Nach Loggos, Paxos, und drumrum

 

Kleine Tragflügelboote sind nicht so mein Fall seit einer Überfahrt von Vulcano nach Milazzo vor Jahren bei bestem Wetter und dennoch übelkeiterregendem Schwanken. Die „Santa III“ macht außerdem noch einen eher betagten Eindruck. Andererseits kann es auch kaum schlimmer kommen als gestern.

Der Passagierraum ähnelt dem eines Flugzeuges, Sitzreihen auf beiden Seiten, nur großzügiger. Ich lasse mich auf einem Sitz am Fenster nieder – und sitze tiefer als erwartet, der Sitz ist total durchgesessen und ich sitze quasi auf dem Gestell. Anderer Platz – nein, der Dolphin füllt sich schnell, gut dass wir rechtzeitig da waren.

Die "Santa III" später in Gaios
Die "Santa III" später in Gaios

Fast pünktlich um 14.45 Uhr fährt er ab. Wir sitzen auf der rechten Seite in der Hoffnung, so einen guten Blick auf Korfus Küste zu haben. Der Dolphin fährt sehr schnell, nimmt aber Kurs von der Küste weg nach Osten, nicht nach Südosten. Er wird doch nicht in Igoumenitsa halten? Das wäre praktisch für unseren Rückweg, denn gtp hat nicht für jeden Tag eine Fähre von Paxos nach Igoumenitsa aufgeführt, nur Montag, Dienstag und Donnerstag – das wäre einen Tag zu früh, und wir müssten evtl über Korfu reisen - ein ordentlicher Umweg. Aber nein, es geht nun zwar die ipirotische Küste entlang (von der wir nichts sehen weil wir rechts sitzen), aber ohne Halt. Der Umweg hat seine Gründe wohl im Wetter, denn als das Tragflügelboot schließlich nach Süden Richtung Paxos dreht, fängt es auch gleich mächtig an zu schaukeln. Hinter uns werden erste Kotztüten gebraucht und von der Stewardess mit viel Aufhebens gebracht. Da die Luft im Passagierraum wesentlich besser ist als auf der „Pegasos“ und wir auch das Wippen nicht so heftig finden, geht es uns noch gut.

 

Vorne kommt nun Paxós in Sicht. „Paxos“ oder „Paxi“ – bei der Informationssuche bin ich immer wieder auf diese beiden unterschiedlichen Endungen gestoßen. „Paxi“ (auf Griechisch Παξοί, die Betonung liegt hinten!) ist Mehrzahl (wie auch Othoni, geschrieben Οθωνοί, oder Fourni, und Lipsi) und gilt im Grunde für die beiden Inseln Paxos und Antipaxos zusammen. Wir fahren also stous Paxous – zu den Paxi-Inseln, obwohl wir zunächst nur nach Paxos fahren.

 

Der Fährhafen liegt etwas außerhalb des Hauptortes Gaios an der Ostküste, ziemlich im Süden von Paxos’. Nach etwas über einer Stunde Fahrt sind wir dort. Das Wetter hat sich verschlechtert und als wir an Land gehen, weht es ordentlich und fängt an zu regen. Toll! Das Wetter in diesem Urlaub ist wirklich verbesserungsfähig, wenn das auf den ionischen Inseln immer so ist, dann werden wir in Zukunft lieber der Ägäis treu bleiben.

 

Auf Paxos gibt es drei größere Orte an der (Ost-)Küste, Lakka im Norden, Loggos in der Mitte und Gaios im Süden. Alle Befragten, die schon mal auf Paxos waren, haben uns, wenn wir es ruhig wollten (und das wollten wir), zu Loggos (Λογγός auch Longos) geraten. Und da wollen wir nun hin. Es soll eine Bus dorthin geben, vom Hafen aus.

 

Den gibt es natürlich nicht, sagt mir ein Einheimischer auf meine entsprechende Frage hin. Nachsaison, oder was weiß ich warum. Wie nun nach Loggos kommen? Nach Gaios laufen (etwa ein Kilometer) und von dort mit dem Bus, oder mit dem Taxi. Wir entscheiden uns angesichts des Wetters fürs Taxi, direkt neben uns steht nämlich eines, und das ist auch frei. Die Fahrerin gibt den Preis mit zehn Euro an, kommt uns fair vor, und wir steigen ein.

Die Fahrt geht auf kurviger Straße erst die Küste entlang, dann etwas ins Inselinnere. Was wir sehen, gefällt uns gut, richtig gut! Es erinnert an Othoni: endlose Olivenwälder (der Reiseführer spricht von über 250.000 Bäumen – wer die wohl gezählt hat?) und immer wieder nette Steinhäuser darin – die sind aber weniger verfallen als auf Othoni.  Auf halber Strecke fragt uns die Fahrerin, wohin wir konkret wollen in Loggos. Wir suchen ein Quartier, antworte ich ihr, ob sie etwas empfehlen kann? Und träume natürlich von einem der netten Steinhäuser, am liebsten am Meer, die die zahlreichen Internetanbieter von Paxos vor allem für den britischen Markt anbieten (Agni, Paxosrooms, Paxostravel, Paxosmagic u.a.). Nachdem die Taxifahrerin gefragt hat, wie lange wir bleiben wollten (bis Freitag = sechs Nächte) sagt sie, sie hätte ein Appartement zu vermieten, wir könnten es uns gerne mal unverbindlich ansehen. Na, das trifft sich aber gut!

Kurz darauf sind wir in Loggos. Loggos wird gerne als idyllischer Fischerort bezeichnet, die übliche Reiseprospektprosa, denn Fischer mag es dort mal gegeben haben, inzwischen werden dort allerdings (nach christlichem Vorbild?) nur noch Menschen gefischt, am liebsten englische Touristen. Der Ort liegt an einer kleinen Bucht, die Straße führt knapp hundert Meter lang vor den Häusern direkt am Wasser entlang und ist eher schmal. Wer sich versteuert, landet im Meer oder auf einem der zahlreichen Motorboote, die zu mieten sind. Die Ruine einer Olivenölfabrik schließt den Strand und die Uferpromenade ab, die Straße führt wieder ins Inselinnere und wir leider mit, nix war’s mit einem Häuschen am Meer. Am Supermarkt von „Mastoras Travel“ hundert Meter weiter hält das Taxi, die Wohnung befindet sich darüber. Sie ist sehr geräumig, hat zwei Schlafzimmer, also Platz für vier Personen, eine gut eingerichtete Küche mit Esszimmer, Satelliten-TV, einen schmalen Balkon (mit Blick auf ein kleines bisschen Meer wenn man den Hals reckt) und kostet pro Nacht 50 Euro. Paxos ist – wie die ganzen Ecke um Korfu – deutlich teurer als die Kykladen, und erst recht als die Dodekanes. 50 Euro pro Nacht hatte auch die Recherche auf diversen Internetseiten ergeben für Appartements, Häuser sind deutlich teurer (außerdem muss man die Preise immer noch von britischen Pfund in Euro umrechnen und pro Woche mieten), und so willigen wir ein. Die Taxifahrerin, die sich uns als „Aglaia“ vorstellt, will uns aber keineswegs bedrängen. Der Grund liegt wohl darin, dass sie die Wohnung erst putzen muss, die letzten Gäste sind am Vortag ausgezogen, und sie dachte wohl nicht noch mal zu vermieten in diesem Jahr.

Wir werden uns während der Reinigungsprozedur ein Stunde im Ort herumtreiben, gehen die Straße und einen Weg vor zum Ufer. Alles sehr überschaubar und kompakt zusammen hier: Zwei Cafe-Bars, eine Bäckerei, dreieinhalb Restaurants, noch ein Supermarkt, ein Mini-Markt, zwei oder drei Andenken-und-Diverses-Läden,  zwei Reisebüros, ein paar Motorbootverleihe. Eine kleine, unscheinbare Kirche ohne Glockenturm mittendrin. Es ist Samstag Nachmittag - außer den Café-Bars haben alle geschlossen. Da es nun stärker regnet setzen wir uns in die mittlere Café-Bar unter das wasserdichte Dach und ordern zwei griechische Kaffee, süß. Leider kommen sie sketo, pur, kaum zu trinken, igitt. Zwei Nachbartische sind belegt, Engländer am einen, diskutierende und tavli-spielende Einheimische am anderen. Wir gucken aufs Meer, das ganz gut Wellen hat und immer wieder über die Hafenbefestigung auf die Straße schlägt. Die ipirotischen Berge jenseits des Meeres sind gut zu sehen.

Dann wieder hinauf zum Quartier. Aglaia wohnt wohl selbst nicht dort, aber ihre Mutter wohnt im Nachbarhaus, und ihr Sohn (ne, kann nicht sein, muss wohl ihr Onkel oder so sein) hätte den Supermarkt unten, mit Bootsverleih Captain Nikos Boats. Ich würde ja auch gerne einen Tag ein kleines Boot leihen und die Küste entlangschippern, das ist ohne Bootsführerschein möglich. Nur die Mutter hat inzwischen ein Bootstrauma, und will nicht. Mal sehen.

 

Wir kaufen unten im Supermarkt das Nötigste ein und richten uns häuslich ein. Dann fragen wir Aglaia noch, welches Lokal sie uns empfehlen kann. Sie rät zum „Gios“, und da gehen wir dann am Abend hin.

Wir erkennen den ausgestorbenen Ort vom Nachmittag kaum wieder! An der Uferpromenade ist gut was los! In dem terracottafarbenen Haus am nördlichen Ufer befindet sich das Nobelrestaurant „Vassilis“, in dem man für ein Abendessen zu zweit laut Reiseführer schon 50 Euro anlegen muss. Vor dem Haus kann man aber nicht sitzen, das Meer gischtet noch zu weit herein. Die nächste Taverne ist das „O Nasos“, das werden wir in den nächsten Tagen ausprobieren.

Wir streben ins „O Gios“ daneben, das Tische drinnen und unter einem Dach hat, fast alle sind belegt, es ist Samstag Abend. Zwei Frauen schmeißen den Laden bedienungstechnisch, man ist vollkommen auf englischsprachiges Publikum eingestellt. Die Küche ist nicht unbedingt typisch griechisch, zumindest wären mir Schwein in Orangensauce oder Hühnchen mit schwarzer Zuckerkruste bisher entgangen. Die Hauptspeisen kosten fast alle 10 Euro, der halbe Liter Wein vom Faß (oder Tetrapack) schlägt mit 4,50 Euro zu Buche, das Brot mit einem Euro pro Person. Immerhin gibt es auch so leckerer Dinge wie Kolokithokeftedes, und die schmecken wirklich gut, ebenfalls das Schwein in Orangensauce – was ein Glück, dass die englische Küche hier nicht mehr Einfluss hat! Die Engländer gehen übrigens früher essen, schon um 19 Uhr sind die Lokale voll was den Vorteil hat, dass man zwei Schichten fahren kann, denn die Griechen kommen erst um 21, 22 Uhr. Wenn welche kommen – am Samstag ja (Griechische Familie mit albanischem Kindermädchen), sonst eher nein. Aufs Haus bekommen wir noch einen Rakomelo und ein Stück Kuchen. Doch, das gefällt, wir kommen wieder!

Am nächsten Tag ist Sonntag. Das Wetter ist etwas freundlicher, es regnet nicht mehr. Man wird ja wettertechnisch anspruchslos auf den Ionischen. Nach dem Frühstück drehen wir ein Runde im Ort. Kaufen die empfehlenswerte Wanderkarte „The Bleasdale Walking Map of Paxos“  10. Auflage von 2008, in der auch schmale Fußwege eingezeichnet sind. Und Brot beim Bäcker. 5 Minuten südöstlich von Loggos befindet sich der Ortsstrand „Leverechia“, ein überschaubarer Kiesstrand, auf dem sich ein paar Liegen verlieren. Zwei, drei Leute sitzen da, ob des bedeckten Himmels aber nicht in Bademontur. An und in der Taverne hinter dem Strand wird gearbeitet, Albaner mal wieder. 2.400 Einwohner hat Paxos laut Reiseführer, und 800 (legale) Albaner. Wobei mir nicht klar ist ob die Albaner nun zu den Einwohnern zählen, oder zusätzlich.... Neben der Taverne verstreut so schnuckelige Ferienhäuschen, alle belegt. Kein Wunder, bei dem trüben Wetter fühlen sich Engländer wie zuhause.

Am Nachmittag juckt es uns in den Beinen. Laut Busfahrplan (der bis heute gilt) gibt es täglich jeweils drei Busse nach Lakka und nach Gaios. Außer sonntags, da fährt keiner. Heute ist Sonntag. Wir beschließen, nach Lakka zu wandern, sind fünf bis sechs Kilometer. Die erste Abzweigung nach rechts verpassen wir, egal, nehmen wir eben die Straße. Es fahren nur wenig Autos, dafür gilt es einige Serpentinen auszulaufen. Serpentinen, die durch Olivenhaine führen. Die knorrig-löchrigen  Stämme sehen faszinierend aus, uralt sind manche der Bäume. Die Netze für die bevorstehende Ernte liegen überall in Päckchen in den Hainen, direkt neben den blühenden Alpenveilchen.

Nach knapp zwei Kilometern sind wir oben im Inselinneren. Irgendwie hat man aber trotzdem keine Aussicht, die Bäume sind zu hoch. Zwei Straßen führen von hier nach Lakka, wir nehmen die östliche, etwas längere. Alle hundert Meter steht eine der für die Insel typischen Kirchen: sehen eher aus wie Scheunen, haben keinen Turm, weshalb die Glocken direkt am Gebäude hängen. Geschlossen sind sie alle, immerhin können wir bei der Agios-Panteleimonas-Kapelle einen Blick ins Innere werfen weil man auf einer Außentreppe auf eine baufällig wirkenden Empore steigen kann.

Nach Westen Olivenwälder so weit der Blick reicht. Mitten drin, wie ein Pilz, phallusähnlich fast, der Campanile von Ypapanti in Grammateika.

Etwas weiter geht rechts die Straße zum anscheinend schönen Strand von Manadendri ab – laut Schild ist hier für alles gesorgt was der Tourist verlangt, inklusive des exklusiven Glyfada Beach Village. Wir verzichten auf den Abstecher und ziehen weiter nach Lakka. Vorbei kommen wir ständig an mehr oder weniger großen Häusern, eine Anlage ist besonders eindrucksvoll: nagelneu, hoher Mauern, breite Zufahrt. Wer hier wohl residiert?

Dann erreichen wir Lakka. Die weite Bucht ist eindrucksvoll, viele Segelboote liegen darin, dazu die unvermeidlichen Rent-a-Boat-Motorboote, und ein paar Ausflugsschiffe. Los ist aber nix – es ist Sonntag Nachmittag, das Wetter trübe, und Nachsaison.

Etwas abseits wird gerade ein großes Motorboot aus dem Wasser geholt, mehrere Männer und ein Traktor sind im Einsatz, Geschrei, Diskussion, Rangieren. Das Boot ist draußen und soll unter eine Kiefer geschoben werden, allerdings hängen einige großen Äste zu weit hinunter, gefährden den Bootsaufbau und die Masten. Diskussionslos gibt es hier nur eine Möglichkeit: Die Äste müssen ab! Zehn Minuten später ist eine Motorsäge im Einsatz, der Baum verstümmelt, das Boot wie gewünscht geparkt.

Wir wenden uns der anderen Buchtseite zu: Der Ort ähnelt etwas Loggos, nur ist er größer, weiter. Tavernen, Cafés bis ans Meer, die Straße davor, Engländer drin. Wir trinken ein Radler, denn trotz des bezogenen Himmels ist es nicht kalt, und wir erhitzt. Die Preise sind auch hier eher in der oberen Klasse angesiedelt, fünf Euro werden fällig für Limo und Bier. Da die Läden alle geschlossen sind, machen wir uns bald wieder auf den Rückweg, die Straße hinauf. In Argyratika biegen wir von der Straße ab und wandern über das Dorf Dendiatika zurück. Dendiatika liegt oberhalb von Loggos, hat eine entzückende, eher untypische Kapelle (Yperavia Theotokos Zoodochou) und besteht zu 90 Prozent aus Ferienhäuschen. Zum Abendessen wandern die Bewohner hinunter nach Loggos und lassen sich danach mit dem Taxi wieder hinaufbringen.

Auf den letzten Metern ist der Blick nach Loggos besonders schön. Weiter vorne liegt die Ruine einer Windmühle, den Umweg spare ich mir heute, den hebe ich mir für besseres Fotowetter auf.

Um unsere Wohnung treiben sich drei Katzen herum, eine schwarze und eine dreifarbige mit einem mickrigen Jungen. Sie werden von den Supermarktbesitzern gefüttert und von deren kleiner Tochter herumgezogen, dennoch ist das Kätzchen so dünn, dass es wohl kaum durch den Winter kommen wird. Es turnt unermüdlich auf den Treppen zu unsere Wohnung herum.

Ein ganz anderes Kaliber sind die Monsterkatzen unten an der Uferpromenade. Selten in Griechenland so eine Ansammlung von wohlgenährten Riesenkatzen gesehen, die dann auch logischerweise so profanes Essen wie Brot oder Pommes verschmähen. Ob es am Herz der Engländer für Tiere liegt? Wir essen wieder im „O Gios“, das Essen (Hähnchen mit schwarzem Zucker) ist erneut gut. Heute ist weniger los als gestern, die beiden Bedienungen aber dennoch ein wenig gestresst. Wenn wir die Tagesspeisen, auf Englisch heruntergerattert, nicht gleich verstehen, wird die Dunkelhaarige etwas ungeduldig. Es wird Zeit, dass die Saison zu Ende geht!

 

Anderer Meinung sind bestimmt die Stechmücken, die danke fehlender Moskitogitter vor den Fenstern in der Nacht über uns herfallen. Man hört sie nicht, man sieht sie nicht, und es juckt trotzdem überall. Mistviecher!

 

Mal sehen ob morgen Wanderwetter ist.