Im Osten und an der Nordküste

Das Wetter ist besser geworden, sonniger. Der weiße Mietwagen ist mit einer gelblichen Staub- und Dreckschicht überzogen. War wohl auch etwas Saharasand im Regen.

 

Um halb zehn bin ich auf der Straße, ostwärts Richtung Pollonia. Die erste große Baustelle befindet sich links der Straße vor der Abzweigung nach Sarakiniko: ein 5-Sterne-Luxus-Hotel soll hier entstehen. Die nächste Baustelle ist nicht kleiner und oberhalb der Straße bei Mytakas. Schild steht hier keines, aber groß und edel wird es schon werden. Und dann kommt links der Straße bei Mytakas die riesige Baustelle der gigantischen Anlage namens „White Coast“. Die ursprüngliche Genehmigung für die 5-Sterne-Anlage hatte 2019 Betten umfasst, die später auf 2,94 Hektar mit 271 Betten in 125 Zimmern erweitert wurden. Kathimerini schrieb im Januar 2026 von zehn neue Gebäuden, einem Gemeinschaftspool und private Pools für Zimmer in sieben Gebäuden sowie einem täglichen Wasserverbrauch von etwa 122 Kubikmeter plus 108 Kubikmetern für die Bewässerung. Und das auf Milos, das keine Quellen hat … Wahnsinn!

 

Wegen dieser Dimensionen wurde der Bau des Hotels jüngst amtlich eingefroren. Als ich aber zögerlich die Piste hinab Richtung Küste fahre, habe ich nicht den Eindruck, dass hier nicht gearbeitet wird. Und für den Hauptbau unterhalb des schon vorhandenen Luxus-Resorts „Domes White Coast Milos“ (was sagen eigentlich die Luxus-Gäste zu den benachbarten Bauarbeiten?) haben bereits umfangreiche und irreparable Aushubarbeiten stattgefunden. Aber das werde ich erst aus anderer Ansicht am Nachmittag sehen. Und bei der Suche im Internet diesen Artikel mit erschreckenden Fotos finden. Wird nun hoffentlich nicht gebaut.

Ich bin etwas verstimmt als ich weiterfahre. Halte in Pollonia und schlendere etwas auf der Pelekouda-Halbinsel herum. Ob Rods Kajaktruppe, die heute ihre siebentägige Umrundung von Milos, Poliegos und Kimolos beenden wird, noch die Ostküste hinabfahren wird um die Runde an der Südküste zu schließen, und hier vorbeikommt? Das letzte Camp war aber im Norden von Kimolos, wie ich auf Rods abendlich hochgeladenen Fotos sehen konnte. Zu weit. Später sehe ich Jeep und Anhänger auf dem Parkplatz hier in Pollonia stehen, sie werden die Expedition also hier beenden.

 

Es gibt nicht mehr viele Gegenden auf Milos, in denen ich noch nicht war. Die Region im Osten südlich von Pollonia gehört dazu. Das möchte ich nun ändern, und der Straße folgen, die von Voudia ins Inselinnere führt. So lange sie befestigt, und die Fahrt darauf nicht explizit verboten ist. Meine Landkarte von Terrain ist aus dem Jahr 2014 und damit gnadenlos veraltet: auf ihr endet die befestigte Straße von bei der Verladestelle von Voudia, aber ich weiß, dass sie längst weitergeht. Gebaut wurde die Straße für den Abtransport des Bentonit aus den Minen der Gegend, darunter die riesige Aggeria-Mine. Auf großen Flächen wird das abgebaute Gestein getrocknet, bei Voudia und im Hinterland. Entsprechend sind hier viele LKW unterwegs, und nicht eben langsam. Hier sind sie die Könige der Straße.

 

Schon südlich der Verladestelle von Voudia warnen überall Schilder: Heavy Traffic! Slippery when wet! Dangerous! Aber die Straße ist breit, und außer den großen Trucks ist kein Verkehr.

Die Halden und Minen verstecken sich meist hinter Hügeln, immer wieder zweigen Zufahrten ab. Einfahrt verboten. Aber so lange es eine erlaubte Straße gibt, fahre ich weiter.

 

Nehme dann einen Abzweig nach Aggeria – ob man von Osten auch in dieses große Mine hineingucken kann? An einer Schleife stelle ich den Wagen ab, gucke hinter die nächste Kurve. Die Piste ist dick mit hellem Sand bedeckt, die Straßenränder ein Bentonit-Sandkasten. Ein Truck kommt, ein kleiner: es ist der Tanklastwagen, der die Straßen mit Wasser besprengt damit es nicht so staubt. Der Fahrer winkt freundlich als ich respektvoll Spalier stehe. Aber bis zur Mine ist es noch weit und trotz Wasser staubig, und die warnenden Schilder kann ich nicht mehr ignorieren. Also zurück zum Auto, wo man auf einer ebene Fläche an einer Wendeschleife schon Olivenbäume gepflanzt hat. Rekultivierung ist Pflicht.

Aber die Straße führt weiter nach Westen. Nun wird sie schmaler, einspurig, die Vorfahrt ist beschildert: Auf dem nächsten Stück habe ich Vorfahrt. Die Landschaft ist nun offener, ich kann die entgegenkommenden Lastwagen schon früh sehen. Gleich drei sind es, und auch wenn ich Vorfahrt habe, warte ich an der Ausweichstelle – es hat welche alle paar Hundert Meter - und lasse sie vorbei. Und schwupps – habe ich einen Truck im Rücken. Die Vorfahrt wechselt dann, und beim meinem nächsten Fotohalt fährt er vorbei, und ich gucke auf eine Ebene mit Getreidefeldern und Traktor, dahinter eine größere Kapelle. Unbekanntes Milos, kann ich da nur sagen.

 

Weiter nach Westen, nun durch besiedeltere Landschaft. Da klingt das Handy: es ist Katerina, meine Autoverleiherin. Ob es mir etwas ausmacht, wenn wir uns erst etwas am 13 Uhr später treffen? Sie muss am Hafen ein Auto übergeben, und die Fähre verspätet sich? Kein Problem, habe ich noch etwas mehr Zeit hier. Und als meine Straße schließlich bei Parasporos die östliche Hauptstraße von Adamas nach Pollonia trifft, nehme ich nicht diese, sondern wende und fahre auf der gleichen Straße zurück. Auf halbe Strecke habe ich nämlich den Wegweiser zum Hotel „ Milos Cove“ gesehen, einer Luxusanlage über der Ostküste, die ich vom Meer aus schon mehrmals betrachten konnte. Da muss es ja eine befestigte Straße hin geben, die Gäste können ja nicht alle mit Boot oder Heli kommen. Etwas schmal ist die Abzweigung aber doch. Der Blick reicht nun über ein grünes Erosionstal nach Nordosten und Osten bis hinüber nach Poliegos. Weiter links Kimolos, und Sifnos dahinter. Eine gute Fernsicht hat man heute! Noch weiter links die terrassierten Halden der Minen.

Dann öffnet sich eine weite Fläche mit gelben Wildblumen. Aber die Straße wird schlechter. Das soll hier zu einem Luxushotel gehen? Ich fahre weiter, ein Hof mit Schafen und Ziegen am Ende, und bellenden Hunde. Doch falsch. Ein Transporter kommt auf der Straße hinter mir, biegt ab. Ah, dort muss ich lang. Ich folge ihm, die Straße ist weiterhin nicht toll und steigt an. Und dann sehe ich unter mir eine Mulde mit einem See. Dunkel leuchtet die Wasserfläche. Wasser hier? Wow, wer hätte das gedacht! Links führt ein Fußweg hinab, und natürlich gucke ich mir das näher an. Frösche quaken, Vögel fliegen auf. Etwas Größeres flattert davon, vielleicht war es ein Wiedehopf. Was für eine beschauliche Ecke, und wie unberührt! Ob es ein natürlicher See ist, der auch im Sommer noch Wasser hat? Oder eine alte Mine, nun mit Regenwasser gefüllt? Scheint aber gar nicht so flach zu sein.

Ich gucke noch ein wenig herum ehe ich wieder zum Auto hoch gehe und weiterfahre. Noch eine steile Rampe hinab, und das Ressort „Milos Cove“ liegt vor mich. Ich stelle den Wagen auf dem Parkplatz oberhalb ab und will nur etwas neugierig herumgucken, aber da kommt schon ein junger Mann mit einer Golf-Karre zu mir gefahren. Offensichtlich ist das Hotel schon offen, aber noch so wenig los, dass man sich auf alle potentiellen Gäste stürzt. Er ist enttäuscht als er erfährt, dass ich nicht im Hotel wohne, lädt mich aber trotzdem zu einer Spritztor durchs Hotel ein. Die endet aber schon vierzig Meter weiter unten – so groß ist die Anlage dann dich nicht. Dort wären Restaurant und Pool, und natürlich dürfte ich mir die gerne angucken. Auch am Pool stehen zwei gelangweilte Frauen, freundlich lächelnd. Der Infinity-Pool ist nicht schlecht, und zum Strand (Angali?) unten am Fuße des Felsens werden die Hotelgäste natürlich auch mit der Golfkarre gebracht. Zuhause werde ich die Übernachtungspreise checken: so aber 550 Euro die Nacht im Einzelzimmer, non refundable, Frühstück inklusive. Nach oben wird es schnell mehr, und das Restaurant ist sicher nicht auch nicht preiswert. Dann doch nicht.

Der junge Mann in der Golfkarre bringt mich zurück zum Auto. Ich hatte ihn für einen Ausländer gehalten, aber er entpuppt sich als Grieche aus Salamina. Sicher nicht der schlechteste Job hier. Bissle langweilig vielleicht.

 

Ich wünsche ihm einen gute Sommer und fahre zurück gen Pollonia. Dort wollte ich eigentlich noch gemütlich einen Frappé trinken, aber die Zeit ist vorangeschritten, und Katerina meldet sich dann auch schon als ich gerade nach einem netten Café gucke. Also nur ein Frappé to go. Die Bäckerei „Kivotos ton Gefseon“ ist geschlossen, aber an der Bude beim Market-in bekomme ich auch einen kalten Kaffee zum Mitnehmen. Damit düse ich nach Pachena (Páchaina), wo Katerina mit ihrem Elektrowägelchen schon vor dem Tirokomeio wartet. Was ein Gespräch mit einem älteren Anwohner verursacht, der auch einen kleinen E-Wagen fährt. Ist hier noch nicht so selbstverständlich.

166 Kilometer sind es nun doch geworden. Passt.

Wir reden noch etwas, und ich bezahle das Auto. Dann entschwindet Katerina, und ich beginne mit meiner geplanten Wanderung entlang der Küste nach Sarakiniko, Miloterranean-Tour Nr. 6. Vor neun Jahren habe ich diese Wanderung schon mal gemacht, damals kannte ich Milos kaum. Das hat sich gründlich geändert. Trotzdem weiß ich nicht genau, wo der Weg denn nun beginnt. Nehme schließlich den Fußweg in nordöstlicher Richtung, komme zum Strand, und dann von dort über ein niedriges Felsenkap. In der nächsten Bucht sind die drei flachen Felsenbogen durch die wir mit Jeremy vor vier Jahren einen Kajakrennen gemacht haben.

 

Dann ist schon Agios Konstantinos erreicht, die versteckte Bucht mit den Syrmata, die alle inzwischen zu Feriendomizilen umgebaut scheinen: Tische und Liegestühle auf den Terrassen zeigen es untrüglich. Ich möchte noch baden, aber hier passt es mir nicht. Also weiter, vielleicht ist Alogomantra gut. Am westlichen Strand dort hat es einige Badegäste, ich gehe zum Bootshaus und gucke rechts unter den überhängenden Felsen. Offenbar hat es den ganze Sand dort weggespült, der Felsen ist nicht so einladend. Und auch noch im Schatten. Schade, dann gehe ich eben weiter.

 

Es wird nun karg, der Weg auf dem hellen Tuffstein ist leicht zu finden. Hier der schmale Kanal, der eine flache Möweninsel abtrennt. Bin ich auch schon durchgepaddelt. Wenig später, kurz vor Mytakas, erreiche ich dann die Stelle, wo der Aushub für das Luxus-Hotel „White Coast“ über mir eine hohen weißen Wall bildet, wie Schnee. Wahnsinn! Bevor ich mich jetzt aufrege, gehe ich lieber schnell weiter.

 

In der Bootshaussiedlung von Mytakas, wie Agios Konstantinos in eine kleine, steile Bucht gekuschelt, scheint der Neubau dann Welten entfernt. Und weil gerade nur eines der AirBnB-Syrma bewohnt und belebt scheint, lasse ich mich auf der Terrasse des hintersten nieder, und gehe Baden. Kalt, aber schön. Damit ich nachher nicht zwei nasse Sätze Wäsche habe – einen vom Schweiß, einen vom Meer - bin ich einfach in Unterwäsche ins Meer gesprungen, und ziehe danach den Bikini an.

Sarakiniko kommt näher. Aber zuerst die Baugrube des Hotels, das östlich davon begonnen wurde ehe es dann endgültig verboten wurde. Die Pläne am ikonischen Sarakiniko hatten weltweit für einen Aufschrei unter den Milos-Urlaubern gesorgt, wobei Sarakiniko doch noch so weit weg ist, dass es kaum einer der dortigen Besucher gemerkt hätte. Die obligatorischen Verkürzungen und Verallgemeinerung der oft ahnungslosen Presse. Trotzdem muss man sich fragen, unter welchem Stein die Verantwortlichen auf Milos eigentlich schlafen, dass sie diese Entwicklung zulassen oder zumindest nicht kontrollieren oder planen. Ein millionenschwerer vermutlich …. Klar, man ist die Ausbeutung der Insel gewohnt, aber wie viele werden wirklich von solchen Luxusquartieren profitieren? Und wie viele eher Schaden nehmen?

Man hat die Erbauer zum Rückbau verpflichtet, aber der Schaden durch den Aushub im Tuffstein ist schon irreparabel, und die Armierungseisen werden nach gutem alten griechischen Prinzip wohl bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hier herumliegen.

 

Es sind nun mehr Wanderer unterwegs, in meiner Richtung, und auch in der Gegenrichtung. Je näher ich Sarakiniko komme, desto mehr Leute hat es. Für einen Samstagnachmittag ist es aber noch ganz erträglich. Boote sind auch keine da. Dürfen die überhaupt noch ankern, mit ihren Ankern und dicken Tauen die einzigartige Küste zerstören?
Ich habe Sarakiniko schon oft genug gesehen, und biege direkt Richtung Parkplatz ab. Und hoffe, dass der Kiosk dort geöffnet ist, denn ich bin durstig. Sehr durstig. Eine Frau im Tigerbikini wankt vor mir auf dem Weg hoch. Sie wird sich doch so nicht in einem Auto oder Fahrzeug der Zivilisation nähern? Nein, sie braucht Nachschub vom Kiosk, der tatsächlich geöffnet hat, und geht dann wieder nach Sarakiniko zurück. Ich kaufe eine kalte Limo, die ich im Schatten eines Wacholderbaumes in mich hineinschüttet, allmählich verdünnt mit etwas Wasser. So gestärkt geht es dann auf der Straße hinauf zur Hauptstraße, und dort entlang nach Triovasalos. Das sind nochmals vier oder fünf Kilometer, die zwar einfach zu gehen sind, in der Wärme des Nachmittags aber auch schlauchen. Gut zehn Kilometer waren es jetzt doch, für die ich insgesamt drei Stunden 45 Minuten gebraucht habe. Die Füße tun mir weh. Unterwegs kommt mir Rod in seinem Pickup entgegen – die Paddelgruppe ist gerade zurück, ich muss sie auf der Straße knapp verpasst haben. Morgen geht es dann für mich auch ins Kajak.

Nach einer Dusche schlendere ich hinab zum Kafenio um Ursula und Stephan zu treffen, die ich von meiner Tour auf den Kleinen Kykladen kenne. Sie sind aber noch unter der Dusche – nach einer Woche Strandcampen gibt es kaum etwas Schöneres!

 

Dafür treffe ich dort eine Gruppe Schotten. Fünf Paare insgesamt, und mit neun von ihnen werde ich die nächste Tage paddeln. Sie sind sehr nett, aber ich habe Mühe, ihr Englisch zu verstehen. Ich würde da nichts verpassen, bescheinigt der eine, es wäre nur Zoten und üble Witze. Und er würde auch nicht alles verstehen. Sie sind 60 bis 70 plus, und sehr nett. Eigentlich hatten sie die Woche hier schon vor sechs Jahren geplant, aber dann kam Corona dazwischen. Nun sind sie endlich da, aber älter geworden, und nicht mehr so fit. Sie werden es entspannt angehen, und es werden drei vergleichsweise geruhsame Tage im Kajak werden, bei ruhigem Wetter. Kein Vergleich mit früheren Tagestouren. So richtig werden die Tage nicht als Härtetest für meine Bandscheiben taugen, aber der untere Rücken hat sich seit meinen Ankunft in Griechenland selten schmerzhaft geäußert, und wird es auch die nächsten Tage nicht tun. Griechenland tut einfach gut, und die viele Bewegung auch. Besser als den ganzen Tag zu sitzen, und gelegentlich Gymnastik zu machen.

Stephan und Ursula kommen auch irgendwann, und wir schwätzen etwas. War schon eine anspruchsvolle Tour mit langen Tagesetappen, aber es hat ihnen gefallen. Die Küsten hier haben einfach unschlagbar viel zu bieten mehr als die der Kleinen Kykladen. Morgen reisen die beiden ab, die Gruppe wird zusammen essen gehen.

 

Am Abend möchte ich heute nicht mehr weit laufen, und gehe zum Abendessen ins nahe Bakalikon Galanis. Bei all den gehypten und überteuerten Restaurants auf Milos ist es angenehm normal geblieben, und ich bestelle den obligatorischen Kartoffelsalat und eingelegte Sardellen, dazu ein Viertel Wein. Zwanzig Euro beträgt die Rechnung. Alles im grünen Bereich.

 

*

 

Sonntagvormittag dann ins Kafenio Perros, wo die Lautstärke von gleich zwei Gruppen mich in die Flucht schlägt: die Inselumrunder sind noch da, und die Schotten natürlich auch. Beide recht laut. Ich habe schon gefrühstückt, verabschiede mich von Ursula und Stephan, und bin dann zur Abfahrt um halb zehn wieder dort.

 

Die drei Paddeltage verlaufen bestens. Die Schotten mögen es entspannt, und daran kann auch die Dänin nichts ändern, die am zweiten Tag zu uns stößt.
Und das Wetter ist auch perfekt (für mich), mit wenig Wind. Und so erlebe ich tatsächlich noch die Premiere, zu den Schnellsten der Gruppe zu gehören.

Leider ist Dario nicht mehr auf Milos. Anscheinend will er vorrangig seiner Tätigkeit als Musiker nachgehen, und weniger als Kajaker. Sehr schade! Als Assistent ist nun Dan am Start, einen Ukrainer aus Kanada, den ich vor drei Jahren schon kennengelernt habe. Nett und zurückhaltend. Da ich aber zumeist vorne in der Gruppe sein werde, werde ich ihn auf dem Wasser nicht so oft sehen. Ebenso wie Rods Freund Und Rods paddelerfahrenen Freund, der die drei Tage dabei sein wird..

 

Am ersten Tag geht es nach Kimolos. Leider wieder West-Kimolos, und nicht Ost. Start in Pollonia, rüber ans südwestliche Ende von Kimolos, dann die Küste hoch nach Mavrospilia, wo die erste Pause stattfindet. Dann weiter bis zum Ex-Donkey-Beach für einen längeren Halt, ehe es mit leichtem Rückenwind wieder zurück nach Pollonia geht. Am Kanal von Pollonia müssen wir noch die „Artemis“ passieren lasse, die dann doch schneller da ist als ich dachte. Ich erinnere mich an die letzte Überfahrt mit Rod, als ich schon müde war, und er nicht sagte, dass der Seajet demnächst kommt und wir vorher drüben sein müssten. Heute geht es ganz entspannt.

Und der Rücken beziehungsweise die Bandscheiben habe nicht einmal gemuckt. Bestens!

 

Auf dem Rückfahrt macht Rod noch einen Abstecher zur großen Aggeria-Mine. Immer wieder sehr beeindruckend! Es ist viel Wasser drin. Grundwasser, sagt Rod, aber vielleicht auch Regenwasser. Die Optik ist beeindruckend, und auch was Rod dazu alles sagen kann.

Nett ist auch immer das Après-Kajak im Kafenio „Perros“ bei Kaltgetränk und Chips. Ist wirklich eine nette Truppe, die Schotten. Auch wenn ich sie oft nicht verstehe.

 

Am Abend geht unsere zwölfköpfige Parea im „Mezze Milos“ am Karodromos essen. Das Lokal scheint neu zu sein und gehört in die etwas gehobene Kategorie. Wir können uns einigen, die Vorspeisen, Salate, Wasser und Wein zusammen zu bestellen, dann für jeden eine Hauptspeise. Die Vorspeisen sind echt gut, der Wein auch. Die Pittakia nach Milos Art – mit Käse gefüllte Teigtaschen, die ich danach bestelle – sind auch ok. Pro Person werden 30 Euro fällig, das geht, und ich hatte mit mehr gerechnet.

Und so geht der erster Paddeltag bestens zu Ende.

 

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Auch der zweite Paddeltag passt. Ich bin früh auf und hole mir Brot vom Bäcker am Karodromos. Greife aber leider daneben – das Brot mit Anis (mag ich eigentlich) ist recht fest und trifft weniger meinen Geschmack. Na, wird schon gehen, und etwas Altbrot habe ich auch noch (und einen Toaster).

 

Unsere Paddeltruppe wird heute um die Schweizerin Franziska erweitert, die schon bei der Tour um die drei Inseln dabei war, also fortgeschrittene Paddlerin ist. Besonders zugänglich ist sie nicht, und sie lässt später durchblicken, dass die Tagestouren ihr zu einfach und langweilig sind. Ok, ich kann mich auch nicht an eine so entspannte Tour auf Milos erinnern, denn ich habe es meist anders erlebt – jeder Tag und jede Gruppe ist anders. Außerdem ist noch ein nettes britisches Paar in Doppel dabei.

 

Weil wir so viele sind, brauchen wir heute zwei Anhänger für die Kajaks. Wir starten in Mytakas westlich der Bucht mit den Bootshäusern wo ich vorgestern gebadet habe. Die Tour geht ostwärts, also genau wo mich meine Wanderung vorgestern entlanggeführt hat. Die Baustelle des Luxushotels sieht von der Küste aus auch nicht schöner aus. Durch den schmalen Kanal, dann Alogomantra auf Abstand, und durch die drei Felsenbogen bei Agios Konstantinos. Unser erstes Ziel ist der kleine Strand in der engen Felsenbucht von Papafrangas. Viel Platz ist dort nicht, und die Strandlieger sind alles andere als begeistert als wir unserem Dutzend Kajaks landen und sie zur Seite rücken müssen. Wahrlich eine Invasion, aber da müssen sie jetzt durch. Und so lange sind wir ja auch nicht da. Snacks und Baden – herrlich!

Dann weiter ostwärts, entlang der hohen Steilwand mit dem genialen Säulenbasalt, und küstennah am Kalogeros-Felsen aus dem gleichen Material vorbei. Die Mittagsrast verbringen wir an einem breiten Kies-Sand-Strand westlich von Pollonia. Noch bevor ich es sehe, erreicht mich der Geruch von Aas – eine tote Schildkröte ist der Verursacher. Das wären hier leider oft welche, sagt Rod, der weiter hinten noch eine zweite entdeckt. Vielleicht werden sie von den Schrauben der High-Speed-Fähren und Motorboote getötet – im Kanal von Pollonia ist ja doch viel Verkehr. Traurig. Wir taufen den Strand „Dead-Turtle-Beach“.

 

Auch einiges an angeschwemmtem Müll beeinträchtig die Aufenthaltsqualität an diesem Strand, aber das Meer ist schön wie immer. Und immer noch keine 20 Grad warm, obwohl die Sonne scheint.

 

Auf dem Rückweg fahren wir dann direkt am Kalogeros-Felsen vorbei, und noch hinaus zu den Glaronissia. Immer wieder ein Erlebnis!

 

Kurz vor fünf Uhr sind wir zurück in Mytakas, und wenig später in Triovasalos.

 

Für den Abend ist mir die Gruppe heute zu anstrengend, und ich bin auch um 19 Uhr noch nicht fertig mit Duschen, Aufschrieben, Telefonieren. Ich möchte hinüber nach Tripiti zum Essen. Auf der Terrasse ist das „Bariello“ heute ebenso geöffnet wie das „Okto“, aber die Tische sind gut belegt und ich hätte heute gerne mal ein „normaleres“ Abendessen. Also genieße ich den Sonnenuntergang auf einer der beiden Bänke – Kap Vani, kleiner Profitis Ilias und Antimilos – ehe ich mich auf den Weg zum „Methismeni Politia“ mache. Das leider noch geschlossen ist. Gut, dann esse ich eben in Plaka. Im „Archontoula“ ist es geschäftig wie immer, aber ich bekomme noch eines der eng gestellten Tischchen – die Frequenz ist hoch hier, und die Leute sitzen nicht endlos. Die gekochten Artischocken mit Gemüse in Zitronensauce sind köstlich, ein Glas Weißwein und Wasser dazu, und Brot. 24 Euro stehen auch der Rechnung, schon etwas erhöht, aber passt trotzdem.

 

Auch das Fazit des zweiten Paddeltages fällt rundum positiv aus.

 

 

*

 

Auch am dritten Paddeltag geht es an die Nordküste. Zur Gruppe ist noch ein weiterer Brite für eine Paddelwoche gestoßen, und ein Paar mit Tagesgästen, so dass wir für die 14 Kajaks wieder beide Anhänger brauchen. Wir starten bei Mandrakia. Die Bucht dort ist auch Startpunkt für einen zweiten Paddelveranstalter, der Halbtagestouren nach Sarakiniko anbietet. Wir werden sie unterwegs wieder treffen. Für uns geht es aber zuerst westwärts. Mandrakia von der Meerseite ist doch einfach der beste Anblick. Rod erzählt, dass das Restaurant „Medousa“ dort keine Reservierungen mehr nimmt (zu großer logistischer Aufwand), und dort schon am Nachmittag die Leute für einen Tisch Schlange stehen würden. Was ich dort sicher nicht tun würde: das Restaurant ist gut, aber sooo gut dann auch wieder nicht. Und dazu nicht ganz preiswert. Typischer Fall von Hype durch Social Media und Co.

Dass die vielen Bestellungen für Chtapodia alle mit den oft dort dekorativ an der Leine hängenden Achtfüßlern aus lokalen Gewässern bedient werden könne, sollte auch niemand glauben.

 

Wir fahren die Küste entlang, an der großen Meerwasserentsalzungsanlage vorbei. Das Wetter ist auch heute bestens mit wenig Wind und blauem Himmel. Bis nach Firopotamos ist es zu weit, wir drehen am Kap wieder um und pausieren in einer hübschen Bucht nahe der Meerwasserentsalzung. Beim Aussteigen kentre ich mal wieder - hatte ich schon lange nicht mehr.

Draußen fährt ein Seajet gen Adamas vorbei, und Rod lässt uns schätzen wie lange der Schwell der Bugwelle brauchen wird bis er bei uns ankommt. Als das dann nach 16 Minuten – ganz schön lange! – der Fall ist, sind wir allerdings mitten in Rettungsübungen. Rod zeigt uns, wie man mit Unterstützung wieder ins Kajak kommt, was dann auch bei mir gut klappt (allerdings habe ich die Schwimmweste aus, die da schon etwas behindern kann). Vorher soll ich absichtlich kentern, mit dem Kopf nach unten innehalten und dreimal mit den Händen auf den Bootsbug klopfen ehe ich aussteige. Da geht bei mir leider gar nicht, denn kaum habe ich den Kopf unter Wasser, bekomme ich Panik und will nur noch raus. Vielleicht wäre es mit einer Schwimmbrille besser gewesen. Ich muss da an mir arbeiten. Nun, wo ich weiß, dass ich auch weiterhin ins Kajak will, könnte sich das lohnen.

 

Die anderen schaffen das aber gut, kurz gestört von der Bugwelle, die zu nahe am Ufer gelagerte Kajaks mit sich reißt, darunter auch meines. Und eine der Paddlerinnen wird die Übung heute gut brauchen können, da sie kentern wird.

An Mandrakia vorbei geht es dann Richtung Sarakiniko. Es hat sehr viele Höhlen hier, in die hinein zu paddeln Spaß macht. Besonders genial der Felsendom mit einer Säule.

Als wir uns Sarakiniko nähern, wird es voll. Jetzt treffen wir die andere Kajakgruppe wieder. Rod wundert sich, dass der eine Guide, eine zierliche Frau, vorne im Kajak sitzt. Eigentlich müsste sie hinten sitzen, wo sie die Kontrolle hat. Und ich erinnere mich an mehrere Tagestouren mit Rod im Doppel, die den Auftakt zu meiner Paddelleidenschaft bedeuteten. 2017 war das. Wie viel hat sich doch seither verändert, hier auf Milos, und überall.

 

Das Getümmel von Sarakiniko lassen wir schnell hinter uns, fahren am Schiffswrack vorbei und halten zur Mittagspause an einer sehr hübschen Bucht mit türkisgrünem Wasser, die Rod „Little Sarakiniko“ nennt, und die sich unweit des dann verbotenen Hotelbaus befindet. Das Picknick im Schatten einer Tamariske schmeckt auch heute wieder viel zu gut. Ein Tisch aus Paletten steht hier, dauerhaft, so dass Rod keine deponierte Tischplatte aus irgendeinem Versteck holen muss.

 

Eine Stunde dauert dann die Rückfahrt nach Mandrakia, wo meine Mai-Paddeltage enden. Heute Nacht werde ich weiterfahren. Im Kafenio bezahle die Touren bei Rod, und bedanke mich für die schönen Tage. Ob ich wiederkomme?

Zum Abendessen möchte ich die Schotten und die Dänin heute ins „To Sternaki“ am Karodromos führen. Und lerne dort die Lektion, dass typisch griechische Tavernen nicht von allen geschätzt werden: als die schwierige Frage drinnen oder draußen zugunsten letzterem geklärt ist, und die Kellner schon Tische zusammenstellen, missfällt einigen der Zigarettenrauch, der von einem Tisch mit Griechen herüberzieht (ist ja draußen). Ausschlusskriterium. Sie wollen dann doch lieber wieder ins „Mezze Milos“ gegenüber. Rückzug unter Entschuldigungen meinerseits bei den Kellnern.

Wird dann aber doch ein netter Abend, und einer der Schotten verabschiedet mich laut singend mit einem Tänzchen, ironisch kommentiert von den Landsleuten: immer diese besoffenen Touristen!

Es war nett, euch getroffen zu haben!

 

Von meiner Wirtin habe ich mich schon verabschiedet. Habe nun bis halb ein Uhr nachts Zeit zum Packen. Dann kommt das Taxi, das Petrinela für mich bestellt hat, und bringt mich zum Hafen hinab. Ein superedles, nagelneues E-Gefährt der schwäbischen Marke mit dem Stern – das Shuttlegeschäft auf Milos scheint sich zu lohnen. Nie bin ich edler Taxi gefahren. Ich bezahle 25 Euro für die Fahrt zum Hafen, und warte dann auf die Ankunft der „Knossos Palace“, die pünktlich erfolgt.

 

Dieser Zwischenstopp der Großfähre auf dem Weg von Piräus nach Iraklio ist eine praktische Sache, auch wenn die nächtliche Uhrzeit natürlich nicht so reisefreundlich ist. 51 Euro habe ich für das Air-Seat-Ticket bezahlt, der nur mit Transponderkarte zugängliche Bereich ist nur dünn belegt, aber ruhig.

Ich finde etwas Schlaf bis die Fähre am Morgen kurz nach halb sieben in Iraklio anlegt.

Es gäbe sogar einen Zubringerbus vom Hafen zum Busbahnhof, aber da es nicht weit, gehe ich lieber zu Fuß.

Teil zwei meiner Urlaubsreise hat begonnen.

And now for something completely different.