Auf den Profitis Ilias & Pascha

Nachts um halb drei weckt uns die schnell abgewürgte Klappenmelodie "Für Elise" der "Blue Star Paros". Unzählige Passagiere und mindestens fünfzig Autos gehen von Bord - die Hauptwelle des Osterreiseverkehrs ist erreicht.

 

Um sechs Uhr legen "Scopelitis" und "Blue Star Paros" synchron ab, aber die kleine Fähre muss warten bis die große gedreht hat und Platz macht, ehe sie losfährt. Schön, dieses frühe Pas de deux.

Der Regen hat sich verzogen, aber es geht ein kühler Wind. Wir wollen heute nach Chora hinauf, und ich möchte auf den Profitis Ilias. Der hängt zwar immer mal in Wolken, wie wir von unten gut sehen können, aber dann wird die Tour schon nicht so schweißtreibend.

 

Leider fahren die Busse erst am Mitte Mai, und Schulbusse gibt es jetzt um Ostern natürlich auch keine. Wir nehmen also ein Taxi hinauf zur Chora. Praktischerweise steht eines direkt unten an der Paralia, der Fahrer Jannis trinkt eben im Café unten seinen Kaffee, der schnell zu einem To-Go wird. Acht Euro kostet die Fahrt hinauf, und Jannis weist uns auch auf das Fest morgen Abend in Chora hin. Vor neun Uhr müsste man nicht dort sein, und es gäbe Wein und Essen gratis. Wir sollten ihn anrufen wenn er uns fahren soll. Gut, das überlegen wir uns.

 

Die Chora präsentiert sich wieder in dieser fotogenen Pracht, der nicht zu widerstehen ist, und in den Läden gibt es originelle Souvenirs. So ein bemaltes Teetablett in der Mini-Version hätte ich gerne, aber fürs Reisegepäck ist das zu sperrig. Auch hier stehen überall rußgeschwärzte Dosen herum - die Chora war gestern ebenfalls illuminiert. Ein Mastkletterer tauscht noch eine defekte Glühbirne aus, so dass die Auferstehung kommen kann.

Und die intensivfarbigen Bougainvileen - eine Pracht!

Wir verlassen den Ort am oberen Parkplatz und wandern an einer Dreiradruine vorbei bis zu der Stelle, an der in einer Straßenkurve das Monopati nach Egiali abgeht (es gibt auch dieses, das westlich des Profitis Ilias verläuft, nicht nur den östlichen Weg ab Kloster Chozoviotissa).

Zu Beginn ist der leicht ansteigende Weg gepflastert, wir müssen aber zwei Drahttore öffnen. Vier Wanderer überholen uns, es sind Norweger, die wir schon vorgestern auf der Fähre gesehen haben. Sie wollen nach Egiali, und wir tauschen kurz Routentipps aus. Wir werden uns wiedersehen.

 

Der Weg wird jetzt gelegentlich undeutlicher, aber die Norweger sind ja vor uns. Der ganze Berghang ist gelb vom blühenden Brandkraut, dazwischen vereinzelt Thymian und noch grüne Dornige Bibernelle. Ich hatte auf Mohn und Margeriten gehofft, aber die gibt es hier nicht, oder sie sind schon verblüht.

Der Blick zurück zur Chora ist wunderschön.

Von dem Weg, der um den Profitis Ilias herumführt, geht irgendwann im rechten Winkel der Weg auf den Gipfel ab. Nur wo? Ich habe die Terrain-Karte "Amorgos" dabei, und die Wanderbeschreibung von Dieter Graf, wohlwissend, dass diese mit Vorsicht zu genießen ist. An der Gehzeit können wir uns nicht orientieren: dazu ist die Mutter zu langsam, und wir haben auch keine Eile. Die Grafsche Beschreibung mit der Orientierung an Leitungsmasten ist auch nicht hilfreich. Aber die Gipfelkapelle ist gut zu sehen, und irgendwo hier muss es abgehen.

Wir gehen noch um einen Felsenkamm herum - nein, das ist zu weit, und die Felsen des Kammes sind auch kein Einstieg. Ich beschließe, dass ich einfach pfadlos hinaufgehe, die Mutter widerspricht: das sei zu gefährlich, und ich könne mir den Fuß verknacksen. Ja, aber das kann ich überall (manche stürzen die Haustreppe hinab). Ich werde sauer: natürlich werde ich hinaufgehen zur Gipfelkapelle - da habe ich schon ganz andere Gipfel gemeistert. Bloß wo einsteigen?

 

Zu unserem (oder meinem) Glück sehen wir da gerade zwei Wanderer vom Gipfel herunterkommen, in dem Felsenband. Sie sind schnell da, und begeistert. Na also, dann gehe ich jetzt, während die Mutter unten bleibt. Der Wind weht stark und kühl, sie wird ihre Jacke brauchen.

 

Ich bin schnell oben, in zehn, fünfzehn Minuten. Über die Steine springend geht es einfach. Unterhalb des Gipfels stehen ein paar Mauern, verlassener Schutz gegen Wind und Wetter?

Oben muss ich dann die Vollbremse reinhauen: auf der Südseite geht es direkt und senkrecht ein paar hundert Meter hinab!

Der Wind bläst hier oben in Sturmstärke, Wolkenfetzen verhüllen die Aussicht immer wieder. Ich flüchte in die geöffnete Kapelle, nur Kerzen sind keine da. Schade.

 

Eine Gipfel-SMS nach Köln muss sein (tatsächlich wird das mein einziger Gipfel in diesem Urlaub sein), und ein Telefonat zur Mutter, die über die Schnelligkeit, mit der ich oben war, staunt. Sah mal wieder weiter aus als es war.

Zwischen den Wolkenschwaden versuche ich ein paar Panoramafotos. Schon beeindruckend, wie die Insel sich entlangzieht. Nach Westen hin ist gelegentlich die Chora zu sehen und Katapola, dahinter der Korakas. Nach Osten sieht man Nikouria, Tholaria und das bergige Inselende mit dem Krikelos. Und der Inselumriss im Süden, das muss Anafi sein.

 

Es ist zu ungemütlich um sich hier lange aufzuhalten, und beim Abstieg gerate ich etwas zu weit nach Westen, aus den Felsen heraus und in die Frygana. Von oben fehlen Orientierungspunkte. Wo ist denn die Mutter mit ihrer markanten neongelben Jacke? Ah, dort - so weit drüben.

Sie wird sich ärgern, dass sie den Gipfel nicht auch erklommen hat, nachdem sie gesehen hat, mit welcher Leichtigkeit ich oben war. Tja.

 

Für den Rückweg nach Chora brauchen wir eine Stunde, und hatte ich eigentlich geplant, dass wir noch bis Katapola runter wandern, so verwerfe ich den Plan nun - vom bisherigen Abwärtsgehen sind Mutters Knie schon ziemlich beansprucht und verweigern die Verlängerung.

Kein Problem, es gibt ja Taxis.

Zuerst kehren wir aber im "Kath'Odon" ein. Die malerisch gelegenen Stühle und Tische sind besetzt von griechischen (!) Wanderern, die allerdings vor allem optisch etwas hermachen. Wo sie wohl unterwegs waren?

Wir bestellen Taramosalata und geschmorten Oktopus mit Gemüse süß-sauer - es ist ja immer noch Fastenzeit. Der Oktopus schmeckt köstlich, die (beleglose) Rechnung fällt mit 23 Euro aber doch etwas zu hoch aus.

 

Schön, hier zu sitzen und zu gucken wer vorbeikommt. Die griechischen Wanderer sind wohl eine Gruppe, es stoßen noch mehr Leute dazu.

Und dann kommt ein älterer Herr, setzt sich mit Schwung auf einen Stuhl, der mit etwas Abstand mit dem Rücken an der Wand lehnt, so dass er auf den hinteren Stuhlbeinen schaukeln kann. Das macht er mit so viel Routine, es muss sein Stammplatz sein und der Stuhl steht schon für ihn so bereit.

Erfrischt und gestärkt können wir nun noch ein wenig durch die Gassen bummeln.

Die hübsche Pension "Emprostiada" gehört auch unserer Wirtin Maria - bestimmt eine gute Wahl wenn man in der Chora wohnen möchte.

 

Die schöne Platia Lotza ist mit Fähnchen geschmückt, hier ist die Hauptkirche der Chora. Geschlossen ist sie trotzdem.

In einem Laden bekommt man geschmackvolle Keramik aus Sifnos, auch diese großen Schmortöpfe. Nein, die würde ich dann doch eher dort kaufen, auch wenn der Besitzer erklärt, sie würden alles auch verschicken, falls das Reisegepäck damit überfordert wäre.

Zwei Kerzen für die Osternacht kaufen wir auch noch.

 

Schließlich sind wir vorne an der Platia mit der Bushaltestelle. Leider ist kein Taxi da, und dieser Ort zeigt sich nicht zum ersten Mal als die zugigste Ecke der kühlen Chora. Ich telefoniere dem Taxifahrer Giannis und während wir auf ihn warten, frieren wir uns mal wieder fast die Ohren ab.

Nein, Chora als Standquartier scheidet zumindest im Frühjahr aus!

Wieder unten in Katapola muss ich noch ein paar Dinge besorgen, und frage bei der Gelegenheit im "Corner", ob sie "nach der Auferstehung" geöffnet (ich liebe diesen Ausdruck :-) ) und auch Majiritsa hätten. Natürlich hätten sie das, antwortet der Wirt, oder was ich glauben würde was er hinten im auf dem Herd hätte? Gut, ich bestelle einen Tisch, was eher nachlässig registriert wird.

So, die Majiritsa ist gerettet!

Mit der Aussicht darauf, und dem Mittagessen im Bauch, fällt heute wieder das Abendessen aus.

 

Der Wind hat zugenommen, auch in Katapola, und es ist kühl geworden. Die "Scopelitis" kommt um halb neun fast leer an, sie ist heute die lange Tour über Donoussa gefahren. In Katapola wird das weniger benötigt, und die Osterurlauber sind ja auch schon da.

Nacht gegen halb zwölf machen wir uns dann auf den Weg zur Kirche in Rachidi. Die Außenübertragung beschallt den ganzen Ort, und viele Leute warten auf dem Vorplatz. Natürlich haben sie die Griechinnen wieder sehr fein gemacht, und die Kinder herausgeputzt, aber insgesamt geht alles deutlich gemäßigter vonstatten als auf Poros vor drei Jahren.

 

Wir gehen nur kurz in die volle Kirche, fühlen uns aber störend, und so warten wir doch besser draußen. Schon vor Mitternacht wird das Licht gelöscht, dann kommt der Pappas mit der Kerze heraus und gibt die Flamme weiter. "Christos anesti" - "Ine alithos anesti" erschallt es überall. Und dann geht hinter uns eine Feuerwerk los. Ein richtiges Feuerwerk mit schönen Raketen, akustisch untermalt von derben Kanonenschlägen. Von den Kanonenschlägen abgesehen gefällt mir das - endlich mal was optisch Schönes, und nicht nur Krach.

"Chronia Polla!" wird nun gewünscht. Unsere Kerzenflammen, die wir inzwischen entzündet haben, haben im Wind nur eine kurze Lebensdauer.

 

Nach dem Feuerwerk gehen viele mit dem Pappas in die Kirche zurück, wo der Gottesdienst weitergeht. Andere wenden sich nun dem Auferstehungsmahl zu, und so machen wir es auch.

Im "Corner" sind draußen nur wenige Tische belegt, und auch drinnen nur zwei. Wir setzen uns dort hin, und bestellen zwei Portionen Majiritsa, begleitet von einem halben Liter Rotwein.

Die Majiritsa kommt schnell, zwei tiefe Suppenschalen voll, und duftet verführerisch. Die Ostersuppe aus Innereien, Kräutern und viel Zitrone ist nicht jedermanns Sache, aber wir mögen sie sehr. Und diese hier enthält viel Substanz und schmeckt herausragend - die beste, die ich je hatte!

 

Warum wir aber keine roten Eier bekommen wie unsere Tischnachbarn, weiß ich nicht, und so geht das von Theo geforderte Selfie "Katharina mit Majiritsa und rotem Ei" eierlos auf die Reise nach Essen.

Ein paar Gäste finden sich noch im "Corner" ein, aber das nachmitternächtliche Osterfestmahl wird hier offenbar weniger gepflegt. Oder vor allem im Familienkreis.

 Gegen hab zwei sinken wir müde in die Kissen, wenig später bringt die "Blue Star Paros" letzte Ostergäste auf die Insel. Heute sind es nur noch wenige, die die lange Anreise von Piräus auf sich genommen haben um die Feiertage hier zu verbringen. Weil der 1.-Mai-Feiertag ja auf den Ostersonntag entfällt, wird dieser am 3. Mai nachgeholt. So ergibt sich ein schönes langes Wochenende, das die Griechen gerne nutzen.

 

*

 

Wir schlafen lange, und nach dem Aufstehen sehen wir einen in Katapola seltenen Anblick: die Fähre "Blue Star Paros" liegt hier, obwohl die Sonne scheint. Was daran so ungewöhnlich ist? Normalerweise verlässt die Blue-Star-Fähre Katapola morgens um 6 Uhr. Nur am Ostersonntag verkehrt sie nicht und bleibt den ganzen Tag in Katapola. Da hat man einen netten Größenvergleich zur weniger als ein Drittel so langen "Express Scopelitis" (33 Meter im Vergleich zu 124 Metern).

 

An der Platia dreht sich ein Lamm vor einer der Tavernen am Spieß, aber sonst scheinen die Vierbeiner eher im Ofen gelandet zu sein: es sind keine weiteren Grills in Sicht.

Die Sonne scheint, aber der Wind ist so kühl wie gestern. Immerhin regnet es nicht.

Was machen wir heute?

Am Ostersonntag sollen die Ikonen des Kloster Chozoviotissa nach Chora getragen werden. Nur wann genau diese Prozession stattfindet, konnte mir niemand sagen. Sollen wir ein Taxi zur Chora nehmen? Und heute Abend wieder, wenn wir zu dem Fest wollen? Oder oben bleiben? Wo es dort so kalt und windig ist? Mhhh.

 

Nein, wir werden für zwei Tage ein Auto mieten. Wie gehabt bei "Thomas", wo wir für zwanzig Euro am Tag (ohne Vollkasko) einen Suzuki Alto bekommen. Wir packen Wanderschuhe und Badesachen ein, und wollen gerade das Haus verlassen, als unsere Wirtin Maria kommt, und uns mit einem selbstgebackenen Tsoureki samt rotem Ei "chronia polla" wünscht. Ihr Tsoureki schmeckt ausgezeichnet, besser und spezieller als das vom Bäcker. Sie ist wirklich eine nette, die Maria.

 

Weil die Tankstelle oberhalb von Katapola heute geschlossen hat, haben wir bei Thomas gleich noch für zehn Euro Benzin bekommen. Für heute sollte das reichen. Wir fahren hinauf zur Chora, nicht ohne unterwegs noch einen Fotostopp einzulegen und die Bucht mit den beiden Fähren abzulichten. Schaut nett aus.

 

Wir parken unterhalb der vorderen Platia - gar nicht leicht, einen freien Parkplatz zu finden. Kinder läuten die Glocken der Agii-Pantes-Kirche, andere spielen dort. Kommen etwas die Ikonen schon?

Nein, nichts desgleichen. Von der vorderen Platia mit den vielen Kindern abgesehen ist die Chora ziemlich leer, die Läden sind geschlossen. Wir wollen zu den Windmühlen, passieren einen Grill mit Lamm und einen mit Kokoretsi. Nun läuten woanders die Glocken Sturm - ein Läutkonzert am Ostersonntagmittag.

Die Windmühlen mit ihren roten Dächern oder völlig unbedacht sind so fotogen wie eh und je, und auch die Doppelkapelle am Weg zum Friedhof, dem wir einen Besuch abstatten. Weihrauch dringt aus dem Beinhaus mit den Blechkisten, mit frischen Blumen verziert.

 

Zurück im Ort. Wo wird denn das Fest heute Abend stattfinden? Ich habe kein Plakat gesehen, aber sicher muss man nur der Musik nachgehen.

Zum wiederholten Male tragen Menschen große Bleche mit gebratenem Lamm vorbei. Wir sehen nach, wo sie herkommen, und finden die Quelle schnell: vom Bäcker. Auch hier lässt man seinen Osterbraten beim Bäcker garen, wie wir es vor Jahren auf Sifnos erlebt haben. Sieht lecker aus, und allmählich bekommen wir Hunger.

Wir wollen nicht weiter auf die Ikonenprozession warten, sondern entschließen uns, nach Kamari zu fahren und zu gucken ob das "Anemolithi" geöffnet hat. Die Straße nach Kamari führt durch den felsigsten und windigsten Inselteil, eine düstere Ecke. Leider sind auch in Kamari, wo wir einst im April eine wunderbare Blumenwiese gesehen hatten, die Felder schon recht trocken, die Blumen verblüht.

 

Und wie immer zieht der Wind mächtig über den Kamm beim "Anemolithi", bei dem ein großes Schild an der Straße "open" verkündet. Wir freuen uns, aber die Freude ist von kurzer Dauer als die Terrasse des Anlage betreten: da ist niemand, und die Türe zur Taverne ist verschlossen. Gut, das verstehen wir: dass man am Ostersonntag lieber mit der Familie feiern möchte.

Aber wo bekommen wir nun etwas zu essen?

 

Wir werden weiterfahren und es in Vroutsi probieren. Auf der Stichstraße geht es in den Ort hinein, und da sehen wir rechts ein Lokal mit Menschen auf der Terrasse. "Georgalinis" heißt es. Ja, man hätte geöffnet, antwortet es auf meine Frage. Unter der grün umwachsenen Pergola sitzt es sich herrlich.

Zwei Tische sind schon belegt, zwei weitere reserviert. Aha, der Amorgiote (oder der Tourist?) speist ostersonntags in Vroutsi.

 

Wir bestellen Kokoretsi und griechischen Salat, und Weißwein dazu. Kokoretsi, das sind die Innereien des Lamms, die mit den (gut gereinigten) Därmen um einen Spieß gewickelt und gegrillt werden. Manchmal köstlich, manchmal ziemlich trocken. Das Kokoretsi hier ist eine ordentliche Portion und qualitativ gut. Nur eine Innerei (das Herz?) ist mir etwas zu weich.

 

Es kommen noch mehrere Pareas, darunter eine Großfamilie, und auf einmal ist richtig was los. Gut, dass wir rechtzeitig da waren! Wobei noch Tische auf der unteren Terrasse angebaut werden können.

Nun müssten wir ein nettes Plätzchen für einen Mittagsschlaf haben. Ich habe mir auch schon eines ausgeguckt, nämlich die Bucht von Kato Kambos, die ich bisher nur von Fotos kenne, auf denen sie sich sehr idyllisch präsentierte. Durch Arkesini durch fahren wir westwärts dorthin. Huch, am Ortseingang auf einer Bank sitzt eine lebensgroße Puppe, die hat mich jetzt direkt erschreckt! Die Taverne "Marouso" rechts in Arkesini scheint auch geöffnet zu haben.

 

Nach den wenigen Häusern von Kolofana biegt rechts eine Piste nach Kato Kambos ab. Sie ist vorsichtig und langsam befahrbar, nach knapp zwei Kilometern hat sie aber einige große Löcher, so dass wir das Auto abstellen. Zur Bucht sind es nur noch wenige Minuten.

Die Ebene von Kato Kambos ist flach und fruchtbar, ein paar verlassen wirkende Häuser verlieren sich darin. Der aufgeblähte Kadaver einer Katze liegt auf der Piste und stinkt vor sich hin. Hier überfahren, wo kaum ein Auto kommt? Oder ein Jagdopfer? Ich sehe nicht genau hin, aber irgendwie nimmt es mich gegen diese Ecke ein.

Der Scheitel der tiefen Bucht von Kato Kambos, die draußen von der kapellengepunkteten Insel Petalidi optisch fast abgeschlossen wird, läuft ganz seicht im Sand aus. Links stehen zwei Kaikia am Strand, rechts eine Kapelle am Ufer und ein Haus. Das Ufer besteht Richtung Kapelle aus plastikdurchsetzten, groben Kieseln, dahinter ein zerbrochener betonierter Anleger. Die Idylle hat Mängel....

 

Die Panagia-Kapelle ist aber offen. Sie ist nicht alt, das unbemalte Betongewölbe feucht. Aber es gibt Kerzen, und Brandgefahr besteht hier auch nicht.

 

Und wo ist nur der Platz für den Mittagsschlaf? Auf einer der zerbrochenen Betonplatten vor dem Haus strecken wir uns aus. Hart, aber flach. Meine Badepläne habe ich da aufgegeben: der Wind ist zu kalt, das Ufer zu schmutzig, seicht und unbequem. Aber flach in der Sonne lässt es sich aushalten. Zumindest eine Weile.

 

En Moped nähert sich, zwei junge Männer darauf. Es gibt doch Menschen hier. Sie verschwinden in dem Haus hinter uns, kommen aber nur kurz darauf wieder und fahren weg, überlassen uns der Buchteinsamkeit. Uns friert, wir gehen zum Auto zurück. Amorgos hat freundlichere Ecken.

In Arkesini kehren wir noch auf einen Kaffee samt habhaft-festem Baklava im "Marouso" ein.

Auf der großen Terrasse verlieren sich einige Gruppen Griechen, die Teller noch voll, die Bäuche offenbar auch. Am Abend gibt es hier Live-Musik und Tanz, erfahre ich auf meine Frage, warum hier größere Umbauaktionen in Gange sind. Konkurrenz für das Fest in Chora? Der Inselwesten präsentiert sich hier ziemlich autark von der Inselmitte. Und die lebensgroße Puppe, die ich vorhin gesehen habe, wird nachher als Judas in Vroutsi verbrannt. Da bin ich erleichtert, dass sie keinem/r in GR ungeliebten Politiker/in ähnlich sieht.... Ich habe das zwar noch nie miterlebt, aber deswegen am Abend nochmals nach Vroutsi kommen? Nein.

Wir fahren zurück nach Chora, und die Stimmung unterwegs ist noch düsterer als am Vormittag. Das Kloster Chozoviotissa werden wir in diesem Urlaub nicht besuchen, aber wenigstens mal sehen sollten wir es doch. Was nur von Agia Anna aus möglich ist, und so biegen wir vor dem Hauptort nach rechts in die Serpentinenstraße ab. Die Küste liegt schon im Schatten, der Thymian am Straßenrand blüht in duftenden Büschen. Man muss aber dann schon vor auf das kleine Felsenkap, um das Kloster wie ein Schwalbennest am Felsen hängend in seiner schmalen Ansicht erspähen zu können. Dramatisch, diese ausgesetzte The-Big-Blue-Ansicht. Und der Wolkennebel, der sich über die Bergsättel von Ostamorgos gießt.

 

Bei der Fahrt zurück geraten wir mit dem Auto in eine große Ziegenherde, die von einem Hirten abwärts getrieben wird. Nur unwillig weichen sie unserem Auto aus. Ein Tier fixiert uns, es wird doch unser Auto nicht angreifen wollen? Wir haben kein Vollkasko. Nein, es geht dann doch zur Seite.

Auch in Katapola liegen die "Scopelitis" und die "Blue Star Paros" nun nicht mehr im Sonnenschein, sondern im diesigen Wolkengrau als wir gegen 19 Uhr dort wieder ankommen.

In der Psistaria " Pantopolio Jevseon " direkt gegenüber vom Fähranleger soll es heute auch Live-Musik geben. Mich lockt aber der Tanz der Chora, und hungrig bin ich sowieso noch nicht. Die Mutter hat keine Lust, mitzugehen, und so fahre ich gegen 21 Uhr alleine hinauf nach Chora.

 

Es ist so kühl geworden, ich ziehe mich warm an, falls das Fest draußen stattfindet, und parke auf dem östlichen Parkplatz. Der Wind bläst dort in solcher Stärke über den Sattel, dass ich meine Jacke nicht anziehen kann. Ich flüchte in den Windschutz der Häuser und wende mich der Ortsmitte zu. Bald dringen dann die erwarteten Musikfetzen an mein Ohr, und ich folge ihnen zur Platia Lotza, wo ein paar Tische und Bänke stehen und zwei Musiker mit Geige und Laouto auf der Treppe vor dem Rathaus sitzen. Ein paar Jungs tanzen einen Ti-ke-tre, es scheint eine Vorführung zu sein. Auf einem Tisch stehen Getränke und Essbares, ich halte mich aber zurück, peile erst die Lage. Zum Glück habe ich meine warmen Jacken an, es ist echt frisch hier!

 

Und mein kleines Sitzkissen, denn schließlich ergattere ich einen Sitzplatz auf einer niedrigen, aber kalten Betonstufe gegenüber der Kapelle. Zu den beiden Musikern hat sich noch ein Sänger gesellt. Sie spielen Nissiotika, Inselmusik, und nun wird auch getanzt. Es sind Tänze, die ich nicht kenne, bestimmt inseltypisch. Aber ich könnte die schon auch. Nur ich traue mich nicht.

 

So sitze ich und gucke zu. Die Platia füllt sich mehr und mehr, neben mich drängt noch eine Frau, und noch jemand, so dass ich allmählich am Rande der Sitzstufe lande. Diesen Platz werde ich aber nicht preisgeben!

Es werden wirklich nur Inseltänze getanzt, nicht mal ein Kalamatianos, mit dem ich mich aufwärmen könnte. Auch Kinder und Jugendliche tanzen mit Begeisterung, und man ist pragmatisch genug, hier auf stylische Aufzüge und High-Heels zu verzichten. Im Hintergrund knallen immer mal wieder Böller und Kanonenschläge. Stimmt, es ist ja noch Ostern.

 

Touristen verlieren sich hier kaum, und wenn, so verschwinden sie schnell wieder, denn dieses Fest für die Einheimischen ist jenseits alles Sirtaki-Klischees, mit denen Ausländer angereist sein können.

Nun zeigen zwei Jungs und ein Mann nochmals den "Ni ke Tre", diesen wirklich schönen Männertanz von Amorgos. Weiter dann wieder für alle mit Kitsos, Sirtos von Amorgos - schöne, leichtfüßige Tänze. Wenn ich jetzt nicht mitmache, erfriere ich. Zu meiner Rettung kenne ich den nächsten Tanz, einen Patima von Limnos (!), und stürze mich in die Reihe. Das tut gut, auch wenn ich schon ganz steif von der Kälte bin. Die Sitznachbarin fragt nun voller Anerkennung, woher ich komme und woher ich das könnte. Tja, Montagstanzkurs mit Anita bei der DGG in Böblingen. :-)

 

Leider werde ich wenig später nur noch einen Ikariotiko los. Und bevor ich dann vollends zum Eiszapfen werde, trete ich den Rückzug an und fahre nach Katapola zurück.

Jetzt noch ein erwärmendes Getränk? Im "Pantopolio Jevseon" spielt noch die Musik, aber dort ist voll, und für heute ist mein Bedarf an Nissiotika auch gedeckt. Lieber ins warme Bett.

 

Das waren schöne Ostern auf Amorgos.

Oder kommt da noch was?