Despotiko

Meine Wirtin Sofia ist so nett und richtet mir schon um halb acht das Notwendigste fürs Frühstück hin.

Der Sonnenaufgang hat sich wieder nicht lumpen lassen und überzeugt mit orange-violetten Farbschattierungen. Kann nur ein guter Tag werden.

Pünktlich um zehn nach acht stehe ich am Parkplatz an der Bushaltestelle. Michelle und Katrin sind auch gleich da, dazu kommen noch zwei Roxane und Cathrin, zwei nette junge Frauen asiatischen Typs aus Seattle, und noch ein junges amerikanisches Paar, das extrem blass ist. Dazu der Franzose François, den ich gestern bei "Mitsi" gesehen habe. Außerdem ist Alex 2 wieder mit dabei, und Giannis, der sich uns als "John" vorstellt und der Bruder von Alex 1 ist. "John" statt Giannis - geht ja gar nicht. Na, auf Paros vielleicht schon, wo beim Paddelpublikum die englische beziehungsweise amerikanische Muttersprache der Paddler eindeutig dominiert. Giannis hat am Monastiri-Strand einen Verleih von allerlei Wassergerät - SUP, Wasserski, Wakeboard und ist auch so eine Sportskanone wie die beiden Alex. Ob ich mich am Monastiri mal im SUP probieren soll?

In Parikia werden wir noch vier Australier mitnehmen (zwei Paare), und in Pounta stößt noch Georgios dazu, der der Bruder von Alex 2 ist wenn ich das richtig verstanden habe. Wir sind also eine richtig große Gruppe heute, 17 Personen. Mehr geht nicht, der Kajak-Anhänger ist mit zwölf Kajaks, davon fünf Doppel, voll belegt.

 

Wir fahren mit drei Autos nach Pounta an der Westküste von Paros. Von hier setzt die Fähre nach Antiparos über, auch so ein "Pantoufla", also eine Pendelfähre vom Typ Landungsboot. Die Überfahrt ins nur einen Steinwurf entfernte Antiparos dauert gerade mal zehn Minuten - schwer vorstellbar, dass gleich zwei mir bekannte Paare mal auf Antiparos hängenbleiben, weil die Überfahrt wegen schlechten Wetters tagelang nicht möglich war.

Diese Sorge haben wir heute nicht, denn das Wetter ist wunderbar sonnig mit nur etwas Wind. Der Ansturm nach Antiparos hält sich in Grenzen und Alex hat genug Platz für seinen Bus mit Kajak-Anhänger. Sofia fährt einen Kleinwagen und Giannis hat seinen Jeepaki.

 

Für die Chora von Antiparos bleibt keine Zeit, aber so recht hat mir der Ort schon 1998 nicht gefallen, als ich ein paar Tage hier war. In Erinnerung sind vor allem die vielen Mücken geblieben, und der Trubel in der Tavernengasse. Dürfte kaum weniger geworden sein (also die Mücken vielleicht schon, aber nicht die Touristen).

Wir fahren entlang der Küste nach Süden, und dann an die Westküste an den Strand von Agios Georgios. Die Insel ist noch stärker zersiedelt worden, ich kann nicht sagen, dass es mir hier besonders gut gefällt.

 

Agios Georgios ist ein Strand mit flachen grauen Kieseln, die man wunderbar übers Wasser hüpfen lassen kann wenn man diese Kunst beherrscht. Viele fleißige Hände tragen die Kajaks zum Wasser, eine hübsche bunte Reihe. Ich bekomme wieder mein gelbes Laser, verstaue mein Sachen darin und harre dann der Dinge, die da kommen.

 

Alex gibt die obligatorische Einweisung in die Paddel- und Lenktechnik und zeigt uns auf der Karte dann die geplante Route: wir werden zunächst zur gegenüberliegenden Insel Despotiko übersetzen und dort die Vormittagspause machen. Dann soll es entlang der Küste von Despotiko nach Osten gehen und wieder hinüber nach Antiparos, wo wir Richtung Südspitze vulkanische Gesteinsformationen bewundern können ehe es zum Ausgangspunkt zurückgeht.

Mir ist alles recht.

 

Gegen zehn Uhr geht es endlich los, zunächst entlang der Küste mit der weit zerstreuten Feriensiedlung Agios Georgios. Im Wasser liegen diverse Boote und Bötchen vertäut, hier können wir Slalom fahren. Wir sammeln uns dort um schließlich den Schlag hinüber ins vielleicht achthundert Meter entfernt Despotiko zu machen. Dabei ist der Kanal nicht offen, sondern liegt recht geschützt vom unbewohnten Felseninselchen Kimitiri im Westen. Ein bißchen Wind hat es schon aber dennoch kein Problem, weder für die Einer noch für die Doppel.

Schon um zehn nach halb zehn ziehen wir unsere Kajaks an einen flachen Strand auf Despotiko. Es gibt hier einen langen Holzsteg, der als Bootanleger dient, aber außer uns ist niemand da. Außerdem hat es ein paar Trockenmauern am Strand, die vielleicht als Windschutz und Schattenspender dienen. Bäume sind Fehlanzeige.

Despotiko ist heute eine unbewohnte Insel (leider, so kann ich sie nicht "sammeln"), war aber seit der Bronzezeit besiedelt. Bis in hellenistische Zeit soll die Insel über eine Landzunge mit Antiparos verbunden gewesen sein. 1675 verließen die letzten Einwohner Despotiko wegen der vielen Piratenüberfälle.

Die ganze Insel wurde vor einigen Jahren zur archäologischen Stätte erklärt, denn es gibt hier zahlreiche Ausgrabungen, sowohl von bronzezeitlichen Gräbern als auch von Überresten eines Apollon-Tempels aus dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus.

Diese Stätte namens Mandra liegt dreihundert Meter oberhalb des Strandes und dorthin führt Alex uns nun.

Wir sind überrascht, denn dort oben sieht man nicht nur ein paar spärliche Steine im verdorrten Gras hinter einen rostigen Zaun liegen, sondern neben einer Containerhütte ragt ein filigranes Gerüst in die Höhe, hinter dem sich einige weiße Säulen und Querteile verstecken. Eine Handvoll Arbeiter ist dort zugange, offenbar soll der archaische Apollon-Tempel mit dem angebauten Hestiatorion wiederaufgebaut werden. Oder Teile davon. Die gemeinsame Vorhalle mit Kolonaden war 17 Meter lang und mit je acht oder neun Säulen ausgestattet. Ein paar Säulen mit Querträgern stehen schon wieder.

 

Giannis kennt einige der Arbeiter, und so kommt einer der Leute und erklärt uns zunächst, dass wir die Ausgrabung nicht fotografieren dürfen. Das ist schade, aber von außen sieht man sowieso nicht viel, und wir dürfen verständlicherweise nicht aufs Gelände. Aber die Arbeiter sind interessante Typen, ich werde später einen Bildband über sie in Parikia entdecken.

 

Anhand verschiedener Schautafeln, die der Arbeiter gebracht hat, erklärt uns Alex, was hier seit 1996 so ausgegraben wurde und was nun aufgebaut werden soll. Es leuchtet mir nicht so ganz ein, warum man im an antiken Relikten ja nicht gerade armen Griechenland ausgerechnet auf dieser abgelegenen und unbewohnten Insel nun einen Tempel rekonstruiert. Aber das Ganze dient tatsächlich eher archäologischem Wissensgewinn als hier in der Zukunft ein antikes Disneyland zu etablieren (was ich für ein fragwürdiges Unternehmen halten würde). Finanziert werden Ausgrabungen und Wiederaufbau von den Gemeinden Paros und Antiparos, der Kanellopoulos- und der Leventis-Stiftung, dem Ministerium für Schifffahrt und Inselpolitik und dem Internationalen Zentrum für Griechenland- und Mittelmeerforschung sowie zahlreichen privaten und örtlichen Sponsoren. An der Dokumentation beteiligten sich von 2010 bis 2012 auch Mitglieder der TU München, Lehrstuhl für Baugeschichte .

 

Sehr interessant, das Ganze. Einige der zahlreichen Funde, darunter drei Kouros-Teile, werden im archäologischen Museum in Parikia gezeigt. Müsste ich vielleicht mal besuchen.

Aber Despotiko ist nicht nur für Archäologen interessant, sondern auch für Naturfreude. Die Insel gehört zusammen mit der westlich gelegenen Insel Strongylo zum Natura 2000-Habitat, weil es nicht nur Mittelmeer-Mönchsrobben und Seegras-Wiesen (Posidonia) geben soll, sondern auch die typischen Vegetation von Phönizischem Wacholder, Kermes-Eichen und Phrygana besonders schützenswert ist.

 

Eine wirklich interessante Ecke der Ägäis ist das hier, und ich bin froh, dass ich sie heute besuchen darf.

Wir schlendern noch etwas um das Ausgrabungsgelände herum ehe wir wieder zum Strand hinabgehen und noch Zeit zum Baden und Schnorcheln haben und den Vormittags-Snack einnehmen.

 

Der Blick über die karge Insel und die Bucht von Despotiko hinüber nach Antiparos ist toll. Ein Esel steht einsam in der Landschaft bei einer primitiven Steinhütte und ein paar unten vom Vieh abrasierten Bäumen. Dahinter wirkt ein 200 Meter hoher Hügel auf Antiparos fast wie ein Fjord. Und dann kommt noch ein Mann in seinem Motorbötchen vorbeigetuckert, sein Hund sitzt hinter ihm. Schönes Bild!

Da stört das laute Ausflugsboot, die "Captain Ben" (mit aufblasbarer Wasserrutsche!), das auf seiner Inselumrundung von Antiparos ist, eher. Zum Glück legt es nicht hier an und die Ruhe kehrt wieder.

Der Wind hat gedreht, und Alex ändert unsere Pläne. Statt hinüber nach Antiparos zu paddeln, werden wir dem Küstenverlauf von Despotiko nach Westen folgen.

Um Viertel vor zwölf sind wir wieder auf dem Wasser und erleben kurz darauf eine faszinierend zerklüftete und von der Natur geformte Küstenlandschaft vom Feinsten. Dazu das klare türkisgrüne Wasser, ein Traum, der locker mit Milos mithalten kann.

 

Irgendwo am Kap Chalikia drehen wir um. Dort steht ein Felsen wie eine Reihe dunkler Zähne ins Meer, der optimale Hintergrund für ein Gruppenfoto, wie Katrin anmerkt. Giannis drückt auf den Auslöser und blickt in eine Reihe glücklicher Gesichter. Kann man einen perfekteren Tag erleben?

Es ist ein Uhr vorbei, als wir an der Nordküste von Despotiko an einem sandigen und schattenlosen Strand für die Mittagsrast anladen. Der Strand wird überragte vom spitzen Kegel eines nahen Hügels und eingesäumt von Felsen.

 

Das Wasser ist flach und klar und optimal geeignet für Kajak-Übungen aller Art. Alex 2 lässt sich von Alex 1 und Giannis in die Kunst der Kenterrolle einweisen, er ist offenbar ein Naturtalent, denn es dauert nicht lange, da hat er es fast geschafft. Am schwierigsten ist das letzte Stück, wenn man sich mit einem Paddelschlag genug Auftrieb holen muss um das Kajak samt Paddler aus der Kopfüber-Position wieder um 180° drehen muss. Ich hab schon Sorge, dass Alex 2 dabei ertrinkt, denn er bleibt lange mit dem Kopf unter Wasser. Da hält man auch als Zuschauerin die Luft an.

Auch Katrin lässt sich von Alex nun unterweisen, unter Mithilfe von Sofia, die aber auch schon still im Hintergrund das Sonnendach aufgebaut hat während die Jungs im Wasser herumplantschen.

 

Ich fühle mich nun auch bemüßigt, meine Kajakkenntnisse zu erweitern und möchte, dass Alex mir zeigt wie ich im Wasser (unter fremder Mithilfe) ins Kajak einsteige. Er hat mich aber offenbar missverstanden, denn er zeigt mir die Cowboy-Rettung, also wie man alleine wieder ins Kajak kommt indem man das Kajak-Ende zwischen die Beine nimmt und sich dann zur Luke zieht. Natürlich ohne erneut zu Kentern. Ich klebe aber mit meinem nassen Badeanzug zu sehr auf der Kajakoberfläche um mich mit der Kraft meiner Arme - falsche Gewichtsklasse und mein lädierter rechter Mausarm macht es auch nicht besser - in die Mitte des Kajak zu ziehen. Erschöpft lasse ich es dann lieber bleiben.

Die Gäste genießen ein Sonnenbad - selten so blasse Körper gesehen - oder einen Strandspaziergang. Die vier Australier bleiben lieber für sich, sie wirken weniger glücklich als Roxane und Cathrin, die jede Minute genießen und sich Tipps für weitere Inseln (Naxos, Kreta) geben lassen.

 

Der klassische Paros-Urlauber ist eher jung und hat von Inseln wie Milos, Amorgos oder Sifnos noch nie gehört. Auf seinem Programm stehen eher noch Mykonos und Santorin, oder Naxos und Kreta. Wer schon auf Santorin oder Mykonos war, fand es dort abschreckend voll oder nach einen Tag totlangweilig (auf Santorin!) und findet Paros paradiesisch.

 

Giannis interessiert sich sehr für unsere Eindrücke von Paros, und ich erzähle ihm, wie heftig ich die Veränderungen in den letzten 16 oder 25 Jahren empfunden habe und dass der Tourismus meines Erachtens nicht weiter zunehmen sollte. Da er nicht von Paros ist, kennt er die Insel noch gar nicht so lange. Aber er und sein Bruder Alex stehen eher für einen nachhaltigen, naturnahen und weniger ausbeuterischen Tourismus als die Generation ihrer Väter und Großväter, von dem sie sagen, dass sie ihn beenden wollten. Ihr Wort in Gottes Ohr! Wir sind uns aber alle einig, dass es ein Segen für Paros ist, dass hier noch keine Kreuzfahrer anlegen, und dass es auch keine Nonstop-Flüge aus Mitteleuropa nach Paros gibt. Klar liegt Paros an der Fährenrennstrecke Piräus - Paros - Naxos - Santorin, und auf eine Fähre passen viel mehr Menschen als in ein Flugzeug. Trotzdem hält der "Filter" Fähre das Maße der Besucher auf einem gerade noch erträglichen Maß im Vergleich zu Mykonos oder Santorin. Viele Griechenland-Urlauber sind bequem und schätzen keine langen Anreisen mit Zwischenübernachtungen und Fährfahrten, die womöglich auch noch den Unwägbarkeiten von Wind und Streiks unterliegen. Was ein Glück!! Mögen sie alle in ihren Komfortzonen bleiben .... :-)

 

Das Picknick ist wieder absolut köstlich. Sofia hat es um würzigen Ruccola bereichert, der in Kombination mit dem Manouri und dem Brot einfach genial schmeckt. Ich vergesse meine Vorsätze, nicht zu viel zu essen weil es bei der Rückfahrt im Magen liegen könnte (was es dann auch prompt tut).

Ich habe an solchen Tagen keine Uhr dabei, aber mein Fotoapparat sagt mir, dass es halb vier vorbei sein muss als wir wieder ins Kajak steigen. In einem Schlag geht es zurück zum Agios-Georgios-Strand auf Antiparos, zunächst ostwärts entlang der Küste Despotiko, dann über die Meerenge zwischen Antiparos und Despotiko. Der Wind bläst hier inzwischen ganz ordentlich und das letzte Stück des geschätzt viereinhalb Kilometer wird zäher. Unsere Paddelgruppe zieht sich ordentlich in die Länge, Alex fährt voraus ohne sich groß umzudrehen, Sofia macht die rote Laterne. Meine Arme werden müde (ich muss dringend an meiner Technik arbeiten , lange Schläge und die Rotation mit dem ganzen Oberkörper, nicht nur mit den Armen) und ich beneide die Doppelsitzer wegen ihr doppelten Kraft, deren Vorzüge sie mangels Erfahrung gar nicht zu schätzen wissen.

 

Es hat sich länger angefühlt, aber nach nur einer Dreiviertelstunde sind wir wieder am Georgios-Strand. Fast alle helfen gutgelaunt und fleißig, die Kajaks und das Zubehör zu verladen (manchmal sind die wohlmeinenden Helfer ja eher im Weg), nur die eine blasse Australierin sitzt lieber im Van und guckt in ihr Smartphone. Zu viel Sonne, oder zu lange ohne Handy-Empfang? Sie tut mir fast schon leid, weil die anderen fröhlich noch Steine übers Wasser flitschen lassen und den Tag offenbar so genossen haben wie ich. 

Der Kajak-Trip war für Paros-Verhältnisse lange, elf bis zwölf Kilometer.

 

Um Viertel nach fünf sind wir wieder zurück in Antiparos-Chora. Die Fähre nach Pounta ist voller als am Vormittag, Alex muss sich mit dem Anhänger etwas hineinquetschen. Die Überfahrt dauert wieder zehn Minuten, dann geht es stracks mit Absetzen der Australier in Parikia nach Naoussa, wo wir um 18 Uhr ankommen und uns von den restlichen Tagesgästen verabschieden.

Das war ein echt langer Tag und ich bin total fertig. Aber es war auch herrlich.

 

Morgen wollen Michelle, Katrin und ich gleich wieder ins Kajak. Weil Alex mit seiner schwangeren Frau zu einem Arztbesuch nach Athen muss, wird Sofia uns alleine führen. Wir freuen uns drauf.

Katrin, Michelle und ich treffen uns am Abend wieder zum Essen. Wir müssen ja das Fisch-Trauma von vorgestern überwinden. Das gelingt uns bei "Glafkos" am Agios-Dimitrios-Strand mit Fava, Pasta, Biftekia, Tsatsiki, Feta und Wein. Insgesamt werden 60 Euro für die Rechnung fällig, das ist akzeptabel.

Lange können wir aber heute nicht mehr wach bleiben, wir sind alle drei bettreif.

Und morgen ist ja wieder ein Tag.