Wieder auf Milos, me parea

Lothar nimmt mich am Hafen in Adamas in Empfang. Schön, wenn man erwartet wird! Für drei Nächte sind er und seine Frau Therese von Syros nach Milos gekommen, wo sie das Frühjahr verbringen. Sie haben ein befreundetes Paar mitgebracht, das erstmals Kykladenluft schnuppert: Hanne und Herbert aus Köln. Zufällig sind sie auch die Nachbarn von Kykladenfiebernden - mikros kosmos. :-)

 

Sie sind gestern schon mit der "Artemis" angereist, und haben sich im Hotel "Panorama" oberhalb von Klima einquartiert. Da sie ihr Auto von Syros mitgebracht haben, ist die abgelegene Lage kein Problem.

Ich wohne wieder in Triovasalos bei Petrinela, Rods Frau. Für sechs Tage beziehungsweise Nächte habe ich mich da angemeldet, mit zwei bis drei Paddeltouren. Die werde ich aber erst am Mittwoch beginnen, wenn die Parea um Lothar wieder nach Syros zurückkehrt.

 

Bei Petrinela kann ich schon am Vormittag mein Zimmer beziehen. Sie erschrickt kurz, als sie mich nicht solo sieht - du hattest doch ein Einzelzimmer reserviert? Ja, kein Problem, ich brauche auch nur ein Einzelzimmer. Das liegt dieses Mal nicht im zweiten Stock, sondern im Tiefparterre. Das finde ich mangels Aussicht (auf die weniger attraktiven Hinterhöfe von Triovasalos) zunächst schade, bin aber sofort wieder versöhnt als ich das geräumige Bad mit der wunderschönen gemauerten Dusche sehe. Und hier unten ist es schön kühl und ruhig (die nächtlich krähenden Hähne werden sich den Hass meiner dänischen Mitpaddlerinnen aus dem 2. Stock zuziehen. Bei mir unten schreien allenfalls Katzen). Die Küche würde ich mit einer Amerikanerin teilen, die seit 15 Jahren jedes Jahr käme, erklärt Petrinela. Kein Problem, ich werde hier weder kochen noch frühstücken (das Frühstück ist im Übernachtungspreis ja enthalten) und brauche sowieso nur den Kühlschrank.

 

Wo die Paddler denn heute wären? An der Nordküste, bei Sarakiniko vermutlich. Oh, da möchte ich unbedingt auch mal im Kajak entlang. Ob das dieses Mal dann trotzdem was wird? Man wird sehen.

Schnell bin ich wieder bei Lothar, der mit dem Auto gewartet hat. Und nun nach Klima. Das Straßennetz ist hier oben in der Agglomeration Triovasalo-Pera Triovasalos-Tripiti-Plakes-Plaka recht verwirrend, aber Lothar hat einen guten Orientierungssinn und findet schnell die richtige Abzweigung. Die Übernachtung im "Panorama" hat ihnen gefallen, auch wenn sie als Milos-Neulinge vorher nicht wussten, dass das Klima so abseits und gar kein richtiger Ort ist. Aber dafür eine der malerischsten Siedlungen der Kykladen überhaupt (ich träume seit letztem Jahr  von einem Bootshaus dort).

 

Hanne und Herbert erweisen sich als sehr nett, offen und unkompliziert. Therese sowieso, und so planen wir nun, wie wir die nächsten zwei Tage verbringen möchten. Ich spiele die Fremdenführerin und freue mich, der Gruppe die schönsten Seiten von Milos zeigen zu können, soweit das in zwei Tagen halt geht. Es ist recht warm, die Sonne knallt vom wolkenlosen Himmel, und so schlage ich für heute Sarakiniko und die Schwefelminen vor. Wir sind ja motorisiert, und meine Wanderlust konnte ich gestern austoben.

 

Zu fünf drücken wir uns in Lothars Citroën und peilen Sarakiniko an. Ist nur ein Katzensprung.

Ich hab die unglaubliche Tufflandschaft noch nie bei so strahlendem Sonnenschein erlebt, und auch noch nie so gut besucht. Es ist jetzt Mittagszeit, und zahlreiche Badegäste tummeln sich im Wasser der flachen Strandbucht und sonnenbaden auf den glatten weißen Felsen. Ich staune über die Internationalität des Publikums. Milos liegt voll im Trend, und ich bin froh, dass ich doch noch früh im Jahr da bin. Im Sommer wird es hier sicher ordentlich voll. Oder ist es nur der Kontrast nach dem beschaulichen Serifos?

 

Wir gehen entlang des Badebucht und klettern auf die glatten, rundgeschliffenen Felsen. Die Sonne gleist, die Helligkeit blendet. Das Meer lockt in allen Farbtönen. Und da ist dieses wasserglitzernde Loch im Felsen mit der flachen Brücke. Die Küste ist überall unterhöhlt, aber das kann man von Land aus nur erahnen.

Besser wäre es im Boot. Vielleicht ab Mittwoch. Die Paddler sind nirgends zu sehen, sie sind bestimmt schon weiter.

Der vorgelagerte Felsen mit seiner Schichtung sieht aus wie ein verformtes Tortenstück. Genial hier.

Hanne, Herbert und Therese zeigen sich angemessen beeindruckt von Sarakiniko, und auch Lothars Fotoapparat bekommt reichlich zu tun. Nein, ich kenne keine griechische Insel, die vergleichbares zu bieten hätte.

Zum Baden ist es uns hier aber zu voll. Ich verspreche, dass wir in Paliorema in einer ähnlich beeindruckenden Kulisse, aber wesentlich einsamer baden können.

Auf dem Weg Richtung Osten halten wir in Zefiria bei "Petros". Der hat zum Glück geöffnet, so dass wir dort einkehren können. Im Schatten der Terrasse ist gut sitzen, und die große Zahl der Tische lässt darauf schließen, dass es hier in der Saison richtig was los ist. Dakos, Lachanodolmades, Melitsanosalata und Ntomatokeftedes wandern auf unsere Teller und von dort in unseren Magen. So in der netten Parea schmeckt es doppelt gut, man könnte hier den Nachmittag abhängen und schwätzen. Tun wir aber natürlich nicht, sondern fahren gegen halb drei weiter nach Osten, wo die Schwefelküste lockt.

 

Ich kenne die breite, aber löchrige breite Straße vom letzten Jahr, als ich hier mit dem Fahrrad unterwegs war und sie von Tankwagen nassgespritzt wurde, damit es nicht so staubt. Die Autoverleiher wollen nicht, dass man ihre Fahrzeuge damit malträtiert, verbieten die Zufahrt und lassen einen im Pannenfall dort hängen. Lothar ist aber erfahren was griechische Pisten betrifft, und steuert uns souverän um Steine und Löcher. Ist tatsächlich nicht so schlimm, wenn man langsam und vorsichtig fährt. Auf mein Anraten hin - das sich als übervorsichtig erweisen soll - stellen wir das Auto dann an der Biegung oben zu Beginn des Tales ab, bei den großen Gesteinshaufen, Schwefel und Co. Tatsächlich hätten wir noch etwas weiter fahren können, vor bis oberhalb der Bucht. Aber so können wir den farbenprächtigen Taleinschnitt von oben genießen, und uns dabei noch etwas die Beine vertreten. Bei dem strahlenden Sonnenschein heute präsentiert sich das Tal noch imposanter als letztes Jahr bei bedecktem Himmel, dafür weniger düster und verloren. Wir können auch von oben schon sehen, dass sich zwei, drei Badegäste am weitläufigen Ufer tummeln. Na, das stört uns nicht. Massenbetrieb ist hier nicht zu befürchten.

 

Das azurblaue Meer flasht mich dann noch mehr als die Ruinengebäude, die in der Sonne Hitze abstrahlen. Einer der schönsten Plätze auf Milos, und ich finde es witzig, dass noch in der 2006er-Auflage des Kykladen-Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag zu diesem Platz geschrieben steht "große Steinbrüche und Verladeanlagen, nichts zum Baden". Da war der Herr Fohrer wohl gar nie da, sonst hätte er nicht so einen Unsinn geschrieben. Oder war es Absicht, um diesen Geheimtipp für sich zu behalten?

Egal, Herbert und ich stürzen uns schnell in die kristallklaren und kühlen (20°) Fluten, Hanne und Lothar folgen nachdem sie ihren Fotorausch ausgetobt haben. Unsere Badekleidung können wir dabei schonen - die anderen Badegäste sitzen weit entfernt bei den kleinen Steinbrücke, wo es etwas Schatten hat, und tun es genauso.

Herrlich!! Wieder so ein perfekter Urlaubstag, und weitere werden folgen. Mit einer Ausnahme, aber das weiß ich da noch nicht.

 

Wir lassen uns danach auf dem hübschen bunt-ockerfarbenen Kies von der Sonne trocknen (geht blitzfix) und genießen das Hier und Jetzt. Kann mir bitte jemand einen Frappé organisieren? Metrio me gala? Nein? Dann müssen wir hier wohl doch wieder weg, und den Frappé anderswo nachholen. Später.

 

Der Aufstieg zum Auto - mein Vorschlag an Lothar, das Fahrzeug zu holen und uns am Ende der Ausbaupiste abzuholen, wird von diesem unverständlicherweise abgelehnt - ist weniger schweißtreibend als befürchtet, und wir können nochmals im Rot, Weiß und Orange des Felsentales schwelgen.

Und das erfrischende Kaltgetränk gibt es dann im "Milors" an der Paralia in Adamas. Der Service ist eher mäßig, aber Bier und Frappé kalt, und was will man mehr?

 

Danach legen wir alle eine schöpferische Pause in unseren Quartieren ein, und verabreden uns für den Sonnenuntergang auf der Platia an der Panagia Korfiatissa in Plaka.

 

In der Kajak-Basis in Triovasalos treffe ich Rod. So nice to be back!  Dann sind auch einige der künftigen MitpaddlerInnen da, die sich nach der Tagestour an den Tischchen vor dem Kafenio an kalten Getränken festhalten. Viele Däninnen, deren Namen ich mir auf die Schnelle nicht merken kann, und ein englisches Paar. Zwei Kanadierinnen, die nur heute dabei waren, und Amorgos lieben. Wir schwärmen gemeinsam, von der "Scopelitis" und deren befürchteten Ausfallserscheinungen.

Und meine Zimmernachbarin Jan aus Salt Lake City, die sich den Paddel-Virus schon vor langem geholt hat und ihn seither jedes Jahr hier austoben muss. Braungebrannt, klein und knuffig ist sie, eine Künstlerin. Ich schätze sie auf um die siebzig. Wenn sie in einem Kajak sitze, fühle sie sich überall wohl, sei es in Mexiko, Venedig oder Griechenland, erzählt sie.

Heute waren sie an der Nordküste und zu den Glaronissia unterwegs, erzählt sie, und morgen soll es nach Vani gehen. Mist, da möchte ich ja unbedingt auch mal hin, aber morgen wird es nicht gehen, das ist für mein Parea reserviert. Es schmerzt nur ganz kurz, denn ich werde morgen auf alle Fälle auch einen schönen Tag haben mit unserer Gruppe. Und Vani ist auch ziemlich weit, quer über die Bucht von Milos. Wäre wohl nichts für mich Single-Anfängerin.

 

Die Sonne geht gegen Viertel nach acht unter, aber ich bin schon vorher auf der Aussichtsterrasse vor der Kirche. Eine Viertelstunde läuft man von Triovasalos nach Plaka wenn man nicht rennt, den kürzesten Weg muss ich erst noch finden. Die Taverne von Archontoula ist schon ziemlich voll, aber wir müssen nicht dort essen gehen, es gibt Alternativen.

Im Vergleich zu Ende Oktober ist in Plaka deutlich mehr los, die vielen Läden sind geöffnet und wieder fällt mir auf, wie international die Milos-Besucher sind. Viele harren wie ich dem Sonnenuntergang. Ist auch einfach ein stimmungsvoller Ort.

 

Die Hänge von Milos unter mir sind schon in tiefes Schattenschwarz getaucht, während die Kirche Panagia Thalassitra am Kastro-Hügel und die Kapelle obenauf noch von der Abendsonne beleuchtet werden. Auch dort oben stehen Sonnenuntergangsbewunderer.

Mein Sehnsuchtsziel Kap Vani ragt wie eine anschleichende Echse in den grau-goldenen Golf von Milos, und dahinter schwebt Antimilos in einer Dunstwolke. Natürlich setzt auch ein kleines Segelschiff wie bestellt einen Punktakzent. Die sinkende Sonne färbt die Szenerie in Violett- und Rottöne - also dagegen kann mir jeder Sonnenuntergang in Ía gestohlen bleiben. Und auch wenn ich in Gesellschaft zahlreicher Menschen das Naturschauspiel bewundern, so ist es doch vom Gedränge auf Santorin weltenweit entfernt.

 

Lothar hat inzwischen einen Parkplatz gefunden und seine Parea hierhergeführt. So können wir gemeinsam schwelgen. Und natürlich muss ein Foto von uns allen gemacht werden, das weniger später den Weg nach Köln findet. Schade bloß, dass die Empfänger, etwas inselblind, das Geschehen auf Syros statt auf Milos eingeordnet haben. Trotz Panagia Thalassitra im Hintergrund. Man sieht nur was man weiß?

Den an Eindrücken gefüllten Tag beenden wir in der "Plakiani Gonia" mit Kaninchen-Stifado, Fava und griechischem Salat. Am Nachbartisch sitzen die Paddler, und Lothar staunt darüber, dass es fast alles Frauen sind, und außerdem eher im mittleren als im jugendlichen Alter. Nein, Seakayaken ist eher keine Hardcore-Adventure-Sportart. Zumindest hier auf Milos. Sag ich so. Und hab doch keine Ahnung was noch auf mich zukommen wird.

 

Morgen bleib ich aber noch an Land.