Panigiri in Megalochori, und nach Chalkiada

 

In der Nacht regnet es immer wieder, aber am Morgen hat es aufgehört. Der Himmel ist verhangen, das Meer tief graugrün, was fotografisch einen ganz neuen Aspekt ins Spiel bringt.

Irgendwann um acht Uhr läuten die Glocken, und später auch wieder. Gottesdienste in Griechenland dauern lange, das wissen wir. Wir verfaulenzen den Vormittag und brechen zu spät zur Kirche auf – so sehen wir gerade noch wie die Prozession mit der Ikone wieder in die Kirche zurückkehrt. Danach ist die Messe vorbei. Nicht so schlimm – der gesellschaftliche Aspekt ist bei Panigiria eh interessanter. Wir werfen einen schnellen Blick in die Kirche, ergattern noch ein Stück Artos und schauen ob sich nun festmäßig irgendetwas ergibt. Die Leute sitzen herum und unterhalten sich, die zahlreichen Pappades räumen ihre Sachen zusammen, die Frauen helfen dabei.

Ein Haushaltswarenstand und ein Stand mit Kinderspielzeug versuchen die Leute zu Einkäufen zu locken. Die Hälfte des Spielzeugstandes ist rosa – Zielgruppe sind kleine Mädchen. Für die Jungs gibt es Plastikpistolen und -knarren in allen Größen. Keines der angebotenen Spielzeuge sieht so aus als würde es eine Stunde intensiven Spieles überleben, aber all die pinkfarbenen Puppenkinderwägen werden nachher verkauft sein, und ein kleines Mädchen wird den seinen später mit glücklichem Gesicht auf die Fähre schieben.

In der Taverne „To Konaki“ soll es heute Live-Musik geben, quasi panigiribegleitend. Die Gemeinde will das wohl selbst auf die Beine stellen. Da werden wir am Abend mal reinsehen.

Die Pappades rücken ab zur Gyros-und-Souvlaki-Bude, da findet nun am Mittag der gemütliche Teil statt. Aber wir haben noch keinen Hunger.

 

Ich möchte eigentlich gerne noch zum Strand von Chalkiada, der südlich des Skala-Ortsteiles Skliri unterhalb einer Felsenwand liegt. Statt der Badesachen haben wir zwar nur den Schirm dabei, aber ich möchte ihn mir vor allem ansehen. Und so gehen wir auf der oberen Straße nach Skala. Eine Ape Calessino begegnet uns, sie stand vorher schon vor der Kirche. Dreirädrige Kutschfahrten – eine schöne Idee!

Wir gehen auf das sandige Kap an der Kirche Agii Anargiri hinaus. Feinster Muschelsand, wunderschön! Plötzlich sinke ich knöcheltief ein, habe Matschsand im linken Schuh. Toll, aber die ollen Treter kann es nicht mehr ruinieren. Barfuß am Strand entlang bis zur ersten Bank an der Promenade, Füße putzen. Unterwegs noch Muscheln sammeln. Ob es hier Naxos-Augen gibt? Wir finden keine.

 

Zwei Männer sind am kleinen Anleger zugange, mit einem gut zwei Meter langen Stil mit einem handartigen Körbchen vorne dran. Sie pflücken Seeigel vom Anleger, und verzehren sie an Ort und Stelle. Ich hab noch nie Seeigel gegessen, und hab auch kein Verlangen danach. Man schlürft sie wohl roh wie Austern…. Oder soll die Aktion dem Entfernen von Seeigeln dienen? Dann dürften die Männer gerne mal am Strand von Megalochori tätig werden.

Neben dem Fähranlieger liegt ein türkisgrünes Wasserschiff namens „Filiatra“, dessen Farbe hübsch mit dem ähnlich grünen Meer harmoniert. Und die „Poseidon Hellas“ mit der großen Klappe ist im Anrollen, am Anleger warten schon die Leute. Es sind ganz schön viele, und auch viele Leute samt Auto gehen von Bord. Wochenendtrip oder Segelfans?

Das Schiff hat zwanzig Minuten Aufenthalt, da muss niemand hetzen. Ein kleiner wuscheliger Hund begleitet eine Frau mit Trolley an Bord und muss von seinem Herrchen zurückgeholt werden. Ein später Passagier muss erst noch ein Ticket am Schalter kaufen. Siga siga…. Und der Bus war auch da, bringt Gäste nach Megalochori. Und viertel nach eins legt das Schiff dann ab.

Und wir gehen weiter nach Süden. Südöstlich des Anlegers hat es zahlreiche Hotels, von denen das „Kerkifalia“ sicher das vornehmste ist. (Kerkifalia ist der frühere Name von Agistri.). Und dann ist da noch die familiäre und vielgelobte Anlage „Rosy’s Little Village“, in der man noch seinem Bedürfnis nach Yoga, Qigong, Shiatsu und anderen Workshops nachkommen kann. Agistri liegt einfach günstig für so etwas.

 

Die letzten Quartiere vor der Pampa sehen dann wieder eher ärmlich und vernachlässigt aus, und das riesige Privathaus auf Stelzen vom Typ Beton-ist-schön hat auch schon bessere Zeiten gesehen und ist einfach nur hässlich.

Nach dem letzten Häuserklotz beginnt der Wald, und die Wege teilen sich: einer führt hinab zu kleinen Strand von Skliri, der anderen hinüber nach Chalkiada. Durch Kiefernwald und vorbei an einem wilden Campingplatz in wenigen Minuten bis zur Steilküste oberhalb des beeindruckenden Chalkiada-Strandes (der übrigens Griechenlands erster FKK-Strand war.

Wildcampen und FKK – da hätten ein paar In-Greecler dauerhaft Schaum vor dem Mund ;-) Aber hier scheint es niemand zu stören...). Irgendwo kann man dort auch hinab. Als hätte eine Invasion von Außerirdischen stattgefunden, steht auf dem Strand ein knappes Dutzend silberfarbener Zelte, und ein paar Surfbretter dazwischen. Schattenlos kochend in der nun wieder wolkenlosen Mittagssonne – da ist jetzt sicher niemand drin. Am Strand ist aber auch niemand.

Ein Mann kommt herauf, auf einem schmalen, unbefestigten Weg – die Steilküste ist recht lose und sandig hier. Er will mir zeigen wie man besser hinunterkommt (irgendwie außenherum), aber wir wollen ja gar nicht, und er ist auch zufrieden. Dann kommen zwei junge Leute vom Typ Aussteiger mit Brennholz daher (wo sie das her haben? – Ist doch bestimmt schon alles abgegrast).

 

Wir kehren nach Megalochori zurück, mit einer Rast auf eine Eis bzw. eine Granita in einem der schicken Cafés in Skala – na ja. Aus dem Ortszentrum von Megalochori dringt Musik, Live-Musik. Vor der Taverne „Konaki“ spielt eine Band, es sind aber nur wenige Tische belegt – Stimmung sieht anders aus. Eine einzelne Touristin bewegt sich trotzdem entrückt zur Musik – ich finde es ein bisschen peinlich. Da kommen wir heute Abend wieder, jetzt verpassen wir nichts.

Lieber gehe ich nochmals Baden. Die drückende Schwüle des Mittags ist nun weg, dafür sind wieder Wolken da, und ein frischer Wind macht das Liegen am Strand ungemütlich. So sitzen wir später auf unserem Balkon, da haben wir den Überblick: Die Griechen fahren wieder hinüber nach Aegina, die Psychoanalytiker haben frei, der Flying Dolphin kommt und geht, mit weitem Bogen nach Westen hinüber. Große Frachter liegen vor Salamina.

 

Um halb acht sind wir dann im „Konaki“, es ist immer noch nicht viel los, gerade zwei oder drei Tischen sind belegt, und die Frauen an einem Tisch scheinen so eine Art Stammtisch zu sein. Die Band spielt aber ohne Pause, Rembetika und Laika.

 

Wir nehmen erst mal nur einen Ouzo, der uns aber nur mit dem Versprechen genehmigt wird, dass wir nachher auch was essen wollen. Wollen wir. Es gibt Huhn oder Schwein aus dem Ofen, und wir würden gerne beides probieren, aber der Braten wird kiloweise verkauft, Mindestbestellmenge ein halbes Kilo. Gut, dann miso kilo kotopoulo me patates. Einen griechischen Salat dazu, und einen halben Liter Weißwein (dem noch einige folgen werden). Das Huhn schmeckt total lecker, der Salat ist umfangreich und passt hervorragend zum Geflügel, die Musik ist auch schön, und langsam, ganz langsam kommen mehr Leute.

 

Die zwei Sänger wechseln sich ab, die Stimme des einen gefällt mir besser. Jetzt singt er Lieder von Alkinoos Ioannidis, später von Charis Alexiou. Der Andere ist mehr für die Traditionales zuständig, eine gute Mischung insgesamt.

 

Am Nachbartisch erscheint ein junger Mann, trunken im Siegesrausch: Olympiakos Piräus hat im Basketball das Halbfinale der Euroleague gewonnen. Er umarmt Leute, wirft immer wieder kleiner Böller, wird immer wieder überwältigt von Freudensausbrüchen. Wie schön wenn man sich so freuen kann, das ist richtig ansteckend!

Wir sind inzwischen auch in so einem angenehmen schwirrenden Zustand und genießen unseren Abschiedsabend. Schade, dass keiner tanzt!

Und dann kommt dieses Lied, ein Kalamatianos, und ich denke, wenn sie jetzt nicht tanzen, dann tanzen sie nicht mehr. Und schon stehen die ersten auf, und es geht los. Es wird kein rauschendes Tanzfest mehr, aber immerhin komme ich nach dem guten Essen noch zu etwas Bewegung.

 

Als wir uns kurz vor Mitternacht losreißen zeigt die Band keinerlei Müdigkeitserscheinungen. Und auch von unten, vom Hafen aus der Taverne „Mandraki“ kommt uns Musik entgegen. Noch lange in der Nacht wiegt uns die Beschallung in den Schlaf, aber das stört uns nicht…

 

*

 

Unser Germanwings-Flug nach Stuttgart soll am Nachmittag um Viertel vor vier abfliegen. Da haben wir genug Zeit zum Packen, und zum Zahlen des Zimmers. Wir bekommen tatsächlich eine ordnungsgemäß ausgestellte Quittung über die vier Nächte, und ein wenig Smalltalk mit der Wirtin Katerina muss auch sein. Sie hat viele Stammgäste aus dem Ausland, aber die Krise macht sich natürlich auch hier bemerkbar – die Wochenend- und Kurzurlauber aus Athen bleiben aus oder kommen weniger – es fehlt überall am Geld. Und im Ausland ist Agistri nicht so bekannt. Dabei liegt es doch so nah….

 

So wünschen wir ihr und ihrem Mann einen schönen und gut gebuchten Sommer, und dass die Krise ein baldiges Ende finden möge. Sehr optimistisch sind wir da alle nicht.

 

Wir könnten auch eine Flying Dolphin später nehmen, bauen aber lieber noch etwas Reserve ein, und so bringt uns Katerinas Mann um halb zehn zum Hafen. Die Tickets nach Piräus kosten 13 Euro 50 pro Person, wir fahren wieder mit Hellenic Seaways via Aegina.

Mal gerade eine Stunde dauert die Überfahrt (auch wenn das Meer glatt ist kann ich diesen Fahrten mit Tragflügelboten nicht wirklich etwas abgewinnen), um elf Uhr stehen wir am Anleger von Piräus und bestaunen drei riesige Kreuzfahrtschiffe (darunter die knapp 300 Meter lange „Costa Deliziosa“), und die giftgrüne Ex-Vodafone, jetzt Cosmote-Schnellfähre „Highspeed 5“.

Es ist wenig los am Hafen von Piräus, Samstagmittag. Wir nehmen den nächsten Bus zum Flughafen, kaufen die Tickets beim Busfahrer (eigentlich zahlen Senioren über 65 Jahren nur 2,50 Euro, hab ich neulich auf der OASA-Website gelesen, aber auch für die Mutter werden fünf Euro fällig – da muss man wohl nachhaken) und sind wenig nach ein Uhr am Flughafen. Viel zu früh.

 

Wie viel zu früh merken wir dann beim Einchecken: der Flieger (deutsche Fluggesellschaft Germanwings – übrigens laut Übersichtstafel der einzige verspätetet Flieger an diesem Nachmittag – am Wetter oder an Streiks kann es nicht liegen) sei noch in Stuttgart, der Abflug wäre verschoben auf 18 Uhr (statt 15.45 Uhr). Grund? Gibt es keinen. Sonst irgendeine Info oder ein Freigetränk? Auch nicht.

Wir hängen den Nachmittag genervt auf dem Flughafen herum und ärgern uns weil wir locker noch den ganzen Vormittag auf Agistri hätten verbringen können. Auch um 18 Uhr hebt der Flieger noch nicht ab, es gibt weitere Verzögerungen. Warten am Gate, warten im Bus, warten im Flieger. Um 19 Uhr starten wir endlich, da hätten wir schon in Stuttgart sein sollen.

Auch an Bord kommt als Entschuldigung für die Verspätung lediglich der Hinweis auf eine Flugplanänderung. Und der Steward ist beim Anbieten der kostenlosen Getränke und des Imbisses (ein belegtes Brötchen) so zurückhaltend, dass die meisten der Fluggäste das Angebot ablehnen weil sie glaube, sie müssten dafür bezahlen. Zu Trinken werden nur Wasser und Kaffee offeriert, auf Nachfrage bekomme ich dann aber eines den niedlichen 0,15-Liter-Döschen mit Cola, die mir schon beim Rückflug von Catania vor einem Jahr die Tränen in die Augen getrieben haben.

 

Wir landen mit dreieinviertelstündiger Verspätung in Stuttgart, und Germanwings wird noch von mir hören (Mein direktes Schreiben wird als standardmäßig als unbegründet abgeschmettert, und so läuft nun eine Klage über Flightright*.)

 

Aber der Urlaub war schön, und die Argosaronischen Inseln sind auf alle Fälle einen Besuch wert.

Im Rückblick hat mir Hydra am besten gefallen, und da möchte ich unbedingt nochmals hin. Vielleicht im Winter – mal sehen.

* Im Februar 2014 hat Flightright für uns eine Erstattung in Höhe von 800 Euro erstritten. Nach Abzug der Provision und MWSt. bleiben 562 Euro für uns übrig.

Und ich fliege jetzt auch gerne wieder mit Germanwings... ;-)