Oktober auf Naxos

Der „Champions League Jet 1“ ist wirklich sehr voll, so dass ich mich auf meinem gebuchten Platz ganz hinten im obersten Deck einrichten muss. Durch die verspritze Scheibe kann ich hinaussehen, wei wir Kreta hinter uns lassen. Nach draußen kann man während der Fahrt nicht, und während des Halts auch nur ungerne – auf das kleine Raucherdeck und zum Missfallen der Besatzungsdame, die und schnell wieder hineinscheucht.

Neunzig Prozent der Passagiere verlassen das Schiff auf Santorin, wo nach zwei Stunden Fahrt die Reihen von wartenden Bussen schon ein Vorgeschmack auf das Programm der Tagesausflügler geben. Entsprechende vielsprachige Durchsagen hatte ich nach Kräften ignoriert, und bin froh, dass ich jetzt weiterfahren kann, während sich die Schlange der Busse die Serpentinenstraße zum Calderarand hochquält. Es sind aber auch viele neue Passagiere an Bord gekommen. Eilige auf dem Weg nach Mykonos und Piräus, schätze ich, aber heute habe ich es auch eilig.

 

Und so komme ich schon um halb zwölf auf Naxos an. Unter weiß-blauem Himmel ziehe ich meinen Trolley treppauf ins mein Stammquartier „Anixis“, wo ich mein „Turmzimmer“ schon bezugsfertig auf mich wartet. 55 Euro bezahle ich dieses Mal pro Nacht, zuzüglich zehn Euro fürs Frühstück wenn gewünscht. Den kleinen Heißwasserkocher im Zimmer gibt es nicht mehr, sonst sehe ich keine Veränderung.

Der Hunger treibt mich erst mal an die Paralia, wo ich mich vom Angebot in der „Taverna“ überzeugen lasse: kleine frittierte Fische mit Pommes, dazu Limo, Wasser und Brot. Die Essenportion ist üppig, das Brot hätte ich gar nicht gebraucht. 18 Euro bezahle ich, und ziehe mich dann für einen kleine Pause wieder ins „Anixis“ zurück.

Um 16 Uhr nehme ich dann den Bus nach Plaka. Letzten Herbst habe ich eine Woche dort gewohnt und bei warmem Wetter die Strandnähe genossen. Dieses Jahr war ich hin und her gerissen zwischen Stadt und Strand, aber es ist schon der 9. Oktober und die Taverne dort schließen peu à peu. Dazu die Kutschiererei mit dem Bus wenn man ab Chora etwas unternehmen will. Obwohl nicht weit, reichte die halbe Stunde Fahrtzeit nicht immer wenn viel los war.

 

Das Meer hat immerhin noch 21 Grad Celsius. Passt zum Schwimmen. Dann gucke ich bei Margrit vorbei. Sie ist langjährige Naxos-Liebhaberin und Leserin meiner Webiste. Letztes Jahr war sie meine Zimmernachbarin bei „Michaella“. „Bist du nicht Katharina von Nissomanie?“ fragte sie am zweiten Tag beim Frühstück über die Balkonbrüstung, und wir waren dann einige Tage zusammen auf der Insel unterwegs. Sie kommt gerade mit dem Auto zurück, wir schwätzen etwas in ihrem Zimmer. Dann brechen wir auf nach Mikri Vigla, wo sie mit Sabine und Frank verabredet ist, ebenfalls langjährige Naxos-Fans. Wir gehen ins Restaurant „Mikri Vigla stou Liofagou“ essen, das ich nur geschlossen vom Ende einer Kajaktour kenne. Das Essen ist gut, die Sicht klar, der goldene Sonnenuntergang hinter Folegandros ist traumhaft, sogar Milos lässt sich in der Ferne ausmachen.

Es tut gut, wieder auf Naxos zu sein.

 

Wir haben einen schönen Abend, ehe ich von Plaka aus mit dem Bus nach Chora zurückfahre,

Aber in der Nacht ist es kalt im Zimmer. Ich werde morgen um eine wärmere Decke bitten. Dieser Oktober ist nicht annähernd so warm wie der im Vorjahr.

 

*

 

Das Wetter ist aber perfekt am Freitag. I thalassa san ladi. Wäre es auch für eine Kajaktour. Leider kann Manolis bis Montag keine Touren anbieten, da seine Frau Christina nach Donoussa gefahren ist, wo morgen der Donoussa Trail Run stattfindet, an dessen Rande sie beruflich zu tun hat. Manolis muss sich dann um Töchterchen Ariadni kümmern, die gerade in die Schule gekommen ist. Ab Sonntag soll es aber wieder deutlich windiger werden. Es wäre ja wie verhext, wenn das mit dem Kajaken auf Naxos auch nicht klappen würde. Vielleicht ein Zeichen, dass Paddel endgültig zur Seite zu legen? Nein, so schnell gebe ich auf!

 

Ich genieße das Frühstück auf der Dachterrasse des „Anixis“ und mache mich danach wanderfertig.

Schon länger wollte ich von Kynidaros nach Engares wandern. Leider fährt der Bus dorthin nicht täglich, und dann auch erst mittags. Margrit hatte angeboten, Taxidienste zu übernehmen, aber heute werde ich mir ein Taxi gönnen. Das kostet allerdings 35 Euro ab Naxos-Stadt nach Kynidaros, und so zögere ich kurz, steige dann aber ein.

Die Fahrt dauert länger als gedacht, kurz nach elf Uhr setzt mich der Taxifahrer in Kynidaros ab. In dem Dorf war ich noch nie, es zeigt sich still und sonnig, voll netter Schmuckdetails. Ich gehe im Dorf bergwärts, erreiche eine befestigte Straße und steige auf ihr weiter. Blick auf Marmorbruch, Weinberge und einen doppelgipfligen Berg.

Bald habe ich eine Art Pass erreicht und blicke nun über ein langes Tal unter mir. Dahinter die Gipfel des Mavro Vouni-Massives, fast tausend Meter hoch, und auch mal ein Ziel. Aber nicht in diesem Urlaub. Weiter links blitzt das Meer heraus, und Paros ist zu sehen. In das Tal führt nun ein gepflegtes Kalderimi hinab.

Die Regenfälle der letzten Tage haben das Heidekraut zum Blühen gebracht, und vereinzelt entdecke ich Alpenveilchen. Und das Tal hat schon wieder einen grünen Schleier. Schön! Und wunderbar zum Wandern.

 

Weiter unten tauche ich in einen Wald aus Eichen und Platanen ein. Anderthalb Stunden nachdem ich in Kynidaros aus dem Taxi gestiegen bin, erreiche ich den Talgrund bei einer überraschend großen, zweibogigen steinernen Brücke. Der Bach führt Wasser, und gar nicht so wenig. Zwischen den Platanen stehen sogar Bananenstauden. Ich könnte weiter talaufwärts gehen bis zur Kapelle Agios Artemios und zur Garinou-Quelle, aber laut Wegweiser sind das noch 25 beziehungsweise 40 Minuten, und das ist mir jetzt zu weit hin und zurück.

Der Weg führt unter der Brücke durch entlang des Bachlaufes nach Westen, zunächst etwas zugewachsen zwischen Oleander und anderem Buschwerk. Wenig später quere ich den Bach, der immer wieder zu kleinen Becken aufgestaut ist. Ein malerisches und üppiges Märchental. Nun führt der Weg vom Talboden hinauf auf halbe Höhe. Kurz darauf bietet sich eine gemauerte Plattform als Rastplatz an, und dann kommen mir auch mal zwei Wanderer entgegen.

 

Das Tal zeigt sich in meiner Gehrichtung nun abgeschlossen, laublose hellgraue Baumskelette überragen dauergrüne, buschige Steineichen. Wenig später passiere ich Ruinen von Wassermühlen. Und je mehr ich mich dem unteren Talende nähere, desto deutlicher steigt ein kegelförmiger Berg vor mir hoch. Links auf einem Feld ist ein Imker in voller Montur bei seinen Bienen zugange. Natürlich hat auch Naxos den besten Honig, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte … 😉

 

Gegenüber steht ein weißes Kirchlein in der hier schon öfters gesehenen Bauweise mit einem gewölbten Dach, leider verschlossen. Agios Georgios. Ein guter Platz für den Schutzheiligen der Landwirte.

Hier, am Ortsrand von Engares, der Mesa Gitonia heißt, hat die Zivilisation mich wieder. Ich biege von der Straße ab, die an der Kapelle geendet hat, komme aber vom richtigen Weg am Bachbett ab und doch wieder auf eine Straße. Verpasse weitere Mühlenreste anzusehen. Dafür sind es nur ein paar Meter zu den maroden Wänden und Nischen einer doppelschiffigen Kapelle nördlich der Straße. Panagia Monastiriotissa, weiß die App. Fresken in den Apsiden sind allenfalls noch zu ahnen. Sie könnte aus dem 8. Jahrhundert sein, aber Naxos hat so viele alten Kirchen (und Ruinen), wer soll sich um all die kümmern?

 

Die nächste Ruine ist besser erhalten: ein Pyrgos liegt im Tal rechts des Weges: der Pyrgos Prantouna. Die Haupttüre mit dem Wappen der Pradounas-Familie ist verschlossen, die Türe daneben ist aber kaputt und ermöglich mir den Zugang ins Innere. So lange scheint das Gebäude noch nicht verlassen, denn die Möbel und der Boden könnten in schlechterem Zustand sein. Ein Lost Place des feinsten Sorte trotzdem. Und schade, dass hier niemand etwas daraus macht. Aber gut, dann käme ich wohl mehr nicht hinein.

 

Nach Engares hinein ist es nun nicht mehr weit. An der Durchfahrtstraße ist eine geöffnete Taverne. Sie ist belegt von einer lautstarken amerikanischen Touristengruppe. Ich wundere mich, wie sie hierherkommen. Also mit dem Bus, das ist klar, der steht da. Aber hier, so abseits? Warum?

Ich bestelle mir eine Limo und überlege, wie ich nach Naxos-Stadt zurückkomme.

Den letzten Bus habe ich verpasst, zu Fuß auf der Straße ist es weit. In meiner Anavasi-Karte ist ein Fußweg südwestlich eingezeichnet, auf dem man direkter über Hügel nach Chora kommen müsste. Probiere ich aus, ich fühle mich sowieso noch nicht ausgelastet. Verlasse Engares auf der Straße Richtung Kourounochori, finde dort auch die Abzweigung. Der Feldweg führt an einem Hof vorbei durch einen Mulde, dann entlang zahlreicher Terrassenfelder leicht bergauf. Irgendwann verliert sich der klare Weg, dafür habe ich jetzt ein halbes Dutzend an jeder Terrasse entlang. Ich quere einige Terrassen, siegt an deren steinigem Rain hinauf, muss aber wieder zurück weil es hier nicht weitergeht. Finde wieder einen Weg, aber es sind viele und doch kein richtiger. Die App ist hier keine Hilfe, sie zeigt keinen Pfad an. Verschwitzt muss ich nach einer halben Stunde Wegsuche aufgeben und nach Engares zurückgehen. Nicht so leicht, den richtigen Weg im Terrassenlabyrinth zu finden, aber ich habe meinen Weg ja aufgezeichnet, und das hilft.

 

In Engares bin ich jetzt wirklich erledigt, schleppe mich auf der Straße Richtung Galini. Hoffe darauf, von einem Auto mitgenommen zu werden. Aber von den wenigen Auto in meiner Fahrtrichtung verlangsamt keines als ich den Daumen rausstrecke, alle sausen vorbei. Ob ich durch Galini irgendwie abkürzen kann? Ich bleibe lieber auf der Straße. Der Weg zieht sich jetzt, die Kurven muss ich auslaufen, und bergauf geht es auch noch. Irgendwann hinter Galini hält dann endlich ein Auto, es ist ein deutsch-australisches Touristenpaar, das mich nach Chora mitnimmt! Thank you, vielen Dank! Das waren jetzt gut 13 Kilometer heute, inklusive des sinnlosen Abstechers. Reicht für heute.

Gegen fünf Uhr bin ich wieder im Hotel, körperlich ziemlich erledigt, aber zufrieden. Ich mag Naxos.

 

Zum Abendessen gehe ich heute ins „Meze²“ und bestelle das Trio aus Melitsanosalata, Tsatsiki und Tirosalata zum halben Liter Wein. Der ist mir zu viel, aber Viertelliter gibt es nicht mehr, nur Gläser mit schlechtem Preis-Leistungs-Verhältnis. Manchmal bricht die Schwäbin in mir durch. Mit zwanzig Euro für die Rechnung bin ich aber zufrieden und satt.

Morgen möchte ich wieder wandern.