Und die Wanderschuhe ziehe ich am nächsten Tag dann auch an. In der Nacht hat es gewittert und geregnet, aber jetzt ist es wieder trocken und klar.
Nach dem Frühstück im „Stavris“ – an Kaffee und Omelette ist nichts auszusetzen, und das Brot bestelle ich gleich getoastet – nehme ich um neun Uhr den werktäglichen Bus hinauf nach Aradena zum Preis von drei Euro. Der kleine Bus ist gut besetzt, vor allem mit Wanderern.
Um halb zehn sind wir oben. Ich komme ins Gespräch mit einem deutschen Paar, die heute im „Stavris“ ausgezogen sind – die Muffigkeit der Wirtsleute hat ihnen auch nicht so recht gefallen. Sie möchten durch die Schlucht nach Marmara und dann nach Loutro wandern. Für mich die optimale Wanderung durch die Schlucht. Ich zeige ihnen, wo es in der Schlucht hinabgeht, man muss zuerst durch das Dorf Aradena und schluchtaufwärts dann den schmalen den Weg hinab. Ein jüngeres, österreichisches Paar möchte nach Agia Roumeli wandern und fragt nach einer Möglichkeit, ins fünf Kilometer entfernte Agios Ioannis zu kommen. Ich empfehle per Anhalter und bin kurz versucht sie zu fragen, ob sie mich als Mitwandererin mitnehmen. Aber da die Fähre in Agia Roumeli erst um halb sechs abfährt und dann kurz vor sieben in Chora Sfakion sein würde, wird mir das zu spät an meinem letzten Sfakia-Tag. Außerdem sieht das junge Wandererpaar so aus, als wäre es deutlich schneller als ich. Ich werde später noch sehr froh sein, nicht mitgewandert zu sein, auch wenn mich kurz Wehmut überfällt als sie noch an der Brücke eine Mitfahrgelegenheit gefunden haben und gen Westen davonbrausen.
Es ist ein windiger Tag, aber der Himmel ist klar. Die Lefka Ori sind heute unverhüllt, die hellgrauen Schuttfelder wirken nah. Den höchsten Gipfel, den 2.454 Meter hohen Pachnes, würde ich auch gerne mal erklimmen. Am besten lässt man sich dazu mit einem Jeep von Anopoli auf eine Höhe von 1.900 Metern bringen, das jüngerer Wandererpaar will das morgen machen. Aber da fahre ich schon nach Iraklio.
Ich wünsche beiden Paare kalo dromo, betrachte dann die Wanderkarte am Parkplatz, umschmust von einer anhänglichen Katze. Über die Brücke beginne ich meine Wanderung, zuerst ein Stück zurück auf der Straße gen Anopoli. Ein Holzbüdchen steht dort, wo der Weg auf der Ostseite in die Schlucht hinabführt. Wie ich erst später erfahren, soll es ab nächstem Jahr als Tickethäuschen fungieren – fünf Euro Eintritt sollen dann fällig werden. Da es aber nicht zwingend am Einstieg der Schluchtwanderer liegt – die meisten dürften auf der andere Seite vom Dorf Aradena aus einsteigen, und es außerdem mehrere Wege in die Schlucht gibt - kann man es leicht umgehen. Aber vielleicht wird dann der Weg in der Schlucht auch besser gepflegt.
Dann werfe ich noch einen Blick in die obere Schlucht, wo das ältere Paar gerade auf dem Zickzackweg in die Schlucht steigt. Der Boden der Schlucht liegt noch im Schatten.
Und über die Brücke fährt nun ein kleinerer Bus, entlädt seine Passagiere hier. Nur ein Zwischenstopp, oder eine Wandergruppe? Mir ist es egal, ich habe genug gesehen und zweige auf der Straße nach Finix ab.
Die Straße führt in einigen Windungen vor zur Kante, ab der die Hänge zum Meer abfallen. Nach einer halben Stunde habe ich sie erreicht und blickt nun hinab über die Küste und meinen heutigen Weg. Wow – was ein An- und Ausblick! Tief unten das Meer, rechts die Häuser von Livaniana und dahinter der dunkle Schatten der Aradena-Schlucht. Dazwischen das sich schlängelnde Band der Straße. Toll!
Diese Straße möchte ich aber so bald wie möglich verlassen, und auf einem Fußweg die Spitzkehren abschneiden. Und außerdem hinüber nach Livaniana. Nach der zweiten Kurve geht links das felsige Monopati ab, trifft die Straße sechzig Höhenmeter tiefer wieder. Nun muss ich ein Stück darauf bergwärts gehen bis nach hundert Metern an einem kleinen Geländeeinschnitt erneut ein Fußweg links von der Straße abgeht, auf dem es entlang es kleinen, aber tiefen Einschnittes weiter abwärts geht. Die Straße bleibt östlich zurück, und ich quere nach Westen Richtung Livaniana, das ich aber nicht mehr sehen kann. Dafür tief unten die Bucht von Finix hinter den Felsenzacken der namenlosen Felsenkerbe.
Wenig später stehe ich dann unvermittelt schon oberhalb der Aradena-Schlucht. Vor mir liegt noch eine Terrasse mit ein paar Bäumen, dahinter fällt es steil ab, und die andere Schluchtseite mit einem Stallgebäude und etwas weiter links einen Kapelle scheint nur einen Steinwurf entfernt. Sehr beeindruckend! Der Weg führt nun kurz steil auf die Terrasse hinab, und nun kann ich auch die Schlucht hinabgucken. Großartige Gegend! Gegenüber kahl, weiter oben zeigen sich grüne Baumflächen. Und über mir kreisen mal wieder Geier. Auf der Terrasse geht es nun weiter nach Süden. Nun bin ich auf Augenhöhe mit der anderen Schluchtseite und der Kapelle Agios Vassilios.
Noch ein paar Minuten weiter, und ich erreiche das oberen Ende von Livaniana mit der Friedhofskapelle. Ein paar anglophone Touristinnen kommen mit entgegen, aber nicht im Wanderoutfit. Das erste Etappenziel ist erreicht, ab Aradena war ich gemütlich hundert Minuten unterwegs. Die Kapelle ist wieder geschlossen.
Ich verfüttere mein Altbrot an die herumlungernden Ziegen und gehe auf der Straße zur Taverne, die sich nicht belebter als gestern zeigt. Der Blick hinauf zum Dorf: würfelförmige Häuschen in Weiß und beige, je nach Verfallszustand. Sieben Einwohner soll es hier noch geben, sagt der Census 2021. Ob die Ziegen mitgezählt wurden? Betrug mit virtuellen Ziegen und Schafen war ja gerade im Trend in Griechenland.
Nach einer kurzen Vesperpause – auf die Getränke aus dem Kühlschrank muss ich nicht zurückgreifen - setze ich die Wanderung fort. An der Weggabelung Livaniana-Finix führt ein Fußweg südöstlich abwärts, teilweise im Zickzack. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel, es macht Spaß, so zu wandern. Ab und zu eine kleine Panoramapause – Aussicht genießen. Auch zurück zum Dorf reicht der Blick. Gegenverkehr durch zwei Wanderer. Das ist hier aber auch ein Wanderparadies, zumal wenn es nicht so heiß ist, wie heute. Ein frisches Lüftchen sorgt für Kühle. Wunderbar!
Die Küste kommt schnell näher. Der Weg mündet in die Straße, ich springe über den Straßengraben vom Hang auf die Straße, erwische dort einen losen Stein, rutsche darauf weg und lande vor den Augen einen Touristenpaares, das mit dem Auto gerade einen Fotostopp einlegt, unsanft auf dem Rücken. Aua! Zum Glück haben nur meine Fototasche und meine Handyhülle ein paar Schürfwunden davongetragen.
Hier teilt sich die Straße, und ich habe für eine Zwischenmahlzeit die Wahl zwischen Finix und Lykos. Nachdem ich die letzten Tage in Finix war, entscheide ich mich heute für Lykos und nehme die steilere, rechte Straße. Vom Parkplatz führt ein Weg zwischen Häusern durch zu „Nikos Restaurant – The Small Paradise“ mit schattiger Terrasse über die Küste. Hier weniger los als in Finix, aber das stört mich nicht. Und nachdem die Wirtin als Tagesessen Linsensuppe offeriert, bin ich vollends zufrieden. Einen tiefen, randvollen Teller voller köstlicher Suppe bringt sie mir kurz darauf. Brot, Limo und Wasser dazu – Herz, was willst du mehr?
Das Glück ist für schlappe zehn Euro zu haben, und gekräftigt gehe ich weiter, zunächst am Strand von Lykos entlang nach Westen. Felsstrand, und Kies, mit einigen wenigen Liegen. Denke an Walli, die Zimmernachbarin von Ikaria, die hier öfters urlaubt. Ein schneller Gruß per SMS an sie.
Soll ich nach Marmara gehen und dann mit dem Badeboot zurück? Ich entscheide mich dagegen, denn den Weg habe ich als sehr ausgesetzt in Erinnerung, und das brauche ich jetzt nicht. Also wieder zur Straße, und dann bei Finix vorbei nach Loutro. Dieses Mal nicht über gen Hügel, sondern außerherum am Felsenkap. Ich wundere mich, als mir dort überraschend viele Fußgänger entgegenkommen. Sogar eine Frau im Leichtrollstuhl. So behindertengerecht ist der Weg ja wirklich nicht, wenn natürlich besser als der über den Hügel. Der Wind ist besonders frisch hier.
An der geschützten kleinen Kapelle des Agios Panteleimonas (verschlossen), die unterhalb des Weges in den Felsen gebaut ist, lege ich ein Nickerchen in der Sonne ein. Es ist erst zwei Uhr vorbei, ich bin müde, und ich habe genug Zeit.
Auch die nächste Kapelle, Agios Charalampos, am Felsenkap vor Loutro, ist geschlossen. Um Viertel vor drei gönne ich mir in einem der Cafés von Loutro einen Orangensaft und bilanziere die heutige Wanderung: 11,3 Kilometer, knapp drei Stunden reine Gehzeit, 725 Höhenmeter abwärts, 156 hinauf. Ich bin zufrieden.
Das ändert sich, als ich um halb vier das Boot zurück nach Loutro nehmen will, und es nicht kommt. Erst da fällt mir auf, dass ich heute, im Gegensatz zur Vorgestern, kein einziges Boot unterwegs gesehen habe. Kein gutes Zeichen. Ich gehe vor zum Hauptfähranleger und treffe dort das deutsche Ehepaar wieder, die von der Brücke durch die Schlucht hierher gewandert sind. Sie erzählen, dass die Schifffahrt heute wegen zu viel Wind untersagt wäre. Ich bin einigermaßen perplex, denn ich habe den Wind nicht wesentlich schlimmer als die letzten Tage empfunden, aber ein Blick auf Meer zeigt die Wellenspitzen. Das ist jetzt einer der Momente, in dem es sich als ungünstig erweist, dass Loutro nicht mit dem Auto zu erreichen ist. Was bin ich froh, dass ich heute nicht nach Agia Roumeli gewandert bin!
Nachdem auch ein Taxiboot nicht fahren darf – das Auslaufverbot gilt natürlich für alle – haben wir zwei Möglichkeiten: wir können zu Fuß nach Chora Sfakion wandern. Das wären zwei bis drei Stunden entlang der Küste. Wäre vor Sonnenuntergang zu schaffen. Oder wir gehen hinüber nach Finix und versuchen, uns dort eine Mitfahrmöglichkeit zu organisieren. Weil das Paar von der Wanderung schon erledigt genug ist und ich mein Wandersoll für heute auch schon erfüllt finde, entscheiden wir uns für die zweite Möglichkeit. Das Paar hatte sich auf dem Weg nach Loutro verwandert und so nicht den schnellsten Weg über den Hügel hinüber nach Finix gefunden, den nicht länger als zwanzig, 25 Minuten dauern sollte. Wir nehmen den Fußweg, der nach dem Hotel Dakalogiannis links abzweigt, und klettern schnell hinauf zur Burgruine, und auf der anderen Seite wieder hinab. Zum zweiten Mal an diesem Tag rutsche ich auf einem Stein aus und setze mich auf den Hintern, noch halbwegs abgefangen mit der linken Hand, die dabei verdreht wird. Autsch! Eile mit Weile, aber jetzt ist es schon zu spät.
In Finix steuern wir es das Restaurant an, werden aber aufs Café verwiesen. Ich versuche noch, Wolfgang zu erreichen, der uns ja vielleicht auch mit seinem kaum genutzten Mietwagen abholen könnte. Er hat gleich zwei Handys samt Nummern, aber so richtig funktionieren beide nicht. Ich hinterlasse eine Nachricht, aber bis er jetzt in die Gänge käme und hier wäre… nein, das wäre Stress für ihn, und würde auch (zu) lange dauern.
Im Café „Old Phoenix“ kennt man die Situation natürlich, und ist gleich bereit, uns zu helfen. Für fünfzig Euro würde man uns nach Chora Sfakion bringen. Wir müssten aber etwas warten, denn das „Taxi“ wäre gerade unterwegs. Fünfzig Euro sind nicht gerade einen Sonderangebot, aber wir sind ja zu dritt, das wären 17 Euro pro Person. Und es ist ja auch ein Stück. Passt also, und wir sagen zu. Trinken dann noch etwas und warten auf das „Taxi“. Das kommt tatsächlich nach einer Viertelstunde in Gestalt eines sehr jungen Mannes. So jung, dass er seinen Führerschein eigentlich erst gestern gemacht haben kann. Er ist nicht sehr großgewachsen und trägt Badelatschen. Mein Herz sinkt in die Hose, aber ich beschließe, ihm zu vertrauen. Wir folgen ihm hinaus zu seinem Auto: einem neuen, monstermäßige Pickup-SUV Typ Amarok. Er klettert hinauf hinein, das Paar setzt sich auf den Rücksitz und ich nehme auf dem Beifahrersitz Platz. Los geht die Fahrt. Zum Glück fährt er vorsichtig und nicht zu schnell. Es kommen uns einige Pickups entgegen, voll beladen mit Passagieren und Gepäck. Wie man mit Koffern von Finix hinüber nach Loutro kommt? Jetzt wird mir auch die mittägliche Prozession von Badegästen und mehr klar – es fuhren ja keine Boote!
In einer der ersten Serpentine, Richtung Aradena-Schlucht, steht das österreichische Paar vom Morgen. Wann sie wohl gemerkt haben, dass sie von Agia Roumeli heute nicht wegkommen und hierher zurückgewandert sind? Das war auf alle Fälle eine lange Tour. Wir bieten an, sie mitzunehmen, aber sie haben schon ein Taxi bestellt, auf das sie nun hier warten.
Und wir klettern nun auf den unbegrenzten Haarnadelkurven aufwärts. Der Fahrer geht mit seinem Monsterauto in den Kurven ganz nach außen, so dass ich fast schon über dem Abgrund schwebe, Blick nach unten. Nichts für schwache Nerven, und ich gucke dann einfach nicht mehr rechts hinaus. Was bin ich froh, als wir die Passhöhe gen Aradena erreichen! Nun drückt der junge Mann aufs Gas, zügig geht es durch Anopoli hindurch. Und glücklicherweise klingelt erst auf den doch wesentlich besser ausgebauten Serpentinen von dort hinab nach Chora Sfakion sein Handy. Neue Fahrgäste. Natürlich hat er keine Freisprecheinrichtung, aber diese Autobahn hinab bewältigt er auch einarmig. Es ist Viertel nach fünf Uhr, als wir in Chora Sfakion ankommen und ihn bezahlen. Ich habe nicht auf die Uhr geguckt, aber die Fahrt dürfte dreißig bis vierzig Minuten gedauert haben. Dafür sind fünfzig Euro angemessen. Und mir scheint, die Straße nach Finix ist eine durchaus lukrative Sache für manche Einheimische.
Ein Regenbogen spannt sich über den westlichen Himmel hinter dem Ortsteil Messochori als ich auf meinen Balkon trete. Schön!
Als ich am Vrissi-Strand baden möchte, ist das Meer aber so aufgewühlt vom Westwind, dass ich verzichte. Im neuen Hafen liegen die große „Daskalogiannis“ und die kleine „Aeolus“ einträchtig Schulter an Schulter, froh wirkend über den Ruhetag.
Wolfgang war heute sehr beschäftig mit zig Dingen, die nun am Tag vor der Abreise keinen Aufschub mehr dulden. Was es genau war, bleibt mir aber verborgen, aber er hätte mich eh nicht in Finix abholen können, auch wenn ich ihn erreicht. Wir treffen uns um acht Uhr (spät für seine Verhältnisse, aber er hat auch schon gegessen) im „Libykon“ zum Abendessen. Ich bestelle nochmals das köstliche Boureki, und ein Glas Wein dazu. Packen kann ich auch morgen noch – wir werden erst am Mittag nach Iraklio aufbrechen.
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Mein Zimmer muss ich erst um halb zwölf räumen, kann den Trolley dann im Hotel lassen bis Wolfgang fertig ist. Bei Frühstück unten bei „Stavris“ sind die inzwischen schon vertrauten Gesichter an den Nachbartischen zu sehen. Zum ersten Mal bekomme ich gleich genug Brot für Omelette und Honigbrot. Dann packe ich, und gehe schließlich baden. Der Wind hat sich etwas gelegt, die Sonne scheint. Das Meer hat aber noch Wellen, und ist kalt geworden, nur noch 20, 21 Grad. Ich statte Wolfgang einen Besuch ab, der mich nun auch wieder drinnen treffen möchte. Er ist noch nicht fertig mit Packen, und so schließe ich einen letzten Ortsbummel an, kaufe bei Ntourountous etwas Proviant und ein Pitta zum Direktverzehr. Den anderen süßen und salzigen Versuchungen widerstehe ich erfolgreich. Noch einen Kaffee bei Despina. Es hat mir gefallen in der Sfakia, und diejenigen, die immer noch glauben, ich würde Kreta nicht mögen weil ich das vor zehn Jahren mal geschrieben hatte, sollen einfach mal die Berichte meiner letzten vier Aufenthalte auf der großen Insel lesen. Allerdings gibt es unter den hundert dauerhaft bewohnten griechischen Inseln einige, ich aus vielerlei Gründen vorziehe, erst recht im Herbst. Und auf eine davon geht es morgen, und darauf freue ich mich.
Gegen halb zwei ist dann auch Wolfgang fertig und holt den Skoda Citygo vom Parkplatz, wo er die letzten Wochen deutlich mehr gestanden als gefahren ist. Ein paar fette Kratzer am Heck sollen in seiner Abwesenheit passiert sein. Ich hatte die leise Hoffnung, dass mich Wolfgang, der erst vor einem halben Jahr einen quasi selbstfahrenden und nagelneuen Hybrid-Golf erworben hat, mich fahren lassen könnte, denn der Citygo ist nicht mal ein Automatik und Wolfgang Schaltgetriebe nicht mehr wirklich gewohnt. Aber natürlich hat er mir Jahrzehnte an Autofahrererfahrung voraus und möchte das Steuer nicht abgeben. Und so verlassen wir mit hoher Drehzahl im zweiten Gang Chora Sfakion und kurven über die Berge nach Norden. Ich leide leise vor mich hin, und gelegentlich auch mal lauter als wir in Georgioupoli eine kleine Pause einlegen, und Passanten ob der Motorlautstärke bei der Parkplatzsuche irritiert gucken. Aber meist fährt er wirklich umsichtig, und so kommen wir gegen 17 Uhr wohlbehalten in Iraklion an. Warum Wolfgang nicht stressfreier ins viel nähere Chania fliegt und sich dann über die Berge bringen lässt? Freiheitwunsch, und der nicht zu korrigierende Irrglauben, dass es keine Direktflüge von Stuttgart nach Chania gäbe. Aber ich habe dennoch großen Respekt davor, dass er in seinem Alter noch alleine nach Kreta reist.
Ich hatte ein Zimmer im „Lena“ gebucht, und später ein zweites für Wolfgang dazu. Nicht sein Standard, und dass es dort keine Parkplätze, aber dafür sehr enge Gassen gibt, ist ein weiterer Nachteil. Wir fahren bei der Hotelsuche unwissentlich einmal vorbei, ehe wir es doch finden und schnell einchecken und die Koffer ausladen. So lange blockieren wir die schmale Straße, aber es will auch niemand durch. Das Auto möchte Wolfgang heute noch am Flughafen zurückgeben. Eine gute Entscheidung, denn bis wir zur Rush-Hour zum Flughafen gefahren und noch getankt haben, und sich am Schalter endlich jemand einfindet, der das Auto entgegennimmt, vergeht einiges an Zeit. Morgen Vormittag hätte das Flugzeug da leicht ohne Wolfgang abheben können. Die Fahrt zurück mit dem Taxi dauert wegen des Feierabendverkehrs auch länger. 18 Euro werden für das Taxi schließlich fällig.
Wolfgang braucht jetzt erst mal eine Pause, während ich ins nahe Stadtzentrum eile, um mein Fährticket für morgen zu kaufen. Fast hundert Euro werden für die Fahrt mit dem Seajet nach Naxos fällig, und der Mann im Ticketbüro erzählt mir, dass der „Champions League Jet 1“ fast ausgebucht sei, ich solle um halb acht da sein. Kaum zu glauben bei 1.172 Plätzen und diesen Preisen…
Im "Ligo krasi .. Ligo thalassa .." nahe dem Hafen speisen wir zu Abend, Tsatsiki, Fischsuppe ohne Fisch, Anchovis, Bier, Wein. Wir verabschieden uns dann voneinander, denn ich muss morgen früher los als Wolfgang.
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Die Zimmer im „Lena“ sind klein, aber für meine Ansprüche und 47 Euro die Nacht völlig ausreichend. Sogar ein Heißwasserkocher ist da, und so bereite ich dort noch einen Instantkaffee zu – Frühstück gibt es erst ab acht - ehe ich um sieben Uhr das Quartier Richtung Hafen verlasse. Beim Stand von „Grigoris“ unweit des Fähranleger des „Champions League Jet 1“ füge ich einen zweiten Kaffee und eine Bougatsa hinzu, ehe ich mich in die Schlange an der Fähre einreihe.
Bye-bye Kreta, Kykladen, ich komme!