Umzug nach Olymbos

 

Am Samstag wollen umziehen, hinauf nach Olymbos. Am Nachmittag mit dem Bus. Bloß hat Nikos gesagt, der Bus würde samstags nicht fahren. Der Busfahrer hatte das Gegenteil gemeint, uns aber eventuell nicht richtig verstanden. Blöd. Allerdings hätte Nikos sowieso etwas in Olymbos zu erledigen und würde uns hinaufbringen, gegen 15 Uhr.

 

Beim Frühstück ist es heute viel netter als in den letzten Tagen. Das Wanderer- und Seglerpaar und ein älteres Schweizer Ehepaar, das schon seit 3 Wochen da ist, erteilen mir reichlich Ratschläge bezüglich Wanderungen. Ich wollte gerne auf den Profitis Ilias, wovon mir abgeraten wird: Die Wolken würden oft so schnell hereinziehen, dass man den Weg nicht mehr finden würde, und der wäre sowieso nicht gut bezeichnet. Dann werde ich stattdessen eben doch die Tour nach Vrougounda machen, will nicht nur herumsitzen.

 

Danach können wir den Vormittag noch in Diafani verbummeln, zum Beispiel einen Spaziergang zum Friedhof machen, wo wir das sehr gepflegte Beinhaus bewundern. Auch heute ist es wieder ganz schön heiß – wir suchen den wenigen Schatten, den einige Zypressen gewähren. Schauen auf dem Weh hinunter noch in der anderen Kirche vorbei, gönnen uns schließlich einen Frappé im „Gorgona“, heute mit Mozart als Begleitmusik. Eigentlich wollten wir ins „Coral“, nachdem der geplante Besuch gestern ausgefallen ist. Aber das hat noch geschlossen. Öffnet wohl erst am Nachmittag, wenn die Tagesausflügler wieder von Olymbos herunterkommen. Schade!

Gegen 15 Uhr holt uns Nikos ab. Ich frage ihn vorab, was er für die Fahrt haben will, und bin  kurz perplex als er „10 Euro“ antwortet. Allerdings habe ich keine Ahnung, was ein Taxi hinauf kostet, und man müsste ja auch erst mal eines haben. Er bekommt seine 10 Euro.

 

Während der Fahrt hinauf erzählt uns Nikos von dem Unwetter im Oktober 1994, und von der  – mit EU-Mitteln – neu gebauten Krankenstation in Olymbos, die vier Ärzten Arbeit bietet. Nur dass die nicht kommen wollen, weshalb das Gebäude leer steht. Gut 500.000 Euro hat es gekostet....

 

Zum Glück sind die Straßen in Olymbos schon wieder zugeschüttet, zumindest bis zur Ortmitte. So können wir unsere Trolleys ziehen. An der Pension „Olymbos“ müssen wir abzweigen, die Begleiterinnen warten und ich geh vor zum Souvenirladen unserer Vermieterin Rigopoula, den Schlüssel holen. Leider hat sie uns überhaupt nicht erwartet, da sie in dem Glauben war, heute wäre erst Freitag. Nun, dem ist nicht so, aber wir können das Haus beziehen, sie gibt mir den Schlüssel, will nachkommen. Wir zerren das Gepäck nun über Stufen auf dem unteren Weg entlang. Zum Glück ist es nicht so weit. Im Haus ist nun natürlich nichts vorbereitet, leider. Das zusätzliche Bett, ein Klappbett aus den Pionierzeiten des karpathiotischen Tourismus, holt sie aus einem Kellerverschlag, entsprechend riecht es auch. Im ersten Stock hat es keinen Platz dafür, und die Tante ist auch bereit, im Erdgeschoss zu schlafen, da ist es immerhin kühler (um nicht zu sagen: gruftiger!). Ein wenig unzufrieden richten wir uns häuslich ein, suchen uns Bettzeug zusammen und beziehen die Betten,  reinigen notdürftig das Bad. Für mehr als zwei Personen ist die Wohnung im Grunde nicht geeignet, wir hätten es wissen müssen. Allerdings scheint mir der Wohnungsstandard in Olymbos insgesamt eher niedrig, die Zimmer im Hotel „Afrodite“ sind für 3 Personen bestimmt auch zu klein, wir hätten zwei Zimmer nehmen müssen, und der Abgrund vor dem Haus ist nicht jedermanns/fraus Sache.

Die Stimmung ist mäßig, aber was hilft es - nun sind wir da, machen wir das Beste daraus!

Das schönste an der Wohnung ist die Aussicht vom schmalen Balkon. Nicht zum Meer hinunter zwar, aber auf die Gärten, Kapellen, und Straßen. Da gibt es immer was zu gucken. Und mit 5 Schritten (aufwärts) ist man an der Platia vor der Kirche.

Später ziehen wir zu einem Bummel durch Olymbos. Der Ort hat Flair am Abend, keine Frage. Einige der Tavernen scheinen sich aber nur auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren – abends sind sie zu. Das „Zefiros“ zum Beispiel, was schade ist, denn die Makarounes dort habe ich in besonders guter Erinnerung. Ist aber auch lange her, da kann sich viel verändert haben. Im „Mylos“ haben wir Glück und bekommen noch etwas zum Essen – die Essenszeiten sind hier aber auch früher als anderswo, dabei ist doch sogar Samstag! Und schon wieder gibt es als Zugabe vom Haus Loukoumades. Alles zu sehr zivilen Preisen, wobei wir den Vergleich erst an den nächsten Tagen haben werden.

 

Am Sonntag Morgen, so gegen 7 Uhr, werden wir aus dem Schlaf gerissen (der bei meiner Tante leider ziemlich durchwachsen war – der Kühlschrank dröhnte die ganze Nacht, und ihn einfach auszuschalten verbietet das proppevolle Gefrierfach. Wobei uns die Vermieterin das dennoch nahe legt für die nächsten Nächte als wir uns deswegen beklagen. Und das machen wir dann auch!). Der Gottesdienst hat begonnen, und Lautsprecher übertragen die Messe nach draußen. Von 7 bis 10 Uhr würde der Gottesdienst gehen, hatte Nikos gemeint, und es würde völlig reichen, um 8.30 Uhr oder so hinzugehen wenn man das wollte. Was Mutter und Tante denn auch tun, während ich lieber noch weiterschlafe. Sie kommen lange nicht wieder und ich gehe dann auch hinauf zur Kirche. Das sonst übliche Kommen und Gehen beim Gottesdienst scheint hier nicht Usus zu sein: die Begleiterinnen sind hinein, haben eine Platz angeboten bekommen, und trauten sich dann nicht mehr heraus. Und da in dem Gottesdienst auch noch ein Mnimosino, eine Seelenmesse stattfand, dauert der Gottesdienst noch länger. Ich bleibe lieber draußen, warte. Als die Begleiterinnen dann endlich kommen – es ist schon lange 10 Uhr vorbei – sind sie reich mit Kolliva und Süßigkeiten beschenkt worden. Eine traurige Messe war es, die Frau neben ihnen weinte so bitterlich, das sie beinahe mitgeweint hätten.

Nach einem späten Frühstück bummeln wir durch den, von reichlich Tagesausflüglern belebten Ort. Hinauf zu den Windmühlenruinen, toll der Blick über den Ort! Am Profitis Ilias kochen die Wolken hoch. Olymbos hat sein eigenes Wetter.

Aus dem Kafenion „Tsambouna“ klingen Flötentöne – genauer: Töne vom Mundstück einer Tsambouna, eines Dudelsacks. Es ist Antonis, der Besitzer des Kafenions. Wir setzen uns hinein, bestellen einen griechischen Kaffee, kommen ins Gespräch. Sein Bruder ist Michalis, der, nein: DER Lyraspieler auf Karpathos. Kein Film über Karpathos ohne ihn. Erst neulich kam auf arte eine Sendung über ihn. Da sieht der Bruder manchmal etwas blass aus daneben, was ihm nicht so sehr zu gefallen scheint – er betont, dass er auch vorkommen würde im Film. Und kaum redet man über Michalis, da schneit der auch schon zur Türe herein – dass er nicht Autogramme gibt, der Star, fehlt noch. Braungebrannt, das blühende Leben, der Ruhestand scheint ihm zu bekommen. Ich richte ihm Grüße aus von M., und er glaubt dann, dass er sofort irgend jemanden anrufen muss, und mit derjenigen – einer Frau – soll ich nun telefonieren. Ich weiß nicht wen ich an der Strippe habe, sie auch nicht und warum – Griechisch oder Englisch – ein hochgradig absurdes Telefonat. Wir flüchten so schnell wie möglich.

Unsere Rigopoula will uns schon wieder etwas verkaufen. Selbst gehäkelte Tischdecken dieses Mal. Wir lassen uns zu einem Stück Honig-und-Oliven-Seife überreden (selbstgemacht), und ein paar Mitbringseln. Landen dann etwas weiter unten beim nächsten Souvenirladen – und die Verkäuferin ist die weinenden Frau vom Vormittag, nun in Tracht. Sie ist ganz beglückt dass meine Begleiterinnen in der Kirche waren, bedankt sich noch und noch. Die Tracht wird sie übrigens am Nachmittag, wenn die Großzahl der Touristen weg ist, wieder ausziehen – es hat doch etwas von Disneyland, dieses Olymbos.

 

Obwohl Sonntag ist, arbeitet ein multikultureller Bautrupp in den Straßen. Ich bin beeindruckt, wie unermüdlich und hart gearbeitet wird – mechanische Hilfsmittel sind kaum im Einsatz, nur ein kleines Raupenfahrzeug zum Steintransport, gefahren von einem zierlichen Dunkelhäutigen. Wo er wohl herkommt? Einige der Arbeiter scheinen halbe Kinder zu sein, einer ist asiatischer Abstammung. Sie werden im Dorf verpflegt, wir treffen sie am nächsten Tag abends in der Taverne. Bin ich froh, dass ich meine Brötchen leichter verdienen kann!

 

Zur Siesta auf unserem Balkon können wir zwei Wanderer beobachten, die auf der anderen Talseite einen Weg zu suchen scheinen. Im Reiseführer des Schwabs ist der Weg ungefähr beschrieben und nach langem Herumirren kommen sie oberhalb der beiden, wohl gesuchten Kapellen aus dem 13. Jahrhundert heraus. Das bringt mich auf die Idee, da auch mal eben „rüberzuspringen“, ich weiß ja nun wo es lang geht und habe meine Kräfte heute noch nicht verbraucht.

Im Tal unten bin ich schnell, dann bei den beiden Windmühlenstümpfen hinauf, die Piste queren, den Hang oberhalb entlang über der Kapelle, der Weg ist gut erkennbar. Bis, ja, bis zur Schlucht. Ich muss weiter hinauf, quere die Schlucht oberhalb, kann mein Ziel die beiden Kapellen nicht mehr sehen, und komme schließlich, wie die beiden Wanderer, viel zu weit oben raus, bei der Kapelle an der Straße. Macht nichts, ich wollte sowieso zur Abzweigung der Straße nach Spoa, mir den Baufortschritt angucken und das Bauschild fotografieren. Aber: Gebaut ohne EU-Mittel, da ist man platt! Und eine Jahreszahl zu Fertigstellung steht auch nicht dran. „Next year“ würde es seit Jahren heißen, so unser Ex-Wirt Nikos. Dann suche ich mir den Weg nach unten zu den beiden uralten Kapellen Agia Anna i Katholiki und Agi Saranda. Durch hüfthohes Gestrüpp und über Mäuerchen kletternd. Trotzdem bleibt mir die eine Kapelle verwehrt – ich hätte eine Machete und ein Kletterseil mitnehmen sollen!! Und den ganzen blöden Weg muss ich wieder zurück, will ich nicht die Straße nehmen und eine riesigen Bogen auslaufen.

Komme an gepflegten Feldern vorbei, blühenden Artischocken und einem Feld, wo wir am Vortag eine Frau in Tracht in der Mittagshitze haben dreschen sehen! Von Hand. Heute am Sonntag ist sie aber nicht da.

Vom Tal zeigt mir eine Frau mit Ziegen an der Leine den Weg hinauf zum Friedhof. Erschrecke ein ebenfalls angebundenes Schaf so sehr, dass es sich fast im Seil erhängt. Sehe mir den Friedhof an, auch hier sehr gepflegt, die Gebeine in hölzernen Kisten. Man hat schon Geld in Olymbos....

Zurück im Quartier bin ich schweißgebadet, so ein Spaziergang um Olymbos kann sich ausweiten.

 

Zum Sonnenuntergang gehe ich zu den Kapelle oberhalb des Hotel „Afrodite“ und treffe das Schweizer Paar aus Nikos’ Hotel wieder – auch sie lassen die Abendstimmung auf sich wirken. So richtig spektakulär ist der Sonnenuntergang aber heute nicht. Die Schweizer wollen mit Nikos in die neue Pizzeria/Taverne „Blue Irgendwas“, die sehr gut sein soll, wir wollen lieber ins „Michalis“, vorher aber noch auf einen Ouzo ins nette Kafenion „Kriti“, wo wir dann Nikos treffen. Man läuft sich einfach ständig über den Weg in Karpathos’ Norden! Das „Kriti“ gefällt mir besser als das „Tsambouna“, aber die Hemmschwelle, es als Frau zu betreten, ist dafür höher.

 

Die immer freundlich lächelnde Wirtin Sofia von „Michalis/Mike’s“ bewirtet uns später als einzige Gäste, und auch hier gibt es aufs Haus noch Aprikosen, Süßigkeiten und Raki. Wobei die Rechnung mit 38 Euro deutlich höher ist als bisher bei vergleichbaren Essen.... Ich kann Sofia dann auch noch gleich fragen, ob und wann morgen der Bus nach Avlona fährt – letzte Gelegenheit, nach Vrougounda zu wandern. Um 7 Uhr, puh, das wird heftig!

Hier geht es weiter:

Nach Vrougounda, endlich...