Naxos Südküste

Der Wind kommt nicht aus der erwarteten Richtung Südost - da hätte er uns geschoben. Sondern aus Nordost, also seitlich. Egal, wir haben keine Wahl.

Und gehen unsere letzte Querung dieser Tour an, gut vier Kilometer. Manolis erinnert uns nochmals daran, dass wir zusammenbleiben sollen, und gibt unseren ersten Zielpunkt auf Naxos aus. Stephan übernimmt von sich aus die Nachhut, zu meiner Freude, denn ich bin meist die Langsamste und hänge nicht gerne hinterher. Schweigend lassen wir Koufonissi hinter uns. Als aus westlicher Ferne Donnergrollen zu uns herüberdringt, erhöhen wir ohne Worte die Schlagzahl. Ein Gewitter auf offener See - kein angenehmes Szenario.

Es herrscht kein Verkehr, und das Donnergrummeln bleibt entfernt. Erst als wir uns nach einer knappen Stunde der Südküste von Naxos nähern, entspannen wir uns und paddeln wieder langsamer. Manolis lobt uns für unsere Leistung.

 

Entlang der Küste geht es nun westwärts. Gegen zwei Uhr mittags erreichen wir schon unser Tagesziel, Pánormos. Eine geschützte Bucht mit Sandstrand, zwei Kaikia und einer Reihe großer Tamarisken und Palmen hinter dem Strand. Da die Straße entlang der Ostküste hier endet, sind wir nicht ganz fernab der Zivilisation. Ein Bauernhof liegt etwas westlich, und das eine Kaiki wird später hinausfahren. Der Wind wird durch den Taleinschnitt kanalisiert und pfeift ordentlich. Da Regen droht, bauen wir zuerst die Zelte auf.

 

Manolis empfiehlt, sie im Schatten einer niedrigen Umfassung am westlichen Strandende und damit windgeschützt aufzubauen. Platonas und ich kommen der Empfehlung gerne nach. Ursula und Stephan wählen lieber eine ebene Erdfläche hinter der Baumreihe. Und warum Manolis später mit seinem Zelt ebenfalls dorthin umzieht, allerdings unter einen Baum, weiß ich nicht. Wegen des Regenschutzes? Bei Gewitter wäre das eher suboptimal.

 

Für die Küche hat es einen wunderbaren Platz unter einer großen Tamariske mit Steintisch und Sitzen. Ich hatte ja überlegt, mir einen Campingsitz zuzulegen, aber er hätte nicht mehr in meinen Trolley gepasst. Bei dieser Tour vermissen ich ihn nicht. Und ein Gestell um unsere feuchten Klamotten aufzuhängen, hat es ebenfalls. Sie werden später gründlich eingeregnet.

Im Sommer gibt es hier wohl eine Strand-Kantina.

Jetzt hat es keine, und so geht es nun an die Zubereitung des Mittagessens, Pasta mit Käse. Wir sind hungrig und es schmeckt hervorragend. Leider beginnt es wenig später leise zu nieseln, aber der Baum ist ein gutes Dach. Und es hört auch gleich wieder auf.

Auf einem Hügel etwas oberhalb der Bucht liegt eine bronzezeitliche Akropolis, der wir nun einen Besuch abstatten. Dazu geht es vorbei an dem Bauernhof mit einer großen Ziegenschar in einem Pferch. Die Tieren schauen uns interessiert an. Die Zicklein können durch das Stallfenster den Pferch verlassen und toben draußen herum. Herzerwärmend. Ein Muli betrachtet uns ebenfalls aufmerksam.

 

Der Boden ist mit Schnecken samt Häusern übersät. Manolis mit seinem großen Herz für Tiere räumt die ersten Kriechtiere respektvoll aus dem Weg, aber dann sind es zu viele. Auf Kreta würden sie eingesammelt und damit Mahlzeiten zubereitet, aber wir haben es lieber fleischlos. Zumindest was Mollusken betrifft.

 

Die Mauern der Akropolis sind schnell erreicht. Sie stammen ungefähr von 2.300 vor Christi Geburt und sind  damit die frühesten erhaltenen Bauwerksreste auf Naxos. Auf einer Tafel ist ein Luftbild der Anlage abgebildet, man kann etwa zwanzig sehr kleine Räume erkennen, die von einem Mauerring umschlossen wurden. Vermutlich dient das Gebäude eher als Fluchtburg denn als Wohnort, denn sonst wäre es schon sehr eng gewesen. Viel ist so nicht zu erkenne, aber der Blick über die Wiesen und das hellgraue Meer zu den Kleinen Kykladen ist nicht schlecht. Wobei ich in diesem Urlaub fest vorhabe, noch deutlich höher auf Naxos zu kommen.

Wie wir die Fundament angucken, kommen tatsächlich noch zwei Touristen, die trotz mangelndem  Badewetters mit ihrem Mietwagen den Weg nach Panormos und zur Akropolis gefunden haben. Oder wegen des grauen Wetters?

 

Der Regen setzt kurz darauf wieder ein, und dieses Mal dauert er an. Nicht stark, aber ausdauernd. Wir sitzen unter dem Baumdach hinter dem Strand, trinken Kaffee und schwätzen. Es gibt viel zu erzählen, auch wenn das Gespräch sich inzwischen meist um Kajaks dreht. Da ich mir wohl selber nie eines zulegen werde, bin ich eher stille Zuhörerin. Aber auch das Sea-Kayak-Symposium (http://nsks.gr), das Manolis letzten November veranstaltet hat, ist Thema. Da waren einige griechische Kajak-Koryphäen da, von Pavlos aus Kefalonia und George aus Ithaki bis Alex aus Paros. Ob das auch mal was für mich wäre?

 

Es wird dunkel und kühl, im Schein der Stirnlampen bereitet Ursula das Abendessen, Reis und Gemüse, zu. Auf dem kleinen Campingkocher benötigt das Erfahrung und Zeit. Aber von der haben wir ja genug, zumal das Mittagessen noch nicht so lange zurückliegt. Als die Feuchtigkeit in Nässe übergeht sind wir fertig mit dem ausgezeichneten Essen, und ziehen uns spät zum Nachtschlaf in unsere Zelte zurück. Ich lasse heute sogar die Wandersocken im Schlafsack an, so frisch ist es. Das Prasseln des Regens aufs Zeltdach schläfert mich dann trotz Kühle irgendwann ein. Offenbar öffnet der Himmel in der Nacht seine Schleusen, es wird lauter. Aber mein Zelt (Marke Robens) ist glücklicherweise dicht, alles drinnen bleibt trocken. Und die seitlichen Türen finde ich auch sehr komfortabel. Ein guter Kauf, Manolis!

 

*

 

Für Ursula und Stephan brachte der Regen in der Nacht eine Überraschung:  Ihr Zelt stand am frühen Morgen plötzlich in einer großen Wasserlache. Offenbar hatte der Regen im Winter diese Mulde glattgewaschen, in der sie ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Aber auch ihr Zelt ist dicht, nur die Matratzen schwammen auf. So war im Morgengrauen ein Umzug ans trockenen Ufer angesagt.

Aber der Regen hat dann irgendwann aufgehört, und es scheint nun sogar die Sonne. Mein Zelt ist schon fast trocken, ich ziehe es noch in die Sonne und lasse es, gut vertäut, vom Wind trocken.

 

Wir haben es heute nicht eilig, frühstücken zum letzten Mal ausgiebig, und packen dann gemütlich unsere Sachen zusammen. Die sind immerhin weniger geworden und passen nun leichter ins Kajak.

Um Viertel vor elf sitzen wir wieder in den Booten. Die frühe Morgensonne hat sich wieder hinter Wolken verzogen, in der Ferne hängt ein Inselgipfel in den Wolken.

 

Auch die Südküste von Naxos bietet interessantes. Schroffe weiße Ufer, manchmal mit Bäumen bewachsen. Vorgelagerte Riffe bilden Kanäle. Felsspalten und Höhlen strukturieren die Küste. Die größte, die Höhle von Rina, steht später auf dem Programm. Vorher versuchen wir, auf den Wellen zu surfen. Mit gelingt das nicht, aber Platonas hat seinen Spaß.

 

In einer engen Felsenbucht liegt dann die Höhle von Rina. Im Sommer kommen Ausflugsboote hierher, und dann ist es sicher nicht so einsam wie jetzt. Es geht tief hinein, und wenn die Sonne scheinen und richtig stehen würde, könnte man hier eine blaue Grotte ähnlich wie auf Kastellorizo erleben. Heute ist es prosaischer, aber trotzdem interessant. Vorsichtig geht es vorwärts hinein, dann drinnen drehen. An der Höhlendecke hängen Fledermäuse, die eine oder andere schwirrt ans Licht.

Weit ist es nun nicht mehr bis Kalandos. Schade, dass die Tour zu Ende geht. Noch um das nächste Felsenkap, dann öffnet sich die weite Bucht mit dem Sandstrand und dem kleinen Hafen auf der rechten Seite. Um ein Uhr ziehen wir die Kajaks an den Sandstrand und schließen den Kreis.

 

Gut 70 Kilometer haben wir an den fünf Tagen zurückgelegt, wie ich später Pi mal Daumen bei GoogleEarth nachmessen werden.

Allerdings müssen wir doch nochmal aufs Wasser, weil Manolis Bedenken hat, dass das Auto mit dem Anhänger im regennassen Sand des breiten Strandes stecken bleibt. Und so paddeln wir bis zum Hafen, wo der nächtliche Regen einen breiten Bach gebildet hat, der dort mündet. Wir ziehen die Kajaks auf eine Sandbank unterhalb der Kaimauer und entladen unsere Sachen. Alles hinauf auf den Anleger, wo unser Zeug eine beindruckende Reihe bildet.

Wir sind noch am Abladen, als Christina mit dem Auto, dem Anhänger und Ariadni kommt. Die Kleine freut sich sehr, ihren Papa wiederzusehen, und auch Manolis busselt sie erst mal ab. Die Tage waren nicht leicht für Christina als Alleinerziehende, auch weil Ariadni ständig nach dem Papa gefragt hat.

 

Während wir die Kajaks auf den Anhänger laden, und danach unser Zeug verstauen, serviert Christina am Straßenrand ein Blech mit Gemista und knusprig gebackenen Kartoffeln, dazu Brot und Feta. Aber erst als alles verladen ist, machen wir uns darüber her. Schmeckt köstlich!

 

Als wir dann in den Wagen steigen und wieder über die Berge gen Norden fahren, ist unsere Tour definitiv zu Ende. Etwas wehmütig sind wir alle, und halten in Filoti im "Platonas", ähm, nein, im "Platanos" auf Kaffee, Limo, Galaktobureko. Es ist ganz schön viel los hier, und viele Wanderer warten auf den Bus um halb fünf. In ein paar Tagen werde ich mich hier auch einreihen.

 

Zu Manolis' Depot ist es nun nicht mehr weit, wo wir entladen und verteilen. Die nächsten Tage wird Manolis mit Sortieren und Putzen zu tun haben, aber wegen des kühlen und windigen Wetters hat er vorerst keine Tagestouren. Und weil wir morgen Abend noch gemeinsam Essen gehen wollen (im "Axiotissa" in Kastraki), müssen wir uns auch noch nicht voneinander verabschieden.

Christina setzt erst Ursula und Stephan im "Ippocampos Beachfront" ab, wo sie bis zum Rückflug übermorgen bleiben werden. Dann bringt Christina mich ins Hotel "Anixis" in der Altstadt, wo sie praktischerweise sowieso gerade als Betreuerin von Wandergästen für ein britisches Reiseunternehmen zu tun hat. Das Auto müssen wir unten an der Straße abstellen, und ich bin froh, dass sie mir beim Tragen hilft. Ich hab einfach zu viel Zeug dabei. Nächstes Mal werde ich das optimieren.

 

Für vier Tage (mindestens) habe ich mich im "Anixis" einquartiert, und zwar im zweiten Stock im  "Turmzimmer" neben der Frühstücksdachterrasse, für fünfzig Euro die Nacht. Mit genialem Blick, aber auch sehr windausgesetzt. Der Blick reicht über die Dächer nach Norden gen Grotta und zur wogenumtosten Küste. 2014 habe ich das letzte Mal hier gewohnt, und auch damals war das Wetter ähnlich durchwachsen. In Chora hat es laut Christina in der Nacht sehr stark geregnet - gut, dass es im Süden nicht ganz so schlimm war.

 

Mein Zimmer mit seiner reduzierten Betonguss-Optik gefällt mir ausnehmend gut, auch wenn ich den kleinen Sitzplatz auf dem Mini-Balkon nicht werde benutzen können. Alles da was man braucht, und (fast) nichts da was man nicht braucht. Nachdem ich den Inhalt und den Sand aus meinen Taschen gleichmäßig über dem Zimmerboden verteilt habe, gönne ich erst mir und dann meinen salzwasserstarrenden Klamotten eine Wäsche. Wunderbar!

Zum Abendessen geht es dann in "Metaxy Mas". Bakaliaros mit Skordalia, dazu Weißwein. Ja, passt.

 

Müde bin ich zeitig im Bett.

Ab jetzt ist Wandern angesagt. Zwei Wochen habe ich dafür noch Zeit, ein paar Tage davon auf Naxos.
Da kommt dann hier noch mehr.


Aber einmal geht es doch noch ins Kajak.

 

Einige Tage später laden Manolis und Christina mich zum Sunset-Paddeln ein. Da die Sonne sich seit dem späten Nachmittag hinter dicken Wolken versteckt, müssen wir und die Gäste uns den Sonnenuntergang allerdings vorstellen (oder photoshoppen). Manolis und Christina (und Ariadni) sammeln mich nach 17 Uhr am Parkplatz unterhalb des Hotels auf. Eine junge Amerikanerin sitzt schon im Auto, ich hatte sie am Vortag an den Hängen des Zas schon gesehen. Irgendwo im Hotelhinterland nehmen wir dann zwei weitere Amerikanerinnen mit - die eine ist auf Junggesellinnen-Tour und wird von ihrer Freundin (oder war es die Schwägerin?) begleitet. Es sind verhältnismäßig viele Amerikaner auf Naxos, neben Briten und den obligatorischen Franzosen. Deutsche Töne höre ich dagegen nur selten.

 

Es geht nach Agios Prokopios, wo wir die Kajaks - zwei Doppel und ein Einer - zu Wasser lassen. Wir werden nicht hierher zurückkehren, sondern entlang der Küste bis Mikri Vigla fahren, wo Christina uns wieder abholen wird. Manolis wird mit der einen Amerikanerin ins Doppel steigen, die beiden anderen Frauen ebenfalls, und ich bekomme mein schon gewohntes Prijon-Einer. Das allerdings - Manolis warnt mich vorsorglich - unbeladen ein komplett anderes Fahrverhalten an den Tag legt als gewohnt.

 

Um das Kap Agios Nikolaos herum geht es mit viel Abstand entlang des Plaka-Strandes. Dann steuern wir den vorgelagerten Felsen Aspro an, lassen ihn aber links liegen. Vom Meer rundgelutscht sind die Steinbrocken von Panagia weiter südlich, eine Art Sarakiniko im Meer. Möwen schwirren darüber, beschimpfen uns. Don't panic, wir sind ja gleich wieder weg.

Weiter zu den Mikri-Vigla-Felsen, die dem Kap vorgelagert sind. Ist direkt anstrengend bei Wind und Wellen wie jetzt, ich kämpfe mit dem leichteren und daher deutlich weniger stabilen Kajak. Hoppla, jetzt hätte es mich fast erwischt - in den sechs Tagen der Tour war ich dem Kentern nie so nahe wie heute Abend, als mir eine Welle quer kommt und mich aushebt. Das fehlte noch. Aber Spaß macht es schon auch. Trotzdem.

Aber es ist auch frisch, zumal ich sich meine Spritzdecke wieder geöffnet hat, Wasser eindringt und ich nass werde.

 

Nach zweieinhalb Stunden, es wird schon dunkel, gehen wir in Mikri Vigla an Land. Christina empfängt uns. Schnell die nassen Klamotten loswerden, die geschlossene Taverne eignet sich gut zum Umziehen. Es gibt auch noch was zu essen, Erdbeeren, Bananen und Kekse. Christina und Manolis laden so lange die Kajaks auf, umschwirrt von Ariadni.

 

Den Amerikanerinnen hat es sehr gut gefallen, und mir auch. Ich überlege aber auch, wie es wäre, wenn ich von so weit her und zum ersten Mal nach Naxos käme. Was ich für einen Eindruck hätte. Auf alle Fälle dass die Kykladen ziemlich kalt sind im Mai. Und die Strände leer. Was sich in der Saison aufs heftigste ändern wird, was man aktuell so liest. Jeder freie Strandmeter zwischen Chora und Plaka ist mit Sonnenbetten belegt, so dass man kaum mehr ein Handtuch dazwischen kriegt. Pest! Es geht doch nichts über die Vorsaison!

Es gibt noch einiges zu reden über Naxos und den Tourismus auf der Rückfahrt. Manolis hatte schon erzählt, dass sie im Herbst ihre Mietwohnung wegen Eigenbedarf räumen müssen, und es nahezu unmöglich sei, eine Ersatzwohnung zu bekommen. Alles wird in AirBnB umgewandelt, das ist lukrativer und bequemer. Naxos geht da keinen guten Weg, und irgendeine Steuerung durch die Gemeinde ist nicht zu erkennen. Nur mehr, mehr, mehr. Das finde ich umso trauriger, als mir Naxos gerade richtig gut gefallen hat. Viel besser als erwartet. Also Naxos-Besuche zukünftig nur zwischen November und Mai. Vielleicht mal zum Sea-Kayak-Symposium im November 2024? 2023 wird Manolis keines ausrichten, ein Zweijahresrhythmus wäre anstrengend genug. Und es ist unglaublich viel Arbeit, die auf ihn und Christina da zukommen, denn alleine bis etwa die benötigte Zahl der Kajaks auf Naxos ist, braucht es einen beachtlichen logistischen und finanziellen Aufwand.

Aber er brennt so für seine Leidenschaft, und das ist einfach ansteckend. Und seine und Christinas Leidenschaft für Naxos (nicht umsonst heißt das Töchterchen Ariadni). Ich hoffe sehr für sie, dass sich doch noch eine Wohnungslösung für sie findet.

 

Christina und Manolis werden es sich auch nicht nehmen lassen, mich am Anreisetag zum Hafen zu bringen und zu verabschieden. Da werde ich ganz traurig werden, nie ist es mir so schwer gefallen, Naxos zu verlassen.

Aber so weit ist es ja noch nicht. Erst wird noch auf Naxos gewandert.