Tage der geschlossenen Tür

Die Balkontüre klappert, die Fenster klappern – irgendwann müssen wir alles zumachen, sonst wird das nix mit dem erholsamen Nachtschlaf. Wir wohnen mal wieder in einem „Palast der Winde“… An Frühstück auf dem Balkon ist nicht zu denken, im Gegenteil: Wir haben Sorge, dass der Sonnenschirm umfällt. Er hat zwar einen stabilen Fuß aus einem betongefülltem Autoreifen, dennoch schwankt er bedenklich. Das ist der Nachteil der von uns so geliebten luftigen Quartiere – ab Windstärke sechs ist Schluss mit lustig…

 

Unten in den Gassen der Chora ist der Wind nicht annähernd so stark – sie sind seit Jahrhunderten dagegen ausgelegt. Wir wollen zuerst zu dem kleinen volkskundlichen Museum, an dem wir gestern vorbeigekommen sind. Natürlich hat es geschlossen – ich hatte nicht wirklich mit etwas anderem gerechnet. Nun brauche ich ein Reisebüro um mich nach den Fährzeiten gen Kreta zu erkundigen. An der Straße von der Platia nach Norden hatte ich eines gesehen, und es trifft sich gut, dass sich dort am Ortseingang auch irgendwo das archäologische Museum befindet – wenigstens das sollte ja geöffnet sein!

Das Reisebüro ist geöffnet, allerdings verkauft man dort keine Tickets für die „Vitsentzos Kornaros“ der LANE-Lines – dafür müsse ich nach Livadi, dort gäbe es ein Büro. Na, da kommen wir ja öfters durch, sollte kein Problem sein. Ich frage die Angestellte noch nach dem Panigiri in Panagia Myrtidiotissa am Freitag. Es ginge etwa von acht bis nach elf Uhr, nein, danach wäre nichts mehr. Hmm, laut Geo Spezial soll anschließend ja noch gegessen und getanzt werden – das gibt es wohl nicht mehr… schade! Ein großes Inselpanigiri ohne Tanz und Musik – kann das sein? Ich bin enttäuscht…. aber egal, wir werden uns das Fest natürlich trotzdem ansehen!

 

Nun also zum archäologischen Museum, ein Hinweisschild darauf haben wir vom Auto aus gesehen, es befindet sich noch vor dem Ort. Zwei größere Häuser, bei dem einen ist die Türe geöffnet, ein paar Leute stehen dort. Wir steuern darauf zu, werden angesprochen: wohin wir wollten? Nein, das archäologische Museum wäre geschlossen. Hier im Nachbargebäude (Gemeindehalle?) wäre aber eine Ausstellung über den Mechanismus von Antikythira, da könnten wir schnell einen Blick drauf werfen wenn wir wollten. Natürlich wollen wir. Der Mechanismus von Antikythira ist eine antike bronzene Zahnradmaschine aus vorchristlicher Zeit, genauer: die älteste erhaltene Zahnrad-Apparatur. Er stammt nicht von Antikythira, wurde aber im Jahr 1900 in 40 Meter Tiefe in einem Schiffswrack im Meer unweit der Insel gefunden (das Schiff kam laut Forschungen von Rhodos). Wie er funktioniert ist immer noch nicht klar, vermutlich diente er zur Berechnung von Sonne und Mond, also als eine Art Kalender. Mehr dazu hier bei wikipedia. Seit 2005 wird der Mechanismus wieder genauer erforscht und man hat dabei eine winzige eingeritzte Gebrauchsanleitung gefunden.

 

Der bärtig-zottelige, aber sehr sympathische junge Mann öffnet uns die Türe. Die Ausstellung besteht aus zahlreichen Papptafeln mit Abbildungen und griechischem Text, das wollen wir uns nicht im Detail antun. Der Aufseher (oder was auch immer) holt dann drei Nachbauten des Mechanismuses und stellt sie vor uns auf. Er erklärt uns um was es sich handelt, und die Sache mit der gefundenen eingeritzten Gebrauchsanleitung. Wir zeigen uns angemessen beindruckt. Dabei kommen wir auf die Insel Antikythira zu sprechen, ich erzähle, ich würde da gerne einmal hinwollen. „Horrible“ sei die Insel, so seine Antwort, und er müsse es wissen, er käme nämlich von dort. Und mit Ausflügen dorthin sei es speziell um dieses Jahreszeit mit wechselnden Winden sehr schwierig: „you come for three days and have to stay three weeks“. Das Gavdos-Problem mal wieder, Klaus Bötig hatte mich schon gewarnt. Nur gut, dass wir Antikythira für diesen Urlaub sowieso schon ad acta gelegt hatten.

Wir gehen zurück zu unserem Zimmer, wo gerade die Nachbarin als Zimmermädchen aktiv ist. Ob wir noch ein wenig bummeln könnten? Können wir natürlich, und so begeben wir uns zu den Kapellen, die östlich des Kastro liegen („Mesa Vourgo“ heißt das) und abends so schön mit angestrahlt werden. Leider sind alle abgeschlossen, aber auch von außen sind sie nett zu betrachten. Ein Gewölbe mit verwitterten Fresken steht unterhalb des Weges, war bestimmt auch ein Gotteshaus – einige Heiligenscheine kann man auf den Fresken noch erkennen. Von hier auf hat man einen gute Blick hinunter nach Kapsali und hinüber auf die Schule von Kythira, wo im Schulhof eine Gruppe Kinder samt Lehrer Sport treiben: „wir kreisen jetzt alle mit den Armen…“. - Schüler scheint es hier noch genug zu geben.

Was nun tun mit dem angebrochenen Tag? Wir fahren zum Kloster der heiligen Elésa, das an der Flanke des Bergrückens nordwestlich von Chora liegt. Man könnte auch dorthin wandern, die Straße entlang bis Manitochori, aber wenn wir schon ein Auto haben…. Wir müssen über Livadi fahren, wo wir kurz Ausschau halten nach der LANE-Ticket-Agentur – vergeblich. Na, hat ja noch Zeit. An einem verrosteten Dreirad-Wrack vorbei führt die Straße durch den Weiler Pourko, dann geht es in zwei Serpentinen aufwärts bis zum Kloster der Heiligen.

Die heilige Elesa (auch Elesi) gehört nicht zu den überall gefeiert Heiligen, auf Kythira ist ihr Kloster aber ein wichtiger Wallfahrtsort und sie die Schutzpatronin der Insel, gefeiert wird hier am 1. August. Elesa lebte auf der Peloponnes und war gegen den Willen ihres Vaters Christin geworden. So flüchtete sie vor ihm nach Kythira, kam an der Melidoni-Bucht an und lebte als Nonne. Der Vater fand sie, wollte sie mit Gewalt zur Rückkehr bewegen. Da bat sie, dass die Erde sich öffnen solle um sie zu schützen, und der Felsen öffnete sich. Dummerweise war der Spalt nicht tief genug, ihr Kopf schaute noch heraus, und so wurde sie von ihrem Vater mit dem Schwert enthauptet. Den tiefen Felsenspalt kann man noch im Kloster sehen, ein Bildstock befindet sich nun dort.

 

Als wir am Kloster parken ist es das Tor zwar geöffnet, aber außer einer getigerten Katze ist niemand da. Sie übernimmt die Rolle des Klosterwächters und verfolgt uns überall hin. Das weitläufige Gebäudeensemble mit zahlreichen Pilgerzellen und der sehr neu erscheinenden Kirche in der Mitte ist verlassen, wir können das mit dem Martyrium der Elesa ausgemalte Kircheninnere nur durch die Fenster ansehen. Der Blick vom Klosterplateau ist aber wirklich toll: im Süden die Küste mit zwei schönen Buchten (weiße Straßen führen hin – nicht asphaltiert), im Norden die Hochebene und dahinter die Kirche Agios Giorgos sto Vouno und das Kloster Agia Moni auf Bergen an der Ostküste bei Diakofti. Da wollen wir auch noch hin - es gibt wirklich viel zu sehen auf Kythira!

Unterhalb des Elesa-Berges, etwas abseits der Straße liegt die Kapelle des heiligen Dimitrios, ein grau verputztes spätbyzantinisches Kuppelkirchlein. Ein Schotterweg führt dort hin, wir parken zur Schonung des Mietwagens an der Asphaltstraße und gehen die zehn Minuten zu Fuß zur Kapelle, vorbei an zwei rostenden Einachsschlepper-Dreiradruinen.

Das Kirchlein liegt sehr niedrig in grüner Buschlandschaft und es gefällt uns ausnehmend gut. Es hat sogar zwei Kuppeln, aus einer wächst ein Glockentürmchen. Das Gebäude wirkt fast modern, wie Ronchamp en miniature, aber natürlich nicht soo explosiv, mehr in sich ruhend. Oder ist es anthroposophisch? Wir suchen den Schlüssel vergebens, obwohl wir alle Steine umdrehen und in alle Mauerlöcher spähen (und nur Schneckenhäuser finden). Immerhin kann ich zu einem Fenster hinein fotografieren und so einen indirekten Blick ins Innere werfen. So umkreisen wir Agios Dimitrios eben mehrmals soweit das im unebenen Gelände möglich ist. Immer wieder neue Ansichten offenbart uns die asymmetrische Architektur – Kythiras schönstes Gotteshaus.

Über Livadi und einen Abstecher zur „englischen Brücke“ (Kythira war von 1809 bis 1864 unter britischem Protektorat) bei Katouni und Kalamos fahren wir nach Kapsali. Von der Straße von Kalamos hinab hat man einen guten Blick auf die Burg von Chora und hinab nach Kapsali, wo das Meer lockt.

Zuerst wollen wir aber zur Felsenkapelle Agios Ioannis sto gremo (am Abgrund), die oberhalb von Kapsali an den Felsen gebaut ist. Die Kapelle ist eine Doppelkapelle und beiden heiligen Johannes geweiht: dem Täufer (prodromos) und dem Theologen (theologos), den die Griechen auch gerne mit dem Jünger, Apostel und Evangelisten gleichsetzen. In den meisten Reiseführern wird nur Johannes der Theologe erwähnt, der hier schon mit seiner Apokalypse begonnen haben soll, die er dann auf Patmos fertigstellte. Die Kapelle soll im Jahr 1592 gebaut worden sein.

 

Oberhalb von Kapsali liegt ein dichter Kiefernwald, in dem sich auch Kythiras einziger Campingplatz befindet (er ist schon geschlossen). Dort stellen wir das Auto ab und gehen zu Fuß zunächst auf einer Schotterpiste und dann einen Weg hinauf zum Johanneskloster (hmm, Kloster – ist/war die Kapelle schon ein Kloster?). Die Anlage besteht aus zwei Gebäuden, einem Portal unterhalb und eine Serpentine darüber die eigentliche Kapelle. Am Portal ist mal wieder Schluss – klistó.

Mann, es ist wirklich schwer in eine griechische Kapelle zu kommen!

Dann eben zum Strand runter, der hat keine Tür! Dafür sogar Umkleidehäuschen, die muss man aber mit Vorsicht bedienen, die Türen haben eine kräftige Feder und ihre Tücken, sind aber nicht abschließbar – sonst wären sie bestimmt zu :-( . Der Wind wirbelt den Sand ziemlich herum, aber so heftig wie in der Chora weht er hier nicht. Es geht flach hinein ins laue Wasser, optimal auch mit Kindern wie eine vierköpfige Familie mit Kleinkind neben uns demonstriert (völliger Verlust der Menschenwürde des Vaters beim Bespaßen des Nachwuchses). Das Glasbodenboot ist heute nicht ausgelaufen, zu windig, und auch die Kreuzfahryacht „Harmony V“, die dienstags eigentlich immer hier vor Anker liegt, ist nicht zu sehen. Tja, bei Windstärke 6 und mehr ist auch eine Kreuzfahrt auf einer Yacht mit nur 50 Passagieren nicht mehr vergnügungssteuerpflichtig.

Wir gehen dann nur zur – logischerweise verschlossenen – Nikolaos-Kapelle hinauf, heute sind ja keine Hochzeitsgäste da, die wir stören könnten. Der kleine Leuchtturm liegt unterhalb, in der Abendstimmung ist das Licht so schön diffus, hebt sich die Burg oben in Chora nur als Silhouette ab. Darunter an der Küste ein Haus – das würde ich auch nehmen…. Immer der „Ei-Felsen im Süden. Südwestlich von Kythira befindet sich laut wikipedia mit 5.267 Meter übrigens die tiefste Stelle des Mittelmeeres, das sogenannte „Calypsotief“. Na, wenn die Koordinaten von 36° 34′ 0″ N, 21° 8′ 0″ E stimmen, dann ist es schon eine ziemliche Ecke weg von Kythira, etwa 150 Kilometer nach Nordwesten. (Soll ich den Wikipedia-Artikel ändern? Ja, ich hab es gemacht.…)

Am Abend finden wir wenigstens eine Türe noch geöffnet: die Taverne „Zorbas“ hat wieder offen, war gestern anscheinend nur die wöchentliche Schließung. Natürlich sitzt die griechische Parea wieder am Nachbartisch – so auf Dauer eine recht einseitige Ernährung: Pommes, Souvlaki, Tsatski…. Wir essen Souvlakia (genau so wie sie gehören: kleine Spießchen, pikant gewürzt) und Hühnerbein, als Vorspeise nur ein Tomatensalat, es schmeckt erneut lecker.

 

*

 

Es stürmt immer noch. Erstaunlich, dass der Sonnenschirm auf dem Balkon noch steht. Wir haben ihn vorsichtshalber mit ein paar Steinen unterlegt da er heftig wackelte, aber nun scheint er sich über die Terrasse zu bewegen. Bewegungsdrang? Wir auch: wir wollen heute wieder ein wenig wandern, da stört uns der Wind nicht, im Gegenteil. Und zwar wollen wir von Tryfillianika (bei Potamos) nach Paleochora wandern, eine gute Stunde, nichts Anspruchsvolles, der Weg sollte zu finden sein. „Paleo“-Orte gibt es auf Kythira einige: Paleochora, Paleokastro, Paleopoli – da kann man leicht durcheinander kommen. Paleokastro ist der älteste Ort der Insel, in der Antike gab es dort einen Demeter-Tempel, da wollen wir auch noch hin, morgen. Nicht weit von dort liegt Paleopoli, die antike Stadt Skandia, schon in minoischer Zeit besiedelt. Beides liegt im Inselosten, nicht weit entfernt von Avlemonas.

Paleochora hingegen, wo wir heute hinwollen, ist ein wesentlich jüngerer Ort. Er stammt aus byzantinischer Zeit (12. Jahrhundert nach Christus), als es den Einwohnern in Paleopoli zu ungemütlich wurde und sie sich auf einem Felsen zwischen zwei senkrechten Schluchten besser geschützt fühlten und sie dorthin zogen. Die Einwohner von Paleochora, damals Agios Dimitrios genannt, gingen dem segenreichen Werk der Piraterie nach – bis sie dann selbst vom Oberpiraten Chaïredin Barbarossa erobert wurden und nach zwei weiteren Überfällen der Ort platt war. Es gibt dort also nur Ruinen, wir wissen es vorher. Ruinen sollte aber geöffnet sein, oder?

 

Auf dem Weg nach Tryfillianika (natürlich auf der Hauptstraße nach Norden) halten wir in Livadi – wir müssen unbedingt unsere Fährzeiten bestätigen und die Tickets kaufen. Wir fragen nach dem Ticketbüro und werden die Straße hinab verwiesen. Dort steht auch irgendwo, gut versteckt und eher weggeräumt, ein LANE-Schild, aber kein Büro weit und breit. Gut, fragen wir in der Bäckerei nochmal, da wollen wir eh einkaufen. Wieder verweist man uns in die vorherige Richtung. Aber da ist nur ein Inneneinrichtungsladen. Frag ich eben dort, und, Sesam öffne dich, das Ticket-Büro ist im oberen Stockwerk! Wir bekommen die Tickets nach Kastelli Kissamos, Abfahrt um 1 Uhr in der Nacht zum Samstag, puh. 15 Euro pro Person werden dafür fällig. Da wollen wir gleich noch beim Mietwagenverleiher Bescheid geben, dass wir das Auto dann um 24 Uhr am Hafen zurückgeben wollen, aber das Büro ist nur abends von 18 bis 20 Uhr geöffnet. Wir werden morgen einen neuen Anlauf unternehmen.

 

In Livadi fallen uns Plakate auf, die auf ein Konzert von Nikos Zoidakis in Agia Pelagia am Freitagabend hinweisen. Hmm, das wäre doch was um den Freitagabend vor der nachmitternächtlichen Abreise zu verbringen… Blöd nur, dass Agia Pelagia quasi am anderen Ende der Insel ist, und dass das Konzert nach meiner Erfahrung kaum von 22, 23 Uhr beginnen wird. Mal sehen.

 

In Tryfillianika parken wir vor der Kirche. Ein Wegweiser zeigt den Wanderweg nach Paleochora, am Friedhof vorbei wird die Piste schmaler und geht schließlich in einen ein gut erkennbaren Wanderweg über, der durch einigen kleine Täler und Macchia auf und ab geht. Erstaunlich, wie hoch und dicht die Vegetation hier ist! Wenn es da anfängt zu brennen… im August soll es auf Kythira gebrannt haben, wir haben aber noch nicht gesehen wo. Da fällt mir auf, dass ich noch keine Ziegen auf Kythira gesehen habe - das könnte eine Erklärung für die dichte Vegetation sein. Warum gibt es hier keine Ziegen? Sind die Viecher in Griechenland sonst überall präsent. Ist aber definitiv besser so für die Insel!

Wir befinden uns auf der vergleichsweise flachen Hochebene, weite Ausblicke hat man so gut wie keine. Plötzlich ein Brummen: vor uns befindet sich der Flugplatz und die tägliche Maschine von Athen ist im Anflug, heute schon am Vormittag. Wir beobachten den Flieger beim Landen.

Nach einer knappen Stunde, in der wir auch einen kleinen Bach mit Fröschen queren, sehen wir die Ruinen von Paleochora vor uns. Zuerst haben wir aber die Fläche des Parkplatzes dort gesehen, man kann auch mit dem Auto hin, ist aber nicht asphaltiert.

Paleochora soll laut Reiseführer einmal 72 Kirchen gehabt haben – für jede Familie dort eine. Heute sind es nur noch Steinhaufen, von drei oder vier erhaltenen Kapellen abgesehen. Am besten erhalten und fast wie ein Wächter am Eingang steht die Kreuzkuppelkapelle Agia Varvara aus dem 13. Jahrhundert. Ich war noch nicht in Monemvasia, laut Reiseführer sie soll im Stil von dort beeinflusst sein. Natürlich ist sie zu, haben wir tatsächlich etwas anderes erwartet?

Von der Barbara-Kapelle aus sieht man nun erst richtig die Ruinen des Ortes auf einem schmalen Felsenrücken zwischen zwei tiefen und steilen Tälern, unter anderem eine sehr hohe Steinmauer, dahinter gehen Felsen, Ruinen und Vegetation ineinander über. Außer uns sind noch vier Touristen da, Holländer mal wieder. Sie sind mit dem Auto gekommen. Wir gehen hinüber zur hohen Steinmauer, vielleicht war es einmal ein Turm, oder doch eine Festung? Wobei die Stadt wohl nicht wirklich befestigt war, man hat sich (zu) sehr auf die Sicherheit der versteckten und schwer zugänglichen Lage verlassen, nur über einen schmalen Felsenzugang kommt man auf den Felsen zwischen den beiden Schluchten, die sich östlich des Ortes zur „bösen Schlucht“ kaki lagkada vereinen. Von hier ist es Luftlinie nur ein Kilometer zum Meer (das man am Horizont sehen kann, knapp über dem Hügel), man kann Canyoning dorthin machen. Vermutlich sind die Bewohner durch die Schlucht auf ihre Raubzüge gegangen, hatten dort irgendwo ihre Schiffe versteckt.

An der hohen Mauer ist auch schon wieder Schluss: die Ruinen sind stark einsturzgefährdet und der weitere Durchgang auf den Burgberg ist deshalb versperrt. Schade.

Wir streunen noch etwas im zugänglichen Bereich herum ehe wir uns auf den Rückweg machen. Nun, wo wir wissen wo die Ruinen sind, können wir sie sogar schon von weitem ausmachen.

 

Es ist uns warm geworden, wir gönnen uns in Potamos an der Platia ein Radler mit Kartoffelsalat. Kartoffelsalat? Ja, Kartoffelsalat à la Kythira, der ist sehr lecker! Als die Sonne hinter Wolken verschwindet hat uns der frische Wind und das Radler so sehr abgekühlt, dass ich schnell zum Auto laufen und die Jacken holen muss. Die leere Platia sieht traurig aus im Vergleich zum Marktgeschehen am Sonntag. Es wird Herbst.

 

Zurück in Chora drehe ich nochmal eine Runde durch den Ort und hinauf zur 250 Meter über Meereshöhe gelegenen Burg. Besonders gut gefällt mir die Kirche mit dem spitzen Glockenturm nördlich unterhalb der Burg. Natürlich ist sie geschlossen, schon das Tor zum Hof ist zu. Vielleicht gehört die Kirche zu dem schön gerichteten Privathaus gegenüber? Ein Mann, Typ Aussteiger werkelt dort herum. Später sehe ich ihn von oben auf seiner Terrasse sitzen – beneidenswert.

Das Licht ist nun in der Burg natürlich wesentlich besser zum Fotografieren als vorgestern zur Sonnenuntergangsstunde. Das Meer unten bei Kapsali leuchtet in Smaragdtönen.

Wie in Limnionas halte ich einige der Ruinen und Gebäude zunächst fälschlicherweise für Kapellen. Wenn es in Paleochora über 70 Kapellen gab, dann doch sicher auch hier? Aber das täuscht, es handelt sich vermutlich um Überbleibsel alter Festungsteile.

Die wichtigsten Gebäude sind die Kirche Panagia Myrtidiotissa aus dem Jahr 1808 und das direkt daran gebaute, wesentlich kleinere (aber gleich lange!) und ältere Kirchlein Panagia Orfani. Die wundertätige Ikone der Panagia Myrtidiotissa befindet sich inzwischen im gleichnamigen Kloster im Inselwesten, übermorgen wird dort gefeiert. (Und dass hier die myrthenbekränzte Muttergottes verehrt wird, ist sicher auch kein Zufall, denn die in der Antike auf Kythira verehrte Afrodite versteckte sich der Sage nach hinter einem Myrthenbusch vor neugierigen Blicken nachdem sie nackt dem Meer entstiegen war…).

Die Burg wurde übrigens im Jahr 1316 von den Venezianern errichtet und 1503 erweitert. Noch heute findet man in Chora einige Einwohner mit venezianischen Namen, beispielsweise Daponte und Mormori.

Später am Abend, es ist gerade noch hell, wandern wir hinunter nach Kapsali zwecks Testen der dortigen Gastronomie. An einigen Stellen kann man die Serpentinenstraße abkürzen, es gibt einen schmalen Fußweg. Nichts für den Rückweg, denn im Dunkeln wird es doch schwierig, diesen Weg zu finden und nicht darauf zu stolpern – trotz Taschenlampe. In einer engen Serpentine gibt es unter Pinien eine merkwürdige Bar namens „Koukos“ – zur Dämmerungsstunde ist sie noch zu, beim Rückweg vertreibt sich der einsame Besitzer mit lauter Musik die Zeit. Vor Mitternacht steigt hier wohl nix. Oder nur am Wochenende?

Gleich am Beginn der Bucht, unterhalb der Burg fast, liegt eine Taverne namens Ydrogogio (Wasserspeicher), die sieht sehr nett aus, und so kommen wir nicht dazu, uns die Alternativen in Kapsali anzusehen. Vom Kartoffelsalat am Nachmittag noch leicht gesättigt bestellen wir uns nur Vorspeisen: Fava, Saganaki, Kaponata, und werden reichlich satt. Der Fast-Vollmond leuchtet am Himmel, ab und an verdeckt von rasch ziehenden Wolken. Weil das Essen so schnell gekommen ist, sind wir früh fertig mit Essen. So gehen wir noch auf einen Kafedaki an die Paralia von Kapsali ehe wir den Berg wieder erklimmen, was nun im Dunkeln und mit vollem Bauch schwerer fällt und entsprechend länger dauert. Gut, dass wir die Taschenlampe dabei haben, ab und zu fahren Autos auf der Straße, und die Fahrer scheinen nicht mit nächtlichen Spaziergängern zu rechnen.

Morgen soll es dann in den Osten der Insel gehen, nach Paleokastro, Avlemonas und Diakofti. Mal sehen wir das Wetter wird.