Agathonissi – Insel der netten Menschen. Im Mai 2006

 

Etwa vier Stunden dauert die Überfahrt mit der "Nissos Kalymnos" von Leros nach Agathonissi (€ 8,50). Die Fähre hielt in Lipsi, Patmos und Arki. Vor 10 Jahren war ich auf Lipsi und Patmos gewesen, nun bin ich überrascht und fast erschrocken, wie stark die Orte gewachsen sind. Vor allem auf Patmos ist inzwischen die ganze Küste südlich von Skala sehr zersiedelt, und auch Skala wächst unaufhaltsam. Wir hatten auf dem Rückweg einen Abstecher nach Patmos erwägt, was wir bei diesem Anblick wieder verwerfen. Zuviel Rummel, gerade kommt auch ein knallvolles Ausflugsschiff von Samos an, 3 Busse warten bereits.
In Patmos wird die Fähre voller, eine Gruppe skandinavischer Jugendlicher entert das Schiff, sie breiten sich auf dem Deck aus wie am Strand. Einer von ihnen hatte offensichtlich auf einem Zweirad ohne Helm Kontakt mit dem Asphalt – seine linke Gesichtshälfte sieht übel aus, Auge und Kiefer sind in Mitleidenschaft gezogen, und auch der Ellenbogen ist bandagiert. Gut dass es auf Patmos eine Krankenstation gibt...

Außer uns verlässt nur noch ein Tourist auf im Hafenort von Agathonisi, Agios Giorgios, das Schiff, ein Engländer. Ausserdem ein Soldat und einige Griechinnen. Kaum sind wir an Land, werden wir auch schon gefragt "you want room?" Warum nicht, wäre zwar gerne ins "Glaros/Seagull", aber dafür gibt es einen Gepäck- und Fahrservice für uns – beides auf der Ladefläche eines staubigen schwarzen Pick-Ups.

Anscheinend sind wir die einzigen Gäste, und das wird sich auch die nächsten drei Tage nicht ändern. Die Im-Gäste-Ergattern fleißige Maria fährt nämlich 3 Stunden nach unserer Ankunft mit der "N. Kalymnos" nach Patmos, und ihr Mann hat offensichtlich kein Interesse, sich durch Belegung der Zimmer Arbeit zu machen (als Maria zurückkommt, hat sie gleich ein österreichisches Pärchen im Schlepptau).

Mary's Rooms
Mary's Rooms
Die "Nisos Kalymnos"
Die "Nisos Kalymnos"

Der Engländer ist nebenan bei "Theologia" untergekommen, dort wohnt auch noch ein älteres deutsches Paar – das war’s dann auch mit ausländischen Touristen wenn man von täglich wechselnden Seglern absieht. Von denen liegen etliche am Hafen und in der Bucht, die meisten mussten einem Patroullienboot der griechischen Marine weichen, das den halben Anleger blockiert (die Türkei ist nahe und ein paar Tage später gibt es einen Zwischenfall – ein türkischer und ein griechischer Düsenjäger sind bei Karpathos zusammengestoßen und abgestürzt, mit tödlichem Ausgang für den griechischen Piloten). Den (offensichtlich freien) Nachmittag nutzen die jungen Männer der Besatzung für ein Bad am Strand, später gesellen sich die Männer des örtlichen Militärstützpunktes (er liegt leicht oberhalb der Uferstrasse, sicher eine der Kasernen mit dem schönsten Ausblick und nur ca. 15 Soldaten) dazu, es ist herrscht richtiger Badebetrieb.

Der Ortsstrand
Der Ortsstrand

Erst als sich der Strand wieder etwas leert gehen wir hinunter und ich riskiere ein Bad – es ist nicht mehr ganz so kalt wie auf Leros, knapp 20°C. Eine Kläranlage haben die auf Agathonisi sicher nicht, die Abwässer gehen bestimmt ins Meer wenn nicht in Sickergruben – fragt sich nur, wo? Strand und Wasser sind sauber, nur an den flachen Enden ist das Wasser etwas grünlich von Alge, da ziemlich flach und wenig Austausch.

Danach möchten wir ein wenig einkaufen, wenigstens Wasser und eine Kleinigkeit zum Essen. Auch unsere Ouzo-Vorräte sind zu Ende. Aber der Laden unten am Hafen hat zu und sieht auch nicht so aus als ob er zuletzt offen gehabt hätte oder demnächst öffnen würde. Also begeben wir uns bergauf nach Megalo Chorio, ins große Dorf. Tolle Straßen haben sie hier gebaut, zwischen Mikro Chorio, Megalo Chorio und dem Hafenort, Agios Giorgios. Für die 20 oder 30 Autos, die es hier gibt. Und irgendwoher haben sie eine Ladung Verkehrsschilder bekommen: fast alles hier ist beschildert: "Vorsicht Kinder" am Ortseingang vor der Schule (wie viele Schüler es hier wohl gibt?), ein Stop-Schild, Tempo-30-Schilder, Schilder mit gefährlicher Kurve, Schilder mit Straßenverengung. Am nächsten Tag wird ein Schild, das vor kreuzendem, freilaufendem Vieh warnt, unsere größte Heiterkeit erregen. Eigentlich müssten viele Inseln mit diesen Schildern gepflastert sein, oder man müsste darauf hinweisen, wenn keine Kühe, Schafe, Ziegen oder Hühner die Strasse kreuzen – dazu braucht man weniger Schilder.

Der Bäcker am Ortseingang von Megalo Chorio hat geschlossen, ebenso an den nächsten Tagen wenn wir vorbeikommen. Er hat wohl alle 2 Tage vormittags geöffnet, wir erwischen diesen Moment nicht. Im Ort gibt es einen Laden, der auch gerade zu hat, 10 Minuten später ist dann aber jemand da und wir können ein paar Sachen besorgen. Der Besitzer ist sehr freundlich, spricht auch ganz gut deutsch und schenkt uns 2 kleine Tetrapacks mit Saft. Rund um den Ort sehen wir häufig eingefasste, betonierte Flächen - es muss sich um Regenauffangbecken handeln. Die Insel hat wenig oder gar kein eigenes Wasser.

 

Als wir wieder hinunter zum Hafen kommen, fährt das Patroullienboot gerade wieder weg, die Soldaten in der Kaserne winken ihm nach. Unseren Abendouzo trinken wir auf dem Balkon unserer Pension, dann noch eine kleine Runde vor zum Hafen. Direkt neben unserer Pension liegt die Taverne "Seagull" oder "Glaros", hier werden wir heute Abend essen. Dann gibt es noch "George" vorne nahe am Anleger, seine Frau sei Deutsche wie uns unser Vermieter mitgeteilt hat. George – heißt er so oder nur seine Taverne? – spricht uns an als wir vorbeikommen: woher wir kommen, wie es uns gefällt. Dank meiner inzwischen erweiterten Griechischkenntnisse kann ich ihm auf griechisch antworten, seine Frau sitzt daneben und verzieht keine Mine, ein Anblick, an den wir uns gewöhnen werden.

Das Essen im "Seagull" schmeckt lecker, und es gibt sogar eine Speisekarte in deutscher Sprache – kein Wunder, der zurückhaltende und nette Besitzer Giannis hat lange Zeit in Osnabrück gelebt und spricht perfekt deutsch. Überraschend, so viele deutschsprechende Einheimische zu treffen... 

Am nächsten Tag steht eine Wanderung auf dem Programm: zuerst hinauf nach Mikro Chorio, dann in einem Bogen um den Hügel Stifi an die Buchten westlich des Hafens. In Mikro Chorio sind wir schnell, treffen unseren freundlichen Vermieter, der dort wohnt. Mit roten Nelken bewachsen ist sein Haus, die einzige Blume, die ich auch auf griechischen benennen kann (danke des Liedes "Kokkino Garifalo") – was uns gleich ein paar Nelken einbringen. Mikro Chorio besteht nur aus wenigen Häusern, kein Laden, keine Taverne, dafür Hühner und Kühe. Etwas oberhalb liegt die sehr kleine Kapelle Agios Panteleimonas, von der man einen schönen Blick auf die Bucht unten hat.

Anhand des Wanderführers von Dieter Graf finden wir den Weg ab hier dieses Mal gut, wir begegnen niemandem außer einigen Kühen und Ziegen (das Verkehrsschild erwähnte ich schon). Es duftet nach Salbei, Thymian und Oregano, und obwohl es im Tal nun leicht bergab geht, kommen wir ordentlich ins Schwitzen – ganz schön warm heute! Einmal nicht aufgepasst und abgerutscht, zack, sitze ich auf einem spitzen Stein (immerhin keine Dornen, wie schön!): ein handtellergroßer blauer Fleck am Allerwertesten wird mich in den nächsten Tagen beim Sitzen an die Wanderung erinnern. Schließlich erreichen wir die Bucht von Gaidaravlakos. Eigentlich wollten wir hier baden, aber es hat kaum Schatten (und wenn liegen hier Ziegen, Kühe und ihre Hinterlassenschaften) und die Fortbewegung auf den großen Kieselsteinen ist äußerst schwierig, dieses Mal macht meine Mutter Bekanntschaft mit dem Boden. Um in die nächste Bucht zu kommen, müssen wir ein wenig suchen, finden dann aber einen Weg über den niedrigen Bergrücken, hinunter nach zum Spilia-Strand. Ehrlich gesagt sind wir enttäuscht: von der Fähre aus sah der Strand toll aus, aber auch hier nur grobe Kiesel und die im Wanderführer als Schattenspender genannten Bäume sind nur niedrige Büsche. Da werden wir lieber an unseren vor der Türe liegenden Strand zum Baden gehen, es ist nur noch ein Katzensprung auf einer Schotterpiste, die einige der Soldaten der Kaserne für ihr abendliches Jogging-Fitnessprogramm nutzen.

Wir essen am Abend bei "George", zuerst ein Oktopus-Salat, danach ausgesprochen gute Suvlakia, die Preise sind auch hier auf Agathonissi deutlich niedriger als auf den Kykladen. Die italienische Seglercrew hinter uns vertilgt eine Menge Fisch, den der Wirt nach dem Aussuchen und Abwiegen direkt am Hafenbecken ausnimmt und putzt – die Möwen warten schon und stürzen sich gierig auf die Innereien.

Die gestiegenen Temperaturen halten uns am nächsten Tag davon ab, die Wanderung zum verlassenen Fischerort Katholiko in Angriff zu nehmen. Wenn es weiter so heiß ist, wird das nix mit unseren geplanten Wanderungen auf Kalymnos, wir werden wohl umdisponieren und zunächst nach Arki fahren (da braucht man nicht wandern, die Insel ist zu klein ;-)  ). Immerhin gehen wir hinauf nach Megalo Chorio, wo George gerade zusammen mit 2 Hirten 2 Ziegen gefangen hat und auf seinen Pick-Up lädt. Eine beredte Geste auf meinen fragenden Blick - sie sind zum Verzehr gedacht. Etsi ine i zoi, aber wenigstens hatten sie ein freies Leben.... Abends sehen wir, wie die beiden Männer am Hafen das Fleisch portionieren, das wird einen Weile reichen.

Wir wandern in ca. 15 Minuten von Megalo Chorio hinüber zu den Doppelkapellen Agia Irini und Agios Ioannis, ein paar äußerst widerspenstige Gattertore müssen wir dabei überwinden, und einige kläffende Hunde ignorieren bis wir den schönen schattigen Ort am Fuße eines Hügels erreichen (man könnte auch noch hinauf, da ist noch eine Kapelle, aber die Hitze...).

 

Lange verweilen wir nicht, weil wir die Ankunft der "Nissos Kalymnos" nicht verpassen wollen. Bei "George" bestellen wir Bier und Lemonada für ein kühles und erfrischendes Radler, bleiben dann noch für einen griechischen Salat. Am Nachbartisch speisen einige einheimische Männer in typisch griechisch großzügiger Manier: die Hälfte der Fische und des Essens bleibt übrig, auch nach vielen Griechenlandreisen können wir uns an diesen Anblick nicht so recht gewöhnen. Wahrscheinlich halten die Griechen uns Deutsche, die nur bestellen, was sie auch essen wollen und dann alles aufessen, für hungrig und geizig. Zwei Welten prallen aufeinander.
Weil wir gerade so gut sitzen sehen wir uns die Ankunft der Fähre nur von der Taverne aus an: der Engländer reist schon wieder ab, Savas hat keine Touristen abbekommen, dafür war Theologia sehr erfolgreich, sie schleppt 2 deutsche Paare und eine Einzelreisende ab, die sich auch prompt auf der nachbarlichen Gemeinschaftsterrasse breit machen, was wiederum dem bereits dort wohnenden deutschen Paar missfällt, bisher alleine „Inhaber“ dieser Terrasse. Erst am nächsten Tag scheinen sie sich zu arrangieren... Gut dass wir unseren kleinen Balkon und sogar die schöne blumenbeschattete Terrasse davor für uns alleine haben.

Zum Abendessen sind wir wieder bei Giannis vom "Seagull". Er hat auch einen Internetzugang, den ich am Nachmittag kostenlos benutzen durfte um ein wenig Nachrichten von Zuhause zu bekommen. Am Nachbartisch eine sächsische Segelcrew mit österreichischem Skipper, wir können schon wegen der Lautstärke nicht umhin, ihrem Gespräch zu folgen. Offensichtlich Neulinge, sie denken, sie wären auf den Kykladen, und würden gerne nach Santorin fahren. Der Skipper belehrt, wiegelt ab. An nächsten Tag wird einer der Sachsen,  während wir bei Giannis frühstücken, diesen nach Würstchen fragen, sie wollten unterwegs grillen. Und er bekommt welche! Das zeigt: in Griechenland ist nichts unmöglich, aber irgendwie tun mir diese Segler leid...

Wir müssen uns Gedanken machen über die Weiterreise und wollen nachmittags um 16 Uhr die "Nissos Kalymnos" nach Arki nehmen. Tickets verkauft eine Stunde vor Ankunft der Fähre, wir staunen, unser Wirt Savas in dem kleinen Verkaufsstand, der sich im Garten befindet. 5 Euro pro Person nach Arki – die Preise der "N. Kalymnos" berechnen sich wohl nicht nach Entfernung oder Fahrtzeit, hat die 4-stündige Fahrt von Leros hierher doch nur 8,50 Euro gekostet, und so viel bezahlen wir auch für Arki-Kalymnos. Dafür bekommen wir ein schönes handschriftliches Ticket, eine Rarität inzwischen auf den Fähren, sonst geht ohne Computer fast nichts (das werden wir bei der Fahrt nach Kalymnos noch merken).

Den Tag verbummeln wir bei Giannis, am Strand und auf dem Balkon, um 13 Uhr kommt die "N. Kalymnos" von Patmos und bringt unsere Wirtin Maria mit. Wenig später müssen wir unser Zimmer räumen, erhofft sie doch Gäste, die von Samos kommen, und da muss das Zimmer schließlich fertig sein. Kein Problem, wir warten auf der schattigen Veranda, unser Gepäck bringt Savas auf dem Pick-Up zum Hafen, wir gehen zu Fuß. Schon am Mittag war die Fähre zu früh dran, im Gegensatz zum Vortag, als sie ordentlich verspätet war. Und auch jetzt kommt sie 20 Minuten vor der im Ticket stehenden Abfahrtszeit um 16 Uhr. Wir sind rechtzeitig da und gehen an Bord, schon wieder verlassen wir eine Insel ungern und wehmütig, aber voller Neugier auf die nächste....
Und hier geht es auf Arki weiter.

 

 

Nachtrag Januar 2008:

Dieser Tage hab ich den Dokumentationsfilm "Agathonissi" von 1994 gesehen.  Mit unserem noch nicht ergrauten, freundlichen und eierverschenkenden Wirt Savvas. Mit der "Nissos Kalymnos". Mit Familiengeschichten von 17 Kindern, von denen 13 überlebten. Mit der Erlaubnis, dass Verwandte zweiten Grades heiraten dürfen damit die Inselbevölkerung nicht ausstirbt. Mit einer Schule mit 50 oder 60 Schülern. Heute (1994) sind es noch drei....

 

Weiterer Nachtrag Frühsommer 2009:

Man liest nun öfters mal in der Zeitung von Agathonisi. In einer traurigen Angelegenheit: Die Insel wird, wegen ihrer Nähe zur Türkei, fast täglich von illegalen Einwanderern aus Asien (v.a. Afghanistan, Pakistan, Irak) überflutet. Es sind weit mehr als die Insel Einwohner hat. Und mehr als sie verkraften kann. Auch die Flüchtlingslager in Samos, Patmos, Lesbos sind überfüllt. Der Zustrom nimmt kein Ende.

 

Griechenland ist überfordert mit der Situation, Mitteleuropa weist die Schuld von sich.

Ein Problem, das uns erhalten bleiben wird. Uns allen.

Ich denke jetzt immer an Agathonisi wenn ich von Flüchtlingsbooten höre....

 

 

Nachtrag Oktober 2015:

Gerade lese ich, was ich über die Flüchtlinge 2009 geschrieben habe. Nein, ich hatte keine prophetische Gabe, das war absehbar.

Wir waren im September 2015 wieder auf Agathonisi (Bericht hier), und inzwischen sind es noch viel mehr Flüchtlinge. Alleine an einem Montag kamen 300, zumeist Syrer, an.

Ein Dilemma für alle Beteiligten. Ohne Lösung.