Ta plía - Fährverkehr

Zu Inseln gehören zwingend Fähren um sie zu erreichen. Wenn ich es mir recht überlege, so sind Fähren sogar eine wichtige Ursache für meine Nissomanie.

Bei meinem ersten Kykladenaufenthalt auf Tinos direkt an der Küste in Kionia haben mich die vorbeifahrenden Fähren immer fasziniert. Vor allem bei Nacht, mit voller Beleuchtung. Wer da keine Reiselust bekommt, der tut mir leid (oder leidet vermutlich unter unheilbarer Seekrankheit).

 

Wenn ich ein Quartier mit Blick auf den Hafen habe, verpasse ich möglichst keine Fähre. Stehe mitten in der Nacht auf um mir das Anlegemanöver anzusehen, das Verweilen, höre die Geräusche, die Befehle der Ladeklappe, die Durchsagen:  „Prosochi parakalo…", die Ladeklappenmelodie der Blue-Star-Fähren.

 

Da könnte manch einer meinen, mir müsste doch eine Kreuzfahrt gefallen. Ich habe noch keine gemacht, aber ich kann es mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen. Schon die Vorstellung, auf dem Schiff und beim Landgang nie alleine zu sein, mich stets in einem Pulk von zig Leuten zu befinden, löst in mir Schüttelfrost aus. An Land hat man fünf, vielleicht auch mal sechs oder sieben Stunden Zeit. Viel zu wenig um auch nur einen Hauch einer Insel zu erleben (weshalb ich auch wenig von Tagesausflügen auf Inseln halte). In dieser knapp bemessenen Zeit versuchen die Inseleinwohner, aus den Kreuzfahrern herauszuholen was geht. Dass dabei gerne mal beschissen wird, kann ich verstehen: wer von den Ausflüglern wird jemals wiederkommen? Viele haben Geld ohne Ende, machen sich auch nicht die Mühe, vom Dollar oder Rubel umzurechnen. Muten den Einheimischen dafür übelste Aufzüge zu. Nach dem Beobachten von Luxus-Segelkreuzfahrern neulich in Kamares auf Sifnos hatte ich eine veritable Oberschenkelphobie. In dieser Preisklasse ab 5.000 Dollar aufwärts pro Person für eine Woche Segelkreuzfahrt möchte wohl niemand der Stewards die reichen Reisenden darauf hinweisen, dass sie sich auch auf dem Weg zum Strand angemessen kleiden sollten, zumal wenn der Weg durch den halben Ort führt.

Aber zurück zu den Fähren, zu den öffentlichen Verkehrsmitteln der Ägäis, die auch dem geldbeutelmäßig Minderbemittelten das Reisen auf den griechischen Inseln ermöglichen: sie machen den Inselurlaub erst zur richtigen Erholung!

Man geht auf die Fähre und lernt was Entschleunigung ist - die dämlichen großen Schnellfähren, bei denen man nicht ins Freie kann, sind hier ausdrücklich ausgenommen! Die Entschleunigung, die sich dann auf den Inseln fortsetzt und den Inselurlaub für mich so unentbehrlich macht.

Slow travel.

 

Stundenlang zieht man an bekannten oder unbekannten Küsten vorbei, guckt sich die Augen nach Delphinen aus, beobachtet die mitreisenden frappéschlürfenden Junggriechen, lässig mit dem Handy in der Hand, die fröhlich kakelnden mittelalten Griechinnen, die lieber unter Deck sitzen, die reisende Kleinfamilie mit verwöhntem, alle auf Trab haltenden Kind, die sonnenhungrigen rosafarbenen Skandinavierinnen, die erfahrenen cool-überlegenen Inselspringer mit wahlweise dem Michael-Müller-Reiseführer (deutsch) oder Lonely Planet (englisch) auf dem Tisch, die Meute der deck-okkupierenden Roma.

Langweilig muss es einem da nicht werden, Zwischenhalte bieten Abwechslung: kommen viele Leute an Bord? Abschiedsszenen der Besatzung. Der LKW mit deutscher Aufschrift, der an Bord geht, das französische Wohnmobil, das rangieren muss. Die Loukoumia-Verkäufer auf Syros, die schnell wieder runter müssen ehe das Schiff ablegt! Bellende Hunde, hysterische Touristen, drängelnde Pareas. Die Verspäteten, Eilenden.

Das volle Leben!

Wie langweilig dagegen was über die Fernsehbildschirme der Schiffslounges flackert.

Dann kommt auch die Erinnerung hoch an die „Innergriechischen Fährverbindungen“. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, im Vor-Internet-Zeitalter, erschienen die Fährverbindungen in gedruckter Form als dickes Heft mit millimeterkleiner Schrift - Augenpulver pur. Man bestellte sie beim Griechischen Amt für Fremdenverkehr und sie kamen immer zusammen mit einer beidseitige bedruckten Griechenland-Karte – ich habe heute noch etliche davon.

Meist kam die erste Auflage im Mai heraus, das reichte mit Glück gerade so für das Frühjahrs-Inselspringen. War der Plan gedruckt, so stimmten viele Verbindungen darin schon nicht mehr, aber das tat dem Inselspringen keinen Abbruch – irgendwie kam man immer dahin wo man wollte, machte sich nicht zum Getriebenen des theoretisch Machbaren.

Eine Offenbarung waren die großen Tafeln vor den Ticketagenturen auf den Inseln mit den Fahrtmöglichkeiten der nächsten Tage - da kamen die möglichen Inselziele ganz nah, man entschied manchmal spontan wohin es gehen sollte, und irgendwie hoffte man eben, dann wieder rechtzeitig am Ausgangshafen oder Flughafen sein zu können – man wusste ja oft nicht, bevor man eine Insel ansteuert, ob es eine passende Fährverbindung gab mit der man wieder weg kam. Bei mir hat es immer geklappt.

Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, für ein halbes Jahr oder länger im Voraus einen Inselspringplan erarbeiten zu wollen… glückliche Zeiten der unbeschwerten Ahnungslosigkeit.

Zu manchen Fähren entwickelt man schnell ein persönliches Verhältnis weil man sie immer wieder benutzt. Das sind eher nicht die schnellen und gepflegten Blue-Star-Ferries, sondern die kleineren, bezuschussten Fähren, die das Inselspringen nach eigenem Gusto erst möglich machen weil sie unbekanntere Inseln miteinander verbinden.

Manche dieser alten Schlachtrösser sind inzwischen abgewrackt, die Fährgesellschaften pleite oder aufgekauft. Mit Wehmut sah ich jahrelang die GA-Fähren im Hafen von Piräus liegen, die „Romilda“ mit der langen Schnauze, die „Daliana“ und die „Rodanthi“. Jetzt, im September 2011, fehlten sie, verkauft, verschrottet - es ist der Lauf der Zeit, aber etwas Trauer bleibt. „Nostalgia“ ist ein griechisches Wort.

 

Sie werden weniger, diese Fähren. Das 21. Jahrhundert stellt andere Anforderungen.

Damit sie nicht vergessen werden, hier ein paar meiner Lieblingsstücke:

Die „Panagia Tinou“ (die Erste) und die  „Naias II“ - sie waren unsere erste Fähren auf dem Weg von Piräus nach Tinos und zurück. Bei unserer ersten Pauschalreise mit Flug. Eine Übernachtung in Athen auf den Hin- und Rückweg, und irgendwie hatten wir den Taxifahrer missverstanden und gemeint, er würde uns um 8 Uhr im Hotel abholen. Auf die Tickets hatten wir gar nicht geguckt.

Als um halb sieben Uhr das Telefon klingelte, lagen wir noch im Bett, verstanden kein Wort vom anderen Ende der Leitung.  Erst als eine halbe Stunde später heftig an unsere Türe geklopft wurde, verstanden wir: die Fähre fährt um acht Uhr! So schnell hatten wir die schweren Koffer (Hartschale natürlich) noch nie gepackt, und obwohl der Taxifahrer noch eine Frau nach Naxos abholen musste (sie hatte alleine zwei riesige Koffer was in mir die Vorstellung verfestigte, dass man auf Naxos viel Kleidung brauche…), erreichten wir die „Panagia Tinou“ gerade noch. Schleppten die Koffer hinauf aufs Deck, hatten keine Ahnung wo die Fähre halten würde, und wann wir hinaus mussten. Fuhren nach Tinos bei strahlendem Wetter, waren dort vierzehn Tage heftigstem Meltemi ausgesetzt und nur am Abreisetag war es plötzlich windstill und heiß.

 

Wir hatten die Fährtickets, Abfahrt um 14 Uhr, fuhren mit dem Hotelbus rechtzeitig nach Tinos-Stadt und bummelten. Sahen plötzlich, viel zu früh, unsere Fähre kommen. Na, sie würde ja sicher nicht früher fahren, wir tranken ruhig aus, holten gemütlich das Gepäck ab, gingen zum Anleger. Wo die „Naias II“ gerade die Klappe hochmachte und ablegte! Entsetzte Schreie unsererseits wurden vom Mann auf der Ladeklappe mit der Frage „Mykonos?“ gekontert. Nein, wir wollten nach Piräus. Die Fähre würde doch wieder zurückkommen, wir sollten warten. Durchatmen, cool down, siga siga, warten. Die „Naias II“ kam dann mit einer Stunde Verspätung zurück, statt Abfahrt um 14 Uhr erst gegen 15.30 Uhr. Erste Fährerfahrungen.

„Apollo Express“ (Ventouris Sealines) hieß die nächste, erinnerungslose Fährerfahrung, von Santorin nach Naxos 1993, und auf dem Rückweg die „Express Olympia“ (Agapitos Express Ferries), von der es damals hieß, sie sei das unpünktlichste Schiff der Ägäis. Hatte dann auch prompt eineinhalb Stunden Verspätung….

 

Die Kykladen sahen mich wieder im Mai 1994, dieses Mal brachte uns die „Express Santorini“ (Agapitos Express Ferries) nach Naxos. Und bei der Weiterfahrt nach Amorgos traf ich zum ersten Mal die unvergleichliche „Scopelits“. Ihr ist ein Extrakapitel auf meiner Website gewidmet. Nach wie vor ist sie und ihre Nachfolgerin „Express Skopelitis“ das Schiff in der Ägäis, an dem mein Herz am meisten hängt. Hoffentlich fährt sie noch lange, in welcher Farbe auch immer!

„Milos Express“, „Sifnos Express“ (Ventouris Sea Lines), "Panagia Ekatontapiliani" (Agapitos Lines), "Express Apollon" (Ventouris Sea Lines), "Express Afrodite" (Agapitos Express ferries) – besondere Erinnerungen verbinde ich nicht mehr mit den nächsten Fähren - sie waren alle mehr oder weniger pünktlich und gepflegt. 1995 brachte mich die „Anemos“ der Nomicos-Lines in einer Nachtfahrt von Iraklio nach Tinos und vier Tage später zurück. In den klimatisierten Pullmann-Sitzen bin ich damals beinahe erfroren.

 

Nächstes Schiff, das sich in meiner Erinnerung verfestigte, war die „Express Paros“. Keine wirklich kleine, aber auch keine der ganz großen Fähren, und damit anfällig genug gegen Wind und Wellen um uns eine äußerst ungemütliche Überfahrt von Naxos nach Amorgos 1997 um die Nordspitze von Naxos zu bescheren. Viel hätte zum Fische Füttern nicht mehr gefehlt. 1997 war, glaube ich, auch das letzte Jahr der alten „Skopelitis“.

 

In den ewigen Fährenjagdgründen befinden sich inzwischen wohl auch die „Panagia Tinou“ (die zweite, von C-Link-Ferries, später NEL), die „Panagia Hozowiotissa“ (auch C-Link-Ferries, später NEL) und die „Arsinoi“ (SAOS). Die „Panagia Tinou“ hat uns 2005 auf Kea einen ganzen Tag versetzt und unseren Kea-Aufenthalt um zwei Tage verlängert – „technical problems“ waren die Ursache. Zwei Jahre später, wieder in Blau, nutzen wir sie auf dem Weg von Syros nach Folegandros und weiter nach Anafi  für eine mittlere Kykladenkreuzfahrt, genossen den guten „french coffee“ an Bord.

Die „Panagia Hozowiotissa“ erlebten wir als frisch umlackierte „Isla de Ibiza“ für einen Tagesausflug von Sifnos nach Kimolos.

Die "Arsinoi" hielt die Verbindung nach Anafi.

Zu den von mir besonders geschätzten Fähren gehören die „Vitsentzos Kornaros“ und die „Ierapetra L“, lange für LANE auf den Verbindungen von Piräus über Milos und Kreta nach Kassos, Karpathos und Rhodos unterwegs. Bei unserer ersten Rückfahrt von Kastellorizo nach Rhodos benutzen wir sie - ein ziemlich überdimensioniertes Schiff für die paar Passagiere...

Die „Vitsentzos Kornaros“, ein hohes, eher schmales Schiff, fährt aktuell noch auf den Kykladen und verbindet Kythira mit Piräus und Kissamos auf Kreta. In der Dokumentation "Mt der Fähre durch die Ägäis" aus dem Jahr 2006 war sie Hauptdarstellerin.

Die breite „Ierapetra L“ liegt seit Unzeiten in der Werft in Perama – ob sie noch mal in See stechen wird?

Die „Nissos Kalymnos“, die schon seit Jahren treu und zuverlässig und in wechselnden Lackierungen die Insel Kalymnos mit Leros, Lipsi, Patmos, Arki, Marathi und Samos verbindet und außerdem nach Astypalea fährt.

Die einzigen Katamaranfähren, die zu benutzen wirklich Spaß macht, sind die beiden Stoppelhopser der Dodekanisos Seaways, die „Dodekanisos Pride“ und die „Dodekanisos Express“. Bei denen hat es auch Plätze auf dem Deck, auf denen einem der Fahrtwind wunderbar um die Ohren weht.

Unbedingt erwähnen muss ich dann noch die „Samaria I“, die gemeinsam mit der größeren „Daskalogiannis“ (beide ANENDYK) die Orte vor Kretas Südwestküste miteinander verbindet und die Schluchtwanderer der Samaria-Schlucht in Agia Roumeli abholt und nach Sougia und Paleochora bringt. Außerdem fährt sie nach Gavdos, der Insel im libyschen Meer, die der normaler Kretaurlauber vermutlich nicht auf seinem Schirm hat, die ambitionierte Inselspringerin aber schon. Lange hat es gedauert, bis wir endlich nach Gavdos kamen, die Rückfahrt werden wir bestimmt nie vergessen. Stunden auf See können verdammt lang sein und einen von der Nissomanie kurieren. Zum Glück aber nur kurzzeitig... :-)

Dann wären da noch die „Protefs“, die „Pegasos“, die "Express Pegasus“, die „Lampi II“, die „Panagia Theotokos“.

Und alle die anderen Fähren…

 

Dann wäre da noch DER Link für Fährenfans:

marinetraffic

 

Und wie dort ein Fährstreik aussieht:

marinetraffic 20. Oktober 2011 - Piräus am 4. Streiktag
marinetraffic 20. Oktober 2011 - Piräus am 4. Streiktag
marinetraffic 24. Oktober 2011 - Piräus am 8. Streiktag
marinetraffic 24. Oktober 2011 - Piräus am 8. Streiktag
marinetraffic am 25. Oktober - der 1. Tag nach dem Streik
marinetraffic am 25. Oktober - der 1. Tag nach dem Streik