Startschwierigkeiten

Der Urlaub begann mit Startschwierigkeiten: Erst hatte ich die Nerven verloren und wegen des an meinem Abflugtag drohenden Fluglotsenstreikes zwei Tage vor geplantem Abflug einen komplett neuen, nicht gerade billigen Flug für einen Tag später gebucht. Nun direkt nach Iraklio statt über Athen nach Chania. Für den ursprünglichen Flug nach Athen gab es von Aegean einen Gutschein, für den Chania-Flug war das nicht möglich, und so buchte ich ihn einfach aufs Frühjahr um. Mal sehen, wie oft und wie lange er sich verschieben lässt....

Weil der Condor-Flug vor sechs Uhr am Morgen in Stuttgart startete, schlug ich mir die Nacht auf dem Stuttgarter Flughafen um die Ohren. Sonst wäre es im Athen Flughafen gewesen.

Der Streik wurde untersagt und ich ärgerte mich so lange, bis ich bei Ankunft auf dem Stuttgarter Flughafen sah, dass der Athen-Flug aus mehreren Gründen (Kabelbrand in Stuttgart, Überlastung in Athen) um 16 Stunden nach hinten auf Donnerstagmittag verlegt worden war. Da wäre ich am 2. Oktober nicht mehr nach Chora Sfakion gekommen.

 

Das schaffte ich jetzt mit dem frühen Flug nach Iraklio. Vom Flughafen mit dem City-Bus zum Busbahnhof Iraklio (1,20) und nach einer knappen Stunde Aufenthalt dort weiter mit dem Bus nach Vrysses um elf Uhr dreißig (12 Euro). Gut zwei Stunden Fahrt, die ich wie den Flug weitgehend verschlief. Nach gut einer Stunde Aufenthalt dort - Bustickets gibt es im Café direkt an der Bushaltestelle in Vrysses - Weiterfahrt mit dem Bus von Chania über die Berge nach Chora Sfakion (4,20 Euro), wo ich um kurz vor 15 Uhr ankam.

Der Mann auf dem Sitz jenseits des Ganges hatte sich bei jeder Kirche nicht nur dreimal, sondern mindestens zehnmal bekreuzigt. Mir war schon beim Zugucken schwindelig geworden, was aber vielleicht auch daran lag, dass ich mir am Tag vor der Abreise irgendeinen blöden Infekt mit Kopfweh, Gliederschmerzen und leichtem Fieber zugelegt hatte. Egal, mit Paracetamol war ich trotzdem reisefähig. Und müde wäre ich sowieso gewesen.

 

Das Wetter in der Sfakia ist durchwachsen: kaum Sonne, dafür Wolken. Sollte der Herbst sich dieses Jahr schon am 2. Oktober von seiner feuchtkalten Seite zeigen? Letztes Jahr auf den Kykladen war es mir da fast noch zu warm gewesen.

 

Direkt geht es zum Hotel "Stavris", wo ich mich für sechs Tage einquartiert habe. Die Zimmerpreisentwicklung in Chora Sfakion hatte mir bei der Zimmersondierung kurz den Atem verschlagen, hatte ich die Kykladen doch für deutlich teurer als Kreta gehalten. Aber auf Kreta ist noch Saison während man auf den Kykladen am 2. Oktober schon die Strände für den Winter einmottet. 70 Euro oder mehr für ein nettes Zimmer ohne Blick wollte ich nicht bezahlen, da blieben nur die Zimmer im "Stavris" für 51 Euro die Nacht superior. Sehr basic, aber immerhin mit Aussicht. Über Booking übrigens nicht teurer als bei Direktbuchung. Interessant.

Ein Vertreter der jungen Stavris-Generation sitzt bei meiner Ankunft vor dem Haus und straft mich mit Nichtachtung. Auf offensichtliche Gäste zuzugehen, womöglich noch freundlich, scheint unter seiner sfakiotischen Würde. Kaum kann er sich dazu durchringen, sich zu erheben, zur Rezeptionstheke zu gehen, mir den Schlüssel zu geben und die Zimmernummer zu sagen. Zweiter Stock. Trolley hochtragen? I wo. Ich werde mich auch die nächsten Tage über die schon an Unfreundlichkeit grenzende Missachtung seitens der jungen Männer ärgern. Auch wenn die Saison sicher lange war - das scheint mir eher ein grundsätzliches Problem zu sein.

Egal, das Zimmer ist in einem deutlich besseren Zustand als ich anhand der Kritiken bei Booking erwartet hatte. Und basic waren die Zimmer schon beim letzten Aufenthalt 2008 und 2010 gewesen. 

Extras darf man keine erwarten: Drei Gläser und drei verpackte Stücke Seife - das war's auch schon. Und als ich Tage später den Kühlschrank einstecken werde, wird der sich als Heizofen entpuppen: die Oberfläche wird sehr warm, so dass man besser nichts wärmeempfindliches darauf abstellt. Hätte ich früher wissen sollen, dann hätte ich ihn als Heizung benutzt, denn die ersten Nächte frieren ich ordentlich. Basic sind auch Wasserdruck und Wlan - beide tröpfeln nur so. Haben sie diese Sparsamkeit von der Wirtsfamilie übernommen? 


Angeschlagen sitze ich also auf meinem Zimmer.

Eigentlich war ich nur in die Sfakia gekommen, um hier zu testen, ob meine vorgefallene Bandscheibe einen Trip mit dem Meerkajak vertragen würde. Von einer geplanten mehrtägigen Tour anderswo hatte ich auf Anraten meines Reha-Arztes Abstand genommen. Zeit, den Kajak Guide Stelios von Enjoy Crete anzumailen und nach der Planung der nächsten (oder infektbedingt eher übernächsten) Tage zu fragen. Stelios hatte vor Wochen versichert, hier Anfang Oktober Tagestouren anzubieten. Die prompte Antwort ist mehr als ernüchternd: er hätte keine Verfügbarkeit in den nächsten Tage. Erst am Mittwoch - da reise ich aber schon wieder weiter. Erst auf mein frustriertes Nachfragen erklärt er mir, dass es die nächsten Tage fürs Kajaken zu windig sein würde. Das ist dann natürlich was anderes, aber das hätte er aber auch gleich schreiben können. Wir bleiben in Kontakt falls sich eine Änderung ergeben sollte, aber ich werde nichts mehr von ihm hören. Ich werde dann auch wissen, warum, denn die nun gecheckten Wetter- und Windprognosen sind gar nicht gut.

So ein Mist aber auch! Jetzt hocke ich da in Sfakia und nichts geht. Erzwungene Inaktivität ist gar nichts für mich, schon gar nicht im Urlaub. Von wegen "Seele baumeln lassen" - so ein Bullshit (sorry, Kurt Tucholsky, aber der baumelte auch "mit der Seele").

Immerhin bin ich nicht alleine in Sfakia. Ich rufe Wolfgang an, dessen Penthouse-Terrasse ich von meinem Balkon aus sehen kann. Wir winken uns telefonierend zu und verabreden uns für halb sieben zum Abendessen im "Libykon". Bissle früh für meinen Geschmack, aber Wolfgang, fortgeschrittener Senior mit sehr eigenem Biorhythmus, fürchtet belegte Tische. Ich kaufe noch etwas ein (Tsikoudia, Honig und Malotira-Tee - gut, dass ich noch schnell den kleinen Reisetauchsieder eingepackt habe, so kann ich mir auf dem Zimmer selbst einen Tee machen), und bummle durch den Ort.

 

Eigentlich hat sich Chora Sfakion in 15 Jahren weniger verändert als ich gedacht habe, und ich spüre wieder den Reiz dieses Dorfes. (Chora heißt nicht "Stadt", wie oft falsch übersetzt, sondern "Ort".) Natürlich sind mehr Häuser mit Fremdenzimmern (ein antiquiertes Wort irgendwie) entstanden, aber die Paralia zeigt sich ohne viele wesentliche Veränderungen: Restaurants, Cafés, dazwischen kleine Läden. Vielleicht sind die Restaurants gewachsen zuungunsten verdrängter, aber die Atmosphäre ist weg verändert. Klar, es hat ja auch keinen freien Platz mehr zwischen Meer und Bergen, da werden die Grenzen eng gesetzt. Aber es ist einiges los hier, kein Hauch von Nachsaison.

 

Der Himmel hat sich komplett zugezogen und es beginnt zu tröpfeln, als ich vor halb sieben im "Libykon" eintreffe und uns einen Platz in erster Uferreihe sichere.

Während ich warte, beobachte ich das Anlegen der Abendfähre, der kleinere "Samaria". Die Samaria-Schlucht ist heute wetterbedingt geschlossen, und so gehen nur wenige Menschen von Bord.

 

Ich warte weiter, Wolfgang kommt nicht. Eine SMS bringt keine Klarheit, erst ein Telefonat: Blöderweise hatte ich den Restaurantname falsch abgespeichert, oder Wolfgang hatte sich vertan. Er wartet nämlich im "Lefka Ori" etwas weiter, und kommt eher unwillig zu mir als sich das Missverständnis eine halbe Stunde später aufklärt. Essentechnisch habe ich am "Libykon" aber nicht auszusetzen. Die hier typischen Präsentation der Speisen in Warmhaltetheken lässt mich eine Portion Boureki bestellen, die ausgezeichnet schmeckt. Schade, dass ich schon schnell keinen Appetit mehr habe - bin einfach nicht fit. Wolfgang hält dann auch Abstand - keinenfalls möchte er sich anstecken! Verstehe ich. Er kämpft tapfer und erfolgreich mit Messer und Gabel um den bestellten Lammteilen das Fleisch abzutrotzen. Ich würde ja die Finger benutzen, bin aber sowieso kein Fan von Knochigem, dass hier auch meist ohne Rücksicht auf anatomische Vorgaben zerhackt wird. Als obligatorische Zugabe vom Haus gibt es hier neben dem Karäffchen Raki noch einen kaum zu bewältigenden Berg Weintrauben.

 

Todmüde bin ich bald im Bett, und friere trotz Decke und Leggings in der Nacht jämmerlich. Draußen plätschert der Regen.

 

*

 

Der Regen hört dann irgendwann auf, und die Sonne verschafft sich Zugang. Ich fühle mich besser, aber immer noch nicht gut. Die völlig verschobenen Latten des Bettrostes sorgten auch noch für mangelnde nächtliche Abstützung der Wirbelsäule, aber hier kann ich nach der „durchgehängten“ Nacht aber leicht selbst für ausgleichende Abhilfe sorgen. Selbst ist die Frau.


Ich frühstücke unten, drinnen im "Stavris" - draußen ist es noch zu nass. Die ältere Generation hat die Frühschicht übernommen: Den fülligen Stavros kenne ich im weißen Unterhemd, inzwischen trägt er es in Schwarz. Auch er müht sich nicht mit übertriebener Freundlichkeit, vielleicht ist er Morgenmuffel. Ich bestelle eine Tasse heißen Bergtee, dazu Spiegelei mit Bacon, und Brot, Butter, Honig. Der Bacon zum Spiegelei ist von der ganz grusligen Plastiksorte, und die vier dünne Scheiben langweiliges Weißbrot, die mir zugeteilt werden, auch nicht gerade ein kulinarischer und kräftigender Tagesauftakt. Zwei Scheibchen werden auf Wunsch nachgeliefert (verfressene Touristen, das…). Zehn Euro werden dafür fällig - für den gleichen Preis kriege ich auf Naxos im "Anixis" ein schönes Frühstücksbuffet inklusive frischem Orangensaft. Aber das "Stavris" hat genug Stammgäste, die kommen auch zum Frühstücken. Und vielleicht bin ich krankheits- und frustbedingt einfach schlecht drauf. Wolfgang wird mir das "Faros" empfehlen, sein Frühstückslokal am Mittag. Probiere ich dann morgen.

 

Nur eine Minute vom "Stavris" entfernt liegt der kleine Ortsstrand Vryssi, den man via Webcam immer im Auge haben kann. Ich war gestern schon kurz da, aber nicht im Wasser. Liegen und Schirme standen noch dort, jetzt sind sie weg, beziehungsweise wurden auf die Seite geräumt. Der Westwind treibt die Wogen ans Ufer und verkleinert den Strand beträchtlich. Von der Infektion lasse ich mir das Baden nicht verwehren, das Meer hat noch herrliche 24 Grad. Da geht es mir gleich viel besser, und die Stimmung steigt.

 

Ich werde am Nachmittag einen Ausflug mit dem Schiff nach Loutro machen, wenn das Wetter hält. Am alten Hafen haben die verschiedenen Anbieter ihr Schilder mit den Abfahrtszeiten aufgestellt, da scheint ja ordentlich Nahverkehr zu sein. War das früher auch schon so häufig?

Ich entscheide mich schließlich für die Fahrt um 13 Uhr mit ANENDYK. Nicht mit dem schnellen neuen Boot "Aeolus", sondern mit der gute alten "Daskalogiannis". Elf Euro nimmt die Verkäuferin im Tickethäuschen am Eingang zum neuen Hafen für die Fahrt nach Loutro, und ich bin verblüfft, denn auf der Tafel daneben steht fünf Euro. Aber die ist von der Konkurrenz "Deligiannis", die auch in Glyka Nera hält und nur bis Loutro pendelt. Augen auf beim Ticketkauf! Hin und zurück bezahlt man bei ANENDYK übrigens 15 Euro, aber das sehe ich erst später. Um die Sache noch unübersichtlicher zu machen, gibt es einen dritten Anbieter, "Athitis Lines" (mit dem frauenfeindlichen Logo von Poseidon, der mit dem Dreizack eine Nixe aufs Korn nimmt). Die gelben Boote pendeln bis nach Marmara via Loutro, Finix und Lykos, aber ohne Glyka Nera. Die Preise hält man geheim.

Es haben sich viele Leute eingefunden, die nun einträchtig nach hinten zum Anleger im neuen Hafen zotteln. Viele mit Gepäck. Links unter den Bäumen steht ein mit Sea-Kayaks beladener Anhänger. Ob er Stelios gehört? Er bleibt dort auch die nächsten Tage stehen. Die "Daskalogiannis" kommt mit Verspätung erst nach 13 Uhr.

 

Als wir die karge, steile, gelegentlich von tiefen Erosionstälern durchfurchte Küste entlangfahren, mit dem türkisgrünen Meer davor, weiß ich wieder, warum es mir hier so gut gefallen hat. Vorbei am Glyka-Nera-Strand und der neuen Taverne "Vrachokipos" vor der Felsenwand kommt Loutro in Sicht. Um Viertel vor zwei senkt sich die Ladeklappe der "Daskalogiannis" dort.

Manche lamentieren über die Entwicklung von Loutro - der Ort wäre ein einziges Hotel. Das ist aber tatsächlich so seit Loutro vom Tourismus entdeckt wurde, und das dürfte 50 Jahre her sein. Klar wurden weitere Hotels und Studios gebaut, aber die Natur, Berge und Meer, setzen hier dem Wachstum noch engere Grenzen als in Chora Sfakion. Ohne Tourismus wäre der Ort schon lange verlassen und tot.

 

Vorbei an den Cafés, Restaurants und Läden bummele ich die wasserglitzernde Bucht entlang bis ganz nach hinten zu den letzten Häusern. Die Atmosphäre ist mittäglich entspannt, in den Cafés und Strandliegen hat es freie Plätze. Viel Strand gibt es hier nicht, und dann ist es auch noch Kies. Aber Loutro hat ein anderes, identitätsstiftendes Alleinstellungsmerkmal, das von ruhesuchenden Urlaubern und vielen Stammgästen mehr geschätzt wird als weite Sandstrände und bequeme Anfahrt: es ist nicht mit dem Auto zu erreichen, und damit quasi eine Insel auf der Insel. Dass das auch ein Nachteil sein kann, werde ich in ein paar Tagen merken.

Ich mag es jetzt einfach hier, so ohne Wanderstiefel und -ambitionen, nur als Tagestouristin ohne Ambitionen. Die warmgehaltenen Speisen in den Auslagen machen mich aber nicht an - stößt eher ab als dass es verlockt... Das ist in der Sfakia aber weit verbreitet.
In einem Laden kaufe ich mir eine einfache Wanderkarte der Umgebung. Ich will ja schon noch aktiv werden sowie die Kräfte und das Wetter das wieder zulassen. Dann halt ohne Kajak. Der Wind ist schon frisch geworden.

In einem Café bestelle ich dann beim asiatischen aussehenden Kellner - Griechisch versteht er kaum - einen Bergtee und eine Mille-feuille. Der Tee kommt offen in einer dieser kleinen Kaffeekannen mit nach unten zu drückendem Sieb. Gute Idee! Elf Euro werden fällig für beides. Da ist der Loutro-Zuschlag inkludiert, der Schmarotzer abhält.

 

Ich gehe dann noch über den großen Fähranleger Richtung der kleinen Charalambos-Kapelle und den dürftigen Ruinen eines Kastells. Unterhalb des Weges hat man in Ermangelung eines Strandes ein paar Terrassen angelegt, auf denen nun Liegen und Sonnenschirme stehen. Unten kann man wohl auch ins felsige Meer, und ein Café darüber gehört auch dazu. Ok, das finde ich jetzt auch affig. Aber erfinderisch.

Mit dem Deligiannis-Boot fahre ich um kurz nach halb vier wieder zurück nach Chora Sfakion. Das Boot fährt vom Steg vor dem Hotel Daskalogiannis ab, die fünf Euro für das Ticket bezahlt man bevor man am Bord geht. Es ist ein kleines und schmales Boot namens "Delfini", das ordentlich schwankt. Die Plätze hoch oben auf dem über eine steile Treppe zu erreichenden Sonnendach sind heute nur für Robuste zu empfehlen - ich bleibe nach einem kurzen Versuch lieber unten.

Ein schaukelnder Halt an dem schwimmenden Multifunktionsgebäude in Glyka Nera: einige steigen ein, aber fast niemand aus. Sonnenliegen und Schirme am Strand sind da, letztere alle zugeklappt.

 

Weiter nach Osten, wo sich nun die in den grauen Hang eingefräste Straße nach Anopoli samt ihren Haarnadelkurven abzeichnet. Da möchte ich unbedingt mal hinauf, auch wenn Wolfgang aus Furcht vor Ansteckung seine Chauffeurdienste verweigert. Macht nichts, es wird andere Möglichkeiten geben. Da er Langschläfer ist und ich lieber zeitig aufstehe wenn ich etwas unternehmen möchte, würden wir eh schon deshalb kaum zusammenkommen.

Wolfgang sitzt, völlig vertieft in ein Buch, im "Lefka Ori" als ich das Lokal später zum Abendessen aufsuche. Schön, wenn man so abschalten kann. Er hat schon gegessen, leistet mir aber noch Gesellschaft beim Essen, Pasta mit Tomaten, Artischocken und Kapern. Als ich auf getrennte Kassen bestehe und er sein Essen bezahlt und geht, sind die Kellner völlig überfordert, mir später mein Essen für 20 Euro abzurechnen. Der Mann ist gegangen ohne das Essen der Frau zu bezahlen? Panagia mou - geht ja gar nicht! Ich werde diesen Faux Pas nicht wiederholen.

Wieder friere ich in der Nacht, trotz inzwischen zwei Decken und Leggings.

 

*

 

Auch am Samstag fühle ich mich nach der durchfrorenen Nacht nicht gut. So eine Infektion braucht Zeit, auch wenn ich sie tagsüber mit Paracetamol bekämpfe. Aber die Sonne scheint. Zum Frühstücken geht es heute ins "Faros". Der Wirt ist freundlich, der Kaffee ok, und das Omelette auch. Aber wieso sind die hier auch so sparsam mit Brot? Ist das so teuer?
Ich sitze lange, unschlüssig was ich heute mit mir und dem Tag anfangen soll.

Beobachte die "Samaria", die sich gegenüber fertig macht zur Fahrt gen Agia Roumeli. Die Müllabfuhr geht an Bord. Ob die Samaria-Schlucht heute geöffnet ist? Nach dem tödlichen Unfall letztes Jahr schließt man die Schlucht bei drohendem Regen nun viel schneller.

 

Ich frage in der Apotheke nach einer FFP2-Maske, aber die gibt es nur in Kindergrößen. Auch anderswo werde ich nicht fündig. Auch schon egal.

 

Das Baden lasse ich mir aber nicht verwehren. Das Wasser hat schon abgekühlt: heute nur noch 22 bis 23 Grad. Danach ruhe ich mich auf dem Balkon aus, mache mir einen Malotira und beobachte von oben, wie mein Wirt Stelios mit einem Lieferanten von Zitrusfrüchten verhandelt. Da wird um jede Frucht gerungen, und zufrieden bekommt Stelios nach Barzahlung noch drei Zitronen als Zugabe in die Hand gedrückt. Er handelt ja nicht mit Zitronen...

Aus heiterem Himmel und ohne Vorhersage beginnt es plötzlich zu regnen. Ich flüchte nach drinnen, aber es hört schon wieder auf. Beschließe endlich, mit dem Bus, der gegen halb vier hier eintreffen müsste, nach Anopoli zu fahren und nach Loutro zu wandern. Bin um halb vier an der Bushaltestelle, aber der Bus kommt nicht. Dafür kommen dunkle Regenwolken. Als der Bus aus Chania um Viertel vor vier endlich eintrifft, habe ich den Wanderplan schon wieder verworfen: zu knapp die Zeit, zu schlecht das Wetter. Zur Bestätigung fallen auch gleich wieder Regentropfen. Gut, mache ich eben einen Ortsbummel und gehe hinauf zur Höhlenkapelle des Agios Antonios. Sie ist geöffnet, im Gegensatz zur Hauptkirche des Ortes, Agios Panteleimonas. Das Beste ist aber die Aussicht, auch wenn Gavdos und Gavdopoula heute nur partiell im Wolkenmeer zu erkennen sind.

 

Mein Ortsbummel endet am neuen Hafen. Nichts los hier, aber morgen soll laut Aushang eine ANENDYK-Fähre außerplanmäßig nach Gavdos fahren, was die letzten Tage sicher nicht möglich war.

Auf dem Rückweg kehre ich auf eine Gyropitta in der Cantina beim Denkmal für die im 2. Weltkrieg von hier evakuierten Commonwealth-Soldaten ein.

Weil ich dann abends nicht mehr hungrig bin, will ich irgendwo nur eine Kleinigkeit essen gehen und dazu etwas trinken. Wolfgang und ich suchen aber vergeblich ein Mezedopolio oder eine Ouzeri. Scheint so etwas hier nicht zu geben. Wir landen dann wieder im "Lefka Ori", wo das von mir bestellte Dakos eher so la la ist. Wolfgang wollte eigentlich nur ein Eis, nimmt dann aber einen Oktopussalat (ist ja fast das gleiche…), von dem er nachher die Hälfte mitnehmen und seiner Sammlung zu viel bestellter Essen in seinem Kühlschrank hinzufügen wird. Drei Tage hat er noch bis zur Abreise um diese Vorräte aufzubrauchen.

Den ersten will ich nun wirklich zum Wandern nutzen.