Karystos und der Berg Ochi

Die Sonne weckt mich auch am Montag früh um sieben Uhr. Ich frühstücke wieder Nescafé und Tsoureki, erweitert durch die gestern gekauften grünen Weintrauben. Dann packe ich meine Sachen und bin gegen zehn Uhr wieder auf der Straße. So Urlaub mit dem Mietwagen ist anders als auf einer kleinen Insel, wo man mit dem Bus und zu Fuß gut herumkommt. Die Distanzen verschwimmen, man fährt an vielem nur vorbei. Ich hoffe, es wird dann entspannter, wenn ich eine Woche am gleichen Ort bleibe.

Der Wind hat aufgehört, die nächsten Tage soll es warm und windstill werden.

 

Mein erstes Etappenziel ist der See von Dystos, wo ich gerne etwas wandern würde. Ich verpasse aber die richtige Abzweigung, fahre einen Umweg und nähere mich vom Ort Dystos aus dem See. Das heißt, ich versuche es. Von einem erhöhten Punkt aus werfe ich einen Blick auf eine flache Ebene, in der sich der See befinden soll. In einem Schilfmeer kann ich eine winzig kleine Fläche freien Wasser entdecken, und weil die weitere Fahrt auf einen löchrigen Feldweg führt, kehre ich schließlich wieder um ohne das Gefühl zu haben, viel verpasst zu haben. Auf meiner Landkarte hat der See übrigens eine Größe von zwei mal vier Kilometern, aber er verlandet und verschilft stark, die Karte fördert so falsche Vorstellungen.

 

Die Schnellstraße ist gut ausgebaut und autoleer. Zügig schnurrt mein Micra südwärts. Die hügelige bis bergige Landschaft ist kaum bewohnt und karg. Die kahlen Gipfel sind besteckt mit Windrotoren. Südeuböa ist das Windparkparadies, das werde ich noch sehen (und gerade im Oktober hat die Griechenland Zeitung von der Eröffnung eines Windparks mit 67 Rotoren am Berg Ochi berichtet. Strom für 130.000 Haushalte soll hier erzeugt werden).

Wenig später zweigt rechts eine Straße nach Nea Styra ab. Spontan folge ich der Einladung in den Küstenort, ein zweites Frühstück wäre nicht schlecht. Das Tsoureki hält nicht wirklich an.

 

Der Ort ist einbahnstraßengeregelt, ich fahre entlang der Paralia und parke an deren Ende um mich zu Fuß umzusehen. Es gibt einen hübschen Sandstrand mit noch leeren Liegen, dahinter der Fähranleger mit der "Dimitris". In einer Dreiviertelstunde kann man nach Attika übersetzen, nach Agia Marina in der Gegend von Marathon. Ich werfe einen Blick auf die Fährzeiten: nicht so oft wie nach Eretria, aber öfters als von Marmari. Vielleicht eine Option für die Rückfahrt nach Rafina in einer Woche. Nahe dem Fähranleger befindet sich ein nettes Café, in dem Ruheständler und Urlauber (oder beides) sitzen. Ich geselle mich dazu, bestelle Tee und Käsetoast und beobachte den Angler, der sich hier neben einem Periptero quasi häuslich eingerichtet hat und von einer Horde stummelschwänziger Katzen belagert wird. Was machen die hier bloß mit den Vierbeinern?

Um die vorgelagerte Inseln - Styra, Megalo Kouneli und Fonias - nähert sich eine zweite Fähre, die "Apostolis T." Kurz wird es betriebsam, als Autos und Passagiere von und an Bord gehen und die Fähre umgehend wieder ablegt. Dann legt sich wieder beschauliche Ruhe über die Paralia. Ich bezahle und spaziere noch entlang des Uferweges nach Süden, wo es ein paar hübsche Taverne und Ferienpensionen gibt. Das mag alles nicht so hübsch sein wie auf den Kykladen und hat weniger internationale Atmosphäre, aber es gefällt mir. Entspannte Nachsaison in einem griechischen Badeort.

Ich kaufe noch etwas ein und fahre weiter. Hinauf nach Styra, wo irgendwo drei der berühmten Drachenhäuser liegen. Die werde ich an einem anderen Tag besuchen.

 

Die Straße windet sich jetzt wieder in der Höhe durch die Berge, man hat tolle Aussichten. Als nächstes auf die Bucht von Marmari, den Hafenort, in dem ich eigentlich auf Euböa hatte landen wollen. Gucke ich mir doch gleich mal an, zu früh sollte ich eh nicht im Hotel in Karystos sein.

Der Ort liegt auf der rechten Seite einer halbrunden Bucht, eine Fähre namens "Panorama" liegt dort. Es sind zwei Fähren, die sich die Route nach Rafina teilen, die "Panorama" und die "Evia Star", die gerade unterwegs ist.

Marmari scheint mehr Hafen und weniger Touristenort als Nea Styra, und macht einen nahezu ausgestorbenen Eindruck. Eine große, bahnhofsähnliche Kirche mit einem merkwürdigen Überbau ist dem heiligen Georg geweiht. Nicht schön, aber selten.

In den Schaufenstern hängen Plakate, die eine neue Fährverbindung von Rafina via Karystos auf die Kykladen ankündigt. Mit dem "Paros Jet" von Seajets. Die Plakate sehen neu aus, aber hat es diese Verbindung im Sommer (kann ja eigentlich nur dann sein) wirklich gegeben? Ich habe nichts diesbezügliches gelesen oder gesehen. Oder sind es Wunschträume der Süd-Euböer fürs nächste Jahr? Von einer Anbindung von Euböa an die Kykladen kann die große Insel eigentlich nur profitieren.

Nachdem Marmari schon im Nachsaison- oder Mittagsschlaf liegt, hält es mich nicht lange dort. Auf der Landstraße fahre ich die die elf Kilometer nach Karystos, das sich deutlich belebter zeigt. Die Stadt ist größer als gedacht. Die rasterförmigen Straßen wurden unter König Otto I. im 19. Jahrhundert angelegt und verleihen dem 5000-Einwohner-Städtchen eine ungewohnte Weitläufigkeit. Das Ganze hat man mit Einbahnstraßen geregelt, und da mein Hotel, das "Karystion", am östlichen Ende der Paralia liegt und die Paraliastraße nur in einer Richtung befahren werden darf, muss ich mehrere Straßen ausprobieren ehe ich endlich straßenregelkonform das Auto am Hotel abstellen kann.

 

Das "Karystion" glänzt nicht nur mit einer sehr informativen Website, sondern auch guten Preisen. Für 255 Euro, Frühstück inklusive, habe ich mich hier für eine Woche einquartiert. Die weiteren Vorzüge werde ich noch erkennen: die nahe Lage zur Stadt (3 Minuten zur Fuß), und die Ruhe. Das dreigeschossige Hotel liegt direkt am Meer auf einem kleinen Felsenkap hinter der Bourtzi-Festung an einem gepflegten Baumpark, es gibt unbewirtschaftete Badebuchten und Strände innerhalb von zwei Minuten. Und das (zahlreiche) Personal ist von sehr großer Freundlichkeit.

Die Nachteile will ich aber auch nicht verschweigen: die Zimmer sind nicht besonders groß, die Balkone noch kleiner (alle Zimmer sind offenbar baugleich), und das Ganze ist etwas in die Jahre gekommen. Aber trotzdem sauber!

 

Ich habe ein seitliches Zimmer mit Meerblick gebucht, leider liegt es nur leicht erhöht im Erdgeschoss und direkt zum Hotelparkplatz. Das ist nicht schlimm, aber weiter oben wäre natürlich schöner gewesen. Da war aber nichts mehr frei für eine ganze Woche - das Hotel ist sehr gut gebucht. Störender empfinde ich den gelegentlichen Geruch nach Heizöl - leider befindet sich der Tank unter dem Zimmer. Mein Zimmernachbar, Leiter einer britischen Reisegruppe, wird unter dem Geruch sehr leiden und darf schließlich umziehen als anderswo ein Zimmer frei wird.

Ich bin aber tagsüber gar nicht so oft zuhause, und auf dem Balkon sitze ich mangels Platz und Bequemlichkeit auch selten. Der Blick nach Osten wird mir aber wunderschönen Sonnenaufgänge bescheren.

Nachdem ich mich für im Zimmer eingerichtet habe, gehe ich zu Fuß hinein nach Karystos. Vorbei an der verschlossenen venezianischen Mini-Festung Bourtzi , einem niedrigen sechseckigen Turm, erreiche ich den Hafen, der eine lange, hervorragend für Abendspaziergänge geeignete Mole hat und in dem zahlreiche Kaikia und Segelboote liegen. Ein großer Platz zieht sich vom Ufer dreihundert Meter hinauf bis zum neoklassizistischen Dimarchio, aber das Leben spielt sich an der Ufermeile ab, wo sich ein Lokal an das andere reiht. Die Läden liegen in zweiter oder dritter Reihe. Ich suche die Agentur von South Evia Tours, denn dort möchte ich mich nach den Wandermöglichkeiten durch die Dimosaris-Schlucht erkundigen. Mein MM Reiseführer (Nord-und Mittelgriechenland, Auflage 2016, sehr knappe 32 Seiten über ganz Euböa) ist aber veraltet oder unpräzise, ich werde zunächst nicht fündig. Dafür entdecke ich das im "Griechenland-Journal" hochgelobte Restaurant "Cava d'Oro" - da werde ich gleich heute Abend Essen gehen.

 

Vorher teste ich aber die Bademöglichkeiten in unmittelbarer Hotelnähe. Vom Parkplatz führen ein paar Treppenstufen hinab zu einem fünfzig Meter lange Sandstrand, der die nächsten Tage zu meinem bevorzugten Badeplatz werden wird. Ein Felsen trennt der Strand vom bewirtschafteten Strand weiter östlich, für diejenigen, die es bequemer mögen. Mir reicht das hier völlig, wobei ich auch die kleinen Buchten südlich und westlich des Hotel ausprobieren werde. Dort liegt man zwar einsamer, aber im Wasser hat es Seeigel oder Felsen.

 

Gerade für ein schnelles Bad im Meer ist das hier optimal. Das Wasser hat 23° C, was für die Jahreszeit eher kühl ist, sich aber alles andere als kalt anfühlt. Ich genieße mein erstes Sonnenbad des Urlaubes. Und muss ganz schnell in den inzwischen größer werdenden Schatten umziehen, weil die Sonne noch gut heizt. Wir haben den 16. September und die nächsten Tage soll es warm werden - Südwind. Zum Wandern sollte man da am besten in die Höhe. Auf den Berg Ochi? Mal sehen.

Nach dem Abendouzo, stimmungsvoll eingenommen unter den Bäumen auf der Hotelterrasse, bin ich am Abend aber zunächst in der Taverne "Cava d'Oro".

 

Und entdecke vorher, dass das gesuchte Reisebüro von South Evia Tours SET genau dort seinen Eingang hat. Also vor dem Essen rein und nachgefragt, wie es mit einer Dimosaris-Tour innerhalb der nächsten Woche aussieht. Ich werde an Niko verwiesen, der offenbar der Chef hier ist, und zuständig für Tagestouren. Er würde die Dimosaris-Tour am kommenden Samstag anbieten, glaube aber nicht, dass sich genug Interessenten finden. Zwanzig Personen sollen es sein, 25 Euro kostet die Tour dann pro Person. Am Donnerstagabend wisse er mehr. Gut , da werde ich mal warten. Gleichzeitig haben ich noch eine Anfrage bei Evia Adventure Tours mit Sitz in Chalkida und Eretria laufen, dort kostet die Tour allerdings 60 Euro. Und bisher haben sich auch noch keine Interessenten gefunden.

Irgendwie ein Witz wenn ich daran denke, dass die Wanderer sich zu dieser Jahreszeit in manchen kretischen Schluchten noch fast auf den Füßen stehen.

 

Nun aber ins "Cava d'Oro". Die Tische in der Gasse sind schon fast belegt, bei dem schönen Wetter will keiner drinnen sitzen. Ich bekomme noch einen Ecktisch und werde von der Bedienung gefragt, ob ich Brot will. Woher soll ich das wissen bevor ich weiß, was ich essen möchte? Danach warte ich vergeblich auf Speisekarte oder weitere Bedienung, stelle aber dann fest, dass man hier zuerst an der Heißtheke das Essen auswählt. Diese Theke hat den Charme eine Kantine, offeriert aber ein beträchtliches Angebot an griechischen Speisen, dazu gibt es Gegrilltes nach Wunsch.

Die Wahl fällt mir schwer, ich entscheide mich schließlich für Hühnchen Lemonato, dazu je eine halbe Portion Spanakorizo und Anginares. Und ein Viertel Wein sowie ein Krug Wasser.

Das Essen kommt schnell und die Portionen, auch die halben, sind reichlich. Das Lemonato mit Kartoffeln ist gut, der Spanakorizo und die Artischocken sind etwas fad. Ich schaffe trotz größter Mühe nicht alles, aber in Griechenland ist es ja keinen Schande, Essen übrigzulassen.

Die Rechnung fällt mit 13,80 Euro überraschend niedrig aus, da werde ich sicher wieder vorbeikommen, auch zum Gucken. Denn hier ist viel los hier, die Kellner haben ordentlich zu tun, und inzwischen ist auch der Chef Kyriakos am Wirbeln. Er ist polyglott und als ich erzähle, dass ich aus der Gegend von Stuttgart komme, antwortet er auf Deutsch - er hat mal in Freiburg gelebt. Er sorgt dafür, dass die Gäste sich schnell als Stammgäste fühlen. Oder sind alles Stammgäste? Offenbar hat auch Karystos seine Wiederholungstäter. Ich kann es verstehen - für einen Montagabend ist hier echt viel los. Und ich staune über die Zahl der Touristen. Beim Wandern werde ich sie aber kaum wiedertreffen.

 

*

 

Im Hotel Karystion wird das Frühstück von 7 bis 11 Uhr angeboten - ganz schön lang. Und es besteht nicht aus einem Buffet, sondern man wird an kleinen Tischchen - bei schönem Wetter auf der Terrasse - bedient. Nach wegen der Wärme und den Mücken mäßig durchschlafener Nacht bin ich schon um acht beim Frühstück, wo gerade auch die Mitglieder einer britische Reisegruppe essen. Sie reisen mit Adagio Holidays, Zielgruppe sind überwiegend Rentner, die aber auch etwas zu Fuß gehen wollen. Es überrascht mich, hier auf eine organisierte Reisegruppe zu treffen. Sie bleiben eine Woche, dann kommt noch eine Gruppe.

 

Zurück zum Frühstück: es ist im Zimmerpreis enthalten und besteht aus Kaffee oder Tee mit Milch, frischgepresstem O-Saft (die Presse höre ich schon immer morgens in meinem Zimmer, das nahe der Küche liegt), zwei kleinen Brötchen, einem süßes Teilchen, ein Päckchen Zwieback, Trockenobst, Joghurt oder Reispudding, Marmelade, Honig, Butter, frischem Obst und wechselnd Käse, Wurst oder  Feta mit Oliven. Wer Eier, Müsli oder Cappuccino möchte, muss ihn gesondert bestellen und bezahlen. Nach ein paar Tagen hängen mit die Mini-Brötchen ziemlich zum Hals raus, normales Brot oder Toast wären mir lieber. Und wenn viele Frühstücksgäste gleichzeitig essen wollen, dauert es auch mal etwas länger, oder der nachbestellte Kaffee bleibt aus. Aber ich habe es ja nicht eilig. Und die Bedienungen sind echt sehr nett. Außerdem wird man von einer Familie junger Katzen belagert, die sehr niedlich ist.

Die nächsten Tage soll es warm werden, und ab Freitag wieder sehr windig. Bei Wind ist es auf Gipfeln eher ungemütlich, darum werde ich den Gipfelsturm gleich heute in Angriff nehmen, auch in der Hoffnung, dass es in der Höhe nicht so heiß ist. Gipfel heißt für heute: auf den Berg Ochi, knapp 1.400 Meter hoch, und dort oben irgendwo mit einem sogenannten "Drachenhaus" versehen. Der Ochi ist quasi der Hausberg von Karystos, er ragt in voller Breite hinter dem Ort hoch. Man könnte den Gipfel von dem nahen Dorf Myli aus erstürmen, das wären aber über tausend Höhenmeter, die je hinauf und hinab zu bewältigen wären. Das will ich mir nicht antun. Ich werde also versuchen, mit dem Auto auf die Höhe von tausend Meter zu kommen, dort liegt nämlich ein Schutzhütte (Katafygio) und bis zu der gibt es eine Straße. Oder vielmehr eine Piste, über deren Zustand ich aber nichts in Erfahrung bringen konnte. Also probieren.

 

Ich fahre gegen zehn Uhr los, zunächst nach Osten, wo sich die Straße Richtung Platanistos allmählich in die Höhe schraubt. Hinter Metochi liegt mir ein sinnlos aussehendes Straßenlabyrinth ohne Bebauung zu Füßen. Ein enges Netz von Straßen zieht sich entlang des steilen Hanges bis auf eine Höhe von 250 Metern. Ein Gegenstück dazu gibt es südwestlich von Karystos, ich habe es schon aus der Luft und vor Jahren von der Fähre aus sehen können und mich gewundert. Da muss ich mal im Hotel fragen.

 

Wenig später macht die Straße nach Platanistos eine scharfe Kurve, und dort biegt links eine zunächst noch befestige Straße ab. Ich folge ihr, und stehe nur wenig später an einem spitzen Hügel mit Masten vor einem verschlossenen Tor. Huch. Also zurück, und aus der Richtung sehe ich dann auch die tief gelegene Abzweigung, die nun links auf eine breite, aber unbefestigte Piste führt. Vorsichtig fahre ich über die lose Oberfläche, zehn Kilometer sind es nun auf diesem Untergrund. Der Zustand der Piste ist besser als gedacht, sie hat zwar gelegentlich Löcher, aber ist ziemlich breit, so dass man gut ausweichen kann. Und es kommt auch gab und zu mal ein Auto - meist Jeep oder Pickup - entgegen. Entweder Schäfer, die nach ihren Tieren gucken (eine interessante Ziegenart gibt es hier), oder Techniker, die sich um die unzähligen benannten Windrotoren kümmern, zu denen immer wieder Wege führen. Schaut alles recht neu aus. Da weiß ich auch noch nicht, dass diese riesige Windanlage erst im Oktober eingeweiht werden wird.

 

Mit meinem kleinen Auto fühle ich mich unter den geländegängigen SUVs etwas deplatziert, aber der Micra hält sich wacker. Und die Aussicht hinauf auf die Küste bei Karystos wird immer besser.

Dann kommen faszinierende Baumskelette. Das müssen abgestorbene Ausläufer des Kastanologgos sein, eines Kastanienwaldes, der sich auf 800 Metern entlang zieht. Fotostopp. Toll hier! Und da oben, ist das die Schutzhütte? Nach einer Kurve ist links ein Parkplatz, auf dem sogar ein Bus steht. Die gut erhaltene Piste hört aber nicht auf, wie in meiner Terrain-Karte und auch in der digitalem Karte von Anavasi (beide von 2018) verzeichnet, und so lasse ich mich davon verführen und fahre weiter. Um dann zwei, drei Kilometer weiter zu merken, dass ich mich in einem Wald von Windrotoren gnadenlos verfahren haben. Am Pistenrand steht ein Jeep: Security. Brand- oder Rotorenschutz? Egal, der Mann darin betrachtet meinen kopierten Kartenausschnitt mit Verwunderung. Klar, denn die Piste fehlt ja. Ich müsse wieder zurück bis zum Parkplatz. Also holpere ich wieder auf gleichem Wege zurück, alle Abzweigungen, die hinauf- oder hinabführen, ignorierend.

Aber zuerst der Ochi und das Drachenhaus. Als ich wieder am Parkplatz bin, ist der Bus weg. Nein, er steht jetzt weiter unten, warum auch immer. So geselle ich den Micra neben einen einsamen Jeepaki mit griechischem Kennzeichen - der Fahrer hatte mich unten nach dem Weg zum Kastanologgos gefragt - und mache mich wanderfertig. Genau 12 Uhr ist es jetzt.

 

In dem Cavo d'Oro-Artikel des Griechenland-Journals hatte gestanden, es gäbe inzwischen gute Wanderkarten für die Insel Euböa. Das stimmt leider nicht, denn die aktuell (2019) vorhandenen Landkarten sind Straßenkarten im Maßstab 1:110.000. Da sind zwar millimetergroß Wanderrouten eingezeichnet, aber die kann man allenfalls als Vorschläge werten, nicht zur Orientierung. So auch hier, wo der Weg zum Drachenhaus zwar eingezeichnet ist, aber doch recht vage. Ich hab also nicht wirklich einen Plan und wandere zuerst zu der Schutzhütte hinauf, die fünf Minuten oberhalb der Straße liegt. Irgendwie hatte ich das Bild einer netten Berghütte mit Restaurant vor Augen und muss nun erkennen: Ochi! Die Hütte ist vielleicht im Sommer oder für angemeldete Gruppen geöffnet, jetzt ist sie verschlossen. Schade.

 

Aber ein mit rotem Punkt markierter Weg führt dort vorbei und ich folge der Markierung, nur um sie wenige Meter später wieder zu verlieren. So wandere ich auf Sicht entlang eines steinigen Tales bergwärts nach Nordwesten - der richtige Weg verläuft weiter östlich und ist ordentlich steil, wie ich auf dem Rückweg sehen werde. Nach schweißtreibenden zwanzig Minuten erreiche ich ein Plattform, die eine tolle Aussicht auf die mit den dünne Linien der Windräder bestückte Berglandschaft im Westen freigibt. Beeindruckend.

Von der Plattform führt der mit roten Punkten und Steinmännchen markierte, aber schmale und steile Trail nun in nordöstliche Richtung bergauf durch felsige Umgebung. Die Ausblicke werden weiter, reichen nach Osten bis zum Kap Mandili. Schemenhaft kann man Nachbarinseln nur erahnen. Giaros und Kea vermutlich. Zuletzt geht es entlang eines kleinen Felsenkammes, und dann stehe ich vor einigen primitiven Hütten aus unverputztem Gestein. Soll das das Drachenhaus sein? Das wäre aber enttäuschend. Nein, es ist eine Kapelle, und zwar eine des Profitis Ilias (natürlich). Da wird eine SMS fällig, nicht nach Köln, sondern nach Sifnos.

 

Ein Uhr vorbei ist es inzwischen, und nach einer kleinen Rast mache ich mich auf die Suche nach dem Drachenhaus. Bisher war ich alleine auf weiter Flur unterwegs, aber nun kommen zuerst eine kleine Gruppe von vier Griechen (aus dem Auto), und dann eine große Gruppe nichtgriechischer Wanderer aus östlicher Richtung. Die Griechen weisen mir den Weg zum Drachenhaus, das einige Minuten östlich an einem Nebengipfel liegt. Dass ich alleine unterwegs bin, finden sie nicht gut, wie leicht könne doch etwas passieren. Ich solle vorsichtig sein. Ich bin ja gewohnt, solo zu wandern, und habe mir bisher selten einen Kopf deshalb gemacht. Jetzt aber doch, frau ist ja keine dreißig mehr (was mir nicht nur meine Füße öfters bedeuten als mir lieb ist).

 

Nun, der Weg zu dem legendären Drachenhaus ist nicht weit, ist muss aber über ein paar große Steine klettern. Und da liegt es dann unvermittelt vor mir, das Drakospito. Das flache, rechteckige Gebäude, zwölf Meter lang, sieben breit und zweieinhalb hoch, lehnt sich an einen Felsen und sieht eigentlich nicht so spektakulär aus.

 

Es besteht aus großen, ordentlich zugehauenen Schieferblöcken, die ohne Mörtel aufeinandergeschichtet wurden, wozu es einiges an Kraft und Werkzeug bedurfte. Das geschah aber offenbar schon in vorchristlicher Zeit. Weil man sich früher nicht erklären konnte, wie das geschehen war, machte die Legende Drachen zu den Erbauern, und der Namen war geboren: Δρακόσπιτο -Drachenhaus. Aber auch heute kann über die Bauzeit und den Zweck des Gebäudes spekuliert werden. Weitere, ähnliche Häuser gibt es unter anderem unten bei Styra, aber seine exponierte Lage macht das hier zu etwas besonderem. Dass man für einen Profanbau wie etwa eine Almhütte oder ein Steinbruch-Aufseherhaus hier oben so einen Aufwand getrieben hätte, kommt mir nicht plausibel vor. Dann doch eher ein Tempel oder so. Mehr dazu im Wikipedia-Artikel.

Durch die offene Türe betrete ich das Gebäude und sehe, dass das Dach nicht vollständig geschlossen ist. Es scheint aber nicht eingestürzt, sondern absichtlich offen (die Häuser bei Styra sind es auch). Sieht interessant aus.

Drache ist aber definitiv keiner da, nicht mal ein kleiner Hardun. Allenfalls ein prägnanter Felsen in Kopfform. Gut, muss ich auch nicht unbedingt haben, sollen ja nicht immer friedlich sein, die Viecher. Und hier oben ist es absolut friedlich. Und die Aussicht, die Aussicht! Vielleicht ist erst das Tal, das man jetzt noch Norden gut und grün sehen kann, die Dimosaris-Schlucht? Eine Piste schlängelt sich rechts der Bergkette mit den Windrädern durchs Grüne und verschwindet in der Tiefe.

Im Osten ist Andros gut zu sehen, in der Bucht von Karystos scheinen Frachter zu schweben. Sie liegen hier zum Teil mehrere Tage.

Gegen 14 Uhr machen ich mich an den Abstieg. Schön vorsichtig, denn ich bin ja alleine hier. Erst auf dem letzten Stück, kurz vor der Schutzhütte, kommt mir ein junger Mann entgegen. Er hat es eilig, will am liebsten die Direttissima nehmen. Viel Glück, und kalo dromo!

 

Kurz vor drei bin ich dann wieder am Auto, das inzwischen einsam auf dem Parkplatz steht. Ich fotografiere erneut die bizarren Baumgespenster, lasse das Auto durchlüften, das sich in der Mittagssonne aufgeheizt hat. Und kurve dann müde und durstig auf der endlos scheinenden Piste zurück nach Osten. Nicht ohne noch die violetten Heidekrauthänge zu fotografieren, und die Bienenstöcke. Sicher nimmt auch Evia für sich in Anspruch, den besten Honig zu produzieren .... Schließlich erreiche ich die Straße und fahrt zurück nach Karystos. Die Hoffnung, in Metochi ein geöffnetes Lokal mit einem erfrischenden Kaltgetränk zu finden, erfüllt sich nicht. So erfrische ich mich erst im Hotel an der Bar mit einer eiskalten Cola und danach mit einem wunderbaren Bad im Meer.

Es ist aber auch warm heute. Na, ich wollte ja dieses Jahr unbedingt schon Mitte September nach Griechenland, nach den schlechten Vorjahreserfahrungen.

 

Ich gönne mir den berauschende Sonnenuntergang von der Parkterrasse beim Hotel und gehe danach ins "Gefsiplous" essen. Es liegt in einer der Gassen, die am Hafen von der Paralia abzweigen und offeriert etwas gehobenere Küche mit entsprechender Preislage. Die bestellte Pasta mit Cocktailtomaten, Feta und Kapern ist köstlich, der Rotwein dazu schmeckt auch. Und während ich auf das Essen warte, kann ich mir Gedanken darüber machen, warum das gegenüberliegende Street-Food-Lokal "Volk" heißt (in lateinischen Buchstaben). Nein, es ist keine deutsch-patriotische Café-Kneipe, sondern steht für den slowenischen Ausdruck für "Wolf". Oder so.

 

Müde schleppe ich mich ins Hotel zurück. Ob ich morgen wieder wandere? Oder doch eher fahre? Oder beides?