Firá

In einer Viertelstunde bin ich von meinem Quartier in Firostefani am Busbahnhof in Fira oder vorne am Calderarand bei der Ypapanti-Hauptkirche. Entweder entlang der Hauptstraße 25 Martiou, die an einer großen Schule, zahlreichen Autovermietern, einem Bäcker und einem Fastfood-Lokal "Zur goldenen Möwe" bis zur Platia Theotokopoulou geht. Oder lieber auf einer gepflasterten Gasse, die vorbei am katholischen Viertel schnurgerade in die touristische Shoppingmeile von Fira führt.

 

Das Ladenangebot in Firostefani ist dagegen überschaubar. Zwei kretische Mini-Markets (der zweite hat ausgezeichneten kretischen Raki in der Plastikflasche zum Alkoholikerpreis) liegen entlang der Straße nach Norden, die zu empfehlende Taverne von Simos, eine Grillbude, ein Zaccharoplastio, zwei Autoverleiher (es gibt mehr Fahrzeugverleiher als der doch gar nicht so großen Insel guttut, und viele der hoffentlich bald auf griechischen Asphaltstraßen verbotenen kleinen Quads, in Griechenland Gourouni = Schwein genannt). Vorne an der Caldera Richtung Norden dominieren (nicht ganz preiswerte) Restaurants, Studios, Souvenir- und Klamottenläden und Anbieter von überwiegend maritimen Tagestouren. Auch hier hat es einen Minimarkt, aber leider keinen Bäcker. Für frische Backwaren bleibt nur der Gang rein nach Fira.

 

Ich hatte gedacht, Fira wäre viel überlaufener als Ía. Und es ist auch ordentlich was los, aber in Fira verteilen sich die Leute weiter und die Gassen und Straßen sind breiter. Eng werden kann es bei der Parkplatzsuche, aber das war nicht mein Problem.

 

Fira teilt sich, von West nach Ost, auf in verschieden Zonen: die Calderazone, die Shoppingzone, die Verkehrszone, und dahinter die Einheimischenzone.

In der Calderazone hat es teure und ganz teure Hotels, Honeymoon-Suites mit Pools, und Edel-Bars und Restaurants. Wenn man ein paar Stufen nicht scheut, findet man hier wunderbar ruhige Ecken, die den Fotoapparat heißlaufen lassen. Zum Beispiel um die Kirche Agios Minas mit den drei Glocken, oder bei der leicht vernachlässigten Kirche Agios Ioannis Theologos, die mit ihrer grauen (!) Kuppel und dem Kreuz darauf ein herrliches Motiv abgibt. Natürlich sind die schönsten Terrassen und Sitzplätze privat, so dass man bei dem Versuch, dort irgendwo hineinzuspähen, gleich wieder hinauskomplimentiert wird.

Am nördlichen Calderarand überraschen die unversteckten Hausruinen mit bequem entsorgtem Hausrat. Hinterhöfe in bester Lage als Gerümpelkammern.

 

In der Mitte der Calderazone kommt der Treppenweg (über 500 Stufen) vom alten Hafen herauf, und mit ihm natürlich - wir sind ja auf Santorin - die glöckchenklingelnden Esel und Mulis, die die Mutigeren unter den Kreuzfahreren (und natürlich auch anderen Touristen) für den Aufstieg als Transportmittel wählen. Sieben Euro kostet der Transport oneway (reitet auch jemand hinab?), und es gibt ziemlich widersprüchliche Ansichten ob das nun Tierquälerei ist oder nicht.

 

Vor vielen (wirklich vielen) Jahren hab ich mich mal auf das Risiko eingelassen und den Ritt nach oben gewagt. Mein Esel versuchte dabei hartnäckig, mich an der Mauer, die die Treppen einfasst, abzustreifen. Wenn der Versuch (zum Glück) erfolglos war, erging er sich in Arbeitsverweigerung bis der Treiber ihm Beine machte. Irgendwie hing ich ständig über dem Abgrund, und das auf höchst unwilligen Untergrund.... Nein, eigentlich hatte ich nie den Wunsch nach Wiederholung. Und der Esel wurde nicht gefragt.

 

Es gibt Grautiere in allen Größen, und tatsächlich hab ich ein XXL-Muli gesehen, unter dessen Vorfahren ein Elefant gewesen sein muss. Für Touristen XXL. Die sollen aber besser die Seilbahn der österreichischen Firma Doppelmayr nehmen, die es seit 1979 dank der Nomikos-Foundation gibt. Sechs kleine Gondeln à sechs Personen je Richtung bewältigen 220 Meter Höhenunterschied in drei Minuten, und 1.200 Passagiere (600 je Richtung) in der Stunde. Kostet sechs Euro pro Person, und die Eseltreiber kriegen auch was von den Einnahmen ab. Die sind somit nur noch Folklore, hängen gelangweilt am oberen Treppenweg ab und treiben am Nachmittag, wenn kein Geschäft mehr zu erwarten ist, ihre Tiere - sieben bis acht pro Gruppe - wieder heimwärts. In der Luft liegt der Geruch von Eselsmist, und auch im Zeitalter der digitalen Fotografie gibt es immer noch einen Fotografen, der die Reiter an Stufe 527 mit ihrem Konterfei empfängt.

Oben vor der weißen Mitropolis-Kirche sitzen zwei ältere Herren mit Bouzouki und Gitarre und spielen und singen Rembetika. Nicht perfekt, sie sind eher in der Übungsphase. Trotzdem gefällt es mir, es wirkt an diesem kosmopolitischen Ort wie aus der Zeit gefallen. Ich setze mich daneben und höre eine Weile zu. Entrichte dann meinen Obolus in die Gitarrenhülle. Von den auf der breiten Calderagasse vorbeigehen Touristen werden sie kam eines Blickes gewürdigt.

 

Über die gucken die beiden Bronzefiguren der Galerie Mati auf langen Stelzen (und eine weitere vom Dach) hinweg auf die Caldera. Klar, da guckt hier jeder hin. Aus Cafés und Bars. Zählt die Kreuzfahrtschiffe, die unten vor Anker liegen. Wer wissen will, wann es wie voll wird, der guckt vorher hier: https://www.cruisetimetables.com/cruises-to-santorini-greece.html

Das Gedrängel der Touristen ist in Fira weniger heftig als in Ía. Das liegt daran, dass die Gassen hier breiter sind, und die Gäste nicht busladungsweise kommen, sondern verteilter. Wobei, in Zone zwei, der Shoppingzone, wird schon mal eng. Es gibt Läden für jeden Geldbeutel, Kitsch neben teurem Schmuck, Kunst neben den x-beliebigen T-Shirts, die man überall sieht wo sich die Massen drängeln. Nur mit Mini-Markets sieht es schlecht aus: die wurden längst an den Stadtrand abgedrängt, in die Einheimischenzone und an die Einfallsstraße vom Süden.

 

Ein paar Tavernen hat es in der Shoppingzone, und ohne Calderablick sind die Preise schon fast normal. Fast. Hier gibt es auch das Theater "White Door", wo jeden Abend eine griechische Hochzeit inszeniert wird. Für 49 Euro pro Person (Essen und Getränke inklusive) kann man dabei sein. Selbst schuld wenn man auf Santorin etwas echtes sucht. Wobei, ich hätte da etwas, in Kontochori. Aber dazu später.

 

Ein Kommen und Gehen mit allen Auswüchsen, die so etwas mit sich bringt, herrscht in der Verkehrszone entlang der Dekigala-Straße, am Busbahnhof, Taxistand (eine ausgehängte Preisliste habe ich dort nicht gefunden - alles streng geheim, damit die Touristen nicht merken wie sie übers Ohr gehauen werden) und an der Platia Theotokopoulou. Cafés, Fastfood-Lokale, Eisdielen, Reisebüros und Fahrzeugverleiher, Periptera, Souvenirläden, Apotheken - hier schlägt das touristische Herz Firas, und nicht an der edlen Caldera. Logisch: auch der weniger solvente Santorin-Urlauber hat Bedürfnisse. Da unterscheidet sich Santorin nicht von Athen, Paros oder Chersonissos.

 

Die Einheimischen - immerhin 1.857 Personen wohnen in der Gemeinde Fira - haben sich längst in die ruhigen Lagen Richtung Osten zurückgezogen. Dort gibt es auch bezahlbare Pensionen ohne View und Schickschnack, dafür mit Wäschereien und dem Friedhof um die Ecke.

Fira ist übrigens nach Messaria (2.092) und Emborio (1.938) nur die drittgrößte Gemeinde auf Santorin.

Im unterhalb der Hauptstraße gelegenen Ortsteil Kontochori befindet sich das Folklore Museum. Es ist im Privatbesitz der Familie Lignos. Fünf Euro kostet der Eintritt, der eine Führung in englischer oder griechischer Sprache beinhaltet. Wenig überraschend bin ich die einzige Besucherin und bekomme so von einer netten und sehr kompetenten Frau eine gut halbstündige Privatführung durch die Räume des Museums, eines Privathauses aus dem Jahr 1861, die um einen Innenhof gruppiert liegen und teilweise in den Tuffsteinhang gegraben wurden. Außerdem gehört eine Weinkellerei dazu, die Ausstattung verschiedener Werkstätten, eine Galerie, ein Archiv, und die Kirche Konstantin und Eleni, die im Innenhof steht.

Während der Führung verstehe ich, wie durchdacht und an die speziellen Gegebenheiten Santorins angepasst das Leben auf der Insel war. Die Wohnräume waren in den weichen Tuffsteinhang hineingegraben, und wenn die Familie wuchs, grub man einfach tiefer damit das Kinderschlafzimmer (die Kinder schliefen auf dem Boden) wachsen konnte. Holz war Mangelware auf der fast baumlosen Insel, es musste teuer importiert werden und war als Brennmaterial für den Herd oder Ofen zu schade. So wurde nur wenige Mal im Jahr gebacken, dafür aber lange haltbares, hartes Paximadi, das vor dem Verzehr in Wasser eingeweicht wurde.

Ein tiefer Keller führt bis unter das benachbarte Hotel "Anatoli". In dem Keller wurde Puzzolane (auch Santorinerde) abgebaut, ein vulkanisches Gestein, das als Mörtel beim Hausbau verwendet oder in Beton gemischt wurde.

 

Nach der Führung kann ich mir die Räume des Wohnhauses und der Werkstätten nochmals in aller Ruhe alleine angucken. Ein sehr lohnenswerter Besuch, und danach streife ich noch durch die menschenleeren Gassen des am Hang gelegenen Kontochori, in dem sich auch einige Pensionen befinden. Man darf halt auf Santorin nichts gegen Treppenstufen haben.

Das bewahrheitet sich auch am Abend, als ich zwecks Betrachtung des Sonnenunterganges zum Skaros-Felsen aufbreche. Am Nachmittag in Perivolos war es noch wunderbar sonnig gewesen, auf der Rückfahrt hatte es sich aber schon eingetrübt. Und als ich mit dem Bus in Fira ankomme, hängt mal wieder die neblige Feuchtigkeit auf der Höhe der Calderakante. Na, Sonnenuntergang bei schönem Wetter kann ja jeder, die Nebelstimmung hat auch was. Auch wenn ich die Sonne dann gar nicht untergehen sehe...

 

In Firostefani sieht man sie sich noch im Meer widerspiegeln während die höheren Lagen von Imerovigli in Wolken hängen. Na, vielleicht ist mein Ziel, die Kapelle Theoskepasti, ja unter den Wolken.

 

Die Sonnenliegen der Studios an den Terrassen in Imerovigli sind leer und das Hochzeitspaar mit Fotoanhang an der Georgskapelle steht verloren und frierend da: In der Leistungsbeschreibung des Hochzeitspaketes stand nix von Nebel. Und morgen ist man ja schon in Athen, oder Mykonos. Ob man da eine Erstattung geltend machen kann?

Schemenhaft zeichnet sich der markante Skaros-Felsen ab. Eine venezianische Burg gab es dort, heute sind nur noch ein paar Mauern zu sehen. Ein Treppenweg führt an der Kapelle Agios Giannis Katiforis vorbei steil hinab auf den Sattel, ein paar Leute kommen mir entgegen, langsam und schwitzend. Der Weg führt dann wieder leicht bergauf und an der Spitze des Felsens vorbei. Und direkt unter mir liegt schließlich die Theoskepasti-Kapelle. In einem Bogen zickzackt der Weg links zu ihr hinab.

 

Es ist niemand da, denke ich zuerst, und sehe dann einen bärtigen jungen Griechen oben an der Kuppel herumturnen. Was macht der denn da? Streichen? Seine Freundin fragt mich nach Feuer und beantwortet meine Frage: er möchte durch eines der Kuppelfenster eine Kerze in der - natürlich verschlossenen - Kapelle anzuzünden. Ich kann mit Streichhölzern, die ich seit Jahren extra zu diesem Zwecke immer dabei habe (und die dann meist nicht funktionieren weil sie zu alt sind) aushelfen. Hab ich indirekt immerhin auch mal ein Licht entzündet.

Mit Bilderbuchsonnenuntergang ist hier Essig, aber die Lichtstimmung ist wie von Turner gemalt, samt Boot auf dem Meer. Auch schön.

Das griechische Paar geht zurück, und ich genieße die Ruhe und die einsame Atmosphäre während irgendwo in der Nähe ein Steinhuhn schreit. Bei Nüsschen und Ouzo warte ich ob sich die Sonne nicht vielleicht doch noch zeigt. Sie tut es nicht, und mit schwindendendem Licht färben sich Wolken und Kapelle in kühlem Blau.

 

Zeit für den Wiederaufstieg.

Wieder der Ruf eines Steinhuhnes, und da sitzt es auf einem Steinbrocken und reckt den Hals. Ein hübsches Tier. Meist sehe ich die Tiere beim Wandern nur wild und geräuschvoll davonflattern, nett, dass das gerade auf Santorin anders ist.

Fast so unwirklich wie das Huhn sind die Whirlpools der Luxus-Anlage "Grace Santorini", die direkt am Fußweg liegen. In einem badet ein Paar, sie hatten vermutlich auch Sonnenuntergang gebucht, machen aber jetzt das Beste draus.

 

Zum Abendessen lande ich im "Anestis" direkt an der Straße in Imerovigli. Solide, aber auch etwas langweilige Küche zu ordentlichen Preisen. Bei "Simos" schmeckt es besser, dort war ich jeden zweiten Abend.

Der Sonnenuntergang in Fira am nächsten, meinem letzten Tag auf Santorin.

Am Sonntagmorgen muss ich dann wieder früh aufstehen.

Um Viertel nach sechs kommt mein gebuchtes Shuttle-Taxi und bringt mich für faire 15 Euro zum Fährhafen Athinios. Schön ordentlich im "Argonaftes" bei Efi gebucht und mit Voucher. Offenbar will die Verwaltung von Santorini dem Wildwuchs der Personentransportunternehmen Einhalt gebieten. Zwanzig Minuten dauert die Fahrt. Es wäre auch ein Bus gegangen, ab Busbahnhof. Aber ich bin ja keine dreißig mehr, und mag meinen Trolley nicht dorthin ziehen.

 

Nur wenige Fahrgäste verlieren sich auf der "Dionysios Solomos", die heute eine lange Route durch die halbe Kykladenwelt bis Piräus unternehmen wird. Für 18 Euro fünfzig werde ich acht Stunden mitfahren, bis Serifos. 

Ganz pünktlich legt die "Dionysios Solomos" in Athinios ab - die "Blue Star Paros" wartet nämlich schon. Auch sie sollte laut Fahrplan um sieben Uhr abfahren, aber der Anleger ist offenbar zu eng für beide Schiffe.

Entlang der Ölbarriere der "Sea Diamond", den Kameni-Inseln, Thirassia und Ía geht es aus der Caldera hinaus.

Santorini ist ja schon schön, aber ich freu mich jetzt sehr auf eine ruhigere Insel.

Serifos, ich komme!