Regen, Wolken und Wind

Tatsächlich ist der Himmel bewölkt am Samstag, es könnte Regen geben. Ich packe Schirm und Badeklamotten ein, und wandere hinab nach Kamares. Eine einfache und kurze Tour (Sifnos Trail Nr. 10), knapp sechs Kilometer und zwei Stunden.

Am nordöstlichen Ortsausgang von Apollonia steht eine fähnchengeschmückte Kirche, sie muss der Agia Irini geweiht sein, die heute (4. Mai) Namenstag hat. Aber kein Gottesdienst mehr, und während ich dort bin, kommt ein Mann und baut die Girlanden ab. So wichtig scheint die heilige Irini hier nicht zu sein.

 

Der Weg verläuft auf halber Höhe entlang des nördlichen Tales. Am Anfang ist er eine Piste, der alte Fußweg ist direkt zwei Meter daneben. Kann man nehmen, muss man aber nicht. Allerdings hat es entlang des Fußweges mehr Blumen. Aber es hat hier sowieso so viele, dass mein Fotoapparat beinahe heißläuft. Und alle paar Meter eine Kapelle, groß oder klein. Zum heiligen Vlasios geht eine kleine Abzweigung hinauf, von hier ist der Blick übers grüne Tal und hinauf zum Profitis Ilias besonders schön. Und zum Ziel, der Bucht von Kamares. Kapellen auf Sifnos sind meist geöffnet, reichlich Gelegenheit, Kerzen anzuzünden.

Nach fünfzig Minuten erreiche ich die Kapelle der Panagia Planatissa. Hier zweigt rechts ein Weg nach Kalambelas, Tris Piges und Artemonas ab. Der Hauptweg geht aber nach Kamares, und bevor ich ihm folge, sehe ich mir die Kapelle an. Man kann ihr aufs Dach steigen, was ich natürlich sofort mache. Da fallen die ersten dicken Regentropfen. Zum Glück regnet es sich nicht ein, die paar Tropfen lassen sich ignorieren. Noch.

Kurz nach der Panagia Platanissa geht es hinab ins Tal, wo der Weg nach einer Talsperre auf dem Talgrund weiterführt. Die Zivilisation hat mich wieder: auf Sifnos wird der Müll getrennt. Altgummi links der Straße, schön ordentlich auf einem Haufen.

 

Dann weitet sich das Tal und der Weg führt entlang von Wiesen vor zur Küste. Rechts eine Schafherde, bewacht von einem jungen Mann mit Migrationshintergrund. Auf Sifnos ist das Schafehüten schon lange keine Arbeit mehr für Einheimische.

Dann ein gepflegter Weinberg (nennt man das auch Weinberg wenn er topfeben ist?), umrahmt von üppigen Wucherblumen- und Margeritenfelder, hüfthoch gewachsen. Und knalligem Mohn auf einer Steinhalde. Heißt ja nicht umsonst Schuttpflanze. Der Regen wird wieder stärker, ich muss doch den Schirm auspacken.

Nach zwei Stunden gemütlichem Wandern erreicht ich die Küste. Da wäre der schöne Strand von Kamares, aber jetzt ist kein Badewetter. Dann lieber in Kamares irgendwo im Trockenen einkehren, vielleicht kommt die Sonne ja später noch heraus.

Ich passiere unsere Pension von früher, das "Morfeas". Es sieht sehr gepflegt aus, bestimmt immer noch eine gute Wahl wenn man Strandnähe bevorzugt. Es scheint mir gewachsen zu sein, aber ich habe jetzt kein Vergleichsfoto. Durch das dichte Schilf wurde ein Fußweg zum Strand geschlagen, dem ich folge. Die Strandinfrastruktur wurde noch nicht errichtet: keine Liegen, keine Schirme. Nagelneue Schirmgestelle liegen aber schon bereit. Die Saison beginnt dieses Jahr mit Verzögerung. Ob es am schlechten Wetter liegt (ich höre öfters, man hätte wegen des vielen Regens die Hausfassaden noch nicht streichen können) oder am späten Osterfest - mich stört das überhaupt nicht.

 

Ich stöbere etwas in den Läden von Kamares und gehe dann vor zum Hafen, wo gerade die "Dionysios Solomos" anlegt. Ein Schweizer Paar empfängt zwei deutsche Reisende, vielleicht Vater und Sohn. Offenbar Wiedergänger (dieser von Theo geprägte Ausdruck wird von sifnostreuen Besuchern mit Ironie interpretiert - man kommt ja gerne wieder und hat mit Zombies nicht zu tun), kurz darauf sitzen die Vierergruppe am Nachbartisch bei "Meropi" und konfrontieren die junge Wirtin mit 50 Jahre alten Fotos der Taverne und des damaligen Wirtes. Die Wirtin scheint mir eher überfordert als begeistert, ruft aber pflichtschuldig nach anderen Familien- oder Tavernenmitgliedern zwecks Bestaunen der Bilder. Ja, so ist das manchmal mit der Nostalgie - was für die einen Verklärung ist, war für die anderen Mühe. Oder lange vor ihrer Zeit.

 

Mir gefällt es, beobachtender stiller Zaungast zu sein und mir so meine eigenen Gedanken zu machen. Und das bei einer köstlichen Revithada im hübschen Tontopf, begleitet von einer deftigen Skordalia, die mir den Knoblauch aus den Ohren rauchen lässt.

Lautstark klingt jetzt von Nachbartisch, dass das jetzt der letzte Regen für die nächsten Wochen sei. Tja, so kann man sich irren .... aber immerhin jetzt hört der Regen wenig später auf. Meine Badesachen hab ich trotzdem umsonst dabei.

 

Bis um halb vier der Bus nach Apollonia hinauf fährt, hab ich noch eine Stunde Zeit. Ich gucke beim Töpfer Antonis vorbei, der in seiner Werkstatt arbeitet. Seine Sachen sind hübsch und preiswert, aber etwas schludrig gearbeitet. Und außerdem hab ich schon so viel von ihm, da übe ich mich nun in Verzicht.

Bis zur Kirche der Agia Ekaterini am Ende der anderen Seite der Bucht reicht es nicht mehr, aber bis zur Agia Marina und entlang der Tavernen dort. Hier ist noch kaum etwas los hier, und die fehlende Sonne drückt nun aufs Gemüt.

Wolken hat es auch oben in Apollonia als ich mit dem Bus dort ankomme, aber ich genieße dennoch die Terrasse vor meinem Zimmer. Endlich mal Zeit zum Lesen und Dösen.

Später noch ein Einkaufsbummel, das auswärtige Abendessen fällt aus - ich bin noch zu satt vom Mittag und esse Käse und Oliven auf der Terrasse. Und dann fängt es wieder an zu regnen, und im Laufe der Nacht kommt noch ordentlich Wind dazu.

 

*

 

Das stürmisch-graue Wetter hält auch am Sonntag an. Schlechte Nachrichten für das französische Nachbarpaar: kein Schiff wird kommen. Zumindest heute, und auch morgen sieht es schlecht aus. Da gibt es für manche verlängerte Schulferien.

Der Regen hat aber aufgehört, und so werde ich um halb zwölf mit dem Bus nach Platys Gialos fahren, um von dort nach Vathy zu wandern. Keine lange Wanderung, und ich müsste ausreichend Zeit zum Baden haben. So denke ich, und hab mal wieder keine Ahnung.

 

Der Bus fährt pünktlich in Apollonia ab, und ich sehe bei Exambela ein großes Mohnblumenfeld. Ich sollte hier oben noch wandern, schießt es mir durch den Kopf. Aber heute ist schon Sonntag, und ich habe nur noch zwei ganze Tage auf Sifnos. Vielleicht am Dienstag, aber bloss koin Schtress!

 

Wir haben Exambela gerade hinter uns gelassen, da schlagen große Regentropfen gegen die Windschutzscheibe des Busses. Wenig später kann ich sehen, dass hohe Wellen an das Felseninselchen der Panagia Chrissopigi gischten. Der Wind kommt von Südosten und ist unten an der Küste wesentlich stärker als im Inselinneren.

Als ich und ein junges französisches Paar am Ende von Platys Gialos auf dem Bus steigen, empfangen uns starke Sturmböen, durchsetzt mit dicken Regentropfen. Die Franzosen wollen nach Fykiada und Vathy, aber da kann ich nur abraten. Einmal weil es zu weit ist um den leider frühen letzten Bus um 16.15 Uhr in Vathy zu bekommen, und zweitens weil es bei dem Wetter auch keinen Spaß macht. Das sehen sie wohl ebenso, den sie verkrümeln sich erst mal in ein Kafenio.

Ich hatte ja gedacht, hier am schönen Sandstrand vielleicht zu baden ehe ich loswandere. Aber daran ist nicht zu denken, denn der Strand von Platys Gialos ist weg. Vergraben unter langen wilden Wellen, die an die Mauern der höhergelegenen Tavernenmeile schlagen. An den vereinzelten Bäumen zerrt der Wind, und der Regen wird auch wieder stärker. Mist! Mit meinem Schirm komme ich hier nicht weit, der klappt sofort um. Zum Glück hab ich meine Regencape dabei, mit dem ich jetzt zwar aussehen wie Moby Doof im Tarnoutfit, aber das sieht ja niemand - die Einheimischen haben sich hinter sicheren Mauern versteckt, und fast alle Tavernen sind noch geschlossen.

 

Und was soll ich jetzt machen? Wandern macht so keinen Spaß. Unschlüssig gehe ich entlang der Straße zurück, betrachte den Strand am Nordende. Ich könnte rüber zur Chrissopigi, das Kirchlein in den schäumenden Wellen gäbe bestimmt ein paar schöne Fotos her. Wieder mal Strumfotos, da hatte ich zuletzt öfters, seufz. Aber zuerst werde ich einer anderen Kapelle einen Besuch abstatten, der des heiligen Georgs oberhalb des kleinen Hafens. Die ist über einen Treppenweg schnell erreicht und geöffnet. Ein gepflegtes Gotteshaus, unter dessen Decke das Modell eines Segelschiffes hängt. Ein altes Symbol für die christliche Gemeinschaft und den Glauben, es gibt in Griechenland ja auch die lichtergeschmückten Schiffe an Weihnachten.

Interessant ist auch ein Wandbild des Heiligen Georg aus Keramik. Klar, wir sind ja auf Sifnos.

Der Regen hat aufgehört als ich wieder draußen bin, und wenn man der Wetterprognose glauben darf, dann war es das auch für heute. Es ist zwar inzwischen schon 13 Uhr, aber für die Wanderung nach Vathy sollte das reichen.

Ich wandere also wieder die Straße bis fast zur Bushaltestelle vor. Dort hab ich den Wegweiserpfosten gesehen, Sifnos Trail Nr. 4, Profitis Ilias Kontou, 1,7 Kilometer, 45 Minuten. Das Wegstück ist Teil der Rundwanderung nach Fikiada, die ich vor zwei Jahren gewandert bin und dieses Stück ausgelassen habe.

 

Der Weg verläuft zunächst auf einer Piste aufwärts durch Wiesen, gelb und blassviolett vor Blumen. Zwei Wanderer kommen mir entgegen, man grüßt sich. Als sie schon vorbei sind, plötzlich von hinten die Frage: Sie sind doch die Frau Roller aus Böblingen? Ich bin überrascht, drehe mich um. Ich hab sie nicht wiedererkannt, aber das Paar war im Januar auf unserer DGG-Vassiloparea. Und wir haben auch über Sifnos geschwätzt, wo es sie seit Jahren regelmäßig und für längere Zeit hinzieht. Ein bißchen peinlich ist es mir schon, sie nicht wiedererkannt zu haben, aber so am anderen Ende der Welt, und in Wanderkluft rechnet man ja auch nicht damit. Sie wohnen in Vathy und wollen nach Platys Gialos, wo ein Freund sie abholen wird. Der Regen hat sie noch voll erwischt, aber der Sturm scheint in Vathy nicht so schlimm zu sein wie an der Ostküste. Vielleicht kann ich ja doch noch baden.

Wir wünschen uns noch einen schönen Urlaub und verabschieden uns.

 

Kurz darauf zweigt der Fußweg von der Straße ab und führt über alm-ähnliche Wiesen und niedrigen Wacholderwald bergauf.

Vierzig Minuten nachdem ich Platys Gialos verlassen habe, liegt mein ersten Etappenziel, die Kapelle Profitis Ilias tou Kontou, vor mir. Tou Kontou - der Nahe? Nein, der Kleine, Kurze (sagt Natalie, und sie hat sicher recht).

Sie liegt am Rande einer kleinen Ebene mit wunderbaren Blick auf die Bucht von Platys Gialos. Dort toben immer noch die weißen Wellen an den Strand.

 

Wie es auf Sifnos üblich ist, sind Kirchen und Wirtschaftsgebäude nicht verschlossen. Die kleine Kapelle ist von innen kleiner als von außen. In der Küche wäre alles parat für einen griechischen Kaffee, die Tassen würden sogar für eine ganze Kompanie reichen. Ich verzichte trotzdem, suche mir einen windgeschützten Platz, verzehre mein karges Vesper und schicke eine SMS nach Köln - ist ja ein Profitis Ilias, wenn auch nur einer von vielen auf Sifnos. Und nicht der höchste. Ob Renate die Kapelle wiedererkennt? Keine leichte Aufgabe, es gibt so viele Gotteshäuser auf Sifnos, und das hier ist nicht besonders charakteristisch.

Nach einer halben Stunde wandere ich weiter. Ich nehme den Weg zur Straße und nicht den Fußweg zum Megalogiannis-Turm (beziehungsweise dessen Überreste), den ich schon kenne, wandere auf der Straße bis zur ersten Haarnadelkurve und steige dort dann zur Bucht von Vathy ab. Zwei Stunden haben ich gebraucht, inklusive Pause.

Tatsächlich ist vom Sturm hier nichts zu spüren, es herrscht wunderbares Badewetter, und weil der Weg unweit eines kleinen, durch einen Felsen von der restlichen Bucht abgetrennten Strandes mündet, werde ich direkt hier und textillos baden. Die Häuser der Umgebung sehen alle unbewohnt aus.

Das Wasser ist herrlich, aber saukalt. Gerade mal 18 Grad zeigt das Thermometer an, und weil die Bucht hier flach ist, schaffe ich es nicht, weiter als bis zur Hüfte einzutauchen. Ich muss ja nicht baden. :-)

Wenn ich den Bus nach Apollonia um Viertel nach vier nehmen will, dann bleibt jetzt leider keine Zeit für einen Einkehrschwung in Vathy. Aber ein Eis auf die Faust ist bestimmt noch drin, und ein schneller Besuch bei der Taxiarchis-Kirche. Am Strand entlang eile ich Richtung Ort, vorbei an den beiden Strandtavernen Aperanto Galazio und Okeanida.

 

Plötzlich von hinten ein Ruf "Katharina!?". Huch, schon wieder. Ich drehe mich um, aber den älteren Herren, der da solo an einem Tisch im "Okeanida" sitzt, kenne ich nicht. Zumindest nicht persönlich. Über das Internet (In-Greece) allerdings schon lange, auch wenn er dort seit Jahren nicht mehr aktiv war. Jürgen heißt der Vathy-Fan aus Oberhausen, und es ist kein Zufall, dass er hier sitzt und auf mich wartet. Er war nämlich der Abholer des Paares von unterwegs (natürlich kennen sich die Vathy-Wiedergänger untereinander), und die wussten, dass wir uns kennen (wenn auch nur virtuell). Und dass ich hier eigentlich vorbeikommen muss. Also hat er sich hergesetzt und gewartet.

 

Ich setzte mich auf eine Limo zu ihm, und schnell entspinnt sich eine nette Unterhaltung, in deren Verlauf ich den Bus sausen lasse - irgendwie komme ich schon nach Apollonia. Jürgen war aufgrund persönlicher Schicksalsschläge länger nicht mehr auf Sifnos, und hat sich jetzt wieder hergewagt. Die Insel tut ihm gut, auch wenn sie mit zahlreichen emotionalen Begegnungen verbunden ist. Weil außerdem auch Amorgos zu seinen Lieblingsreisezielen zählte, und er viele Jahre diverse andere unbekanntere griechischen Inseln bereist hat, schwimmen wir quasi auf einer Wellenlänge. Ein Ouzo folgt der Limo, dazu gibt es Chtapodisalat als Meze. Wir fachsimpeln über dies und jenes, und die Zeit vergeht.

 

Es wird schließlich Zeit für mich, nach Ano Petali zurückzukehren. Und weil Jürgen für die ganze Zeit einen Mietwagen hat, bringt er mich gerne nach Apollonia (und wird wegen eines Plattfußes am Mietauto gleich noch nach Kamares zum Autoverleiher fahren müssen). Wir nehmen noch ein französisches Paar mit, das mit anderen an der Bushaltestelle auf Taxis wartet. Sie sind so begeistert von Sifnos wie wir.

Jürgen ist noch eineinhalb Wochen auf Sifnos, ich reise am Mittwoch weiter. Vielleicht treffen wir uns wieder? Mal sehen.

Taxiarchis - nur von weitem
Taxiarchis - nur von weitem

Zum Abendessen bin ich wieder bei Drakakis, wo es heute weniger voll ist als vorgestern. Ich bestelle eine Speise aus Tomaten, Wurststücken und Ei, die ausgezeichnet schmeckt.

 

Ich bin äußerst zufrieden mit dem schönen Tag, der mir auch zeigt, dass ich meine Pläne nicht so streng durchziehen sollte und öfters im Hier und Jetzt leben sollte ("sich treiben lassen" - gell, Kaloin). Und dass es vielleicht göttliche Planungen gibt, die sowieso über allem stehen. Oder alles Zufall?

Für morgen plane ich trotzdem wieder. :-)