Tour de Sifnos

In der Nacht stürmt es heftig, und es hat offenbar auch geregnet, denn es ist überall nass.

Ich habe mich um elf Uhr bei Flora von "Flora Geronti" in Ano Petali angemeldet, wo ich bis Freitag ein Zimmer für 43 Euro die Nacht (inklusive breakfast basket, was auch immer das sein wird) gemietet habe.

 

Ich hatte lange überlegt, wo auf Sifnos ich mein Quartier aufschlagen soll. Eigentlich hatte ich nach Kamares gewollt, aber das hätte für verschiedene Wanderungen zusätzliche Busfahrten erfordert und Abhängigkeiten erzeugt. Außerdem wollte ich unbedingt Meerblick haben. Artemonas schien mir zu abseits, und in Apollonia fand ich auch nicht das richtige.

Irgendwann bin ich dann auf Flora gestoßen. Es gibt mehrere Geronti-Quartiere hier nebeneinander: Flora, Nikoletta, Moscha und auch einfach Geronti. Alles in der Familie, wird mir Floras Mann später erzählen. Das von Flora gefiel mir am besten, und sie antwortete auch schnell und nett. Eine Wahl, die ich nicht bereuen werde.

 

Vom Bougatsa-Bäcker in Kamares hole ich Pittes, die wir auf Theos Terrasse frühstücken. Er ist missvergnügt, da er wegen des nächtlichen Sturmes und der daraus entstehenden Geräusche im Haus schlecht geschlafen hat. Ich haben schon meinen Trolley gepackt und bei Stathis das Zimmer bezahlt. Um zehn Uhr werde ich mit dem Bus hinauf nach Apollonia fahren und dort ein Auto mieten. Das hat den Vorteil, dass ich es dort morgen Vormittag auch wieder zurückgeben kann und nicht nochmal nach Kamares hinab muss. Es gibt nur einen Verleiher, der in Kamares UND Apollonia eine Niederlassung hat, Apollo Rental, aber die Niederlassung in Kamares ist noch nicht besetzt, und so bin ich zu diesem Umweg gezwungen. Kein Problem.

 

Auf den Zehn-Uhr-Bus warten erstaunlich viele Menschen, vor allem wanderlustige Touristen aus zahlreichen Ländern. Keine Ahnung wo die abends stecken: da sind die Tavernen vergleichsweise mäßig belegt. Wahrscheinlich alle müde vom Wandern und zeitig in den Betten.

Ein Euro achtzig kostet die Busfahrt hinauf, und ich meine mich zu erinnere, dass es an der Straße nach Platys Gialos einen Autoverleiher gab. Tatsächlich ist dort neben der Tankstelle genau Apollo Rental, wo ich, nachdem ich an dem katzenbelagerten Haus nebenan geklopft habe, auch einen Chevrolet Spark für 25 Euro bis Morgen Vormittag bekomme. Die Verleiherin warnt mich vor der Auffahrt zu den Geronti-Quartieren, und erwähnt außerdem, dass es zum Chrissopigi-Panigiri Busse gäbe. Das ist gut zu wissen, bisher hab ich nämlich noch keinen Plan wie ich das am günstigsten mache.

 

Benzin für zehn Euro sollte auch reichen um die Insel heute zu erfahren, und so tanke ich gleich nebenan für diesen Betrag. Dann schnell hinunter nach Kamares, mein Gepäck und Theo einladen, und wieder hinauf, dieses Mal aber ab Apollonia auf die Straße nach Norden. Die Zufahrt zu den Geronti-Quartieren ist gegenüber der Polizei und einesteile Rampe, mit integrierter Kurve. Da lasse ich das Auto samt Beifahrer lieber unten stehen und ziehe den Trolley hinauf. Das Guesthouse von Flora liegt auf der rechten Seite, sie empfängt mich sehr nett mit einer Limo und einem sehr schönen Zimmer im Erdgeschoss mit Metallbett, geschmackvoll eingerichtet und mit einer schattigen Terrasse mit Blick gen Südosten, Paros bis Folegandros. Ein Traum!

Der Kühlschrank ist mit Saft, Marmelade und Butter bestückt, auch zum Kaffee oder Tee machen ist alles da. Perfekt!

Ich räume nur schnell das Notwendigste ein, dann flitze ich zum Auto und Theo.

 

Wir fahren zunächst in den Inselnorden, nach Cheronissos. Dabei stelle ich fest, dass es doch ein ziemliches Wegstück ist von Troulaki nach Cheronissos. Da werde ich meine geplante Wanderung doch anders aufziehen als ursprünglich gedacht.

 

Cheronissos, das Dörflein an der Schlauchbucht, hat einen unverwüstlichen Charme. Die in der türkisen Bucht schwebenden Kaikia, die beiden Tavernen mit dem Strand davor, und dieses Mal kriegt mich auch der Töpfer von "Η Δυσκολη", der raffinierte Krüge und Becher herstellt, aus denen man nicht trinken kann. Oder den Becher des Pythagoras. Er demonstriert das Ganze gerne, und so wechselt einer der trickreichen Krüge den Besitzer.

Weil es zum Essen noch zu früh ist, trinken wir wenigstens einen Frappé am Ufersaum. Eine griechisch-skandinavische Familie wechselt vom Strand in die Taverne, ein paar Tagesausflügler kommen die lange Treppe hinab, aber es ist trotzdem wunderbar ruhig hier.

 

Bevor uns die Sonne vollends einschläfert, brechen wir lieber auf.

Eigentlich wollten wir in Vathy zu Mittag essen und danach nach Platys Gialos. Weil ich in Katavati die richtige Abzweigung verpasse, landen wir auf der Straße nach Platys Gialos und ziehen den Besuch des langgestreckten Stranddorfes vor. Ist ja auch völlig egal, wann und wo wir hier sind.

 

Es ist länger her, dass ich Platys Gialos war, und für Theo ist es Premiere. Der Ort ist gewachsen, hauptsächlich bezüglich der touristischen Infrastruktur, und der kleine Hafen am Ortsbeginn sieht auch größer aus als ich ihn in Erinnerung hatte. Der lange Sandstrand - knapp einen Kilometer lang - ist echt schön. Sifnos ist halt doch die Kykladeninsel, die alles hat.

Die Töpferläden sind geöffnet, aber die Tavernenlage ist noch verhalten. Das gerne gelobte "Nero&Alati" sehen wir erst später, da haben wir uns schon im "Kyklades" mit Schwein in Weinsauce, Kalamares und Maroulisalat sattgegessen. Hat auch hier sehr gut geschmeckt.

 

Ein anschließender Strandspaziergang hilft bei der Verdauung, aufs Bad verzichte ich wegen Magenüberlastung lieber.

Sonst gibt es hier wenig zu gucken. Das komische Gebäudeensemble mit den drei einzementierten Keramikvasen auf dem Dach am Westende des Strandes - eine Kapelle, oder ein Ferienhaus?

 

Und oben auf dem Hügel thront das Kloster Panagia sto Vouno. Vor Jahren haben wir uns bei dem Versuch, von dort nach Platys Gialos zu wandern, übel verwandert. Dabei sieht das so nah aus. Aber wenn man auf dem falschen Weg ist und der noch völlig zugewachsen ist, kann das leicht passieren. Heute aber kaum mehr, denn es gibt jetzt die Sifnos Trails. Aber dazu morgen mehr.

Die wimpelgeschmückte Kapelle Panagia Chrissopigi, das Markenzeichen von Sifnos, ist unser nächstes Ziel. Am Donnerstag ist Analipsi = Christi Himmelfahrt, und das wird hier mit einem großen Panigiri gefeiert. Letztendlich gab dieser Termin den Ausschlag für meine Sifnos-Planung. Denn anlässlich dieses Panigiri hält eine große Fähre - der "Speedrunner 3" - an der Kapelle und bringt die Ikone. Schon optisch ein Schauspiel, das ich mir nicht entgehen lassen möchte.

Einem Ablaufplan, der unten in Kamares hängt, habe ich entnommen, dass dieses Spektakel schon am Mittwochnachmittag stattfindet, und nicht erst am eigentlichen Feiertag, dem Donnerstag. Kein Problem.

 

Auf alle Fälle hat man die auf einer vorgelagerten Felseninsel gelegene Kapelle Panagia Chrissopigi schon mit bunten Fähnchen geschmückt.

Der Wind hat eine der Wimpelleinen abgerissen, sie weht nun unsymmetrisch herum, das andere Ende würde für einen hellenistisch-orthodoxen Bikini reichen.

Die Kirche selbst ist geschlossen (Mittagspause), und außer der Klosterkatze, die sich anhänglichst an Theo kuschelt, ist auch kein Bewohner oder Zuständiger zu sehen. Die Katze wird am Mittwoch noch einen großen Auftritt haben, sehr zum Missfallen eines Teils der vorhandenen Geistlichkeit ...

 

Der hinter der Kirche gelegenen Taufstein ist in Plastikfolie eingewickelt, warum auch immer.

 

Wir genießen den Schatten eines Baumes mit der Katze im Schoß, als eine große französische Wandergruppe erscheint. Sie gönnen der Klosterinsel nur einen schnellen Besuch ehe sie sich in die kurzen Schatten des Küchengebäudes zurückziehen.

Zeit für uns, weiterzufahren.

Wir wollen nun nach Vathy, müssen dazu aber bis nach Katavati zurück, da es keine Querverbindung im Inselsüden gibt. Aber die Entfernungen sind ja nicht groß auf Sifnos.

 

Die Straße entlang des Berges mit der Kapelle Agios Andreas bietet tolle Ausblicke, und so stört es uns auch nicht, dass das Auto vor uns so schleicht. Als es plötzlich anhält, merke ich: die suchen Kapern. Die niedrigen Büsche wachsen gerne an Felsenkanten entlang der Straße, und die Knospen sind gerade reif zum Ernten. Meine Vermieterin Flora wird mit ein Gläschen in Salz eingelegte Kapern mitgeben, selbstgesammelt. Sie stehen qualitativ denen der Äolischen Inseln nicht nach.

 

Vathy am späten Nachmittag - sehr schön. Die Doppelkuppel der Taxiarchis-Kirche direkt am Ufer leuchtet mit dem Sandstrand um die Wette, in den Cafés sitzen überraschend viele entspannte Gäste, und eine Touristin nutzt die steinerne Bank vor der Kirche für ein Sonnenbad. Segelboote fahren in die kreisrunde Bucht auf der Suche nach einem Platz für die Nacht. Wie in allen griechischen Orten, die "Vathy" (=tief) heißen, sind sie hier richtig.

 

Ich bestelle einen Zitronenkuchen beim am Strand gelegenen und von mächtigen Tamarisken beschatteten "Tsikali", ehe ich das flache Meer für ein Bad nutze. Eine Umkleidekabine gibt es praktischerweise auch. Das Meer ist kälter als gedacht, keine 19°. Trotzdem schön.

 

Wer einen geruhsamen Strandurlaub auf einer netten griechischen Insel erleben will, der ist hier genau richtig.

Gemütlich geht es zurück nach Ano Petali. Das Auto lasse ich lieber wieder an der Straße stehen, Theo schafft die steile Piste zum "Flora Geronti" dank des Geländers. Ein Ouzo zur Einstimmung aufs Abendessen - auf der Terrasse sitzt man herrlich, und die Aussicht ist auch wunderbar. Da weine ich "Froudi" doch nicht nach.

 

Es sind aber doch ein paar Stufen (abwärts) mehr als gedacht von Ano Petali nach Apollonia. Theo wird bei hundert aufhören zu zählen und jede einzelne verfluchen, auch wenn es sich um lange flache Stufen handelt. Die Kykladen sind kein Terrain für Kniegeschädigte (oder wiederhole ich ich da?).

Eigentlich wollten wir bei "Drakakis" essen gehen. Weil Theo auf dem Weg dorthin aber (fälschlicherweise) weitere Stufen vermutet, biegen wir an der Platia Iroon rechts ins ebenerdige "Orea Sifnos" ab. Das hat heute den ersten Abend geöffnet, wie uns der Wirt sofort erzählt, und nur eine überschaubare Auswahl an Speisen. Wir probieren schließlich den Taramosalata, Kapernsalat, Loukanikopittes und Papoutsakia. Die Loukanikopittes erweisen sich als profane Miniwürstchen in Blätterteig, die Papoutsakia sind so fettig wie erwartet. Der große Wurf ist das Essen (30 Euro) nicht, und so beschließen wir den Abend eher etwas unzufrieden.

 

Ich fahre Theo noch hinab nach Kamares, so er sich morgen alleine vergnügen muss, denn ich will endlich wandern. Dazu bin ich schließlich auf Sifnos.