerst, aber das würde man nicht verstehen, sagte Theo). Die kapellenbesetzten Felsen Agios Ioannis und Agios Nikolaos vor der Küste. Die Peloponnes dahinter heute ganz nah. Die Ruhe himmlisch. Nur das Knattern eines Kaiki dringt herauf.

Bienenstöcke unten. Sollte auch Hydra den besten Honig haben?

Der Weg ist schmal, aber gut erkennbar. Er führt nach etwas Zickzack zu Anfang nun leicht ansteigend parallel zur Küste. Noch eine Bretterbaracke, mit Schafen und Katze. Niemand da. Aber ich bin hier schon richtig, es gibt sonst keinen Weg.

 

Nach 25 Minuten sehe ich die Steinbrücke von Vlychos weit unter mir. Theo kann ich nirgends entdecken, aber wenn er den Weg entlang der Küste genommen hat, ist er hinter dem Felsen. Oder er hat erst noch einen Einkehrschwung gemacht.

Ein Gatter mit Pferden dahinter. Ein weiteres Gatter führt direkt oben wieder hinaus, aber da ist kein Weg dahinter. Also das Gatter wieder auffummeln, und auf dem umzäunten Grundstück weiter nach Süden. Die Pferde gucken neugierig, halten aber Abstand. Am westlichen Hang der Mount Eros geht der Weg weiter aufwärts. Das Krächzen der Chukarhühner zerreißt immer wieder die Stille. Manchmal flattern vor mir welche davon. Krähen hat es auch. Aber keine Menschenseele. Der Weg wird nun waldiger, schattiger, nasser.

 

Über mir sehen ich das Kloster der heiligen Efpraxia liegen. Das des Profitis Ilias liegt dahinter, für mich unsichtbar. Endlose Steinmauern laufen über Bergrücken.

In einer Scharte quere ich ein Tal, weiter durch lichten Kiefernwald.

Ein Gruppe Esel und Pferde steht da. Beäugt mich. Ein Durchgang im Zaun, ohne Tor, aber ein braunes Pferd steht darin, legt die Ohren an: „Du kommst hier nicht durch!“ Wegzoll? Nö, so nahe möchte ich dem Wächter nicht kommen, der richtig unfreundlich aussieht und nicht zur Seite rückt als ich zaghaft vorwärts gehe. Scheuchende Bewegungen und Rufe machen ihm auch keinen Eindruck. Ob der Steintrick auch bei Pferden wirkt? Ich bücke mich, hebe ein Steinchen auf. Das funktioniert, widerwillig gibt der Gaul das Tor frei, und ich husche vorbei ehe er es sich anders überlegt.

 

Die Höhe habe ich nun fast erreicht, die Bäume werden weniger, dafür hat es wieder Anemonen. Ein schöner Weg. Unterhalb auf einer grünen Matte liegen ein paar Häuser, das muss bei Agios Ioannis, oberhalb von Plakes Vlychou sein. Um dreiviertel zwölf erreiche ich dann den Sattel, an dem sich die Wege zum Profitis Ilias/Eros, hinab nach Nisiza und Taxiarchis und nach Agios Mamas/Episkopi (das ist meiner) kreuzen. Der freie Blick nach Süden auf das sonnenbeglänzte Meer mit zwei darin schwimmenden Felseninselchen ist wunderschön, und wieder erinnert mich der Anblick des steingrauen Hanges des Eros an Amorgos.

Nur wo genau geht es weiter? Ich muss ein Stück zurück Richtung Norden, bis ich meinen Weg entdecke, der sich schmal durch den Kiefernwald westwärts windet. Irgendwann verliert er sich, und laut Karte müsste ich den Gipfel des Koryphi eigentlich südlich passieren. Also ein Stück weglos queren, und da haben ich den richtigen Weg wieder. Unten im Tal klingen die Glocken von Schafen. Und da vor mir, am Weg, sitzt ein Mann – eindeutig der Schäfer, der den sonnigen Wintertag und die unglaubliche Aussicht genießt. Fragen nach dem Woher und Wohin. Ich hätte einen schönen Tag erwischt für meine Tour, meint er. Recht hat er! Winterwandern auf Hydra ist einfach schön.

 

Und schon fünf Minuten später habe ich mein erstes Tagesziel erreicht, die Kapelle von Agios Mamas. Es ist zwölf Uhr vorbei, trotz meines zügigen Tempos habe ich zwei Stunden gebraucht - die Strecken ziehen sich hier.

Die Kapelle ist unscheinbar, von einer Baracke (der Hütte des Schäfers?) und allerlei Plunder umgeben, und abgeschlossen. Schade, ist nicht so einfach mit dem Kerzen anzünden auf Hydra.

Auf einem eisernen Bettgestell könnte ich es mir bequem machen, ziehe aber die steinerne Bank vor der Kapelle vor.

Die Flagge von Hydra weht am Masten. Sie hat große Ähnlichkeit mit den Flaggen von Spetses und Psara, den andere beiden im Freiheitskampf führenden Inseln. „Η ΤΑΝ Η ΕΠΙ ΤΑΣ 1821“ ( τν π τς) steht darauf – „ihn oder auf ihm“, und gemeint ist der Schild, den man siegreich heimbringt, oder auf dem man (tot) heimgebracht wird. Auch eine Variante von Freiheit oder Tod.

 

Jenseits so kriegerischer Gedanken lasse ich den Blick in die Ferne schweifen. Da, im Westen, sehe ich ein paar Häuser. Ist das Episkopi? Die Häuser sind noch verdammt weit weg, ich hoffe lieber, es ist Zogeri. Halb-Gipfel-SMS an Richi – die Gipfel-SMS gab es ja schon vor zwei Jahren.

Nach 20 Minuten Vesperpause geht es weiter.

Der gut erkennbare und gelegentlich mit Steinmännchen markierte Weg führt nun bergab, aber er ist steinig und unbequem. Da hätte Theo keine Freude dran gehabt, gut dass er nicht dabei ist. Ob er schon in Episkopi ist? Ich habe länger gebraucht als gedacht, und dabei habe ich nicht getrödelt.

 

Links unten lockt die Doppelbuch von Nisiza. Nur für Fußgänger zu erreichen. Oder Taxibootfahrer – nein, der Preis nach Nisiza steht nicht auf der Preistafel am Hafen, aber unter achtzig Euro wird das nicht zu haben sein. Oneway. Die kahle Landschaft wird jetzt wieder mit ein paar Kiefern bestückt. Und meine müden Füße stolpern immer wieder über losen Brocken auf dem Weg. Ab Episkopi gibt es fußfreundlichere Pisten, und darüber bin ich froh.

 

Nachdem ich einen Hügel überwandert habe, wird der Blick auf Episkopi frei. Doch, das ist schon der Ort, den ich vorhin gesehen habe. Dahinter Wald, und Episkopi liegt inmitten von Olivenhainen und grünen Feldern. Vom Meer aus ist der in einer Hochebene liegende Ort nicht sichtbar, war fruchtbares Rückzugsgebiet. Oder vielleicht ist „Ort“ etwas übertrieben – ein Dutzend Häuser sind es, und es gibt weder Laden noch Kafenio dort.

Bevor es dort auf die Piste geht halte ich oberhalb noch eine kleine Rast im Schatten eines Baumes auf einem Stein (45 Minuten ab Agios Mamas). Theo kann ich nirgends sehen. Ich rufe verhalten „Theo (wir fahr‘n nach Lodz)“. Nichts. Ok, wir fahr’n ja auch nicht. Theo sitzt bestimmt irgendwo gemütlich am Ufer in Vlychos oder Palamidas.

Die letzten Monopati-Meter, und da unten, abseits des Weges, steht er plötzlich. Wir sind beide überrascht. Ich, weil er doch da ist. (Da muss ich Abbitte leisten – und er hat noch diverse Pausen unterwegs gemacht). Er, weil ich aus der – für ihn - falschen Richtung komme. Da hätten wir uns doch in Episkopi fast verpasst, weil der Wegzeiger zum Eros ziemlich ungenau ist, und er deshalb schon auf dem Weg nach Agios Ioannis war. So war es aber perfektes Timing.

 

Der Fremdenverkehrsverein Hydra hat leider bisher darauf verzichtet, bei Episkopi eine bequeme Bank aufzustellen. So sitzen wir mal wieder ungemütlich auf zwei Steinen für die zweite oder schon dritte Rast des Tages und zur Feier des Wiedersehens. Ehe wir auf der Piste nach Palamidas marschieren. Die Wanderkarte schlägt da einige Abkürzungen der ausladenden Serpentinen vor, aber Theo meint, diese wären mit Toren abgesperrt. Muss auch nicht sein.

 

Man sieht schön auf Molos hinab, wo wir vor zwei Jahren nach spinnenreichem und unbequemem Abstieg ein Taxiboot erwischt haben.

Dann das Tal von Palamidas mit der kleinen Werft. Da gibt es eine solarbeleuchtete Bank, und die ist unser nächstes Etappenziel. Was dem Mann, der dort Sand in Säcke schaufelt, nicht so recht passt - neugierige Zuschauer findet er entbehrlich, auch wenn sie freundlich grüßen. Wir warten bis alle Säcke voll sind, und es ans Beladen der Lasttiere geht. Drei Säcke pro Tiere, nicht drängeln!

 

Der Küstenweg ist kürzer als ich ihn in Erinnerung habe. Eine Viertelstunde bis Plakes Vlychou, wo der sonnenschirmbestückte Strand und das Hotel „Vier Jahreszeiten“ verlassen liegen (ist das nicht Etikettenschwindel wenn man vier Jahreszeiten im Namen hat, aber mal gerade an zweieinhalb geöffnet?)

Theo zieht es weiter nach Vlychos – dort hat er nämlich beim Herweg ein Hinweisschild auf eine ganzjährig geöffnete Taverne gesehen. Über einen überschwemmten Weg folgen wir dem Hinweis, finden die Taverne „Marina“, aus der laute Musik dringt und die durchaus so aussieht, als hätte sie auch im Winter gelegentlich geöffnet. Aber die Stühle stehen oben, und die Türe ist zu. Bestimmt gerade Mittagspause. Kommen Sie doch am Abend wieder! Samstagsabend haben wir immer Live-Musik…. Oder vorher hier die Öffnungszeiten checken.

Derart enttäuscht unterzieht Theo die Schaukel eines vor sich hinrostenden Kinderspielplatzes einem Belastungstest (sie hält). Die weitere Strecke – ab der Steinbrücke nehmen wir nicht den Küstenweg, sondern den parallelen im Hinterland - hinkt er unglücklich hinter mir her.

Auch Wandern ist Kopfsache. Oder Bauchsache?

Und dann steht da am Ortseingang von Hydra-Stadt, oberhalb von Kamini, ein kleiner Hubschrauber auf einem Feld. (Gibt es hier eigentlich keinen offiziellen Heliport?) Gut, dass die Hydranten, ähm Hydrioten und viele Hydra-Urlauber ziemlich wohlhabend sind, wussten wir schon. Aber gleich mit dem Hubschrauber zum Samstagnachmittagskaffee fliegen? Oder kommt noch eben der Nea-Dimokratia-Kandidat für einen Wahlkampfbesuch?

 

Wenig später erhebt sich der Heli wieder in die Lüfte und schwebt Richtung Athen davon. Wir haben es besser, wir können noch bleiben. Und schaffen es gerade noch, zum (inoffiziellen) Sonnenuntergang gegen 17 Uhr wieder auf der Dachterrasse des Hydra Icons zu sein. Yannis hat leider die Sitzkissen weggeräumt, morgen soll es regnen.

Fünfzehn Kilometer sind wir heute gewandert. Da machen wir dann morgen mal Pause. Schließlich haben wir ja Urlaub. ;-)

Am Abend gehen wir wieder ins Ostria zum Essen. Damit wir nicht wieder den Katzentisch bekommen, sind wir früher dran und haben freie Platzwahl. Und später wird es wirklich voll (das geht da schnell). Die Einheimischen essen hier am Samstagabend, die kommen erst gegen neun, zehn Uhr. Und eine Gruppe Spanier, ich kann mich nicht erinnern schon mal spanische Touristen an der Ägäis getroffen zu haben.

Aber egal – wir bestellen einen schön wintermäßigen Karotten-Kraut-Salat, und den empfohlenen Tagesteller – Schwertfisch vom Grill. Nicht sehr preiswert, aber sehr gut.

Dann noch ein Absacker auf dem Zimmer – morgen ist Sonntag, da können wir ja ausschlafen.

Und hier Theos Text über die beiden "Winterwanderungen":

https://theo48.wordpress.com/die-inseln/hydra-die-eisvogeltage-2015/winterwandern-auf-hydra/