Auf den Propheten und zur Hochzeit

 

Wir frühstücken beizeiten, kaufen schnell Proviant ein, Wasser gibt es im Hotel. Unsere Hotelwirtin Maria ist auch wieder unten in der Hotellobby. Wir sagen ihr, dass wir auf den Profitis Ilias wollen, und deshalb ein Taxi bis Panagia Evangelistra brauchen – ob sie uns eines rufen kann? Sie ist irritiert: ob die „Ladies“ auch hinauf wollten? Gemeint sind unsere Mütter – nein, die bleiben unten und machen sich einen gemütlichen Tag. Nun ist sie zwar erleichtert, aber mit dem Taxis gibt es ein Problem: es gibt nur eines (der Reiseführer spricht noch von zweien), und das wäre in Nikia - die dicke Taxifahrerin. Wegen so einer kurzen Strecke (vier Kilometer bis Panagia Evangelistra) käme es nicht. Oh, Mist. Müssen wir wohl doch auf Meereshöhe mit unserer Prophetentour beginnen. Wir haben unsere Rechnung aber ohne Maria gemacht – sie schlägt vor, uns hinauf zu fahren, kein Problem. Sie ist wirklich eine Nette, und wir nehmen ihr Angebot an. Zehn Minuten später sitzen wir in ihrem Auto und fahren bergwärts. Wir haben doppelt Glück gehabt, sie wollte nämlich heute eigentlich nach Kos hinüberfahren, einen Badeanzug kaufen, hat aber das Boot verpasst. Schnell sind wir oben beim Kloster Evangelistra, nein, sie will nichts dafür, lässt sich auch nicht überreden. Wir danken nochmals herzlich – Hotel „Porfyris“ können wir wirklich nur empfehlen!

 

Die Schweine verstecken sich noch im Schatten, sind nicht zu sehen. Vom Terebinthenbaum gehen wir ein paar Meter die Straße hinunter, der Weg zweigt dort links ab, ist sogar beschildert. Für die Tour haben wir Dieter Grafs Wanderführer „Südlicher Dodekanes“ dabei, außerdem die auf DIN A3 ausgedruckte Karte der Frankes, hier herunterladbar – vielen Dank dafür! Wir brauchen aber beides nicht wirklich, der Weg ist immer gut zu finden und mit roten Punkten bezeichnet. Das erste Stück geht durch hohes Gras, Spinnen hat es natürlich wieder, wir hätten den Stock der Tante mitnehmen sollen! Nach zehn Minuten plötzlich intensiver Gestank nach Käse – dass das eine noch recht frische tote Ziege ist, die da fünf Meter neben dem Weg vor sich hingammelt, werden wir erst auf dem Rückweg bemerken. Es geht sanft bergauf, das Wetter ist optimal: sonnig, etwas Wind, nicht zu heiß. Nach einer Viertelstunde stehen wir am Rande eines grünen Hochtales, Ziegen tummeln sich dort, das knallende Geräusch, das uns erst auf einen hämmernden Menschen tippen lässt, stammt von zwei miteinander kämpfenden Ziegenböcken – die Gehörne schlagen lautstark gegeneinander, das Echo wirft den Schall zurück. Eindrucksvoll!

Der Weg wird etwas steiler, steiniger, die Umgebung weniger grün. Wir gucken uns die Augen aus nach den kleinen (bis 30 Zentimeter langen) Drachen von Nisyros, den Agamen (griechisch Àgama), genauer: Hardun(en). Die Viecher soll es laut Reiseführer hier zuhauf geben, und sie sollen auch wenig scheu sein. Wir sehen zwei, die haben den Reiseführer nicht gelesen und machen sich fix aus dem Staub. Eine Woche später, im Asklipion von Kos, werden wir einige auf den antiken Trümmern sitzen sehen. Vielleicht sollte der Tourismusverein Nisyros wenigstens eine Attrappe irgendwo hinstellen ;-)

Ein weiterer Ziegenkadaver liegt dann mitten auf dem Weg, nur noch Haut, Haare und Knochen zum Glück, erinnert mich an die Anopolis-Schlucht auf Kreta. Mit dem Emporsteigen wird der Blick freier, die Aussicht besser. Nun hat es wieder niedrige Bäume, Wacholder und Steineichen, weiter unten terrassierte Flächen, die Panagia Evangelistra, Mandraki, Loutra, dahinter die Inseln Gialí und Kos. Schon vom Kloster aus hat man das Ziel gesehen: die Kapelle auf dem Profitis Ilias (auch Diavatis), 698 Meter über Meereshöhe. Etwas darunter liegen ein Häuschen und eine weitere Kapelle, sie gehören zu dem sogenannten „hängenden Garten des Diavatis“. Jetzt, auf dem Weg, sieht man das Ziel nicht mehr, immer noch ein Vorsprung, noch ein paar Bäume. Ich suche schon überall nach hängenden Gärten, sehe aber nur Farnplantagen auf den sich auflösenden Terrassen. Schafe flüchten, Mutter mit Kind. Nun kommt ein richtiges Schotterstück, gut dass der Weg mit roten Punkten markiert ist! Und darüber, endlich, das weiße Haus, das am „Garten“ liegen muss. Gut fünf Viertelstunden haben wir gebraucht.

Mhh. Irgendwie hab ich mir den „Garten“ anders vorgestellt. Es handelt sich um ein mit einer Mauer umfriedetes Grundstück von vielleicht fünfzig Metern im Durchmesser, mit großen, üppig grünen Bäumen. Eher ein Hain als ein Garten. Das Haus am Rand mit Blick nach unten haben wir schon gesehen, eine kleine Kapelle kauert sich unter einem Baum an die Mauer, versteckt sich fast. Schön schattig ist es hier. Die Kapelle ist unverschlossen, eine einfache, blaue gestrichene hölzerne Ikonostase, silberabgedeckte Ikonen. Links in der Nische Reste von Fresken. Welchem Heiligen sie geweiht ist? Keine Ahnung, gibt es einen heiligen Diavatis? Der Kapellenraum ist verschmutzt, Vogeldreck wegen der offenen Fensterchen, bröckelnder Putz. In Vertretung der Mütter singen wir ein wenig und zünden eine Kerze an.

Dann wollen wir noch höher hinauf – die Kapelle des Profitis Ilias liegt noch etwas höher, über Schotter, fast weglos in zehn Minuten zu erreichen. Jau, geschafft! Toller Blick in alle Richtungen – bloß nicht runter zum Stefanos-Krater, ein Absatz etwas tiefer versperrt die Sicht. Nun, egal, den Krater haben wir schon genug gesehen. Dafür Nikia gegenüber, dahinter Tilos. Gipfelfoto auf einem Steinquader – das ist der Diavatis, oder Ilias, oder wie auch immer, 698 Meter hoch. Fühlt sich gut an!

 

Wo kommen denn auf einmal die vielen Käfer her? Die Luft ist voll davon, sie schwirren um uns rum, krabbeln auf Armen und im Genick – brrr. Gut zweizentimeterlange, braune Käfer – Junikäfer im Mai? Nisyros-Maikäfer? Seitlich an der Ilias-Kapelle ist eine Bank, da können wir im Schatten sitzen und vespern – aber aufpassen was man isst! Sonst gibt es eine Insektenbeilage… man wird ganz nervös, wobei sich die Plage in Grenzen hält wenn man still im Schatten sitzt. Nur wenn ich aufstehe, mit dem Fernglas in die Weite blicke oder fotografiere – dann sind sie wieder da. Muss sie nachher aus manchen Bildern rausretuschieren. Wir flüchten in die Kapelle, auch die ist offen. Statt „echten“ Ikonen hat es süßliche Heiligenbilder, italienischer Stil irgendwie. Wieder hinaus, Käfer abwimmeln. Leichte hysterische Anfälle meinerseits, Klamotten ausschütteln, nur kein Insekt in der Unterwäsche, bitte! Tja, das sind so die erhabenen Gipfelmomente….

Dann endlich doch Flucht in tiefere Lagen, die Käfer kommen mit, aber nicht alle, und an der unteren Kapelle, am Diavatis-Garten, sind wir sie dann los. Gemütlich wandern wir auf dem gleichen Weg wieder hinab, man muss aufpassen auf dem Geröll, und als ich das einen Moment nicht tue, rutsche ich auf einem Stein aus und lande auf dem Hosenboden. Wenigstens nicht in den Dornen, mangels solcher (das heb ich mir für Pserimos auf), aber ein blauer Fleck auf dem Hintern wird mich einige Tage daran erinnern.

 

Nach einer Dreiviertelstunde sind wir wieder am Evangelistra-Kloster und wandern auf der Straße Mandraki zu. In der ersten Serpentine bemerken wir eine Abkürzung derselben, sogar auf der Straße mit einem fast unsichtbaren Pfeil markiert. Sehr gut! Der Weg trifft immer wieder die Straße um sie gleich wieder zu verlassen, geht vorbei an gepflegten Gärten, Hühner- und Putenställen und vor sich hin rostenden Dreirad-Wracks. Einen guten Blick hat man auf den Hafen von Mandraki, wo das Ausflugsschiff „Antonis“ liegt und acht Busse stehen. Heute ist Samstag, offenbar Vulkan-Ausflugs-Hochbetrieb.

Mandraki liegt in nachmittäglicher Ruhe, es ist 14 Uhr vorbei als wir unten sind und uns neugierig einen unverschlossenen Rohbau ansehen, an dem wir vorbeikommen. Wenn man keinen Strand um die Ecke braucht, ist Nisyros wirklich ein sehr brauchbarer Ferienwohnsitz – von Kos aus schnell und oft zu erreichen, trotzdem ruhig und „unverdorben“. Wobei das Haus gar nicht so klein ist, eventuell mehr als eine Zweitwohnung?

 

An der Platia Ilikiomeni trinken wir bei Irini eine Mandelmilch, „Soumada“ genannt. Schmeckt gut, uns fast noch zu süß, könnte man aber noch nach Belieben verdünnen. Wir werden uns später ein Fläschchen des milchigen Sirups, der Inselspezialität, kaufen. Kann mich übrigens nicht daran erinnern Mengen von Mandelbäumen gesehen zu haben…

Zurück im Hotel staunen die Mütter, dass wir schon wieder da sind. Sie sind durch den Ort gebummelt und haben bei Artin dessen Fotografien bewundert. Da müssen wir natürlich auch noch hin, aber wir sind ja noch etwas auf Nisyros. Entspannen uns am Nachmittag am Pool, die Ruhe wird aber zunächst durch einen Soundcheck und später durch Schüsse unterbrochen. Schüsse? Ja sind wir auf Kreta? Maria, die Wirtin, weiß mehr: Eine Hochzeit fände nachher statt, und vielleicht wäre ein Teil des Brautpaares von Kreta. Hier wären Schüsse auch zu diesem Anlass nicht unbedingt üblich…. Wir beobachten eine griechische Familie am Pool, zwei Jungs, vielleicht sieben und neun Jahre alt, würden liebend gerne in den Pool springen, dürfen aber wohl nicht. So toben sie außenherum. Wir kommen später mit der Mutter ins Gespräch. Die Familie ist von Rhodos, und hat dem älteren Jungen (und sich) den Nisyros-Trip zur Belohnung gegönnt weil er in der Schule so fleißig und gut war und so viel Stress hatte. Und nun darf er erst nicht ins Wasser und wird ständig gemaßregelt - komische Belohnung.

 

Am frühen Abend bummeln wir nochmals durch Mandraki. In einem Schreibwaren- und Buchladen versucht die Cousine zu erfahren, ob es auch in Griechenland Panini-Bilder der bevorstehenden Fußball-WM gibt. Wäre ein optimales Mitbringsel für ihre zwei Jungs, gibt es aber wohl nicht. Plötzlich draußen Musik, wir stürzen zur Tür: dort zieht der Hochzeitszug vorbei, mit zwei Musikern – Geige und Laute - an der Spitze des Zuges. Manche der Hochzeitsgäste tragen präsentierend die Geschenke chic in Zellophan verpackt: eine Digitalkamera zum Beispiel. Der Hochzeitszug geht hinauf zur Kirche Panagia Spiliani. Vorher haben wir auf dem Gemeindeplatz hinter der Platia Ilikiomeni schon gedeckte Tische gesehen, und große, abgedeckte Bleche mit Fleisch wurden gebracht. Ob die Hochzeit hier öffentlich ist und alle eingeladen sind?

Wir verlassen uns da nicht drauf (das wollten wir sowieso nicht!), und wollen etwas essen gehen. Heute vorne an der Uferpromenade. Erst mal aber einen Ouzo, im Internet-Cafe „Proveza“ (dabei will ich gar nicht online. Urlaub ist internetfrei, wenn es sich vermeiden lässt). Hier treffen sich die Jüngeren.

Der Vor-Sonnenuntergang ist heute ganz in Gold.

Da kommen wir auch bei Artin vorbei. Artin ist Fotograf, in Athen geboren und schon seit vielen Jahren auf Nisyros ansässig. Er hat eine kleine Galerie, in der er seine Insel-Fotografien verkauft, unbedingt mal reinsehen! Außerdem unterhält er sich auch gerne, über die Insel und das Leben dort. Von ihm erfahre ich, dass Giali wohl doch ständig bewohnt ist (mehrere Familien würden dort wohnen – Mist, wie komme ich rüber zum Insel-Sammeln?), dass man dort in der Kantine gut essen kann (er ruft manchmal dort an und fragt was es gibt, ist es was Gutes, fährt er schnell mit dem Boot rüber..) und dass bei der Hochzeit alle eingeladen wären, wir sollten ruhig hingehen, schlafen könnten wir eh nicht, die Musik wäre zu laut. Er selbst? Ach ne, er hätte schon so viele Hochzeiten auf Nisyros erlebt, er sei da nicht mehr scharf drauf. In Ordnung, bei der Feier vorbeigucken wollten wir später sowieso, sowas lasse ich mir doch nicht entgehen…

 

Erst mal essen wir aber in der Taverne „Fabrika“. Die Preise sind hier etwas höher, das Ambiente auch gediegener, das Essen ausgefallen (Garidopilaf, Boukounies = Confit vom Schwein, moustordos = Rind in Senfsauce), und sehr gut. Die Familie von Rhodos trifft später auch noch hier ein, schon wieder müssen sich die Jungs benehmen.

 

Es ist 22 Uhr vorbei, als wir im Ort bei der Hochzeit vorbeigucken. Schon von weitem hören wir die Musik, der Tanz ist in vollem Gange. Wir stellen uns an den Eingang, gucken das Ganze an. Um eine lange Tischreihe führt der Tanz, Platz für eine Tanzfläche hat es keinen. Das hält aber vor allem die Braut nicht ab, fleißig zu tanzen, der Bräutigam hat es nicht so heftig, typisch Mann. Ein Tanz kommt mir musikalisch und rhythmisch wie der kretische Malevisiotis vor, wird aber anders getanzt, nicht so schnell - es handelt sich wohl um den für hier typischen Sousta. Dann ein Sirtos Rhodos, ein Bratsera  von Leros, ein Kalamatianos, ein Sirtos (vermute ich mal) von hier. Ich will auch tanzen, trau mich aber nicht so recht… irgendwann winkt uns eine Frau hinein, juhu, nun aber stürze ich mich in den Tanz. Nur die optimalen Tanzschuhe sind meine Schlappen nicht gerade, egal.

Die Begleiterinnen gucken dann doch lieber nur zu, amüsieren sich. Nicht jeder kann tanzen der es probiert, vor allem ein junger Mann – er gehört zu einer Gruppe von drei deutschsprachigen Männern, die vorhin lautstark vor unserem Hotel vorbeigelaufen sind, „schnell, schnell“ haben sie gerufen - fällt dadurch auf dass es nicht mal annähernd den Takt erwischt. Die Parea ist da tolerant, keine „Tanzpolizei“ da, jeder darf wie er/sie will und kann, Hauptsache Spaß, und das haben wohl alle. Bloß den Begleiterinnen wird es dann zu öde, TänzerInnen sind klar im Vorteil.

Wir gehen alle ins Hotel zurück, ich wechsle die Schuhe, und ziehe alleine nochmals los. Komme gerade rechtzeitig zu einem Kotsari – keine Ahnung wie sich dieser schnelle pontische Tanz nach Nisyros verirrt hat, aber ich liebe ihn, nix wie ran. Dann bleibt es mehr oder weniger beim Sousta und Sirtos, bis eine Tanzgruppe in nisyrotischer Tracht kommt und einige Tänze vorführt. Hübsch, die Inseltracht, wirklich, die Frauen in langen Überkleidern und mit hellem Kopftuch, die Männer eher schlicht, schwarze Hosen und Westen über weißen Hemden. Dann wieder Tanz für alle, aber ich bin nun reichlich müde, hab ja noch der Propheten Elias in den Knochen, also ab ins Bett. Aber Nisyros, das ist einfach schön, was war das wieder für ein erlebnisreicher Tag!

 

*

 

Den Sonntag verfaulenzen wir. So verpassen wir die Eröffnung der Taverne „To Balkoni tou Emboriou“  in Emborio, wo es – laut unserer Wirtin Maria, die uns auf das Ereignis hinweist - die besten Pitiá der Insel gibt. Aber wir müssten wieder ein Auto mieten, und man isst ja auch in Mandraki recht gut.

 

Am späten Vormittag gehen  wir wieder hinauf zur Kirche Panagia Spiliani  (der Kastro-Felsen ist übrigens nicht, wie in Klaus Bötigs Reiseführer angegeben, 135 Meter hoch. Da hat er was verwechselt, oder einen Einser zu viel), die nun – logisch, es ist Sonntag – geöffnet ist. Der Kircheneingang  befindet sich am Ende eines tiefergelegter Ganges rechts – kann man leicht übersehen. Dann kommt erst eine Art Vorraum, ehe es ein paar Stufen in den recht kleinen Kirchenraum hinuntergeht, halb in den Felsen gebaut, daher „Spiliani“ (spilia ist die Höhle). Schon Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts soll das Kloster gegründet worden sein, und die Marienikone gilt als wundertätig. Davon zeugen die unzähligen Votivtafeln und zwei wächserne Säuglingspuppen vor ihr, mehrschichtig übereinander gehängt. Wer einen seefahrerischen Wunsch hat, wendet sich aber wohl eher an Christos – die Schiffsmotivvotivplättchen hängen dort, links der Panagia. Einige hängen schon länger, den darauf abgebildeten Segelschiffen nach zu schließen. Manche Schiffswünsche sind eher einfach (Hauptsache was bootsähnliches), andere anspruchsvoller. Schön auch die beiden Türflügel ins Allerheiligste, mit einer Verkündigung oben und dem Evangelisten Johannes und seinem Sekretär Prochoros unten bemalt.

Eine Familie kommt um Kerzen anzuzünden, sehr ehrfürchtig die Eltern und die Tochter, eher gelangweilt der Junge. Wieder draußen im Flur beeindruckt uns ein Gemälde mit einer gruseligen Darstellung eines Mannes, der gerade beide Hände verliert. Wir fragen eine der einheimischen Frauen, die am Putzen sind, ob sie wüssten was dargestellt ist. Sie haben keine Ahnung, fast scheint uns, sie gucken das Bild zum ersten Mal an.

Wieder liegt Mandraki so schön unter uns. Keine malerische Kykladenkulisse in Weiß mit blauen Kuppeln. Schwarz-weiß-grau, und eher vom Meer abgewandt. Spröder, eckiger. Trotzdem schön!

 

Unterhalb des Kastro-Felsen soll man zum Chochlaki-Strand kommen, aber ein Felssturz hat den Weg und den Zugang verschüttet. Man käme schon hin, muss aber nicht sein – schließlich ist das kein Badeurlaub… Der Felsen ist mit Steinblumen verziert, man hat hier Sinn für Steinschmuck, sogar die Katzen räkeln sich darauf. Und gegenüber steht mal wieder ein Dreirad. :-)

Warm ist es heute. Wir bummeln noch vor bis zum Hafen, sehen uns die Auslagen der verschiedenen Souvenirläden und Boutiquen an. Probieren verschiedene einheimische Produkte in einem Laden, unter anderem Koukouzina (Feigenschnaps) und Sapsycho (Rosmarinschnaps), kaufen Soumada-Sirup und Kanellada (Zimt-Sirup). Wir würden ja noch mehr kaufen, aber morgen steht ein Ortswechsel an, da wollen wir nicht so viel mitschleppen. Auf Patmos gibt es sicher auch leckere Sachen….

Im Hafen werfen wir einen Blick auf unsere morgige Fähre, die „Panagia Spiliani“. Sie hat etwas die Größe der Ostkykladen-„Skopelitis“, und eine ähnlich Funktion für Nisyros: sie pendelt zwischen Nisyros und Kos, dort wechselnd nach Kardámena und Kos-Stadt. Im Reisebüro von Diakomichalis kaufe ich später die Tickets: 8,10 Euro pro Person nach Kardamena, Abfahrt um 7.30 Uhr. Puh, ganz schön früh!

Heute ist Muttertag, und die Mütter bestehen am Nachmittag nach ergiebiger Poolpause – wir sind ja im Urlaub - auf Kaffee und Torte. An der Platia Ilikiomeni haben wir welchen in den Vitrinen gesehen. Und so landen wir wieder bei Irini – ordern Galaktobureko, Karidopita, Sahnetorte. Alles sehr gut! Irini heißt mit Nachname Sfakianou, was mich sie fragen lässt ob ihre Familie von Kreta kommt, aus der Sfakia. Ja, die ihres Mannes. Die Verbindungen zwischen den Dodekanes und Kreta schienen mir schon immer recht eng.

Wir gehen auch am Abend wieder bei ihr essen, und es schmeckt erneut gut. Einfach nett und gut bei Irini!

In der Zwischenzeit gucken wir uns noch den Friedhof an. Kapern wachsen an den Mauern. Ein Familienmausoleum hat als Schmuck so einen grinsenden Engel wie wir sie schon von Avlaki und Nikia kennen. Der Friedhof ist klein, eng und sehr gepflegt, mit überreichem Plastikblumenschmuck (der gefällt der Cousine, wir suchen vergeblich einen Händler). Nein, wir sind nicht nekrophil, aber Friedhöfe sind Teil der Kultur einer Insel, und wir finden sie interessant. Die Gräber unterscheiden sich auch sehr von Insel zu Insel, hier hat man kleine Gräber, wohl eher Knochengräber für die Familien. Nur: wo werden dann die Toten zuerst begraben? 

Frühstück wird im Hotel erst ab 8 Uhr serviert, aber da unsere Fähre schon um halb acht Uhr fährt und wir folglich kurz nach sieben Uhr weg müssen, sorgt unsere Wirtin Maria dafür, dass wir trotzdem schon Kaffee bekommen, und Rührkuchen. Hungrig will sie uns nicht ziehen lassen. Hotel Porfyris – einfach spitze in puncto Gastfreundschaft!

Einen strahlend blauen Himmel über uns ziehen wir zum Hafen. Das kurvt schon wieder das rote Müllabfuhr-Dreirad herum, der Fahrer mit Mundschutz (vielleicht arbeitet er im Zweiberuf in der Krankenstation? Die Krise trifft auch die Angestellten im öffentlichen Dienst ;-)  ) Eine einzelne Wolke hängt bedrohlich am Profitis Ilias – der Vulkan wird doch nicht ausbrechen? Nix wie weg! (Wobei die vorgelagerte Insel Strongili vulkanisch gefährlicher sein soll ist als der Nisyros-Vulkan.) Wir betreten das Schiff, drei, vier Autos sind aufgeladen – mehr passen auch nicht drauf. Eine Handvoll junger Männer in Soldatenkluft kommt an Bord – Ende des Wehrdienstes, Urlaub oder Truppenverlagerung? Auf Kos gibt es auch Kasernen. Dann kommt auch unsere Wirtin Maria mit zwei Frauen an Bord – neuer Anlauf auf den Badeklamottenkauf.

Pünktlich legt die Fähre ab. Unser Blick geht zurück. Die Wolke am Berg ist weg, nun sehen wir das Diavatis-Häuschen und die Gipfelkapelle. Weiter rechts Mandraki mit dem Kastro und dem Kloster, etwas weiter dahinter das Paleokastro. Alles von der Morgensonne angestrahlt. Fast möchte ich wieder zurück, es gäbe noch so viel zu sehen und zu wandern auf Nisyros. Wer hier nur für ein paar Stunden von Kos herüberkommt, verpasst fast alles. Vor allem das, was diese Insel so reizvoll macht. Andererseits ist das ja vielleicht auch gut so – Nisyros bleibt Geheimtipp.

Und wir, ja, wir wollen weiter. An der Insel Giali geht es vorbei. Gut zu sehen die riesigen hellen Sand- und Steinkaskaden – ein großer Bims-Steinbruch, irgendwann ist die Insel dann weg, abgetragen. Zu Katzenstreu verarbeitet.

Dahinter ersteckt sich lange Kos. Rechts das Gebirge des Dikeos, über 800 Meter hoch, schroff zum Meer abfallend. Wolken auch dort. Eine knappe Stunde dauert die Überfahrt nach Kardámena, dem einst netten Ort, an dem sich inzwischen überwiegend britische Urlauber vergnügen (die deutschen ziehen die Nordküste um Mastichari vor).

Im Hafen liegen Ausflugsschiffe, aber zu dieser frühen Stunde ist noch nichts los. Wir fragen Maria ob sie weiß ob ein Bus nach Kos-Stadt fährt. Sie weiß es nicht, zeigt uns aber den Weg zur Bushaltestelle. Da steht ein Bus, der Busfahrer winkt aber ab. Fahrplan? Fehlanzeige.

Wir hatten zwei Optionen: entweder fahren wir nach Mastichari, von dort rüber nach Kalymnos und von dort mit der „Dodekanisos Pride“ nach Patmos. Oder nach Kos-Stadt und dann weiter mit der „Pride“ nach Patmos. Wir haben uns für Zweiteres entschieden, da uns die Fährzeiten von Mastichari nach Kalymnos nicht ganz passend erscheinen. Gegenüber der Bushaltestelle ist der Taxistand, ich frage was die Fahrt nach Kos-Stadt kostet. Etwa 30 Euro lautet die Auskunft. Nicht so billig, aber wir sind zu viert, und das können wir uns leisten.

Es sind etwa 28 Kilometer, und brauchen eine knappe halbe Stunde – der Fahrer fährt sehr zivil. Er setzt uns direkt am Hafen ab, wo der Katamaran ablegen wird. Um 10.50 Uhr soll sie gehen – da haben wir über eine Stunde Zeit.

Das Büro von Dodekanisos Seaways ist noch nicht geöffnet, wir bestaunen aber ein Werbeplakat dort – hoffentlich weiß wenigstens der Kapitän wo welche Inseln liegen! Die Cousine und ich gehen in die Innenstadt, ein wenig gucken.  Kaufen die Tickets  - 29 Euro pro Person! Sagte ich schon, dass der Katamaran teurer ist als die normalen Fähren? Die Katamaran-Fähre kommt pünktlich, und ist schon gut belegt. Wir finden aber noch einen Platz auf Deck, und schon geht die Fahrt weiter.

Patmos, wir kommen.