Wachesel, das Kloster, eine Fata Morgana und die kalte Chora

Am ersten Tag lassen wir es gemütlich angehen. Versuchen erst mal, die Buspläne zu eruieren. Die hängen überall, gelten bis in der Woche nach Ostern und führen sonntags keine Busverbindung auf. Heute ist Sonntag, und die Woche nach Ostern endet heute auch. Kein Bus folglich, was uns nicht wirklich stört: Wir wollen hinauf nach Minoa, me ta podia, das ist ja nur ein 2-Kilometer-Spaziergang. Das Wetter ist optimal: Sonne und etwas Wind, angenehm.

Bei der Kirche oberhalb der Pension „The Big Blue“ versperren uns zwei Esel den Weg, eine Stute mit ihrem fast ausgewachsenen Jungtier, sie am langen Seil, das Halbwüchsige frei. Kein Grund zur Panik im Grunde, aber die Begleiterinnen haben reichlich Respekt vor den beiden Viechern und trauen sich nicht vorbei. Mach ich eben den Eselsflüsterer (na, ja, eher –schreier) und locke die Tiere zur Seite, klappt bestens.

Der gepflasterte Fußweg bis zur Piste nach Minoa ist gesäumt von grünen Wiesen und Wildblumen, vor allem der Mohn und die Lupinen entzücken mein Fotografenherz, und der erst zart aufblühende Ginster. Die beiden Kapellen an der Wegmündung sehen so grün-bunt umrahmt noch besser aus! Dann auf der Straße weiter bergan bis zum Marmara-Sattel, einen schönen Blick hat man auf die entfernt Chora und bis Alt-Arkessini. Vom Sattel geht es weiter hinüberauf nach Minoa, offenbar hat man auf Amorgos Wachhunde abgeschafft und durch Esel und Pferde ersetzt: Ein braunes Pferd oder Muli versperrt uns nun den Weg, es hat sich von seinem Strick losgerissen, fordert Aufmerksamkeit. Ich muss wieder als Muliflüsterer in Aktion treten.

Die Ausgrabungen von Minoa, na ja, da braucht man viel Phantasie, denn die Beschilderung ist lückenhaft und verwittert. Einiges ist mit Zäunen abgesperrt, Pfeile weisen den Weg drumherum, der ziemlich zugewachsen ist.

Im Grunde bin ich vor allem wegen der Aussicht hier oben, kann die aber nicht genießen weil mir beim Klettern auf den „Gipfel“ die Begleiterinnen abhanden gekommen sind. Nachdem ich fast den ganzen Hügel abgesucht hab und durch hohes Gras und Stock und Stein gestolpert bin, treffe ich sie wieder am Eingang – sie sind zurückgegangen. Schade, haben sie den schönen Blick auf Katapola verpasst.

Wieder unten in Katapola essen wir einen griechischen Salat bei „Viktoras“, einer Imbissbude an der Platia. Das Essen ist gut, der Service aber unwillig. Dann eben nicht mehr.

Im Mini-Markt bei der Panagia Katapoliani gehen wir noch einkaufen. Den netten Besitzer und seinen Vater kenne ich noch vom letzten Besuch. Wir kommen ins Gespräch: Seine Schwester lebt in Nürnberg, aber er konnte sie noch nie dort besuchen, denn er hat so viel Arbeit! Er hat nämlich gebaut, für seinen Sohn wenn ich es richtig verstanden habe, zeigt uns Fotos, Farbkopien davon entdecken wir später überall im Ort: Edelstudios und ein Restaurant oben bei Kamares/Vrutsi. Es gäbe sehr gute Küche dort, zu normalen Preisen. Alles wäre erst letzte Woche eröffnet worden. Wir sind etwas geplättet von den Fotos, die er uns zeigt – Hundertwasser auf den Kykladen? Und nicht auf Santorin, Mykonos oder Folegandros, sondern jwd, bei Vrutsi, im amorgianischen Niemandsland? Ob das Restaurant denn geöffnet wäre, wir kämen morgen vielleicht dort in die Gegend. Ja, es wäre offen. Nun, wir werden sehen...

 

Wir genießen den Rest des Tages auf dem Balkon in der Nachmittagssonne, frieren trotzdem durch vom frischen Wind. Badewetter ist das noch nicht, obwohl doch der kleine Sandstrand direkt vor dem Haus lockt.

Zum Abendessen gehen wir ins „Muragio“ – lecker die Oktapodia in Öl. Die Tochter des Wirtes bedient sehr nett, sie hat gerade ihr Studium als Übersetzerin für Arabisch in Athen abgeschlossen und hilft nun während der Saison in der Taverne. Arabisch auf Amorgos – vielleicht ein Zukunftsmodell? Unsere Zimmerwirtin kommt vorbei, gibt uns den Wein aus. Vorsaisonstimmung – schwer zu schlagen! Alles noch siga siga, Zeit für ein Schwätzchen und das Gefühl, nicht nur ein zahlender Gast zu sein.

Für zwei Tage werden wir uns ein Mietauto nehmen. Letztes Mal waren wir bei „Thomas“ sehr zufrieden (nicht zu verwechseln mit „Tomaso“, dem dritten Autoverleiher neben „Anemos“). Wir bekommen einen Chevrolet Matiz für 20 Euro am Tag. Mangels Kreditkarte bleibt mein Personalausweis als Sicherheit beim Verleiher.

Wir fahren nach Chora, tanken noch an der Tankstelle auf halbem Weg. Da das Kloster Chozowiotissa nur bis 13 Uhr geöffnet ist, werden wir zuerst dorthin gehen.

Auf dem Parkplatz bei den Serpentinen steht nur ein Kleinbus – er ist der des Klosters, und ein Mönch (Pater Spiridon?) steigt aus, schultert einen Sack mit Getreide (?) und macht sich auf den Fußweg zum Kloster. Wir folgen langsam. Der Weg ist soo schön, das frische Grün überall, das blau-türkise Meer unten, schwitzen müssen wir kaum. Und vorne das Weiß des Klosters. Ich renne voraus, meine „Jajades“ sind mir mal wieder viel zu langsam. Vorne am Kloster kommt ein anderer Mönch und nimmt Spiridon den Getreidesack ab, sie verschwinden unter den niedrigen Tor. Die obligatorischen Klosterkatzen sind auch da.

Ich zippe meine Hosenbeine ab, zieh mir den Rock über die Shorts. Für Frauen herrscht Rockzwang, auch lange Hosen gelten nicht. Leihröcke gibt es nicht mehr. Blöd, denn meine Mutter hat vergessen, einen Rock einzupacken. Sie hängt sich ein knallgelbes Badetuch als Rockersatz um, fixiert es mit einer Wäscheklammer. Die Tante zieht einen Rock über die lange Hose. Eigentlich kann man Kleidervorschriften kaum unwürdiger konterkarieren. Ich überlege, ob ich die Möglichkeit habe, so zu tun als ob ich nicht dazugehöre – kein Chance. Wir betreten geneigten Hauptes das Kloster durch die niedrige Pforte, steigen dann die steile Treppe hinauf. Wir sind die einzigen Gäste. Ein dunkelhaariger, junger Mönch mit offenem Blick bittet uns in die Kirche. Wir sind unsicher, fliehen auf den Balkon, wo uns gleißendes Licht empfängt. Spektakulär der Blick hinab, gebremst von den grünen Gärten unterhalb des Klosters. Wieder hinein. Der Mönch erklärt uns etwas in einer Sprache, die er für Englisch hält, ich verstehe kein Wort. Die Tante fragt, ob wir singen dürften. Unverständnis im Blick des armen Mönches? Ti? Die Begleiterinnen legen los „Laudate omnes gentes“, ich bin hin und hergerissen zwischen Scham und Lachen. Dazu das Outfit der Beiden – ich muss mich abwenden. Hinter mir erstirbt der Gesang – blamabel (und ich bin schuld). Was hat der Mönch wohl gedacht? Touristes! Heiden! *schäm*

 

Er weist noch auf einige besondere Prunkstücke der Kirche hin (Nagel, Leuchter, Ikonen), und erklärt, dass auch Gäste im Kloster wohnen können - eine Frau alleine nicht, zwei Frauen ja. Schade, dass man nicht den Wohnteil des Klosters besichtigen kann, wäre sicher interessant!

Dann bekommen wir im Gästesalon von einem jungen Mann, der den Mönchen hilft, ein Glas Wasser, einen Rakomelo und Loukoumia serviert. Von den Wänden gucken die Fotos früherer Äbte und Bischöfe. 40.000 Menschen kommen im Jahr ins Kloster Chozoviotissa – heute sind wir die Einzigen, wie schön!

Kloster und Menschenmengen – das passt nicht zusammen.

Wir ziehen wieder ab, zum Auto, und weiter südwestwärts. Wieder ein Kloster, dieses Mal ohne Mönche: Das Kloster Giorgos Walsamitis. Bekannt für sein Wasserorakel, das ein Bischof vor noch gar nicht so langer Zeit zuschütten liess – zu fest verankert war noch der heidnische Brauch. Die Mönche von Chozowiotissa sind hier wohl auch zuständig, es hat einen netten Klostergarten.

 

Dunkle Wolken sind aufgezogen, der Wind bläst hier oben sehr stark. Wir können in die Kirche hinein, sie ist offen, ein Aufseher ist da, zeigt uns auch den Ort des Orakels in einer kleinen Kabine in der Kirche. Der Reiseführer behauptet, es wäre inzwischen wieder in Gebrauch, der Aufseher bestreitet das. Die Panigiri hier muss ja auch erst gewesen sein, wichtiger Heiliger, der Schorsch, überall.

Vor Kamari eine Blumenwiese, wie wir sie auf Amorgos noch nie gesehen haben! Rot, blau, gelb, grün – der Fotoapparat stößt an seine Grenzen. Wer in einem, zwei Monaten kommt, kann es sich nicht vorstellen.... Apropos Kamari, da war doch was? Genau, die neue Edelanlage mit Taverne! Hunger haben wir auch, biegen ab in eine schmale Zufahrt, parken auf dem Sattel vor der Anlage. Sieht alles sehr zu aus. Wir steigen aus – und fliegen fast davon! Was ein Wind hier! Wie kann man nur auf die Idee kommen, hier Studios und eine Taverne, nein: ein Restaurant zu bauen? Wir schleichen um das rechte Gebäude herum, drinnen sind die Tische gedeckt, sieht sehr chic aus! Wie wir uns eben wieder abwenden wollen, kommt von innen ein gut gekleideter Mann geeilt, schließt auf und bittet uns herein. Ja, es wäre geöffnet.

 

Wir treten ein und glauben an eine Fata Morgana: Mit Mosaiken im Hundertwasserstil gekachelte Torbögen, Stühle aus Kunstrattan, Schwarz-Weiss-Fotografien von Amorgos (wir sehen sie später im Laden in Katapola) edler Stil! Wow!! Nicht, dass das das wäre was wir unbedingt wollten auf Amorgos, aber beeindruckt sind wir trotzdem.

Der Mann ist der Manager, nicht der Sohn des Supermarktbesitzers wie wir glaubten. Er gibt uns einen Schlüssel, wir könnten uns ein Appartement ansehen wenn wir wollten. Wir wollen. Die Zimmer sind schön eingerichtet und gut ausgestattet, gerade noch geschmackvoll, großzügig. Edle Rattansofas und -sessel auf der Terrasse. Aber hier, auf dem Sattel jenseits von Gut und Böse auf Amorgos, wer soll hier denn wohnen? Wir sind inzwischen völlig durchgefroren und bestellen drinnen erst mal heißen Tee. Ob es etwas zu Essen gäbe? Griechischen Salat, Zucchinikeftedes, Tomatenkeftedes, Keftedes. Klingt verlockend, und wir bestellen dreierlei Keftedes. Etwas mulmig ist uns schon, eine Speisekarte haben wir nicht gesehen, wer weiß was das hier kostet?

Die Keftedes kommen, schön heiß – und einfach göttlich! Zum Reinliegen vor allem die Tomatenbällchen – die können kosten was sie wollen, bei dem Genuss! (mir läuft beim Schreiben noch das Wasser im Munde zusammen)

 

Der Manager unterhält sich mit einer Frau – ein Gast? Nein, sie gehört auch zum Personal, es geht um die Essensdisposition. Natürlich wollen wir vom Manager nun wissen, was die Studios hier denn kosten. Den aktuellen Preis weiß er gar nicht (wohnt auch noch niemand hier), aber im August kostet das Studio pro Nacht 150 Euro, „special price“. Nicht unsre Preisklasse, aber wohl nicht zu viel. In der Augusthitze hat man hier bestimmt immer ein frisches Lüftchen, und die Athener Haute-Volle verfügt über das nötige Kleingeld. Nur ein Pool fehlt – wäre angesichts der Trockenheit von Amorgos auch unverantwortlich! Einen Prospekt hat der Manager leider nicht – noch in Druck. Aber eine Website gibt es: Anemolithi (Windsteine? Wie passend!) heißt die Anlage, http://www.anemolithi-amorgos.gr/

Das Restaurant kocht übrigens biologisch und mit regionalen, frischen Produkten – das schmeckt man. Die Rechnung ist überraschend niedrig: Zu dritt bezahlen wir knapp 20 Euro, die Keftedes zwischen 4 und 5 Euro, der Tee jeweils 1,50 Euro, das Brot pro Person 50 Cent. Wir wünschen Anemolithi viel Glück, werden beim nächsten Amorgos-Besuch bestimmt wieder vorbeigucken.

 

Wir fahren weiter Richtung Südwestspitze, der Bucht von Kalotaritissa. Halten unterwegs in Arkessini an der Ruine des antiken Wachturmes. Das Gelände ist mit Zäunen abgesperrt, daneben ein paar renovierte Gebäude, deren Sinn sich uns nicht erschließt. Ein Museum? Auf der Weiterfahrt sehen wir immer wieder Haubenlerchen auf der Straße trippeln, wegfliegen. Und auf einmal zwei Wiedehopfe! Habe ich noch nie gesehen – wir sind entzückt!

In Kolofana statten wir der Kirche Agia Paraskevi einen Besuch ab. Die Anlage hat so viele einzelne Zellen für die Familien der Besucher bei der Panigiri am 26. Juli, da kommen die Leute von nah und fern, früher sogar barfuss als Wallfahrt! Und wieder sehen wir zwei Wiedehopfe – die selben?

Nächster Zwischenstop ist oberhalb vom Wrack der „Olympia“ – ein Foto muss sein, rostrot vor türkisgrün. Suchen auch gleich nach dem rostigen VW-Bus von Olga und Niki – wir finden ihn zwar nicht, aber adäquaten Ersatz. Nun das nächste Mal noch Farbe mitbringen zur Verzierung – Sprayer, ab nach Amorgos’ Süden!

Schließlich Kalotaritissa, die Bucht. Ein paar Sonnenschirmskelette vermitteln Western-Atmosphäre. Ein paar Fischerbötchen schwimmen in der fast kreisrunden Bucht, zwei Fischer arbeiten an ihren Netzen, einer auf seinem Kaiki. Sie scheinen Steine gefischt zu haben, zumindest befreien sie ihre Netze davon indem sie die brüchigen Steine aus den Maschen treten. Viel Steine, wenig Fisch... Dann sind da noch die drei Enten und eine angriffslustige Gans, ziemlich aufdringlich, sind wir die ersten Touristen dieses Jahr? Die Gans wittert Fressen, streckt den Hals und will ins Auto gucken, als wir abfahren – komischer Anblick!

Zurück in Chora. Wir parken unterhalb vom Buswendeplatz und steigen aus. Der kalte Wind bläst uns beinahe um und bestätigt unser Vorurteil: In Chora ist es immer einen Kittel kälter als in Katapola. Heute vielleicht sogar zwei Kittel. In den verwinkelten Gassen ist es zum Glück nicht so schlimm mit dem Wind, die sind geschützter (Sinn und Zweck der Kykladenarchitektur). Das trübe und kalte Wetter schlägt uns etwas auf die Stimmung. Ein paar Souvenirläden haben geöffnet, zwei oder drei. Nichts los. Gar nichts. Außer den beiden Kafenia vorne an der Bushaltestelle und ganz hinten, auf dem Weg zu den Windmühlen, hat noch die Café-Bar an der hinteren Platia offen, Musik dringt heraus. Ein Pappas und eine Frau an und in einer der zahlreichen Doppel- und Dreierkapellen, die sonst leider alle zu sind. War ich in der Chora von Amorgos jemals in einer ungezählten der Kapellen, oder sind immer alle zu? Ebenso wie das kleine Museum – schade! Ich nähere mich, aber das Schwätzchen ist schon beendet, der Pappas zieht davon, die Kapelle ist wieder zu.

Ich geh ein Stück hinauf zu den Windmühlen, ein paar sind renoviert, eine eingerüstet. Hübsch, die roten Dächer mit dem grünen Gras. Leider ist das Fotolicht schlecht, und der Wind lässt verwackeln.

Wir genießen noch ein wenig Chora-Atmosphäre, dann wollen hier essen, im „Liotrivi“. Aber wir finden es nicht, trotz Hinweisschild. Entweder wurde es nun zu einer Café-Bar ungebaut, oder es hat noch nicht geöffnet. Inzwischen sind wir so durchgepustet vom Wind, dass wir die Flucht nach Katapola antreten. Dann essen wir eben nochmals im „Mouragio“. Und es schmeckt wieder, wie gestern.

Morgen wollen wir wandern.