Der Sonntag könnte wettertechnisch der beste Tag meines Sfakia-Aufenthaltes werden, und ich fühle mich gut heute. Ich beschließe, nach Anopoli zu fahren und hinab nach Loutro zu wandern. Da Wolfgang später Richtung Plakias verabredet ist (und mich aus verständlicher Angst vor Ansteckung auch lieber nicht fahren möchte. Falls er tatsächlich schon wach wäre), und sonntags kein Morgenbus nach Aradena fährt, probiere ich es per Anhalter am oberen Ortsausgang von Chora Sfakion. Schon das erste Auto hält und nimmt mich mit. Eine Deutsche, Sarah, die von Aradena durch die Schlucht zum Meer und dann über Livaniana wieder hinauf wandern möchte. Ich bin kurz versucht, mit ihr zu gehen, ehe die Vernunft siegt: erstens habe ich das schon gemacht, zweitens mag mein Rücken die Kletterei und Rutscherei durch die Schlucht nicht, und drittens wollte ich doch nach Loutro hinab. Die Wanderung kenne ich nämlich noch nicht.
An der Platia mit der Daskalogiannis-Statue lässt sie mich aussteigen, und ich wünsche ihr kalo dromo. Vor der Taverne Platanos stehen mehrere halbe Ziegen aufgesteckt als Antikristo in einem
Drehgrill bereit, offenbar erwartet man heute zahlreiche hungrige Gäste. Eine Handvoll Schafe nascht vom Grünzeug unter einem riesigen Feigenbaum. Ich nehme die Straße, die hier nach Süden aus
dem Ort herausführt und dann nach zwei Kurven entlang des Hanges nach Osten verläuft. Schnell erstreckt sich die auf knapp 600 Höhenmetern gelegene, grüne Hochebene von Anopoli unter mir.
Dahinter die Lefka Ori, die Weißen Berge, die Hänge von Wolkenschatten verdunkelt.
Nach zwanzig Minuten endet die Straße an einer Kante, ab der die Hänge zur Küste hinab fallen. Darüber guckt die Kapelle der Agia Ekaterini von einer Felsenkuppe.
Ein schmaler Weg führt hinauf, und natürlich statte ich der heiligen Namensbase einen Besuch ab. Von der Plattform kann ich auf die weißen Häuser von Loutro und das tiefblaue Meer hinab gucken. Ist eigentlich ganz nah.
Die niedliche Kapelle mit dem seitlichen Glockenbogen ist unverschlossen, das Innere birgt weiße Wände und eher kitschige Heilgenbilder. Ich zünde trotzdem zwei Kerzen an und singe. Als ich das Gotteshaus wieder verlasse, kommt ein älterer Grieche auf mich zu und fragt mich aus: woher ich komme, was ich hier tue, welchen Glaubens ich bin. Meine Antwort missfällt im: Evangelisch? Das gilt nicht. Wortreich versucht er nun, mich von der Vorzügen des orthodoxen Glaubens zu überzeugen, der der einzig wahren Glaube sei. Unbedingt müsse ich mich taufen lassen. Ich kontere, dass ich schon getauft sein, und dass wir doch an den gleichen Gott glauben würden. Das lässt er nicht gelten, erzählt mir dann aber lang und breit die Geschichte der Heiligen Katerina, die ich aber mangels Wortschatzes nur teilweise verstehe. Zwei, drei Touristenpaare besuchen so lang die Kirche und bleiben unbehelligt. Ich kann mich endlich losmachen, fotografiere noch schnell die phänomenale Aussicht und nehme dann den Wanderweg nach Loutro in Angriff.
Das Ziel liegt schon greifbar nah unten in der Bucht. Die "Samaria" verlässt das Dorf gerade (über Agia Roumeli wird sie heute die Sonderfahrt nach Gavdos machen), und mehrere Boote zeichnen weiße Striche ins tiefblaue Meer. Der Fußweg beginnt an einem Ikonostasi, ist gut ausgebaut und erfordert nicht zu viel Aufmerksamkeit, so dass ich die Landschaft und das Panorama genießen kann. Nur als eine noch ziemlich frische tote Ziege auf dem Weg liegt, schrecke ich auf. Ein Fressen für die Geier, die ich zwar nicht heute, aber die nächsten Tage noch zuhauf hier in der Luft segeln sehen werden.
Es kommen mir einmal Wanderer entgegen, aber ich bin froh, dass ich abwärts gehen kann, auch wenn sich die 670 Höhenmeter bergab morgen als Muskelkater in den Sitzmuskeln bemerkbar machen werden. Ich erinnere mich, dass vor vielen Jahren hier ein Ehepaar beim Aufstieg im Hochsommer ums Leben kam: Hitzschlag, Herzinfarkt oder beides. Ja, es kann hier in der schattenlosen Gegend sehr heiß werden. Jetzt ist es das nicht, im Gegenteil: perfektes Wanderwetter.
Schon recht weit unten teilt sich der Zickzack-Weg: links geht es nach Loutro und rechts nach Finix. Wie mir ein mich überholender Wanderer auch gleich noch mitteilt. Finix - da wollte ich ja auch schon immer mal hin, nach Loutro komme ich trotzdem noch. Also auf den rechten Weg, der einen tiefen Talriss im Felsen quert. Nun liegen die kargen Hänge des Hinterlandes von Finix vor mir, mit dem Dorf Livaniana in der Ferne, und dahinter dunkel dem tiefen Einschnitt der Aradena-Schlucht. Toller Anblick! Ich hoffe, ich schaffe es diese Mal nach Livaniana. Ich habe eine Menge Wanderpläne mitgebracht, aber Wetter und Erkrankung bremsen mich aus. Und ich habe nur noch Montag und Dienstag.
Der Weg verliert sich hier etwas zwischen den Felsen, und einmal setze ich mich dank eines rollenden Steines auf den Hintern. Dann ich finde einen Track in der Karte, der zur Straße führt. Straße? Ja, tatsächlich ist die Piste bis Finix nun asphaltiert, was eine Reihe Motorradfahrer samt schweren Maschinen mir gerade lautstark demonstriert: sie kurven unter mir die Serpentinen abwärts nach Finix. Klar, heute ist Sonntag, und da machen Zweiradfahrer auch hier gerne schwarmweise Sonntagsausflüge. Es ist eine internationale Gruppe mit Schweizer Schwerpunkt, wie ich feststellen werde als ich sie später in der Taverne sehe und höre.
Recherchen ergeben, dass die Straße Livaniana nach Finix erst in jüngster Zeit - um 2023 – befestigt wurde. Finde ich das schade? Geht so. So lange man die Pläne, eine Straße nach Agia Roumeli zu bauen, nicht nachdrücklich verfolgt. Und da wird schon ANENDYK dagegen opponieren. In Loutro käme wohl niemand auf die Idee, das Alleinstellungsmerkmal „nicht per Auto zu erreichen“ aufzugeben und die eigene Identität zu verlieren.
Bei einer Plattform mit drei Dutzend Bienenstöcken (für den besten Honig natürlich) erreiche ich diese Straße, die nun in Kurven hinab nach Finix (auch Finikas, Phönix oder Old Phoenix genannt) führt. Um Viertel nach eins erreiche ich die Taverne dort. Für die 6,6 Kilometer ab Anopoli habe ich etwas unter zwei Stunden gebraucht, 686 Meter ging es bergab.
Vorne das Café, daneben die Taverne, die gut gefüllt ist. Ich gönne mir einen griechischen Salat und ein fertig gemischtes Radler in der 0,33 Liter-Flasche. Wasser und Brot dazu, das schmeckt! Mit 12 Euro fünfzig auch zu normalen Preisen. Die „Daskalogiannis“ fährt vorbei gen Agia Roumeli.
Zwei weiß-gelbe Boote von Athitis Lines liegen im kleinen Hafen an der Bucht, aber das nächste fährt hier erst um 16 Uhr ab.
Also wandere ich über den Bergrücken hinüber nach Loutro und besuche auf der Kuppe noch die Ruine der Burg. Auch ein schöner Platz mit dem Meer auf drei Seiten, und auf der vierten die Berge. Trotz der Ruinenumrundung benötige ich keine halbe Stunde nach Loutro – sind maximal eineinhalb Kilometer.
Dann wieder mit der „Delfini“ via Glyka Nera nach Chora Sfakion, wo ich mir erst mal eine mega Kugel Eis bei „Despina“ gönne. Ich staue wieder, welche Ladung köstliches Eis man hier für wenig Geld bekommt.
Nach einer kleinen Pause auf dem Zimmer folgt das obligatorische Bad am Vryssi-Strand.
Beobachte dann vom Balkon aus die Ankunft der Samaria-Wanderer: heute sind es einige.
Und später das Abendessen bei „Nikos“, heute solo – ich bin spät dran und Wolfgang schon satt. Leider klingen die Speisen auf der Karte besser als das, was man nachher auf dem Teller bekommt: Mein Lamm mit Artischocken entpuppt sich als viele Knochen mit wenig Fleisch dran, und die Artischocken sind groß und keine Offenbarung. Die Zitronensauce ist noch das Beste, mangels Löffel aber schwierig zu essen. Eigentlich meine einzige Pleite bezüglich des Essens in der Sfakia. 16 Euro fünfzig inklusive einem Glas Rotwein sind aber auch preislich im Rahmen. Als Zugabe zum Tsikoudia gibt es hier ein Scheibchen Kormos – „kalter Hund“. Das Beste am Essen hier. Schade.
*
Die Wetterprognosen sind heute am Montag durchwachsen, vielleicht Regen, vielleicht Wind, und sicher Wolken. Kein Wanderwetter. Ich frühstücke nochmals auf meinem Balkon, muss dann vor dem einsetzenden Regen nach drinnen fliehen.
Heute bin ich mit Bernd verabredet, den ich vom Kretaforum kenne. Allerdings noch nicht persönlich. Der Ruheständler lebt die meiste Zeit des Jahres an der kretischen Nordküste und wird mit seinem Wagen einen Sprung über die Berge machen. Die Sfakia kennt er noch fast gar nicht. Es ist elf Uhr, als er am Parkplatz am Ortseingang eintrifft. Der Regen hat aufgehört, aber das Wetter ist instabil.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass wir zusammen mit einem Boot nach Loutro fahren könnten, aber nachdem Bernd verneint, jemals in Anopoli oder Arádena gewesen zu sein, schlage ich die Fahrt hinauf Richtung Berge vor, und er ist einverstanden.
Schnell kurven wir die Serpentinen nach Anopoli hinauf, unter Berücksichtigung der zahlreichen Schafe und Ziegen auf der Straße. Der Wolkendecke kommen wir dabei näher, sie verhüllt die Lefka
Ori, die man rechts sehen müsste, wenn man die Hochebene erreicht hat, und drückt von oben.
Wir haben keinen Grund in Anopoli zu halten und fahren weiter nach Aradena. Ein Stück vor der Brücke geht links eine Straße ab mit dem Wegweiser nach Finix. Merke ich mir.
Und dann geht es mit lautem Gepolter über die schmale Brücke. Bernd ist angemessen beeindruckt. Sowohl von der Brücke selbst als auch von dem Blick in die tiefe, schmale Schlucht, der sich auftut als wir den Wagen am Kiosk jenseits der Brücke abgestellt haben und die Brücke betreten. Ob hier in der Saison immer noch Bungee gesprungen wird?
Ich erkläre Bernd die Wanderung durch die Schlucht, die ich vor 15 Jahren zusammen mit meiner Mutter unternommen habe, beeinträchtigt von einsetzendem Regen und Steinschlag. Ich würde das ja schon gerne mal bei schönem Wetter wiederholen, aber nicht in diesem Urlaub. Bernd ist auch gleich angefixt und möchte die Schlucht bald durchwandern. Allerdings lieber von unten nach oben – bergab ist nicht für jedermanns Knie geeignet. Wobei er schon gerne eine Rundwanderung machen möchte, von Aradena dann wieder hinab zu Küste und mit dem Boot nach Chora Sfakion. Und 600 Höhenmeter sind da je auf oder ab zu bewältigen. Die verschiedenen Möglichkeiten kristallisieren sich erst im Laufe des Tages heraus.
Es beeindruckt auch felsige Umgebung, die so gar nichts mit den grünen Landstrichen der Nordküste Kretas gemein hat. Vielleicht regnet es hier doch weniger als dort? Aradena hat sich auch verändert: einige der Häuser wurden zu Ferienwohnungen ausgebaut. Die einzigartige Kapelle des Erzengels Michalis mit ihrem Hahnenkammtürmchen ist aber unverändert verschlossen.
Wir fahren jenseits der Brücke noch bis zum Weiler Agios Ioannis, aber dessen verteilte Häuser stecken im Wolkennebel. Wenig einladend , und die düstere Stimmung passt allenfalls zum Friedhof, der oberhalb der Straße liegt. Interessant die breiten Grabmäler mit vorstehenden Tonnengewölben. Habe ich so auch noch nie gesehen. Werden in diesem Teil Kretas die Gebeine der Toten nach einigen Jahren auch wieder ausgegraben und separat bestattet, wie auf den Ägäisinseln? Eher nicht - Platz hat es hier ja genug. Noch ein Abstecher zuur namensgebende Agios-Ioannis-Kirche, aber die ist heute auch verschlossen.
Bei schönem Wetter habe ich Agios Ioannis auch noch nie erlebt. Würde aber gerne mal hinab nach Agios Pavlos und weiter nach Agia Roumeli wandern. Morgen?
Zurück über die Aradena-Brücke, und dann folgen wir neugierig den Abzweigung nach Finix. Hier vorne, wo nach wenigen hunderte Meter Steinöde die Berge zum Meer abfallen, hat es keine Wolken mehr, und Blick reicht weit: übers Meer, und rechts nach Livaniana, dahinter der Riss der Aradena-Schlucht. Was eine geile Landschaft! Bernd steuert seinen Micra souverän die schmalen Serpentinen hinab. Es ist nicht so kurvig und eng wie von Patsianos nach Kallikratis, aber auch ohne Leitplanken und nichts für Flachlandfahrer.
Nach ein paar Kilometern erreichen wir Livaniana, biegen ein in die kurze Stichstraße, die in zwei engen Kurven zur Kapelle hochsteigt. Livaniana ist eines meiner Wunschziele, aber ich hatte nicht gedacht, dass ich hier mit dem Auto herkommen würde, was die Sache irgendwie etwas entzaubert.
Ein halbes Dutzend Häuser in verschiedenen Verfallszuständen zieht sich den Hang hinauf bis zur Kapelle mit Friedhof. Alles wirkt menschenverlassen, für Belebung sorgen nur die Ziegen.
Zu Beginn der Straße befindet sich unterhalb die Taverne, die früher Tilman mit dem pinken Piano betrieben hat. Das ist schon lange Geschichte, aber das Lokal gibt es noch, auch wenn jetzt niemand dort ist. Die Tavernenterrasse mit Tischen und Stühlen unter einer grünen Weinlaube ist zum Schutz vor den allgegenwärtigen Ziegen eingezäunt, das Tor aber nicht verschlossen, wie ich neugierig feststelle. Wer durstig ist, kann aus einem Kühlschrank Getränke entnehmen, die Preisliste hängt daneben. Der Teller für das Geld ist mit Regenwasser gefüllt. Ein so trostloser Anblick das Ganze, dass ich schnell wieder die Flucht ergreife.
Wir fahren hinab nach Finix, es ist längst Mittagszeit. Sollen wir nach Lykos oder nach Finix zum Essen? Zu beiden Lokalitäten gibt es eine befestigte Straße, aber in Finix war es gestern ja ok, und so parken wir dort bei der kleinen Kirche, die mir gestern gar nicht weiter aufgefallen ist: Metamorfosi tou Sotiros – Verwandlung des Erlösers. Sie ist geöffnet und innen mit Fresken ausgemacht. Wie alt sie ist, ist schwer zu sagen, aber sie gefällt mir.
In der Taverne – heißt sie Finikas oder Old Phoenix? – essen wir Dakos und Kalitsounia. Hätte auch nicht gedacht, dass ich hier so schnell nochmals herkommen. Und es wird nicht das letzte Mal in diesem Urlaub gewesen sein.
Das Essen schmeckt, und die Gespräche dazu auch. Bernd ist ein interessierter Zeitgenosse, schnell hat sich eine gute und gemeinsame Gesprächsebene ergeben, trotz unterschiedlichen Alters und Sozialisation. Nach Kreta hat es ihn eher zufällig verschlagen, aber er hat schnell gemerkt, dass er bleiben möchte. Und es dann einfach gemacht. Ich weiß nicht ob ich das könnte.
Wir begutachten dann noch den Strand und die lustige Umkleidekabine. Ja, ist nicht üppig, aber für diese felsige Sfakia-Küste schon ok. Baden wollen wir aber nicht.
Gegen halb vier fahren wir wieder bergauf, machen in Anopoli noch einen Abstecher zur Kapelle der Agia Ekaterini. Die Luft schwebt voller Gänsegeier, die die Thermik der Küste nutzen. Vielleicht haben sie auch den Ziegenkavader entdeckt. Tolle Tiere!
Am Ortsausgang von Anopoli entdecke ich im Vorbeifahren noch eine rosa Wiese mit Herbstzeitlosen unter Olivenbäumen. So schön!
Mit einem Eis bei „Despina“ lassen wir die gemeinsamen Stunden ausklingen. War ein nettes Treffen, und wir bleiben in Kontakt.
Ich gehe noch Baden, und später im „Lefka Ori“ essen. Fava und Patates me tiri. Statt des bestellen Viertelliters Wein kommt ein halber. Zu viel Wein für mich alleine. Was dafür nicht kommt, ist die Rechnung. Der Service ist heute überfordert, oder müde, oder beides.
Müde bin ich auch, obwohl ich heute nicht gewandert bin. Morgen möchte ich aber schon noch mal die Wanderstiefel anziehen.