Nissomanie – Inselsucht

 

"Inselsucht ist eine eigene Form von Besessenheit.

Es gibt Menschen, für die sind Inseln unwiderstehlich.

Allein das Wissen, sich in einer kleinen, vom Meer umgebenen Welt zu befinden, versetzt sie in einen unbeschreiblichen Rauschzustand."

 

Lawrence Durrell



Nissomanie -

aus dem Griechischen:

η νήσος - nísos = die Insel

η μανία - manía = der Wahn, die Leidenschaft, die Wut, die Sucht

 

 

Griechenland ist groß (relativ) und die Inseln machen nur einen recht kleine Teil seiner Fläche aus. Viele Ecken auf dem Festland sind interessant, bieten antike Ruinen, imposante Landschaften, endlose Strände, Städte und Dörfer abseits des Tourismus. Klingt gut. Auch für mich.

Aber wenn es dann an die Reiseplanung geht, dann stehen eben doch wieder eine oder zwei Inseln ganz oben auf dem Wunschzettel. Das Festland?

Läuft ja nicht davon.

 

Warum?

Weil ich ein Inselsammler bin. Völliger Schwachsinn im Grunde. Wie viele Arten des Sammelns. Weil Sammeln etwas Organisiertes, Systematisches ist. Getrieben vom Wunsch nach Vollständigkeit und der Jagd nach Raritäten. Organisiert und systematisch verpasst man auf den griechischen Inseln aber oft das Wesentliche. Organisiert und systematisch - das passt nicht zu Griechenland.

Und vollständig - ach herrje! Nicht alles, was Insel ist, gefällt auch, muss ich haben.

Abhaken mag ich auch nicht, mitnehmen, streifen. So erlebt man eine Insel nicht - wenn ich mal Tagesausflüge gemacht habe, entstand nie die Beziehung zur Insel. Man muss Zeit mitbringen um eine Insel zu er-leben.

Und was sind die Raritäten? Die "Blaue Mauritius" der griechischen Inselwelt? Levitha? Farmakonissi?

 

Schwachsinn natürlich auch, weil man Ziele auf dem Festland nicht so praktisch „sammeln“ kann. (Ist das Festland deshalb weniger "wert"?) Denn wo hört das eine Ziel auf und fängt das andere Ziel an?

Inseln machen es einem da leichter. Sie hören spätestens da auf wo man nasse Füße kriegt. Ihre Grenzen sind klar definiert.* Vom Meer.

 

Und das macht sie so attraktiv für mich. Von sehr großen Inseln wie Kreta einmal abgesehen (Kreta ist keine Insel, sondern ein Kontinent. Man hat dort kein Inselgefühl. Ein großes, für mich aber entscheidendes Manko). Ich ziehe die kleinen und maximal mittelgroßen Inseln vor.

 

Eine griechische Insel ist ein Mikrokosmos. Eine kleine Welt für sich. Viele der Bewohner sind in früheren Zeiten kaum einmal von ihrer Insel heruntergekommen. Schon die Nachbarinsel hat wenig interessiert, manchmal herrschte Rivalität.

Und so haben auf jeder Insel die Orte gleiche oder ähnliche Namen: Chora, Profitis Ilias, Livadi, Vathy, Kastro, Chorio. Warum auch nicht? Zur Definition auf der eigenen Insel hat das völlig genügt. Wen interessierte, dass es das woanders auch noch gibt?

 

Diese Mikrokosmen (oder –kosmi?) sind getrennt durch das Meer und verknüpft durch Fähren. Fähren, die die Lebensadern der Inseln bilden, die sie versorgen mit Lebensmitteln, Vieh, Möbeln, Autos, Post, Menschen. Bleibt die Fähre aus, muss man mit dem auskommen was da ist. Das ist oft nicht viel. Da hilft kein Randalieren, Toben, Verzweifeln wegen verpasster Flugzeuge. (Für den mitteleuropäischen Pauschaltouristen manchmal schwer einzusehen. Aber nicht zu ändern. Höhere Gewalt eben.)

 

An den Häfen laufen die Fäden zusammen. Und für mich gibt es kaum etwas schöneres, als dem Treiben bei der Ankunft einer Fähre zuzusehen: Das Manöver bis die Fähre angelegt hat. Die Unruhe der wartenden Menschen mit Bergen von Gepäck. Die herunterströmenden Menschen. Die Hektik. Begrüßungsszenen. Rucksacktouristen. Drängende Zimmervermieter. Autos, die beinahe Menschen überfahren. Die Hafenautorität, ganz in Weiß, mit Trillerpfeife, trotzdem ohnmächtig im griechischen Chaos. Die Zugmaschinen, die schnell ent- und beladen. Die Pickup-Ladung Schafe, abgestellt am Rand. Möbelteile, Matratzen. Styroporkisten mit Fischen. Verschnürte Pakete auf die Nachbarinseln. Die Karawane fahrenden Volkes mit Autoladungen großer Amphoren, Grünpflanzen, Teppichen, Plastikstühlen. Ein letzter Passagier wird gebracht, vom Taxi, grigora grigora, schnell schnell!

Zehn Minuten später ist die Fähre weg, zieht lautlos an Horizonten entlang. Ruhe kehrt ein, der Spuk ist vorbei. Ende des Schauspiels.

Schade.

 

Ist man angekommen, sucht man sich ein Quartier, geht vielleicht mit einem von den Rooms-Leuten.

Erschließt sich den Mikrokosmos in den nächsten Tagen. Mit dem Bus, zu Fuß, mit dem Mietauto oder mit dem Taxi zur Not. Oder dem Kaiki. Keine Angst, verloren zu gehen. Irgendwie kommt man immer zurück, die Entfernungen sind nicht so groß. Kein Besichtigungsstress. Es gibt nicht viel zu sehen. Falsch. Es gibt nicht viel Spektakuläres zu sehen. Nichts was Sterne verdient. Nichts was die Massen anzieht. Zum Glück. Ein paar antike Trümmer auf einem Hügel oder hinter einem Strand, ein leicht verstaubtes Museum. Deswegen sind wir nicht gekommen.

 

Dafür nette Dörfer, in denen man nicht von aufdringlichen Türstehern und Verkäufern angesprochen wird. Nicht für Fremde gebaut, sondern für die Einheimischen. Mit Stromleitungen auf jedem Dach (und auf jedem Foto). Ungeschönte Realität.

Mit einem griechischen Salat am Nachmittag. Groß genug für zwei, viel Schafskäse darauf. Den Rest Öl mit dem Brot aufdippen. Da kommt kein Sterne-Koch ran.

Sonnenuntergänge für uns alleine.

Wanderungen auf den Profitis Ilias. Von den Dornen zerkratzte Beine. Treffen einen Bauern auf seinem Esel. Reife Feigen an Bäumen bis der Bauch schmerzt. Ein erfrischendes Bad am einsamen Strand. Da kommt noch jemand, das wird voll, gehen wir.

 

Kennen die anderen Touristen nach einem Tag. Man grüßt sich, tauscht sich aus. Da kommen neue. Die Fähre als Filter. Nicht jeder fährt gerne stundenlang Fähre, verzichtet auf Komfort. Keine Sterne-Hotels, nur einfach Pensionen. Aber der Blick – unbezahlbar! Und ruhig. Höchstens Eselsgeschrei oder das Hupen der Fähre stört die Ruhe. Nein, stören nicht wirklich. Keine getunten Mopeds.

Kein All-inclusive. Dafür Frühstück am Hafen mit Aussicht auf das Leben, oder auf dem Balkon. Kein Buffet mit übersättigendem, beliebigen und langweiligem Allerweltsangebot. Dafür auch mal überraschende griechische Hausmannskost, Wein vom Faß, anregende Umgebung, freundliche Wirte. Zeit für einen Plausch. Kein Massenbetrieb.

 

Der Rest der Welt – unendlich weit weg. Deutsche Zeitungen? Fernsehen? Internet? Fehlanzeige. Braucht man auch nicht.

Wir sehen lieber aufs Meer. Oder den unglaublichen Sternenhimmel.

 

Man gewöhnt sich an den Rhythmus der Insel. Das Leben ist hier langsamer. Entschleunigung. Sigá sigá. Morgen ist auch noch ein Tag.

Genießen wir jetzt und hier.

 

 

*(Hmm, spätere Ergänzung: Wie ist das mit Halbinseln? Zählen die auch? Geben zwei Halbinseln eine ganze Insel? Gibt es auch Viertelinseln? Fragen über Fragen...)

 


Noch eine Ergänzung: Johannes Gaitanides hat in dem Buch "Das Inselmeer der Griechen" eine Liebeserklärung an die Inseln der Ägäis geschrieben.

Sie passt immer noch, während an vielen der anderen Texte - geschrieben in den 1960ern - doch der Zahn der Zeit mächtig genagt hat (Mykonos als untouristische Idylle - *hust*).

Download
Johannes Gaitanides: Eine Liebeserklärung.
Aus: Johannes Gaitanides: Das Inselmeer der Griechen. Landschaft und Menschen der Ägäis.
Frederking und Thaler Verlag, München 2004
ISBN 978-3-89405-227-0
liebeserklaerung.pdf
Adobe Acrobat Dokument 390.6 KB

 

Ergänzung:

Und hier noch ein paar Gründe für die griechischen Inseln. Und einer dagegen ;-)