Was lange währt - endlich nach Gavdos!

 

Als wir aufwachen am Sonntag Morgen, dringt von draußen ein Geräusch. Ein Geräusch, mit dem wir nicht (mehr) gerechnet haben, ein plätscherndes Geräusch: Es regnet mal wieder. Dieses Mal nicht der heftige Regen, den wir schon kennen, sondern mehr die Rubrik „Landregen“: ausdauernd und gleichmäßig. Super :-( Ist uns eigentlich wurscht, denn wir wollen heute sowieso weg von hier.

Nur wohin? Und dann merken wir, dass es zwar regnet, aber fast windstill ist.

Unsere letzte Chance? Wenigstens ein Tag Gavdos?

So kommt der obligatorische Gang zum Tickethäuschen, gut beschirmt. Halb hoffend, halb abwehrend. Die vorsichtige Anfrage, die unerwartete, fast schon unmöglich erscheinende Antwort: „Nä – Ja!!“ Heute, wo man die Insel nicht einmal sehen kann, soll die Fahrt also möglich sein. Soll ich mich nun freuen oder ärgern? Wie die Wind-Wetterprognose für die nächsten Tage ist? Gut für morgen und übermorgen. Mhh.

Im Hotel muss ich erst etwas Überzeugungsarbeit leisten. Wir fahren heute nach Gavdos und morgen wieder zurück nach Agia Roumeli, wo die Fähre montags und dienstags auf der Rückfahrt nach Paleochora Station macht. Die letzte für uns in Frage kommende Fähre ginge dann laut Plan am Dienstag, falls die morgen nicht fahren würde - weiter wollen wir nicht denken.

Bevor Gavdos vollends zur fixen Idee der unerreichbaren Insel wird... Dann eben nur einen Tag, besser als nichts. Ich würde mich sonst ewig darüber ärgern – bis zum nächsten (vergeblichen?) Versuch.

 

Die „Samaria“ kommt dann auch schon eine Stunde vor der Abfahrtszeit, legt an. Wir können es kaum erwarten, bezahlen unsere Zimmerrechnung – statt einer Nacht sind es acht Nächte geworden! W. verabschiedet uns, schießt ein Abschiedsfoto – aber wir kommen ja wahrscheinlich wieder!

Schon um 11 Uhr sind wir am Hafen, kaufen die Tickets – 12 Euro pro Person – und entern das Schiff. Fühlen uns wie Odysseus auf dem Weg zu unbekannten Ufern.

Eine kleine Schar Mitreisender hat sich eingefunden, am Heck des Schiffes im überdachten Freien. Vier junge Männer aus Deutschland (Karlsruhe vermuten wir) tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Back on Gavdos 2008“, dem Inselumriss, kleinen Skizzen, und ihren Namen. So blass wie sie sind, sind sie gerade erst auf Kreta angekommen – man kann auch Glück haben und gleich ein Passage erwischen. Andere Mitreisenden sehen etwas wild aus, so als hätten sie schon länger irgendwo hier gecampt, schleppen Tonnen von Gepäck: Zelte, Schlafsäcke, Gitarren, Proviant. Nur mit Regen haben sie nicht gerechnet. Wer hat das schon? Ein Tank-LKW wird in der Mitte des Schiffes gut vertäut damit er nicht umkippen kann.

 

Pünktlich geht die Fahrt los, Kurs Gavdos. Die Berge Kretas hängen in den Wolken, nur der Uferstreifen ist sichtbar, die See darunter bleiern, trübe Stimmung. Erst nach einiger Zeit heben sich die Umrisse von Gavdopoula und später Gavdos aus den grauen Wolken-Meer-Einheitsbrei ab. Die Geisterinsel. Die Scheininsel – es gibt sie doch. Eine Herde Delphine zieht stumm vorbei, schwarze Rückenflossen zerschneiden das Fahrwasser.

Die Reisenden sind in guter Stimmung, erwartungsvoll entspannt. Liegt nicht ein Hauch Haschisch in der Luft?

Nach zwei Stunden Fahrt kann man die ersten Häuser auf Gavdos erkennen, eine Viertelstunde später sind wir im Hafen, die Vier-Häuser-Ortschaft wird Karave genannt. Es regnet immer noch.

Es sieht so aus als ob alles was auf Gavdos Räder hat, nun am Hafen im Regenschleier steht: ein Bus, diverse Pick-Ups, Wohnmobile, Campingbusse, LKWs. Kurzes, heftiges Verkehrschaos. Wir haben „unseren“ Vermieter schnell entdeckt – Georgos vom "Korfos Beach" (bzw. der Taverne "Paorama") mit seinem weißen Mini-Van. Wir hatten ein Zimmer bestellt, via Internet. Aber für vor einer Woche. Auch W. und U. hatten uns angekündigt. Wir haben uns verspätet. Das macht aber nix, Georgos hat mit uns gerechnet wie uns scheint, er ist kein bisschen überrascht als ich ihn anspreche. Einen knitzen Gesichtsausdruck hat er, wettergegerbt, die Augen zusammengekniffen, wie eben ein Fischer am äußersten Süden Europas, und ohne seine Mütze bekommen wir ihn nicht zu Gesicht. Die meisten anderen Passagiere entern den Bus, der fährt über Sarakiniko zum Agios-Ioannis-Strand – für (Wild-)Camper.

 

Georgos lädt unser Gepäck in den Van und uns auf den Rücksitz, dazu noch eine Kiste Tomaten, drei oder vier kullern über den Boden, werden wieder eingefangen. Dann müssen wir warten bis sich der Verkehrsstau auflöst, der Bus blockiert, etwas Hektik, Chaos, warum, wir sind entspannt. Der Van mag nicht, hustet, spuckt, das feuchte Wetter ist wohl nichts für ihn, schließlich zwingt Georgos ihn, treibt ihn wie ein Muli die Straße hinauf um nach einer Kurve schon wieder anzuhalten – bei der Polizeistation, er muss dort ein Paket abgeben, aber vergeblich, die Polizei ist ausgeflogen. Polizist am südlichsten Ende Europas, auf einer Insel mit 50, 100 Einwohnern – was gibt es hier zu tun?

 

Von Schlagloch zu Schlagloch hüpfen wir nun auf der Küstenstraße entlang nach Süden. Eine üble Piste. Ein Automörder, diese Straße hier, kein Wunder hustet und klappert das arme Fahrzeug. Nach etwa zwei Kilometern biegt der Weg links ab, noch eine kleine Serpentine, und wir sind am Ziel: der Strand von Korfos und die Taverne/Rooms for Rent „Korfos Beach“. Das Auto hält vor der Taverne, ein junger Mann mit Pferdeschwanz, Manolis, der Sohn von Georgos zeigt uns wortkarg unser Zimmer, das in einem Anbaubungalow unterhalb der Taverne liegt. Die ganze Anlage liegt eine gutes Stück oberhalb vom Strand, unten hat es noch eine Taverne/Zimmer – und kein Mensch. Kein Wunder, denn es regnet immer noch. Die Terrasse vor den Zimmern ist matschig, eine steile Treppe führt von der Taverne hinab. Warum hat Georgos nicht direkt auf der Straße vor dem Bungalow (oder wie nennt man so ein-Zimmer-große-Flachbauten) geparkt? Müssten wir unsere Trolleys nicht schleppen.

 

Die Zimmer sind sehr einfach ausgestattet, Betten, Tisch, zwei Stühle, Schrank, Nachttisch mit Öllampe, aber sauber. Im Bad ist es nass, was wir auf die direkt vorausgegangen Reinigung zurückführen.

 

Da sitzen wir nun, auf einer Insel am Ende Europas, und dort auch noch vollkommen abseits (selbst schuld, da selbst ausgewählt). Endlich am Ziel, und trotzdem etwas niedergeschlagen. Ist der Mensch schwer glücklich zu machen.

Was soll man denn nun hier machen, nachmittags um drei Uhr bei dem Wetter? Sch...regen!!!

In der Bude sitzen – trostlos. Außerdem hat es keinen Strom und ist düster.

Baden? Ach nee....

Also werden wir einen Spaziergang machen, nach Sarakiniko, auf der Straße, und mit Schirm. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur ungeeignete Kleidung. Wir marschieren los, nach Norden. Werfen eine Blick zurück, nach Korfos und darüber hinaus. Auf dem nördlichen Meer vor Kreta zieht ein riesiges Containerschiff vorbei – Wahnsinn! An den Anblick müsste man sich gewöhnen falls der Containerhafen nach Timbaki kommt – wir hoffen es nicht.

 

Gavdos ist anders als Kreta. Grün ist Richtung Inselmitte die Hauptfarbe. Wacholderbüsche und –bäume, niedrige Kiefern. Später, Richtung Sarakiniko,  erodierte Gesteinsformationen, Stein-Lehm-Wüste mit einzelnen, bizarre zerzausten Bäumen darin. Dann wieder ein ganzes Feld mit Olivenbäumen, eingezäunt. Blühender Thymian. Kein Dorf, nur einzelne Häuser, ein merkwürdiges Gelände mit einem Handrelief im Tor – eine Disco?

Ein Jeep überholt uns, heizt die Straße entlang. Immerhin mal einige Menschen, die Insel wirkt ausgestorben. Für Vogelkundler soll es hier ein gutes Terrain sein, viele Zugvögel benutzen die Insel als Rastplatz auf dem Weg von und nach Afrika im Frühjahr und Herbst. Wir sehen aber nur ein paar Hühner, kaum auf der Durchreise.

 

Vor Sarakiniko hat es an der linken Straßenseite eine kleine Ausgrabung, zwei zusammengeklebte Amphorenreste, ein paar Mauern, nicht sehr eindrucksvoll. Möglicherweise ist Gavdos die sagenhafte Insel Ogygia der Odyssee, auf der die Nymphe Kalypso den Helden sieben Jahre festgehalten hat. Nun, schon mancher musste hier länger bleiben als geplant, aber gleich sieben Jahre? Passend dazu passieren wir ein kleines, neues Theater mit sieben Sitzreihen – Sommerfestspiele auf Gavdos? Der Kulisse nach wird hier die Odyssee gegeben, oder sind Boot, Netz und Plastikkiste nur zufällig hier deponiert? Gleich daneben Europas südliches Wetterstation (das mit dem „Europas südlichste“ wird uns hier noch verfolgen).

 

Schließlich breitet sich der Strand von Sarakiniko vor uns aus. Er breitet sich wirklich – unheimlich tief, auch ganz gut breit. Feiner Sand, mit schön gefärbten Kieselsteinen durchsetzt. Einige einstöckige Häuser, bessere Baracken am Rand, Rooms, eine, zwei Tavernen, ein, zwei Zelte unter Bäumen. Hohe Dünen, mit Wacholder bewachsen, begrenzen den Strand auf den Seiten. Keine Badegäste, der Regen hat nachgelassen, aber es ist so grau und trübe wie es sich für das Ende der Welt gehört. Sarakiniko, das Paradies? Ich weiß nicht, die Trostlosigkeit erinnert an Westernfilme, nur ist es hier nicht so trocken.

Wir wandern zurück, nehmen nach der Straßenkreuzung bei Karave und vor der „Disco“ einen Weg nach links, der die Küste entlang führt. Schöne Ausblicke, ein Kapelle unterhalb. Dann ist der Weg unterbrochen, abgebrochen, ausgeschwemmt, aber man kommt doch weiter, balancierend. Es regnet nicht mehr, die Abendbeleuchtung ist interessant. Leider hat sich meine Digitalkamera gestern einen Flecken auf dem Sensor eingefangen, der nun alle Fotos ziert (zum Glück gibt es Fotobearbeitungsprogramme, aber nicht immer lassen sich die Bilder retten).

Zurück in Korfos gehe ich runter zum Strand, Sand mit feinem Kies, wunderbar. In der Taverne unten am Strand knattert ein Dieselgenerator, sitzt jemand und sieht fern.

Wir haben immer noch keinen Strom und die Sonne geht bald unter. Im Bad scheint es eine Quelle zu haben, der Boden ist immer noch nass. Schade, wo doch Wasser so knapp ist auch Gavdos.

Dann gehen wir eben nach oben, essen. Ist zwar erst 19 Uhr vorbei, noch keine Essenszeit für Griechen, aber was soll man sonst machen? Und hungrig sind wir auch.

Wir wollen uns gerade auf der Terrasse niederlassen, da kommt Georgos und meint, es wäre zu kühl hier draußen, wir sollen besser reinkommen. Tatsächlich ist es nicht kühl, aber dunkel – die Terrassenbeleuchtung tut nämlich nicht, mangels Strom. Also setzen wir uns an den einzigen Gästetisch im Multifunktionsraum der Taverne: Küche, Taverne, Büro und Werkstatt zugleich, schwach beleuchtet von einer einzigen Glühbirne, aber aufgeräumt und sauber. Rechts näht Georgos gerade Schwimmer an ein neues Netz, er ist ja Fischer im Hauptberuf.

 

Georgos ist alleine, wir fragen nach seiner Frau. Die ist in Chania, mit dem Kind (oder war es der Enkel?), er schmeißt den Laden alleine. Auf der Insel scheint es überhaupt nur Männer zu geben, wir sehen keine Frau außer Touristinnen.

Eine Speisekarte gibt es natürlich nicht, er hat frischen Fisch und diverses Fleisch aus den Tiefkühltruhen. Dazu Tomaten, Kartoffeln – mehr brauchen wir nicht. Ich suche mir drei kleinere Barbounia aus, die abgewogen werden. Die Mutter entscheidet sich für ein Kotelett. Dazu ein griechischer Salat ohne Schafskäse (den wollen wir nicht, hätte es aber gehabt), und Pommes.

Ganz gemütlich fängt Georgos an, vor unseren Augen das Mahl zuzubereiten. Einen Grill für das Fleisch hat er im Nebenraum, dazu eine Gasherd in der Küche. Dass die Pommes Handarbeit sind, können wir mit eigenen Augen sehen.

 

Der Sohn kommt, er sieht nicht sehr glücklich aus als er uns da sitzen sieht – mag wohl keine Gäste, die in das „Wohnzimmer“ vordringen. Wir können aber nichts dafür. Er verschwindet wieder, von draußen dringen die Startversuche des Generators (klingt wie das Auto heute Mittag), plötzlich wird es hell und der Fernseher geht an (wie funktionieren hier eigentlich die zwei oder drei großen Tiefkühltruhen ohne Strom?). Lange hält die Freunde darüber nicht an, der Generator hustet und verstummt, es wird wieder dunkler und ruhig. Der Sohn genervt wieder raus, neue Startversuche, erfolgreich und von Dauer, der Fernsehen dröhnt wieder, laute Nachrichten (Paul Newman ist gestorben). Völlig unbeeindruckt davon Georgos bei seiner Kochtätigkeit. Dann wird serviert, und das Essen schmeckt sehr gut! Erst kommen uns der Pommesberg riesig vor, und der Salat, aber wir sind hungrig, schaffen alles. Die Fische total frisch, das Kotelett nicht zäh, die Pommes eine Wucht.

 

Georgos arbeite wieder an seinem Netz, da kommt noch ein Gast: ein Polizist. Er holt das Paket ab, das Georgos heute Mittag vorbeibringen wollte. Zeit für ein Schwätzchen. Nein, essen möchte er nichts, aber für sich selbst und seinen Sohn kocht Georgos nun etwas. Wir brauchen noch einen Raki nach dem üppigen Mahl, sind sonst wunschlos glücklich.

Als wir aufbrechen, kommt aber noch ein kleiner Wermutstropfen: Der Dieselgenerator reicht nicht aus um die Gästezimmer mit Strom zu versorgen. Wir hätten aber eine Öllampe auf dem Nachttisch, ob wir Streichhölzer benötigen? Nein, haben wir.

Zum Glück haben wir eine Taschenlampe mitgenommen, denn schon die Treppe zum Zimmer hinunter ist im Stockdunkeln nicht zu sehen. Die bei uns übliche Lichtverschmutzung – hier Fehlanzeige!

 

Im Licht der Öllampe und einer Kerze versuchen wir noch ein wenig zu lesen. Geben nach 10 Minuten auf. Es ist noch nicht halb zehn Uhr als wir einschlafen – so früh waren wir lange nicht mehr im Bett! Aber Schlaf tut immer gut. Und es ist so ruhig hier. Eine Lichterkette markiert die Küste Kretas, das Wetter scheint sich zu bessern.

Nach der halben Nacht ist mein Schlafpensum erfüllt, ich sehe aus dem Fenster: Der Himmel ist wolkenlos und klar und zeigt so unglaublich viele Sterne wie man es nur auf hoher See oder in der Wüste erleben kann.

 

Atemberaubend!

 

Und nun noch zum Kap Tripiti!