Zu den äußeren Enden, und dazwischen

Auch die Morgenröte über der Caldera ist ein wunderschönes Naturschauspiel. Wieder nerven die Durchsagen von unten, heute von der „Norwegian Viva“. Die 3.200 Passagier müssen ja beizeiten ausgeschifft werden um dem Stau an der Seilbahn zu entkommen.

Der Hund schläft wieder auf dem Gewölbedach.

Der Mann vom „Manos Small World“ bringt den Zimmernachbarn das bestellte Frühstück auf die Terrasse, aber dort ist noch niemand zu sehen. Als er eine Viertelstunde später dezent klopft, bekommt er ein Abfuhr. Vermutlich sind die Gäste von Reise und Jetlag so übernächtigt, dass sie nun weder Tag noch Frühstück genießen können. Dem Mann ist es egal, er hat sein Frühstück abgeliefert, es wird auf der Rechnung stehen, ob genossen oder nicht.

Was bin ich froh, dass ich mir den „Luxus" leisten kann, so oft nach Griechenland zu reisen. Für Urlaub in Griechenland kann ich auf vieles verzichten, das ich eh nicht brauche.

 

Der Freitag wartet mit bestem Wetter auf, und mein Körper hat sich in der Nacht ganz gut erholt. Ich werde also wandern, und zwar mal wieder auf dem Caldera-Weg nach Ía. Beizeiten los, auch wenn es in Ía heute sicher schon am Mittag voll wird, denn die „Norwegian Viva“ ist keineswegs das einzige Kreuzfahrtschiff, das unten vor Anker liegt. Ein Kreuz mit den Kreuzfahrern.

 

Um Viertel nach neun wandere ich los. Die erste halbe Stunde geht es durch endlose, oft aneinandergebaute und verschachtelte Apartmentanlagen, Firostefáni und Imerovígli gehen nahtlos ineinander über. Die Nonnen des Klosters Agios Nikolaos rechts des Weges verstecken sich hinter den festungsartigen hohen Mauern vor den modernen Eindringlingen wie die Brüder im Kloster auf dem Profitis Ilias. Ein Besuch ist nur für Orthodoxe und nach Vereinbarung möglich.

In Imerovigli wird auf vielen Terrassen jetzt das Frühstück serviert. So auf dem Präsentierteller wäre ja nicht so meines. Ich wandere inzwischen in kleineren und größeren Pulks, manche biegen zum Skaros-Felsen ab. Ich kann einer französischen Großfamilie nicht entgehen, die sich über eine längere Strecke verteilen. Die Großmutter geht an Stöcken, was noch kein Problem ist, aber im weiteren Wegverlauf eines werden dürfte.

 

Die Mini-Pools auf privaten Terrassen links unterhalb von mir, Plantschen vor vielen Augen als Beweis, dass man es sich leisten kann. Und die großen Pools rechts, hinter vertikalen Glaswänden und zwischen Liegenlandschaften. In Sachen nachhaltigem Tourismus muss man sich hier eigentlich ständig die Haare raufen. Und wie fragil das alles ist, hat die Erdbebenserie von Frühjahr 2025 gezeigt, die Santorin in mehrerlei Hinsicht erschüttert hat. Aber nicht nachhaltig.

 

Die Cadera blaut heute so glatt und windstill dass es eine wahre Freude ist. Zu dem weißen Häuserband von Ía auf dem rot-grauen Felsen scheint es nicht weit zu sein, oder hinüber nach Thirassia, dem stillen Antipoden von Thira. Dieses Mal werde ich Thirassia nicht besuchen, da anderes auf dem Plan steht.

 

Die letzten Ausläufer von Imerovigli warten rechts mit besonders bombastischen Anlagen auf, aber links fällt der Felsen nun steil ab bis zum Meer. Die Ferienanlagen werden spärlicher und hören beim Sattel vor dem kleinen Profitis Ilias ganz auf. Die französische Familie habe ich nun abgehängt, aber der Strom der Wanderer reißt nicht ab.

Unterhalb der weißen Kapelle Agios Markos steht ein Obstverkäufer. Portionierte Melone, Trauben und Feigen hat er im Angebot, und ich kann nicht widerstehen und kaufe ein Schälchen dunkle, süße Feigen für fünf Euro. Die ersten schnabuliere ich auf der gemauerten Bank der Kapelle sitzend, den Rest packe ich für später ein. Der Blick gen Süden zurück auf den Weg ist toll, mit den steilen Calderawänden, Imerovigli und dem großen Profitis Ilias. Und dem Nachschub auf dem Wanderweg. Die paar Meter hinauf zur Kapelle machen aber nur die wenigsten, und auch Brautpaare sind heute keine da. Nicht hier und nicht an der nächsten Kapelle auf dem Gipfel des (kleinen) Profitis Ilias. Der mit Reis übersäte Boden zeugt aber von Hochzeiten. Ist das Werfen von Reis ein originaler griechischer Brauch, oder (wie so oft und auch in Deutschland) ein amerikanischer Import, Hollywood sei Dank?

 

Die Kapelle des Profitis Ilias ist geöffnet und ermöglicht mir das Entzünden von Kerzen. Ich komme in ein kurzes Gespräch mit einem Griechen, der sich offenbar um die Kirche kümmert und sie stolz zeigt. Bravo!

 

Der weitere Weg geht nun bergab und ist schmal, unbefestigt und lose. Die französische Großfamilie hat mich während meiner Rast wieder überholt und es tatsächlich auch bis hierher geschafft, aber die Seniorin an ihren Stöcken kommt nun an ihre Grenzen. Ich würde den Ausstieg und ein Taxi in der Mulde an der Ferienanlage empfehlen, wo der Weg die Straße trifft, überhole aber schweigend und lege einen Zahn zu. Eineinhalb Stunden bin ich jetzt unterwegs, und genieße bei dem Prachtwetter jeden Moment.

 

Ein paar Meter muss man nun auf der Straße gehen ehe der Fußweg links abzweigt. Wer will kann sich hier für zehn Euro ein Reittier bis zur Stavros-Kapelle mieten, mit Rückweg ebenfalls hoch zu Muli würden zwanzig Euro fällig. Die Nachfrage hält sich aktuell in Grenzen, die Tiere dösen beschäftigungslos im Schatten. Eselsmist auf dem weiteren Weg zeugt aber von Bedarf.

Kapernbüsche und erodierte Vulkanlandschaft bestimmen nun die Gegend. Genial der Blick auf den kreisrunden Kessel. Das schmale hohe Gebäude der Kapelle Timios Stavros kann ich schon von weitem sehen, zwanzig Minuten ab der Straße habe ich es erreicht.

 

Hier sammeln sich die Caldera-Wanderer für Selfies in allen Positionen. Nach wie vor ist mir das Sich-Selbst-in-Szene-setzen ein Gräuel, die Wenigsten scheinen Blicke für die grandiose Umgebung zu haben. Ok, die im Wind wehende griechische Flagge steigert die Inszenierung, und der Blick hinab nach Ía ist nun auch frei. Halbe Stunde noch, schätze ich. Ich warte etwas, und habe für einen kurzen Moment die natürlich verschlossene Kapelle für mich alleine. Man kann und muss Santorin überlaufen finde, aber das ist ja nicht ohne guten Grund so: Diese Caldera-Blicke sind schon einzigartig!

Bergab passiere ich eindrucksvolle Felsbrocken und dann eine einsame Kapelle. Nähere ich mich nun dem Sehnsuchtsziel der meisten Santorin-Reisenden: Oia, oder Ía, wie es ausgesprochen wird. Da wird es heute voll werden dort, das steht fest. Wild ist der malerische Ort in die Vulkanlandschaft hineingewuchert, schon nach wenigen Minuten erreiche ich die ersten zersiedelten weißen Ausläufer.

Noch eine halbe Stunde in zügigem Gang (soweit möglich) werde ich vor bis zum Kastro auf dem Felsen am äußersten Ende von Ía brauchen, so groß ist der Ort geworden. Und 99 Prozent sind Ferienanlagen, nur gelegentlich unterbrochen von einer fotogenen Kapelle. Hellblau blitzen die Pool von den Steilhängen, und es wird mir unmöglich sein, das Oia Village auszumachen, in dem wir 1993 Urlaub gemacht haben. Damals noch am Ortsrand ganz unten, heute vermutlich abgerissen und edel neu bebaut.

Ab der großen hellgelben Kirche Agios Georgios mit dem weiten gepflasterten Platz an der Hauptstraße wird es dann voll. Einige erschöpfte Besucher suchen den Schatten der Bäume und Kapellen der hübschen Anlage. Es ist halb ein Uhr, und die Sonne steht hoch. Drei Stunden war ich unterwegs, und stürze mich nun ins Getümmel der nach Westen führenden Hauptgasse. Boutiquen, überteuerte Lokale und weitere Apartment-Anlagen. Dazwischen Urlauber in allen modischen Aufzügen, von chic bis pragmatisch. Ein großer schlafender Hund vor einem Laden wird rücksichtsvoll umgangen. Je weiter im komme, desto voller wird es. In den schmalen Gassen kommt es gelegentlich zu Verstopfung, auch wenn gerade keine geschlossenen Gruppen hinter einem schildertragende Guide unterwegs zu sein scheinen.

 

Gut, dass ich mir die Rücksicht auf Selfidioten schon gestern abgewöhnt habe, sonst wäre gar kein Vorwärtskommen mehr. Um zehn vor ein Uhr erreiche ich die Ruine des alten Lontza-Kastells am Südwestende von Ía und beende meine Wegaufzeichnung. 10,5 Kilometer, dreieinhalb Stunden Wanderzeit, davon zweieinhalb reine Gehzeit. 445 Meter bergauf, 589 bergab – das ist schon mehr als ein Spaziergang, wenn auch keine heftige Wanderung wenn das Wetter nicht so heiß ist. Gestern war anstrengender.

Von der Plattform der Burgruine betrachte ich Ort, Insel und Meer. Die rostrot-dunkelgrau gestreifte Caldera-Fläche, darüber die weißen Häuser. Das glatte blaue Meer, in das eine Bootswelle ein Dreieck zeichnet. Der Wachstum von Ía den Hang hinab fast bis zum Ammoudi-Hafen. Die Touristen, die überall mit ihren Handys stehen. Die weißen Glockenbögen, die blauen Kuppeln, die Windmühle – gäbe es Ía nicht, die griechische Tourismuswerbung müsste es erfinden. Und alle, alle kommen.

Gruselig, irgendwie.

 

Und in all dem Trubel streicht ein Mann eine Kapelle. Was dann auch wieder ins Idyll passen würde, hätte er nicht Migrationshintergrund. Ohne eine Schar von oft schlecht bezahlten Arbeitskräften aus dem Ausland würde Santorin schon lange nicht mehr funktionieren. Die Konstruktion kam kurz ins Wanken als Schwarmbeben im Februar 2026 die Einwohner von der Insel trieben und das Anwerben der Saisonkräfte verhinderten, die von ihren Löhnen kaum die Unterhaltskosten auf der teuren und engen Insel bestreiten können. Zum Glück für den Tourismus sind die Beben rechtzeitig abgeebbt. Und so funktioniert das Ganze noch, weil Touristen mit dicken Geldbeuteln aus der ganzen Welt bereits sind, fast jeden Preis für einmal Santorin zu bezahlen. Müll, Wassermangel, Zersiedlung, mafiöse Baustrukturen – die ganze Insel ein Paradebeispiel für Übertourismus mit allen negativen Auswirkungen.

 

Aber es ist halt auch so schön auf Santorin.

Ich bummle noch etwas herum, suche das Musikinstrumentenmuseum, das es aber offenbar nicht mehr gibt oder zumindest nicht für das Publikum geöffnet ist. Bewundere die Hinweisschilder zum „Parken am Sonnenuntergang“ und bestelle schließlich ein Eis in der Waffel, die Kugel drei Euro fünfzig. Die Verkäuferin gibt mir einen Euro Nachlass weil ich auf Griechisch bestellt habe und bar bezahle. Nett!

Dann habe ich genug gesehen, und reihe mich in die Schlange an der Bushaltestelle ein. Der Zwei-Uhr-Bus wird knallvoll, ich ergattere mit Glück und etwas Durchsetzungsvermögen noch einen Sitzplatz ganz hinten. Der Ticketverkäufer, der sich akrobatisch wie ein Schlangenmensch durch den drangvollen Bus windet, kassiert zwei Euro. Meine Frage nach Firostefani ignoriert er, und kurz darauf verstehe ich warum: der Bus fährt nicht mehr auf dem Straße oben nahe der Calderakante, sondern biegt links nach Paradisos und Baxedes ab. Bleibt auf der Straße entlang der flachen Nordostküste, was auch mal interessant ist, denn hier war ich noch nicht. Ab Pori verläuft die Straße dann abseits der Küste bis Vourvoulos, wo sie im rechten Winkel schnurgerade hoch direkt nach Fira führt. Und damit Firostefani nicht mal annährend tangiert.

 

Um halb drei sind wir am Busbahnhof von Firá. Soll ich auf den Bus nach Firostefani um drei warten oder zu Fuß gehen? Unschlüssig stehe ich herum, da fällt mir der Hinweis auf das Prähistorische Museum von Thira ins Auge, das sich nahe am Busbahnhof befindet. Nicht zu verwechseln mit dem Archäologischen Museum weiter nordwestlich nahe der Caldera, das die Funde von Alt-Thera zeigt und wegen Renovierung lange geschlossen war. Seit Juni 2025 ist es wohl wieder offen.

 

Bis 15.30 Uhr hat das Prähistorische Museum Thera noch geöffnet, für gepflegte zehn Euro Eintritt. Doch, das muss jetzt sein, trotzdem. Auf zwei Stockwerken werden hier vor allem die minoischen Ausgrabungen von Akrotiri gezeigt, aber auch Funde aus Potamos auf Thirassia. Oben Keramik und Artefakte, gut gemacht und sehr interessant. Im unteren Stockwerk befindet sich seit 2021 die Ausstellung „Thera Wandmalereien. Die Meisterwerke der Ägäischen Vorgeschichte“, in der zahlreiche sehr gute Kopien von Fresken aus Akrotiri zu sehen sind. Dazu auch welche, für deren Präsentation man die Gebäudestruktur original nachgebaut hat. Und die sind wirklich toll! Manche des Fresken kenne ich, aber viele nicht. Spannend! Vielleicht sollte ich doch die Ausgrabungen von Akrotiri besuchen. Nur scheue ich die Besuchermassen, die ich dort anzutreffen befürchte.
Und dann gibt es noch diese hübsche goldenen Ziege, die mir schon beim letzten Museumsbesuch so gut gefallen hat. Und dunkle Kykladenidole.

 

Beeindruckt vom Gesehenen verlasse ich um halb vier das Museum, das hinter mir die Türen schließt. Kaufen noch einige notwendige und überflüssige Dinge ein, ehe ich um vier Uhr den Bus nach Firostefani nehme. Für heute bin ich genug zu Fuß gegangen.

Und freue mich auf das heutige Schauspiel des Vor-Sonnenuntergangs. Jeden Tag ist es anders. Heute hat es Wolken, die eine düstere Stimmung jenseits mediterraner Fröhlichkeit erzeugen. Trotzdem schön. Mit Wein im Glas und Musik auf den Kopfhörern lasse ich mich zu einem Tänzchen auf meiner Terrasse beschwingen – Karavia Chiotika passen zwar geografisch nicht ganz, aber egal.

Später wechselt der Himmel doch noch von blauschwarz zu golden. Genial.

 

Ich organisiere mir für morgen einen Mietwagen bei Motor Inn Santorini. Der Fiat Panda wird mir um halb zehn nach Firostefani an die Platia gebracht, und ich kann ihn am Sonntag am Flughafen zurückgeben. Die vierzig Euro, die dafür fällig werden, hätte auch der Flughafentransfer per Taxi gekostet, und ich kann morgen noch den ganzen Tag mir unbekannte Orte auf Santorin erkunden.

Meine Wahl fürs Abendessen fällt heute auf das „Vanilia“ direkt oberhalb von Manos Small World an der Calderagasse. Wie sehr ein kühler Wind von Nordosten weht, habe ich auf meiner windgeschützten Terrasse gar nicht gemerkt, aber im Restaurant bleibt die Dachterrasse verwaist, denn es zieht wie Hechtsuppe. Auf der unteren Terrasse drängen sich die internationalen Gäste hinter durchsichtige Plastikplanen, an denen der Wind zerrt, und wärmen sich an den lodernden Feuersäulen im Gastraum. Es ist voll, aber die Verweildauer ist nicht griechisch-endlos, und so bekomme ich gleich einen freien Tisch. Ich bestelle eine Linsensuppe, und danach Souzouki – Wurstscheiben von Lamm und Rind mit Joghurt-Dip und Pitta-Brot. Kenne ich so überhaupt nicht. Die Suppe ist püriert und ähnelt Fava, schmeckt aber absolut köstlich, Und auch die dünnen geschnittenen Souzouki-Scheiben sind interessant-pikant. Weil ich noch nicht ganz satt bin und auch das Mittagessen habe ausfallen lassen, passt noch ein Nachtisch hinein - eine ausgezeichnete Schoko-Haselnuss-Creme. Dreißig Euro werden fällig, und fürs bar und auf Griechisch bezahlen, gibt es einen Raki auf Haus. Efcharisto!

Noch eine kleine Runde Richtung Fira, die Atmosphäre genießen. Aber die ist in Firostefani schöner, angenehmer. Am Wochenende findet ein internationaler Kongress zu Luxustourismus in Griechenland hier statt. Na, das passt ja.

Morgen möchte ich dann in den Inselwesten. Mit dem Auto.

 

*

 

Nach dem Frühstück – heute wurde der frühe Morgen  von keinen Kreuzfahrt-Durchsagen gestört, denn die beiden großen Pötte ankern weiter südlich – gehe ich hinauf zur Kirche und nehme meinen Fiat Panda von Moto Inn in Empfang. Der Mann vom Verleih erklärt mir noch, wo genau ich den Wagen morgen am Flughafen zurückgeben soll. Tatsächlich habe ich auf Santorin noch nie ein Fahrzeug gemietet. Ich hatte kurz ein eBike erwogen, aber das hohe Verkehrsaufkommen auf der Insel ließen mich davon Abstand nehmen. Und zum Flughafen hätte ich damit auch nicht fahren können, mit meinem Gepäck.

 

Mein erstes Ziel ist der äußerste Südwesten der Insel mit dem Leuchtturm. Man könnte dorthin auch ab Akrotiri wandern, aber gewandert bin ich die beiden letzten Tage genug. Außerdem fährt dort kein Bus hin. Also kein Linienbus. Müsste ich folglich wieder zurück. Oder Anhalter.

 

Einen Touristenbus gibt es aber schon, er versperrt die Zufahrt zum Parkplatz an der Sackgasse, und so wende ich und stelle den Mietwagen an einem anderen Parkplatz über der Caldera hundert Meter vorher ab. Der MM-Reiseführer hatte gewarnt, dass der Leuchtturm gut frequentiert wäre, aber mit Kreuzfahrern habe ich nicht gerechnet. Dabei jätte ich wissen müssen, dass man auf Santorin immer mit ihnen rechnen muss.... Ich tröste mich erst mal mit dem Blick auf die Caldera und hinüber nach Thirassia und Aspronisi davor. Schön sind die Lava- und Bimsschichten der Steilwände zu sehen. Unten dunkel, oben hell. Davor streben die ersten Katamarane dem Hafen Athinios zu. Vermutlich für die Vulkantouren. Stationiert sind sie in der an der Südküste liegenden Marina Vlychada – Schiffsplätze in der Caldera sind rar.

Dann gehe ich rüber zum Leuchtturm, wo der Bus inzwischen sein Gästeladung – vor allem Ostasiaten – ausgespuckt hat. Erfahrungsgemäß sind die in zehn Minuten wieder weg, ich kann also warten wenn ich weniger Leute auf meinen Bildern haben möchte. Wenn nicht gleich Nachschub kommt. Eine kleine Kantina verkauft Erfrischungen, aber die Nachfrage hält sich noch in Grenzen.

 

Der Leuchtturm steht unter Denkmalsschutz und ist abgesperrt und unzugänglich. Ein hübsches, weißes Gebäude mit einem grünen Kupferdachtürmchen. Fotogen. Aber der Star ist eher der Calderablick. Noch ein halbe Dutzend Katamaran zieht ostwärts, beinahe eine Regatta. Jetzt noch ein Seajet. Normales Verkehrsaufkommen in der Caldera.
Auf dem nahen erodierten Felsenbalkon der Caldera stehen die Betonskelette von Häusern. Noch in Bau oder schon Ruinen? Es gibt keine unverbauten Gegenden mehr auf Santorin.

 

Um mich herum stolpern Touristen mit Flipflops und leichten Schühchen über die schmalen Wege zwischen den Felsen bis zum Steilabfall, auf der Suche nach den besten Selfie-Hotspots. Santorin sollte das unbedingt betonieren lassen bevor sich jemand den Haxen bricht…. Auf Milos sind letztes Jahr zwei Kreuzfahrttouristen ums Leben gekommen, als sie bei Windstärke neun in Sarakiniko vom Steilfelsen ins Meer geweht wurden. Beziehungsweise sie wurde ins Meer geweht und ihr Mann starb beim Rettungsversuch. Tragisch und vermeidbar.

Der Bus sammelt seinen Gäste wieder ein, zurück bleiben ein paar Mietwagenfahrer. Unten ziehen weitere Katamarane vorbei. Wird voll heute in der Caldera. Ich sammle noch ein paar fotografische Eindrücke und gehe zurück zum Auto. Fahre zurück nach Osten, vorbei an den typischen Santorin-Weinbergen, die hier kein Weinberge sind, sondern ebene graue Flächen mit Mulden, in denen sich die Reben kringeln, vom nächtlichen Tau zuverlässig bewässert. Ein Mann arbeitet dort, schneidet das trockene Laub ab. Zurück bleiben die nackten dornenkronenähnlichen Reben, bestenfalls mit etwas frischem Grün besetzt. Ok, es gibt also doch noch Platz für Weinanbau auf Santorin.

Um zwölf Uhr habe ich einen Termin in Megalochori. Das eher unscheinbare "große Dorf" liegt an der Straße von Fira nach Akrotiri, hat es inzwischen aber geschafft, sich als „noch originales“ Inseldorf einen Platz an der santorinischen Touristensonne zu sichern. Ich hatte bisher noch nie einen Grund, hier anzuhalten, stelle nun aber den Wagen auf den großen Parkplatz am Südende und gehe in den Ort hinein. Schnell habe ich gefunden was ich suche: das Kulturzentrum Symposion, das sich in der Dorfmitte einer alten Weinkelter befindet. Davor ein wunderschöner, von Bäumen beschatteter Hofgarten, der mit einer Sammlung alter Tische und Stühle als Café dient. Im Sommerhalbjahr findet hier täglich um zwölf Uhr eine einstündige Einführung in die Mythologie und zur Geschichte griechischer Musikinstrumente statt, durch den Musiker Yannis Pantazis. Und das möchte ich mir nun angucken.

 

Ich bin eine halbe Stunde zu früh, habe aber darauf verzichtet, mir vorab online ein Ticket zu sichern. Das hole ich nun vor Ort nach bei einer von zwei Frauen, die mich an der Rezeption empfangen. Zwanzig Euro kostet das Ticket. Ob ich im Hof noch etwas trinken wolle? Will ich, nachdem ich mir den Shop mit dem käuflich zu erwerbenden Musikinstrumenten – Flöten und Trommeln - angesehen habe. Da gibt es auch eine Tsambouna, den ägäistypischen Dudelsack aus einem Ziegenbalg. Yannis baut sie selber, wie ich vor Jahren in der Fernsehdoku „Dudelsäcke, Musik und Klänge der Ägäis“ gesehen habe. Schon lange einer meiner Träume, und hier besonders schön mit dem Ziegenfell außen. 400 Euro für eine Spielerei sind aber doch nicht ganz preiswert, und meine Nachbarn würden mich hassen sollte ich versuchen dem Instrument Töne abzugewinnen (was ich durchaus vorhätte).

Erst mal die Vorführung abwarten.

 

Für fünf Euro genieße ich einen Frappuccino im Schatten der Bäume. Eine anglophone Gruppe geht wieder, offenbar wollen sie der Vorführung nicht beiwohnen. Ich werde doch nicht die einzige Zuschauerin sein? Das wäre dann doch etwas sehr intim.

Kurz vor zwölf Uhr kommt ein Paar, und wenig später noch ein zweites. Um zwölf Uhr ruft uns die Frau, bei der ich das Ticket gekauft habe, in die Kellerei hinein. Sie ist die Frau des Musikers Yannis Pantazis, erzählt uns zunächst etwas über die Geschichte des Weinkellerei, und bittet uns dann hinein in der langen Vorführungsraum unter dem Tonnengewölbe. Wir nehmen auf der gemauerten Bank an der Seite Platz. Fotografieren und Filmen ist nun nicht erlaubt. Yannis, der auch Musik zu dem Film „Gladiator II“ beigetragen hat und zu Christopher Nolans „Odyssee“, die 2026 in die Kinos kommen soll, fragt uns zunächst wo wir herkommen: das eine Paar kommt aus Hamburg, das andere aus Schottland. Wir würden zusammen musizieren, erzählt er bevor er uns zu einer Reise in die Geschichte der frühesten Musikinstrumente – die Flöte aus dem Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb gehört dazu – mitnimmt. Aber auch in der Mythologie ist die Flöte wichtig. Er flötet, trommelt und kurz darauf haben wir auch jede einfache Instrumente in der Hand – Meerestrommeln, Rasseln, Glocken, Zimbeln - und spielen in seinem Rhythmus während er flötet. Das macht Spaß, und klingt nicht so schlecht wie man befürchten könnte. Musizieren hat auch eine heilende Wirkung, erklärt er, und schon in der Antike wurde sie zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Dass man ohne Vorkenntnisse in zehn Sekunden ein Musikinstrument erlernen kann, demonstriert er uns an der Frau des deutschen Paares, der er hinter der Bühne kurz die Funktion einer kleinen Harfe erklärt, auf der sie tatsächlich kurz darauf erstaunlich melodisch für uns spielt.

Und er erzählt vom flötenspielenden Satyr Marsyas, der Apollon zum musikalischen Wettkampf auf der Flöte herausforderte, mit den Musen als Schiedsrichterinnen. Das endete schlecht für ihn, denn Apollon sang schließlich, und die Stimme galt das höchste und wertvollste Instrument, und wer flötet, kann nicht singen. Apollon gewann also, und hängte Marsyas zur Strafe gehäutet im Baum auf. Wie man Flöte spielen und trotzdem singen kann, will ich hier nicht verraten. Aber die Reise endet mit Yannis‘ Spiel auf der Tsambouna, deren Sound das Gewölbe erzittern lässt. Wow, davon könnte ich mehr haben! Aber die Stunde ist vorbei. Kurzweilig und lehrreich ist sie vorbeigegangen. Hat mir gefallen!

 

Ich werde auf den Kauf einer Tsambouna verzichten, denn ich werde sie eher nicht erlernen können, auch wenn Yannis beim Instrumentenkauf eine Online-Einführung via Zoom anbietet. Aber eine Doppelflöte ziehe ich in Erwägung. Die hat auch schon ordentlich Wumms.

Ich bummle noch etwas durch die Gassen von Megalochori – es hat ein paar Läden mit hübschem Kunsthandwerk. Aber es ist halb zwei, und Hunger macht sich bemerkbar. Manolis von Naxos, der eine Zeit lang auf Santorin gearbeitet hat, hat mir das Lokal „Psaraki“ in Vlycháda empfohlen, und dort möchte ich jetzt hin.

Vlychada ist der Marina-Hafen an der Südseite von Santorin, der immer mal wieder im Gespräch war wenn es um den Bau eines neuen und günstiger gelegenen Fährschiffhafens außerhalb der Caldera ging. Die Zufahrt nach Athinios ist ein Nadelöhr, im Notfall schwierig (erst neulich war die Straße wegen Steinschlages einen Tag gesperrt), und der Hafen ist auch zu klein für die ständig wachsende Zahl der über den Seeweg anreisenden Santorini-Besucher. Von Vlychada ist man inzwischen aber abgekommen und plant den neuen Hafen bei Monolithos, wo auch der Flughafen ist. Das wäre zentraler, kürzer und logistisch viel einfacher. Ob die Kreuzfahrtschiffe dann da auch draußen anlegen? Jetzt nicht mein Problem.

 

Ich glaube, ich war noch nie in Vlychada, zumindest in den letzten zwanzig Jahren. Die kreisförmig angelegte Marina ist überraschend weitläufig und voller Kaikia und Ausflugsboote. Viele Ausflugkatamarane sind jetzt ja unterwegs, nachts liegen sie dann wohl in mehreren Reihen nebeneinander. Aber es hat auch Fischerbötchen dazwischen, und die Berge von Netzen lassen darauf schließen, dass es sich nicht nur um Deko handelt. Am nördlich anschließenden Strand sind ein halbes Dutzend Kinder mit ihren Jollen Klasse „Optimist“ zugange. Nicht das erst mal, dass ich samstags den Segelunterricht beobachten kann. Aber entweder sind sie schon fertig, oder es ist zu windig heute: die „Optimisten“ bleiben an Land.

 

Auf einer Felsenstufe oberhalb des Hafens liegen einige Tavernen, und das „Psaraki“ ist eine davon. So klettere ich über einen steilen Treppenweg vom Hafen hinauf. Natürlich führt auch eine Straße oben entlang, aber ich habe meinen Mietwagen schon am Eingang des Hafens abgestellt, nahe der Tomatendosenfabrik.

 

Die Tavernen liegt etwas zurück, haben aber natürlich alle Plätze an der Steilkante mit tollem Blick über die Marina. Es ist noch sehr wenig los, aber viele Tische sind reserviert. Ich finde einen gegen den böigen Westwind halbwegs geschützten Platz und bestelle nach Blick in die Karte eine Fischsuppe, die schnell kommt und gut schmeckt. Mit Brot und Wasser bezahle ich faire 14 Euro.

 

Und nun? Das Tomaten-Museum wäre noch interessant. Genauer heißt es „Tomato Industrial Museum D. Nomikos“ und ist ein Privatmuseum. Früher wurden hier in dieser Fabrik die typischen kleinen Santorin-Tomaten eingedost, seit 2014 gibt es nun das Museum auf dem weitläufigen Fabrikgelände. Bestimmt sehenswert, aber bei zwölf Euro Eintritt müsste ich jetzt mehr Muße haben, und heute nicht schon so viele Eindrücke gesammelt haben.

Ich entscheide mich stattdessen für ein letztes Bad im Meer und fahre über den Hügel nach Osten nach Exomitis, wo der endlose Vulkansandstrand, der in Perissa beginnt, ausläuft.

 

Hier ist sehr wenig los, die paar Badende verteilen sich. Ich gehe etwas weiter vor, versuche einen steinlosen Einstieg zu finden. Ein Angler probiert sein Glück, und da es mit Fischen nicht so recht klappen scheint, versucht er, die Solo-Touristin zu „fangen“ nachdem er gemerkt hat, dass ich etwas Griechisch spreche. Hoppla, so unverhohlen und offen ist mir das schon lange nicht mehr passiert – frau wird ja älter und gerät aus dem Beuteschema. Hier redet niemand über sexuelle Belästigung, und ich empfinde es auch nicht so. Eher als amüsant. Lehne das eindeutige Angebot aber trotzdem ab, lege etwas Abstand zwischen ihn und mich, und bade dann nahe einer griechischen Familie. Safe space, wobei ich in allen den Jahren in Griechenland nie erlebt habe, dass einer Abfuhr mehr als ein Schulterzucken folgte: Den Versuch war es wert. Ein weiterer Versuch wird erfolgen als ich zum Auto zurückgehe.

Das Meer ist hier wundervolle 22 Grad warm. Ein perfekter Badeabschluss eines windigeren und kühleren Herbsturlaubes als gedacht.

 

Auf der Rückfahrt lege ich noch einen Abstecher zum Windmühlenhügel auf dem Gavrilos ein. Ein paar Kapellen, einigen Mühlen von renoviert bis zerfallen, und eine tolle Aussicht auf den Profitis Ilias, dessen Gipfel von Wolkenfetzen verdeckt wird. Darunter Emborio mit dem Pyrgos Goulas, gar nicht klein.

 

Ich habe das Auto an ein Rondell neben der Straße abgestellt, und bin bei der Rückkehr eingeparkt. Ein Touristenpaar, der auf meinen Protest nur lakonisch meint., ich hätte meinen Wagen ja so saublöd hingestellt und wäre selber schuld. Als ob es sonst keinen Platz hätte … ich manövriere irgendwie vorbei und fahre bis zum Ende der Stichstraße auf dem Hügel, wo eine weitere, bildschöne Kapelle steht und der Blick über das Südwestende von Santorin reicht. Auch hierhin folgen mir Touristen, dieses Mal auf einem Motorroller. Man muss auf dieser Insel schon auf Fußwegen unterwegs sein, damit das nicht der Fall ist. Aber gut, ich bin ja auch Touristin.

Halb fünf ist es inzwischen. Zeit, auf meine Caldera-Terrasse zurückzukehren und mich auf den Sonnenuntergang vorzubereiten. In Messaria tanke ich für sieben Euro dreieinhalb Liter – viel Benzin braucht man auf der kleinen Insel nicht. Das Auto stelle ich über Nacht am großen Parkplatz unterhalb der Platia in Firostefani ab.

 

Der Sonnenuntergang enttäuscht mich auch heute nicht. Ich sauge ihn in mir auf, den letzten Sonnenuntergang dieses Urlaubes.

Und wollte an meinem letzten Urlaubsabend wieder ins „Vanilia“, aber Eva rät zum „Kokkalo“. Das liegt zwar ohne Blick an der Straße nach Fira, wo ich es im Vorbeigehen auch schon gesehen habe, aber das muss kein schlechtes Zeichen sein. Als ich gegen halb acht dort ankomme, ist das Lokal fast leer, nur ein oder zwei seitliche Tische sind belegt. Allerdings sind die leeren Tische alle reserviert, wie mir die Kellnerin sagt. Wenn es mir nichts ausmachen würde, könnte ich aber an einen seitlichen, erhöhten Tisch sitzen. Der Tisch in Barhöhe samt entsprechendem Stuhl ist ok, ich habe den ganzen Gastraum im Blick. Die Preise sind vergleichbar denen im „Vanilia“, und ich bestelle Fava und nochmals Souzouki, die hier als „armenisch“ bezeichnet werden. Ein Glas Wein dazu, Brot und Wasser. Die Fava ist köstlich, das Souzouki sparsam, aber würzig, und der Wein schmeckt auch. Und während ich esse, wird das Lokal plötzlich voll: Eine vielköpfig Taufgesellschaft, alle dem Anlass gemäß schön herausgeputzt. Ich fühle mich krass underdressed mit meiner Abendhose, die ich jetzt schon zweieinhalb Wochen fast jeden Abend anhatte, und meiner Fleecejacke mit Kapuze. Aber am Katzentisch falle ich ja kaum auf. 24 Euro bezahle ich für mein Abendessen und bin satt und zufrieden. Ein guter kulinarischer Urlaubsausklang.

 

*

 

Am Sonntag bin ich früh auf. Packe meine Sachen und genieße den Kaffee mit Tzoureki drinnen – draußen ist es noch zu nass. Der Mann vom Hotel kommt kurz nach acht Uhr und trägt meinen Koffer hoch zu Straße. Eva nannte ihn „Pedi“, also Kind. Eine lange nicht mehr gehörte Bezeichnung für eine Art Hilfsarbeiter oder Mädchen für alles. Mädchen oder Kind - das ähnelt sich.

Am frühen Sonntagmorgen hat es kaum Verkehr um Fira, und so gebe ich den Mietwagen vor halb neun am Flughafen zurück. Checke mein Gepäck ein und esse beim Bäcker außerhalb des Flughafens noch einen Toast. Passiere dann die Sicherheitskontrolle um festzustellen, dass in den Läden und Shop im Bereich der Gates überall das zu staatlich reglementierten Preisen anzubietende Wasser ausverkauft ist. Sauerei! Ich will doch kein französisches Vittel-Wasser zum Wucherpreis! Werde dann eine Treppe tiefer fündig, wo mir aber eine Frau die letzte Dreiviertelliterflasche griechisches Wasser vor der Nase wegschnappt. Ich beschwere mich, und siehe da: kurz darauf wird Nachschub gebracht.

 

Mein Eurowings-Flug nach Stuttgart hebt pünktlich um zehn Uhr zwanzig ab. In der Ferne zeigt sich das Felseninselchen Anydros, dessen Name ich bei den Schwarmbeben im Februar gelernt habe, da es im Epizentrum der Beben lag. Dann folgen Ios und das Ostende von Sikinos mit der markanten Straße zum Strand von Agios Georgios. Da habe ich jetzt schon wieder Sehnsucht nach Griechenland.

 

Das war wieder ein wunderschönen Urlaub, wenn auch kühler als gedacht. Ich freue mich schon auf den nächsten, im Januar. Wird nicht wärmer werden.