Apokriés - Aufgalopp

Es ist Samstagmittag als unser Flugzeug auf Skyros landet. Nur eine gute Viertelstunde hat der Hüpfer von Athen über Evia hinweg gebraucht, mit dem Airbus von Aegean Airlines, 170 Plätze. Der ist voll – ausgebucht. Denn es ist der 17. März 2013, das letzte Wochenende des griechischen Karnevals. Und der wird auf Skyros ganz besonders gefeiert, was wir dieses Jahr miterleben möchten: an Karneval und an den Wochenenden vorher ziehen Maskengestalten mit Glocken durch die Gassen, nicht ganz unähnlich der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Aber viel weniger organisiert. Griechisch eben. Apokries (ich hab es vorne und hinten betont gefunden, Apókries/Apokriés) heißt so viel wie „weg vom Fleisch“, also ganz wie „carne vale“, wird in ganz Griechenland begangen, aber nur in wenigen Städten wie Patras oder Rethymnon gibt es etwas wie Umzüge oder traditionelle Festlichkeiten. Und eben auf Skyros.

 

Schon frühzeitig hatte ich die Flüge gebucht (Athen – Skyros - Athen für knapp 30 Euro pro Person) und auch ein beheizbares Quartier bei Martina (einfach mal googeln) festgemacht (Danke an Schalimara für den Tipp!). Nach Athen waren wir auch mit Aegean Airlines geflogen, Ankunft mitten in der Nacht, Weiterfahrt mit dem Bus X96 nach Voula bis zur Haltestelle „Galini“, Hotel „Galini Palace“. Wenn man das Fenster geschlossen lässt kann man dort ganz gut schlafen (der Verkehr hielt sich auch in Grenzen, aber davon sollte man nicht immer ausgehen) und morgens einen Blick auf den Strand und die Insel Ägina werfen.

 

Nun sind wir auf Skyros, wo Martina uns am Flughafen (er liegt ganz im Norden der Insel und wird vor allem militärisch genutzt) abholt und nach Chora in unser Quartier bringt. Wir bekommen einen kurzen Vorgeschmack auf den grünen Inselnorden, und was wir sehen mach Lust auf mehr. Aber die nächsten drei Tage werden wir nicht über Chora hinauskommen.

Martina, eine Deutsche, die schon lange auf Skyros ansässig ist, vermietet drei schöne, geschmackvoll eingerichtete Appartements mit geräumigem Bad, und, wichtig im März, mit bestens funktionierender Heizung (€ 45,- die Nacht). Nur zwei Minuten zu Fuß vom Zentrum des Geschehens entfernt und dennoch ruhig. Martina verleiht außerdem auch Auto, Motorroller und Fahrräder.

Wir gehen gleich in den Ort hinein und nach leckerer Gyropita samt halbem Liter Wein für knapp sieben Euro im „Matzourana“ sind wir gestärkt für das was kommen soll.

Das ist aber zunächst nicht viel, und so bummeln wir durch den Ort, vorbei am Laden des Sandalenmachers, wo man die für Skyros typischen „Trochadia“ bekommt, die in den nächsten Tagen jung und alt zur ihren Trachten tragen werden. Diese relativ geschlossenen Sandalen haben Sohlen aus alten Autoreifen. Neue Autoreifenmodelle sind dafür allerdings nicht mehr geeignet, und so muss man verstärkt auf Motorradreifen zurückgreifen. Vielleicht sorgt das Gummi für den nötigen Grip in den nach Regengüssen extrem schlüpfrigen Gassen von Chora? Und wären nicht eigentlich Stiefel wesentlich praktischer bei Regen und Kälte?

Wir checken die Tavernenlage: das vielgepriesene „O Pappous ke ego“ ist nicht auszumachen, dort befindet sich inzwischen ein Laden mit inseltypischen Produkten aus Keramik, Holz, Textil.

„I Skyros“, „Mariettis“, „Adrachti“ haben wir gesichtet, außerdem das „Konatsi“. Und unzählige Cafés an der Platia und der Hauptgasse, die sich zunehmend bevölkern. Am späten Nachmittag ist nochmals die Fähre von Evia gekommen und hat massenhaft apokriessüchtige Menschen mitgebracht.

Und dann sehen wir ihn: unseren ersten „Glockenmann“, unseren ersten „Jéros“ („Γέρος“, Plural Jéri = alter Mann)!

Der „Alte“ ist aber allenfalls ein Jeraki, denn es handelt sich um einen kleinen Jungen, vielleicht zehn Jahre alt, in der typischen Karnevalstracht für die Männer: Oben soll der Jeros wie ein Tier (eine Ziege) aussehen, unten wie ein Mensch, genauer: ein Hirte. Dazu trägt er eine taillenlange zottelige Kapuzenjacke aus schwarzem Ziegenhaar Typ Flokati, ein weißes Band um den Hinterkopf und im Nacken verschlungen, das vor der Brust mit einem bunten Baumwolltuch latzähnlich verknüpft wird (über den Sinn oder Hintergrund dieses Accessoires konnte ich leider nichts erfahren), das Fell eines Ziegenkitzes (Früh- oder Totgeburt) mit zwei kleinen Löchern darin als Sehschlitze bildet die - je nach Farbe des Felles mehr oder weniger - furchteinflößende Maske. Um die Taille baumeln an einem Strick mehrreihig größere und kleinere Glocken (die großen oben, die kleinen unten), je nach Stärke des Jéros. Wir werden Glocken bis 30 Zentimeter Durchmesser sehen, zwanzig, dreißig Glocken können es sein, und so kann so ein Glockengebinde ein Gewicht von fünfzig Kilogramm (und einen Wert von mehreren tausend Euro) erreichen!

An den Beinen trägt der Jéros eine schafwollene weiße Strickhose, die Waden bedecken gamaschenähnlicher Stulpen, ebenfalls in wollweiß, die an den Knien mit dünnen schwarzen Bändern gehalten werden. Und die Füße zieren natürlich die Trochadia, die Ledersandalen.

Dann gehört unbedingt noch ein Hirtenstab, ein langer Holzstecken dazu, der oben gebogen ist und an den manchmal ein Blümchen gebunden wird.

 

Der Karnevalsbrauch auf Skyros geht vermutlich auf dionysische Fruchtbarkeitskulte der Antike zurück. Die Sache mit dem speziellen Outfit wird mit dieser Geschichte erklärt: in einer eiskalten Winternacht erfror einem Hirten auf Skyros seine ganze Ziegenherde. Es blieb ihm nichts anderes übrig als den toten Tieren die Felle abzuziehen, sie sich samt den Ziegenglocken umzuhängen und in die Chora zu gehen, wo er mehr tot als lebendig und halb irre ankam. Und man ihm zu Ehren diesen Brauch eingeführt haben soll.

Seine Frau begleitete ihn, weshalb auch der Jeros oft von einer Frau in Tracht mit einer Stoffmaske vor dem Gesicht begleitet wird, die ihn taschentuchschwingend umtanzt. Diese sogenannte „Korella“ wird gelegentlich von Männern dargestellt, wir haben das aber nur ein Mal gesehen (die Frauen von Skyros emanzipieren sich wohl allmählich und wollen nicht außen vor bleiben beim wilden Treiben).

 

Die dritte Figur ist der „Frangos“, der Kasper, der im Kostüm recht frei ist und eine einzelne Glocke hinten am Gürtel trägt (und ursprünglich ein Muschelhorn). Manche dieser Frangos-Outfits fanden wir schon fast störend modern (Halloween lässt grüßen) im Vergleich zu den traditionellen Larven. Aber es ist ja Karneval, da ist alles erlaubt.

Der Frangos geht auf das venezianische Erbe zurück, "Franken" waren und sind im griechischen Sprachgebrauch die Mitteleuropäer und Katholiken (wie die "Frangosyriani", das berühmte Lied von Markos Vamvarakis, das ein katholisches Mädchen von der Insel Syros besingt).

Zuerst vereinzelt, dann immer mit mehr: mit Einsetzen der Dunkelheit tauchen plötzlich überall in den Straßen der Chora Jeri auf.

Wenn man nur das Glockenscheppern hört denkt man, es kommt gleich eine ganze Blechkolonne um die Ecke. Es ist aber nur ein einzelner Mann, der mit einem wiegenden Gang die Glocken zum „Erklingen“ bringt und dabei den Hirtenstock schwingt. Treffen zwei oder mehrere Jeri aufeinander, so kann es dazu kommen, dass sie sich spielerisch duellieren, antanzen oder anrempeln, oder, zu späterer Stunde, einen ohrenbetäubenden Wettkampf im Dauerscheppern austragen, stehend auf den Stock gestützt im bizarren Hula-Hoop der Trance: wer kann länger schwingen? Das kann auch mal zehn, fünfzehn Minuten dauern, ehe einer der Maskierten aufgibt, was er durch ein Springen in die Höhe mit anschließendem kleinem Drehtanz anzeigt, dem speziellen „Ziegentanz“. Dann entfernen sich die Duellanten voneinander, um später wieder aufeinanderzutreffen und von vorne zu beginnen.

 

Wenig später haben wir die Gelegenheit in einer Seitengasse zuzusehen wie ein Jeros für seine Tour fertig gemacht wird. Angesichts des oben genannten Equipments dauert das eine Weile – schließlich darf sich die Tracht auch nach mehreren Stunden des Hüpfens und Flanierens nicht lösen. Frieren wird der Jeros darin (im Gegensatz zu uns Zuschauern) sicher nicht.

 

Durch den Glockenlärm hören die Jeri eigentlich nichts, und das Gesichtsfeld ist durch die kleinen Gucklöcher in der Ziegenfellmaske  sehr eingeschränkt. Da tut man als Zuschauer gut daran, den schwankend-marschierenden, durch den Glockengürtel überbreiten Jeri aus dem Weg zu gehen will man keine Glocke in die Seite gerammt bekommen. Und die Hauptgasse der Chora, der Hauptlaufsteg der Glockenmänner, ist nicht sehr breit, und inzwischen von Zuschauern dicht gesäumt.

Man darf nun nicht erwarten, dass irgendetwas Organisiertes passiert. Stundenlang toben die Jéri durch die Gassen, an der großen Platia dagegen springen vor allem die Kinder als Jeros oder Korella herum, sich des Ernstes der Sache durchaus bewusst, und stolz von den Eltern oder Großeltern immer wieder vor die Kamera geschoben. Sie sind aber auch zu niedlich, diese kleinen „alten Männer“.


In einem Schmuckladen treffen wir eine auf Skyros lebende Deutsche, deren Sohn - vielleicht fünfzehn Jahre alt - dieses Jahr zum ersten Mal als großer Jeros mit gewichtigem Glockengebinde gehen darf. Er war ganz wild darauf, und hat immerhin zweieinhalb Stunden durchgehalten! Respekt!

 

Noch hat es freie Plätze in den Tavernen, wir essen Lamm- und Rinderbraten im „I Skyros“, dazu süffigen Roséwein. Lange Tische sind eingedeckt, für uns nur zwei Personen räumen freundliche ältere Männer - mit den hübschen Samtbaretten der skyriotischen Tracht auf - gerne den kleinen Tisch. Draußen toben weiter die Jeri. Es ist schwer zu sagen wieviele von ihnen diesem Abend unterwegs sind, denn sie promenieren immer wieder die Hauptgasse auf und ab, und sind allenfalls an der Statur, den bunten Tüchern oder dem Fellmuster der Masken zu unterscheiden. Fünfzehn (Erwachsene) werden es aber sicher sein, und am nächsten Abend noch mehr. Und die Korelles und Frangi dazwischen.

Braucht ein Jeros eine Pause, so biegt er ein in eine stille Seitengasse und setzt sich, den Glockengürtel scheppernd hochwerfend, auf die zahlreichen Steinstufen. Es gibt richtige „Rastplätze“ wo sich die müden Jeri sammeln. Schnell die Maske über den Kopf klappen. Erschöpfte Gesichter kommen zum Vorschein, schweißbedeckt. Durst! Ist das wirklich noch ein Vergnügen? Aber schon geht es wieder weiter, Maske runter und los, hüpfend und schwingend. Viele geraten offensichtlich in eine Art Trance dabei, der Gang wird mechanischer, stierer. Die Duellgruppen werden größer, der Wettstreit endloser.

Aus den Bars dringt laute Musik, vordringlich Nissiotika, und bildet mit dem Glockenscheppern den Fasnet-auf-Skyros-Soundtrack. Leider gibt es nirgendwo Live-Musik, alles kommt von Konserve.

Bis in die frühen Morgenstunden werden wir die Musik noch zu uns herüberschallen hören. Wir müssen aber erst der kurzen Nacht unserer Anreise Tribut zollen und ins Bett.

Morgen ist auch noch ein Karnevalstag.