Nach Anafi

Wie bei meiner letzten Kykladenreise im September 2020 war es ein langes Hoffen und Bangen gewesen. Und reichlich Umbuchungen, Hotlines, Tests und Bürokratie. Aber davon lässt sich eine Nissomanin wie ich ja nicht wirklich abschrecken wenn die Ägäis ruft. Mit negativem PCR-Test, PLF und Bordkarte in der Tasche fand ich den Eurowings-Schalter am Flughafen Stuttgart am 1. Juni 2021 als einzigen sehr gut frequentiert: Athen und Thessaloniki standen dort auf dem Flugplan. Meine Unterlagen wurden dort eingehend geprüft und für gut befunden, so dass ich im ausgebucht erscheinenden Flugzeug meinen Flug nach Athen antreten konnte. Der Bus vom Flugzeug zum Gate war das vollste Verkehrsmittel der letzten Monate, da nutzt es auch nichts wenn das Flugzeug wieder reihenweise geleert wird. Aber gut, wir sassen alle im selben Boot, ähm, Flieger.

Kein Schnelltest am Flughafen, das Gepäck schnell da, also raus zum Bus X96 und mit dem nach wie vor bandscheibenkillenden, aber recht luftig besetzten Vehikel in 70 Minuten nach Piräus.

 

Wo ich mir im Ticketbüro den Luxus einer Einzelkabine (innen) in der "Prevelis" gönnte (Premiere in Griecheland). Zum stolzen Preis von 95 Euro, aber sonst wäre mir nach 24 Stunden Tragen die Maske vielleicht festgewachsen. Wenn ich mir in den kühlschrankkalten Airseats nicht vorher den Tod geholt hätte. Und im fortgeschrittenen Alter darf man sich etwas Luxus (na ja, vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck für eine Kabine auf der "Prevelis") schon mal gönnen.

Die Fähre würde erst um 20.30 Uhr abfahren, ich hatte also noch ein paar Stunden Zeit in Piräus. Meinen Trolley konnte ich im Ticketbüro lassen. Nach einem ausgezeichneten Souvlaki-Teller und einem Viertel Wein im "Palio Rolloi" stellte sich der glückselige  Zustand ein wenn eine Fährreise und ein ganzer Urlaub vor einem liegen. Und man dem Wetter entkommen ist, dass sich "deutscher Frühling 2021" nennt und vor allem durch Kühle und Wassermassen von oben gekennzeichnet war.

 

Der anschließende Bummel hinüber zum Zea-Hafen ergab, dass in Piräus 99 Prozent der Menschen auch auf der Straße Maske trugen, und dass das bei Temperaturen um 25 Grad alles andere als angenehm ist (was man in der Heimat in den letzten Monaten völlig vergessen hatte).

Um sieben Uhr war ich wieder zurück am Fährhafen und durfte auf die "Prevelis". Meine Kabine, eine Doppelstockkabine zur Alleinbenutzung, lag erfreulicherweise auf dem höchsten Deck, so dass ich schnell draußen sein konnte. Sie war gepflegt wie überhaupt das ganze Schiff. Fühlte sich fast an wie eine Mini-Kreuzfahrt, zum Glück aber ohne Animation.

Ich wartete den Sonnenuntergang und das Ablegen der Fähre sowie deren allmähliches Eintauchen in die lichtgetüpfelte Dunkelheit auf dem Sonnendeck ab. Langsam an den Kretafähren rechts vorbei, links die Schnellfähren, später die Kreuzfahrtschiffe. Vorher hatte sich noch die "Blue Star Paros" anlegenderweise ins Bild gedrängt.

 

Es mag schneller und bequemer sein auf die Inseln zu fliegen, aber diese gelassene Reise, dieses Herunterkommen und Abstandgewinnen, hat auch etwas für sich.

 

Noch ein Bier auf der Kabine, dann in die Koje. Der Tag war lang und ich müde, so schlief ich ganz gut.

Die nächtliche Durchsage, die das Erreichen von Milos verkündet, konnte ich ignorieren: Milos steht erst später auf dem Reiseplan.

Als wir mit der Morgendämmerung von Westen her in die Caldera von Santorin einfuhren, war ich aber längst wach und genoß das Panorama. Der Aufenthalt in Santorin verzögerte sich durch Probleme beim Entladen eines LKW, eine halbe Stunde lang tat sich nichts bis endlich ein Laster voller Kabel dem Schiffsbauch entschlüpfte und die Verstopfung auflöste. Die wartenden Zugmaschinen stürzten sich nun hungrig auf die zu entladenden Trailer im Schiffsinneren und mit nur einer Stunde Verspätung konnte die "Prevelis" endlich ablegen.

Entlang der Südküste Santorins - White Beach, Red Beach, Perissa, Profitis Ilias - kam nun mein Ziel ins Blickfeld: Anafi. Ich erinnerte mich, wie endlos lange wir vor Jahren auf Anafi auf die Fähre gewartet hatten, die längst im Blickfeld sich kaum nähern wollte. Ähnlich erging es mir in meiner Ungeduld jetzt. Als wir nahe genug waren um Details zu erkennen, war ich überrascht von der dunklen Felseninsel, die kaum grünen Bewuchs offerierte. Von der Hotelanlage, die westlich der Chora einsam weiß aus einer Felsenflanke leuchtete. Und von der Chora, die hoch auf dem Gipfel thronte. Hatte ich jemals diese Ansicht, oder kam ich vorher immer in der Nacht an?

 

Meine Vorfreude auf die nächsten Tage stieg und ich folgte gleich der ersten Durchsage, gab noch meinen Kabinenschlüssel zurück und begab mich in den Schiffsbauch, wohlwissend dass es noch dauern würde bis die Fähre anlegen und wir von Bord können. Um Viertel nach neun war es dann soweit, eine nicht unbeträchtliche Zahl an Passagieren und Autos entschlüpfte im Hafen Agios Nikoloas der "Prevelis", die zügig ihre weitere Route via Kreta, Karpathos und Rhodos antrat.

Geschafft!

 

Vergeblich gucke ich mir die Augen aus nach meiner Gastgeberin Effi, die versprochen hat, mich am Hafen abzuholen. Ich frage schließlich eine Frau, die auf einen bejahrten roten PKW verweist, der einsam auf dem großen Parkplatz des Anlegers steht. Das wäre Effis Auto. Dann eilt atemlos eine jüngere blonde Frau auf mich zu, nicht vom Auto, sondern von der Fähre: Effi. Sie war zwei Tage in Athen und auch auf der Fähre, und wusste den genauen Termin meiner Ankunft nicht mehr. Kein Problem, hat ja alles geklappt.

 

Wir reihen uns in den Konvoi der bergwärts fahrenden Auto ein und gehen direkt ins Griechische über. Effi erklärt mir, was ich schon gesehen habe: dass es seit Monaten nicht geregnet habe und die anhaltende Trockenheit ein großes Problem sei. Zwar habe man genug Quellwasser für die Haushalte, aber nicht für die spärlichen Felder. Und vor September sei auch mit keinen Niederschlägen zu rechnen. So wird sich mir Anafi schon im herbstlich-vertrockneten Outfit präsentieren. Andererseits war das Frühjahr recht kühl, und auch die Temperaturen der nächsten Tage werden kaum die 20 Grad-Marke überschreiten. Mir ist das ja ganz recht, denn meine größte Befürchtung war, dass die Hitze des Juni Aktivitäten an Land unmöglich machen könnte. Und zum Wandern bin ich ja eigentlich da.

 

In der Chora angelangt steuern wir den westlichen Ortsteil an. Ich bin erste der zweite Gast dieses Jahr und habe die Wahl zwischen drei Zimmern in dem Quartier, dessen Name ich gemäß des Empfehlers nicht erwähnen soll. Ich nehme schließlich Zimmer Nr. 4 mit einem Balkon mit Blick von Kalamos bis fast Santorin und einem Doppelbett auf der Empore (zu erreichen über eine steile Treppe), das ich aber nicht nutzen werde: die gemauerten Betten im unteren Stockwerk tun es auch und sind weniger unfallträchtig.

 

Alles ist sehr schön eingerichtet, und Effi wirbelt atemlos wirkend dazwischen, bringt Handtücher und Bettzeug. Siga siga, ich hab doch Zeit, aber sie lässt sich nicht bremsen. So setze ich die Maske ab und mich auf den Balkon und lasse den Blick schweifen bis zu den vorgelagerten Felseninselchen, an denen rechts vorbei die "Prevelis" nach Kreta zieht.

Angekommen, nach 24 Stunden Reise. Vier Tage Anafi liegen vor mir. Juhu!

Nachdem ich mich halbwegs eingerichtet habe, treibt mich der Hunger in den Ort. Neugierig versuche ich, mich an den Ort vor 14 Jahren zu erinnern. Ist das lange her! Und es ist mir fast peinlich, dass mein Uralt-Reisebericht im Google-Ranking immer noch an prominenter Stelle auftaucht. Da wird es doch wirklich Zeit für eine Revision.

 

Am späten Vormittag scheint nur die Bar "Argo" geöffnet zu haben. Ich bekomme dort ein gepflegtes Omelette Spezial und ein Glas Wein (Wein nur glasweise statt in Vierteln - das ist so eine neue Marotte in Tavernen mit gehobenen Ansprüchen, wie ich im Laufe dieses Urlaubes noch merken werde). Schön, hier zu sitzen und zu gucken.

Maske trägt hier draußen niemand. Anafi nennt sich schließlich covid-freie Insel: es habe keinen einzigen Fall hier gegeben, aber dafür wurden alle Einwohner geimpft. So setze auch ich die Maske nur auf, wenn ich die Bäckerei oder den Mini-Markt betrete, oder mit dem ÖPNV fahre.

 

Apropos ÖPNV: den zahlreichen Aushängen kann ich entnehmen, dass der Bus seit 26. Mai dreimal täglich - um 11, um 14 und um 18 Uhr - von Chora über Roukounas zum Kloster Zoodochou Pigis und gleich wieder zurück fährt. Das ist gut, und ich beschließe, mir zum Urlaubsauftakt einen Nachmittag am Strand zu gönnen.

Vorher kaufe ich im Minimarkt und in der Bäckerei ein, die eine sehr freundlich präsentierte und köstliche Auswahl an süßem und salzigem Gebäck für alle Geschmäcker hat und deren täglicher Besuch mir zu lieb gewordenen Routine werden wird. Die Käsestängel als Wanderproviant, die Lichnarakia (sie heißen hier anders, leider vergessen trotz Griechischunterrichts durch die Verkäuferin), die Bougatsa und natürlich auch das Brot - köstlich!

Der Fliegende Klamotten-Händler - O Antonis O Kritikos - der auch mit der Fähre gekommen ist, beschallt die Ruhe des Mittags mit seinen Durchsagen: Roucha, Pantelonia! Mal steht die dreirädrige Karre hier, mal da. Zwei Tage Zeit, die Anafioten mit preiswerter Kleidung zu versorgen ehe die Fähre am Donnerstagabend ihn und seine Frau wieder mitnimmt.

Um 14 Uhr warte ich an der Endhaltestelle auf den Bus. Eigentlich müsste der doch hier stehen. Tut er aber nicht. Ich laufe die Straße vor, denn weiter vorne entdecke ich einen Bus. Ein Taxi kommt mir langsam entgegen, fährt vorbei. Beim Bus ist niemand, aber das Taxi hat inzwischen gewendet und der Fahrer fragt mich "bus"? Ja. Er sei der Bus, so lange nur so wenige den Bus in Anspruch nähmen, würde er aber mit dem Taxi fahren. Ich steige ein, und noch eine Französin. Gemächlich kurven wir ostwärts und ich kann erneut die verbrannte Landschaft betrachten, deren graubrauner Farbton nur gelegentlich durch violette Büsche blühenden Thymians unterbrochen wird. Der korpulente Bus- bzw. Taxifahrer ist redselig. Ja, der Busfahrplan gelte täglich. Nein, einen Bus zum Hafen gäbe es nicht. Für fünf Euro würde er die Fahrt aber machen. Und natürlich auch sonst wo hin. Einfach anrufen.

 

Ich möchte zum Strand von Megalos Roukounas, die Französin auch. Das Taxi hält dort und lässt uns hinaus. Zwei Euro kostet die Fahrt. 18.30 Uhr würde er wieder zurückfahren, sagt er, und wendet direkt. Ob er denn nicht zum Kloster fahren würde? Nein, da wäre ja jetzt niemand. Mhh, merkwürdige Dienstauffassung - es könnten ja Fußgänger dorthin gewandert sein. Vielleicht versichert man sich am besten vorher telefonisch, dass der Bus auch wirklich kommt wenn man dort auf ihn wartet. Sonst muss man nachher das teurere Taxi rufen. Diese Doppelfunktion von Bus- und Taxifahrer kommt mir etwas windig vor. Inzwischen hat der Fahrer zwei jungen Männern, die zu Fuß unterwegs sind, erklärt, dass der Bus um 18.30 Uhr zurück fahren würde. Sie nicken.

 

Von der Straße führt eine Piste bis zu einer Taverne in einem üppigen Blumen- und Gemüsegarten, die erfreulicherweise geöffnet hat. Gut für später. Zuerst aber auf einem kurzen Fußweg zum breiten und schönen Sandstrand von Megas Roukounas. Es hat durchaus einige Badegäste, die sich aber verteilen. Die meisten suchen den Schatten der Tamarisken am Rande, denn die Sonne brennt heftig vom nahezu wolkenlosen Himmel und erhitzt den Sand auf fast nicht mehr begeh- und beliegbare Temperaturen. Früher wurde hier wild gecampt, aber inzwischen wird es wohl unterbunden. Versierte Urlauber haben Sonnensegel dabei, und wer nackig baden will, sucht den Strandrand.

 

Das Meer ist für die Jahreszeit kühl: mit Mühe bringt das Thermometer es auf 21°. Das kenne ich sonst von Mitte Mai. Für das erste Bad im Meer dieses Jahr passt es mir aber allemal.

 

Dem schließt sich später in der Taverne der erste Frappé des Jahres an. Die schattige Blumenoase ergänzt den Strand auf wunderbare Weise, auch wenn die Bedienung auf sich warten lässt: der Wirt ist dabei, die Holzstühle weiß zu streichen. Die Mühe, vorher die Sitzfläche zu entfernen, spart er sich: es geht auch so, und wen stört schon Farbe an den falschen Stellen in diesem tiefenentspannten Paradies?

Am Nachbartisch sitzt ein deutsches Paar, mit dem ich ins Gespräch komme. Auch Anafi ist klein genug, dass man am zweiten Tag meint, alle Touristen zu kennen. Als würde eine unsichtbare Regel dies vorgeben sieht und trifft man sich immer wieder an den gleichen Orten.

Anafi, das sind auch die Urlauber, die regelmäßig seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren kommen und immer von früher erzählen. Damals, als alles noch ganz einfach und billig und rustikal war .... "Anafisten" hat Richi sie mal genannt, und tatsächlich werde ich einige Exemplare dieser Spezies treffen. Vielleicht hat jede kleinere Insel Besucher dieser Ausprägung, aber hier fallen sie (mir) besonders auf. Weil sie überwiegend deutschsprachig sind, oder weil sie hier extrem rückwärtsgerichtet sind?

 

Um halb sieben kommt dann tatsächlich der richtige große Bus statt des Taxis. Und er kommt vom Kloster, nicht von der Chora! Hinterm Steuer sitzt der maskierte Taxifahrer, hinter ihm sein Töchterchen. Offenbar hat er angesichts der zu erwartenden Touristenmassen auf das große Gefährt zurückgegriffen und wird dies auch die nächsten Tage tun. Die Saison hat begonnen. Heute.

Zum Sonnenuntergang, der sich gegen Viertel nach acht abspielt, bin ich wieder unterwegs, an dem Platz bei der Windmühle, alleine auf weiter Flur. Irgendwie sind die Gassen und der Platz meist leer, fast ausgestorben. Das Leben spielt sich im östlichen Ortsteil ab.

Santorin liegt im Blickfeld, aber die Sonne versinkt rechts davon im Meer. Santorin und Anafi - was für ein Kontrast.

 

Nun die Tavernenlage checken. Das "Astrachan" ist geschlossen und bleibt es die ganzen Tage auch, das "Armenaki" sieht gleichfalls unbesucht aus. Das "Liotrivi" hebe ich mir für ein anderes Mal auf, und die diversen Grillbuden öffnen allenfalls am Wochenende. Diesen Abend hat sich die versammelte Touristenschaft das "To Steki" zum Abendessen ausgesucht, und ich folge dieser Empfehlung. Der Käsesalat ist in Ordnung, die gegrillte Makrele auch, nur die fetttriefend frittierten matschigen Zucchinischeiben als Beilage - Fett ist Geschmacksträger, aber von was? - lassen ich liegen. Kulinarische Höhenflüge seien auf Anafi nicht zu erwarten, hatte jemand gesagt. Mhh, könnte recht haben. Oder bin ich inzwischen von westkykladischer Gastronomie zu verwöhnt?

 

Dass Gastronomie nur draußen erlaubt ist, wäre im Grunde kein Problem, allerdings sind die Abende noch sehr kühl und ich werde frieren. Morgen dann mehrere Kleidungsschichten am Abend.

Und morgen möchte ich auch wandern. Auf den Gipfel!