Zakros und die Schlucht der Toten

Das Wetter ist perfekt. Blauer Himmel, ein bißchen Wind, 14, 15 Grad.

Um halb zehn fahren wir los. Zuerst ein Stückchen nach Osten bis zur Abzweigung Richtung Krioneri.

 

Die Straße führt hier in Serpentinen aufwärts, wir streifen das Dorf Roussa Ekklisia und finden oberhalb davon die Aussicht auf die Küste und die Kurvenstraße beeindruckend. Da liegt das Dörflein des "Dionysos Village" an der Küste, dahinter klar das Kap Sidero. Und etwas weiter oben, als eine hübsche Kapelle den Vordergrund für den Xirolimni-Windpark abgibt, sieht man in der Ferne doch tatsächlich die Umrisse von Kassos. Und der Berg dahinter, man ahnt ihn mehr als man ihn sieht, das muss der Kali Limni auf Karpathos sein. Erinnerungen werden wach.

Hinter Krioneri habe ich allerdings keine Blicke mehr für die Aussicht: Die asphaltierte Straße wird hier zum Feldweg und der bedarf meiner vollen Aufmerksamkeit. Gut, also gelb eingezeichnete Straßen sind auch auf Kreta mit Vorsicht zu genießen. Wir holpern im Schritttempo bis Mitato, fünf Häuser und eine Kapelle im grünen Nirgendwo. Hier wird es keineswegs besser - der bordeauxrote Weg ist zwar breit, aber mit spitzen Steinen und großen Pfützen übersät, deren Tiefe sich ohne Lot kaum ausmachen lässt. Ein toller Weg wenn man zu Fuß unterwegs wäre, aber mit dem Auto etwas anstrengend. Noch dazu stelle ich mir vor, wie lange jemand von "The Best Cars" hierher brauchen würde wenn wir hier eine Panne hätten..... Aber die Gegend, eine karge Hochebene, ist iperocha. Leuchtend das frische grüne Gras zwischen den Felsen und trockenen Sträuchern.

 

Nach zehn Minuten Holperstrecke, die mir deutlich länger vorkommen - zur Krönung geht die Piste am Schluss in einen richtig fiesen felsigen Weg über - erreichen wir vor dem Weiler Karidi einen Taleinschnitt und im Ort wieder eine richtige Straße. Puh, nochmals gutgegangen.

 

Über eine wilde Hochfläche führt die Straße nach Osten. Die Gegend gefällt mir sehr, und immer mehr je weiter wir auf den Serpentinen Richtung Ostküste hinab fahren.

Wir passieren noch einen Weiler und erreichen Zakros, wo ein langer LKW gerade für einen mittleren Verkehrsstau in der Ortsdurchfahrt sorgt. Wir entwischen links hinein zur Kirche, wo wir das Auto abstellen.

 

Außer mir den Ort ansehen will ich vor allem wissen, ob man durch die Zakros-Schlucht, auch Tal der Toten genannt, wandern kann, oder ob die Niederschläge der letzten Woche den Bach eventuell zu sehr haben anschwellen lassen.

 

Zakros ist ein lebendiger Ort und ein Zentrum für die Gegend. Im Kafenio an der Platia sitzen die obligatorischen Männer beim Palaver, gegenüber bezirzt eine Weihnachtskrippe der anderen Art: mit zwei Plastikrentieren, die ob ihrer unverhohlenen Künstlichkeit sprachlos machen. Das kleine Naturmuseum, das sich im Touristenbüro befindet, ist ebenso geschlossen wie das Büro. Touristen? Sollen im Sommer wiederkommen, jetzt wollen die Einheimischen ihre Ruhe.

Im Minimarkt bekomme ich aber trotzdem eine freundliche Auskunft, meine Schluchtfrage betreffend: Nein, es hätte noch lange nicht genug geregnet, mit der Schlucht, das sei kein Problem. Efcharisto poli!

 

Zakros ist bekannt für seinen Wasserreichtum, die Quelle, die oberhalb des Ortes entspringt, soll die stärkste Ostkretas sein. Wir werden ihr auf der Rückfahrt noch einen kurzen Besuch abstatten.

An der Platia kann man sich an vier Wasserhähnen das Quellwasser abfüllen. Es schmeckt gut.

Oberhalb der Hauptstraße soll sich auch ein kleines Wasser-und Mühlen-Museum befinden. Vorbei an ehemaligen Mühlengebäuden und orangenstrotzenden Bäumen gehe ich die steilen gepflasterten Gassen hinauf. Hübsch hier. Das Museum ist aber natürlich zu.

 

Ich habe lange überlegt, wie ich das mit der Wanderung durch die Schlucht von Zakros, auch spektakulär "Tal der Toten" genannt, machen soll. Am liebsten würde ich natürlich von Zakros runterwandern nach Kato Zakros. Aber es gibt derzeitig keinen Bus, und da Theo nicht Auto fährt, wüsste ich nicht, wie ich wieder hinaufkommen soll. Mal abgesehen davon, dass Zakros ja nett ist, und ein geöffnetes Kafenio hat, aber Theo trotzdem keine Lust, hier stundenlang auf mich zu warten. Von möglicherweise unüberwindbaren Wasserläufen in der Schlucht mal abgesehen...

Wir machen das also anders, und fahren nach Kato Zakros hinab, und ich werde von unten ein Stück in die Schlucht wandern und entweder auf dem gleichen Weg zurück, oder auf halber Strecke den Ausstieg nehmen und auf der alten Piste wieder hinab zur Küste. Theo kann so lange am Strand baden. ;-)

 

Das hat den Vorteil, dass wir uns gemeinsam die Ausgrabungen des minoischen Palastes von Kato Zakros ansehen können, eine der bedeutendsten archäologischen Stätten Kretas.

 

Nach der Fahrt durch die karge und felsige Landschaft - ein kleiner Halt an der Ausstiegsstelle aus der Schlucht vermittelt den Eindruck, dass der Weg auf der alten Straße nicht soo attraktiv ist - wird der Blick auf die Bucht von Kato Zakros und dahinter der tiefe Einschnitt in die Schlucht frei. Sehr beeindruckend. Im Sommer würde ich aber hier nicht so gerne wandern, denn Schatten dürfte dann rar sein.

Kato Zakros
Kato Zakros

Wir folgen im Ort der Beschilderung nach links zum Palast von Kato Zakros und parken dort. Bis 15 Uhr ist im Winter geöffnet, das sehen wir uns lieber gleich an. Drei Euro beträgt der Wintereintritt, und natürlich sind wir die einzigen Besucher, die sich zwischen grüner Wiese, einer Pfützenlandschaft und minoischen Mauern und Fundamenten verlieren.

 

Ich muss mir das nicht im Detail erschließen, zumal sich in der Sonne das eBook des MM-Reiseführers "Kreta" wegen des spiegelnden Displays als wenig geeignet erweist. Aber der Palast, einer von vier gefundenen minoischen Palästen auf Kreta, hatte recht beeindruckende Ausmaße. Und ob ein Wasserbecken nun eine Zisterne, war, ein Fischteich oder ein Mini-Pool, bleibt reine Spekulation. Ganz real sind dafür die Schildkröten, die in den trüben Pfützen tauchen, oder sich unter Grasbüschen verstecken.

 

Nach einer halben Stunde haben wir genug gesehen, und jetzt wird es auch dringend Zeit für meine Schluchttour.

Wir folgen dem Hinweisschild zur "Gorge" in 100 Metern, und der Eingang ist breit genug und unübersehbar. Zwei Stunden Zeit vereinbare ich mit Theo, und marschiere los..

 

Die Schlucht von Zakros ist hier unten so breit, dass ich mir zum Anfang einen Fehlweg auf der linken Schluchtseite leiste und nach drei Minuten an einem Bach umkehren muss. Rechts führt der richtige Trampelpfad entlang und durch ein hölzernes Lattentor: "Dead's Gorge Entrance" steht darüber, der Eingang zur "Schlucht der Toten" (auch "Tal der Toten").

Das klingt irgendwie nach Winnetou-Film oder Gruselklassiker und könnte abschrecken. Aber es gibt hier nicht bedrohliches, der Name kommt von den Gräbern in den Höhlen der Schluchtwände - die Minoer haben hier ihre Toten beigesetzt. Archäologen fanden aber nur ein Grab unversehrt, es die enthielt die Leichname von fünf Frauen aus der Zeit von 2300 bis 2100 v. Chr.. Die Fundstücke sind in den Museen von Sitia und Iraklio.

Allenfalls sehr sanft ansteigend wandere ich auf einem gelegentlich nassen oder rutschigen Weg. Die Wände stehen hier weit auseinander und steigen nahezu senkrecht hoch. Das Gestein leuchtet rötlich in der Sonne, finster dagegen die Schattenwände. Das Bächlein hat sich verzogen, fließt unterirdisch. Nein, das Wasser dürfte heute kein Problem sein. Und auch die Temperatur nicht: bei 12, 13 Grad ist es ein angenehmes Spazieren. Manchmal muss ich die Äste von Sträuchern oder Oleander zur Seite drücken, und einmal versperrt ein veritabler Felssturz jüngeren Datums den Weg und ich muss kurz einen Steinbrocken überklettern. Gruselig ist allenfalls die Ruhe und die Einsamkeit die mich umfängt.

 

Doch, es ist eine beeindruckende Schlucht. Nicht so eng wie die Aradena oder die Imbros in Westkreta, und natürlich nicht so tief wie die Samaria. Aber breiter, und dadurch heller. Das frische Grün am Talboden kontrastiert schön. Wegstücke mit Erde wechseln sich mit weniger bequemen Wegabschnitten mit Steinen ab, aber es ist dennoch einfach zu gehen. Einmal befindet sich sogar ein kleines Wasserbecken direkt auf dem Weg.

Nach etwa eine Stunde bin ich an der Stelle angekommen, wo die Schlucht links niedriger wird und man durch ein Seitental aus der Schlucht heraus kann. Die Hauptschlucht verläuft in einem Knick nach rechts.

 

Im Bachbett treffe ich die einzigen andere Schluchtgäste: eine Handvoll Ziegen, die sich in mäßigem Tempo zwischen dem Oleander von mir entfernen. 2,05 Kilometer noch bis Zakros, 2,75 Kilometer habe ich hinter mir. Das sollte heute reichen, ich kehre um.

 

Auch auf dem Rückweg ist die Schlucht interessant. Da ist ein steiler Ausstieg für Kletterbereite auf den linken Seite mit roten Punkten markiert. Und die Gräberhöhlen in den Felswänden am Schluchtausgang sieht man nun auch besser.

Es macht Spaß, so hinzuwandern, das Wetter ist heute perfekt dafür.

Ich durchschreite gerade das Holztor, als eine SMS von Theo eintrifft, fragend wo ich denn gerade sei. Er sei jetzt am Strand und mache sich auf Tavernensuche. Ich komme gleich, antworte ich. Und treffe danach die tatsächlich noch zwei andere Schluchtbesucher , ein Paar, das eine Drohne dabei hat. Filmaufnahmen von der Schlucht? Sicher interessant, wenn man das Teil nicht gegen eine Felsenwand steuert.

 

Vorbei an den merkwürdig-aufdringlich-werbenden Aufbauten der Taverne von Nikos Platanakis (die Taverne hat im Winter zu) erreiche ich die Uferstraße und blicke mich nach Theo um. Von einen griechischen Bauernpaar im Pickup, das ich vorhin schon getroffen und gegrüßt habe, bekomme ich eine Orange geschenkt. Vermutlich haben sie meine liebäugelnden Blicke nach einem fruchtstrotzenden Baum gesehen. Nein, das war ja nur für ein Foto. :-)

 

Theo hat sich inzwischen nicht gelangweilt und sogar versucht, eine der Totenhöhlen zu besichtigen. Allerdings ist er am Wildwuchs der Natur gescheitert. Zu wenig Ziegen?

Die Wellen toben laut an den schönen Strand von Kato Zakros.

Wir gehen entlang der Paralia und findet doch tatsächlich die Taverne "Glaros" geöffnet. Die Stufen hinab in die tiefer gelegenen Gaststube - draußen sitzt nur einen Katze am, nein: auf dem Tisch - sind wir überrascht, dass mehrere Tische belegt sind. Sieht gut aus, der Feta und der Marouli-Salat. Das bestellen wir doch glatt auch, dazu das Tagesessen, Lamm. Es hätte auch Huhn gegeben, und vielleicht wäre das die bessere Wahl gewesen, denn das Lamm entpuppt sich - wie leider so oft - als eine Ansammlung von Knochen und Fett mit wenig Fleisch garniert. Die Kartoffeln empfindet Theo als roh, ich finde sie als (noch) genießbar. Griechische Kartoffeln und Theo - das ist ein Kapitel für sich.

 

Der anschließende Verdauungsspaziergang entlang des Strandes fällt eher kurz aus.

Es ist schon fast vier Uhr, Zeit für die Rückfahrt. In Zakros erfolgt noch der bereits erwähnte Abstecher zu den Quellen oberhalb des Ortes - im Sommer sicher spektakulärer als jetzt im Winter. Die Rückfahrt erfolgt durch endloses Olivenland via Chochlakies, Langada und Palekastro.

 

Ein schöner Tag war das heute. Die Gegend um Zakros hat mir wirklich sehr gut gefallen. Und es gibt doch kaum etwas befriedigenderes als sich gelegentlich die Beine zu vertreten.

Zum Abendessen probieren wir heute ein anderes Lokal aus. Bei Tripadvisor liegt das "Rakadiko Inodion" ziemlich weit vorne, und es hat auch im Winter offen und ist gut frequentiert. Wir bestellen viel zu viel zum Essen: Zucchiniküchlein, Käsetaschen, Wurstsaganaki und den unverzichtbaren Maroulisalat (den hätten wir wirklich mal weglassen können). Die Portionen sind groß, und vielleicht hat das mittägliche Lamm doch besser gesättigt als gedacht: Wir müssen ordentlich übriglassen. Geschmeckt hat es uns - mal wieder - unterschiedlich. Mir ganz gut, Theo weniger. 28 Euro beträgt die Rechnung inklusive dem obligatorischen halben Liter Wein und Wasser. Kann man nicht meckern.

 

Mir gefällt Sitia. Zumindest abends - bei Tag hab ich ja noch nichts davon gesehen. Das muss sich auch nicht ändern, wenn das Wetter schön bleibt. Was es morgen noch soll.