Marmor, Marmor, und noch mehr Marmor

 

Nachdem sich unser Tinos-Aufenthalt streikbedingt von drei auf zwei volle Tage verkürzt hat - was aber auch viel zu kurz gewesen wäre - müssen wir unsere Ausflugs- und Wanderpläne komprimieren. Das geht am besten mit einem Mietwagen, den ich uns für zwei Tage bei "Vitalis" leihe. "Vitalis" ist der Autoverleiher, der es geschafft hat, seine Werbung unauffällig-auffällig in dem deutschen Spielfilm "Highway To Hellas" zu platzieren, der im Herbst 2014 auf Tinos (vor allem in Panormos) gedreht wurde und im Herbst 2015 in den deutschen Kinos lief (eine mäßige Komödie der banaleren Art). Außerdem hat Vitalis seine Filialen überall in Tinos-Stadt, und so auch am nahen Hafen. Für dreißig Euro am Tag (Tinos ist in Bezug auf Mietwagen teurer als andere Inseln, da haben wir schon beim letzten Aufenthalt gemerkt) bekommen wir einen fast neuen Skoda Citigo und machen uns nach dem sättigenden Rest-Fourtalia-Frühstück im Bauch auf den Weg.

 

Das Wetter ist für Tinos ungewöhnlich: kaum Wind, und wenn, dann aus südlicher Richtung, also warm. So konnten wir tatsächlich auf dem Balkon frühstücken und nebenher den Fährverkehr beobachten.

Zunächst steuern wir Kiona an, als nostalgische Reminiszenz an unseren ersten Tinos-Urlaub 1991 (sozusagen zum Jubiläum zum 25sten).

Das Hotel "Tinos Beach" dort scheint gerade eine Auffrischung zu erhalten, und sieht wirklich gut aus. Das kastige Haupthaus ist zwar nicht schöner geworden (zum Glück haben wir schon damals in einem der hübschen terrassenförmigen Nebenhäuser gewohnt), aber die Außenanlage und der Rasen sehen frisch und gepflegt aus, mit edlem Mobiliar. Ein Arbeiter winkt uns zu: wir sollen ruhig reinkommen auf das Pool-Gelände. Die Hoteltaverne ist aber noch eine komplette Baustelle.

 

In den letzten 25 Jahren ist Kionia ziemlich gewachsen. Natürlich ist es immer noch ein reiner Touristenort, der in der Vorsaison unbelebt wirkt - von den Arbeitern mal abgesehen. Aber dank einiger Tavernen in Gehweite ließe es sich hier schon aushalten, und in die Stadt ist es auch nicht weit.

 

Verblüfft sind wir aber darüber, wie sich das große Ausgrabungsgelände des Poseidon-Tempels präsentiert: solide eingezäunt und sehr gepflegt. Früher war das eine notdürftig eingezäunte Wildnis, in der sich ein paar antike Steine versteckten. Nun wird natürlich ein Besuch fällig, der zwei Euro pro Person kostet. Der freundliche junge Mann, der den Eintritt kassiert und uns eine Faltblatt über die Ausgrabung in die Hand drückt, ist nebenher bildhauerisch tätig: er meißelt eine Schrift in eine Marmorplatte. Klar, wir sind ja auf Tinos.

Wir spazieren über das Gelände des Heiligtums, das nicht alleine Poseidon, sondern auch dessen Gattin Amphitrite geweiht war. Es wurde im vierten Jahrhundert vor Christus gegründet und Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus verlassen. Poseidon wurde hier auch als heilender Gott verehrt, und es gab Festivitäten zu seinen Ehren, die "Poseidonia".

 

Links hinter dem Eingang liegen die Fundamente des Poseidon-Tempels, weiter hinten zeichnet sich ein halbrunder Brunnen ab, hinter dem die Kurhalle lag. Alles natürlich aus Marmor - wir sind schließlich auf Tinos. Weiter östlich befand sich die 170 Meter lange Stoa, eine Säulenhalle, die aus dem prosperierenden späten zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus stammt.

 

Wir sind die einzigen Besucher, aber auf den warmen Steinen tummeln sich zahlreiche Echsen. Es sind Agamen, sogenannte Hardune, die hier lustigerweise alle einen gelben Kopf haben - eine tiniotische Variante?

Über Tinos-Stadt fahren wir dann hinauf ins Inselinnere. Tarambados ist unser erste Ziel. Natürlich haben wir (und nicht nur wir) die besonders schönen Taubenhäuser hier schon oft fotografiert, aber wir können trotzdem nicht widerstehen und parken für einen kurzen Dorfbummel samt Blick auf das Taubenhaustal.

Ein langer gemauerter Durchgang ist mit grünen Pflanzen verziert - noch von Ostern?

Schön ist auch der Blick Richtung Osten auf die Felsennase des Exombourgo. Der Himmel hat inzwischen ein wenig fotofreundliches Schirokko-Einheitsgrau angenommen. Schade.

Es ist dann schon halb eins vorbei, als wir in Pyrgos eintreffen. Hier wollen wir uns nun länger aufhalten und einen ausgedehnten Museumsbummel machen. Ich würde das Ganze gerne mit der Wanderung nach Panormos abrunden, die Theo so schön beschrieben hat. Da wären wir aber auf den Bus angewiesen, der um 15 Uhr von Panormos wieder nach Pyrgos hinauffährt. Entweder dann schon unten sein, und mit dem Bus wieder rauf zum Auto, oder das Auto unten abstellen, und dann mit dem Bus rauf und danach runter wandern. Da hätten wir etwas mehr Zeit. Wir behalten die zweite Option im Auge.

 

Gleich am Ortseingang befinden sich die beiden kleinen Museen, das Chalepas-Museum und das Museum der tiniotischen schönen Künste, also von Künstlern von Tinos. Die sind hier zwangsläufig Bildhauer, und so gibt es darin vor allem Gipsmodelle für spätere Marmorstatuen zu bewundern, etwa von Dimitrios Filippotis und Georgios Fytalis. Die Aufseherin freut sich über Abwechslung und erklärt uns bereitwillig die Exponate auf Englisch.

Dann wechseln wir nach nebenan in Chalepas-Museum (der Eintritt für beide Museen zusammen kostet drei Euro, für SeniorInnen reduziert zwei Euro). Das ehemalige Wohnhaus des berühmtesten Tinioten, des in Pyrgos geborenen Bildhauers Giannoulis Chalepas (1851 - 1938) ist liebevoll hergerichtet und mit ein paar Gipsmodellen ausgestattet. Aber eigentlich gefällt uns das Haus selbst am besten, das so belassen wurde wie zu Chalepas' Lebenszeit: reduziert und einfach ausgestattet.

 

Ob der Künstler, der zwischen Genialität und Wahnsinn schwankte und nach einem Nervenzusammenbruch einige Jahre in der Psychiatrie auf Korfu verbrachte, hier Ruhe gefunden hat? Von 1902 bis 1915, als ihn seine Mutter von Korfu nach Pyrgos geholte hatte, durfte er nicht künstlerisch arbeiten, da sie darin die Ursache für seine psychische Erkrankung sah.

Armer Chalepas, hundert Jahre später würde man mit seiner Krankheit und seiner Schaffenskraft wohl anders umgehen....

Durch die Marmorgassen des gepflegten Ortes - hatte ich beim letzten Besuch nicht eigentlich beschlossen, mich beim nächsten Mal hier einzuquartieren? - und vorbei an zahlreichen Schaufenstern mit Marmorauslagen (wo könnte ich bei mir nur so ein Oberlicht gut in Szene setzen?) gehen wir zur Platia Iroon 1821 (Heldenplatz 1821, als im Freiheitskampf), einem der schönsten Plätze, die ich in Griechenland kenne: Unter der riesigen Platane stehen vor dem Brunnenhaus (natürlich aus Marmor) die Tische und Stühle von Cafés, Marmortischplatten auf Marmorboden - in Pyrgos weiß man, was man dem Ruf des Marmordorfes schuldig ist. Aber auch hier ist die Zahl der Besucher überschaubar, obwohl Pyrgos natürlich auf dem Programm der Bustouren steht, die von den Wallfahrern (und vor allem Wallfahrerinnen) gerne genutzt werden, um dem religiösen Aspekt der Reise auch noch einen bildungsbürgerlichen hinzuzufügen. Und Essen und Trinken sind eh am wichtigsten. Deshalb sitzen sie vermutlich schon unten in Panormos am Meer. Oder in Voláx.

Wir geben uns aber erst noch etwas Kultur. Marmorkultur natürlich, und gehen an der Hauptkirche Agios Nikolaos mit dem Friedhof vorbei zum neuen Museum of Marble Crafts, das etwas versteckt in einem Tal hinter der Schule der schönen Künste liegt (zum Glück ausgeschildert, sonst würde man sich hierher kaum verirren).

In dem unverputzten flachen Gebäude aus - nein, nicht Marmor, eher Schiefer oder ein anderes dunkles lokales Gestein - gibt es zunächst einen Abriss von der Geologie und Marmorvorkommen in Griechenland im Allgemeinen (erinnert mich an das vergleichbare Marmor-Museum in Carrara) und über den Abbau des Marmors in früheren und heutigen Zeiten auf Tinos im Speziellen. Vom Rohmaterial bis zur Verarbeitung zum fertigen Gegenstand (vorzugsweise die typischen tiniotischen Oberlichter) werden hier die vielen, oft sehr schweren Arbeitsgänge ausführlich demonstriert und mit Exponaten und Filmen bebildert. Es gibt sehr viel zu Lesen (auf Englisch und Griechisch) und zu Gucken, man sollte sich unbedingt ausreichend Zeit mitbringen um sich in die Mühen der Arbeit mit Marmor einzufühlen. Auch hier hat der unermüdliche Theo eine schöne Seite zum Thema geschrieben, Wiederholungen erspare ich mir deshalb.

 

Das Museum ist eine tolle Ergänzung zum Thema "Marmor und Tinos" und unbedingt einen Besuch wert. Es ist im Sommer (1. März bis 15. Oktober) täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr und im Winter entsprechend von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet drei Euro, Besucher unter 18 und über 65 Jahren sowie Studenten bezahlen einen Euro 50.

 

Das Museum gehört zu einem Zusammenschluss mehrerer griechischen Museen der Piraeus Bank Group Cultural Foundation (PIOP). Der Schwerpunkt liegt dabei jeweils auf traditionellen Produkten und deren künstlerischer und handwerklicher Verarbeitung. Auch das im 2016 eröffnete Mastix-Museum auf Chios gehört dazu, das Seidenmuseum in Soufli, das Silberschmiedmuseum in Ioannina und das Olivenölmuseum auf Lesvos. Ein kleiner Shop samt Café verkauft hübsche Artikel der verschiedenen Museen (auch online).

Nach so viel geistiger Nahrung brauchen wir jetzt dringend was für den Körper. Da steht allerdings noch der Friedhofsbesuch davor, ein Pflichtbesuch bei jedem Pyrgos-Trip wegen der marmornen Grabmäler und weil ich außerdem gucken möchte, ob da immer noch Knochen und Schädel hinter einem Oberlicht aus einer Knochenkammer hervorgucken. Sie tun es.

Im Kafezacharoplastio "Kentrikon" gönnen wir uns dann einen Galaktoboureko mit begleitendem Elliniko. Wie vor Jahren werben die konkurrierenden Cafés mit dem jeweils besten Galatobureko der Insel, der Ägäis oder gleich der ganzen Welt. Wir können über unseren nicht meckern, aber natürlich fehlt uns der Vergleich.

 

Es ist wenig los, eine Gruppe französische Touristinnen kann sich nicht entscheiden in welchem Café sie einkehren soll, ein anderes Paar schleicht in mehreren Richtungen über den Platz, plan- und ziellos.

Der Wanderung nach Panormos haben wir inzwischen eine Absage erteilt (vielmehr die Mutter, ich wäre schon) und den Bus ziehen lassen. So haben wir noch Zeit für eine Runde in die abseits der Läden liegenden Sträßchen von Pyrgos, wo man den Marmor mit Blumen und Katzen gut zu inszenieren weiß. Dazwischen Kirchen und Kapellen mit dekorativen Türmchen, und der mit waagrechten Rillen versehene Putz sieht auch einfach gut aus. Pyrgos - (m)ein Traum.

Es ist ziemlich warm heute, und weil der erfrischende Wind fehlt, wäre ein Bad im Meer eine Abkühlung. So geht es mit dem Auto hinab zu Küste, wo wir Panormos (eigentlich Ormos Panormou) aber nur durchfahren - tatsächlich sind hier Strand wie Tavernentische durchaus in Gebrauch - und nach Osten abbiegen, zur Bucht von Róchari. Dazu geht es ab Panormos nur um ein Felsenkap, und hinter dem Sandstrand endet die befestigte Straße.

Und irgendwie fühlt man sich plötzlich am Ende der Welt, denn der Strand und die paar weißen Häuschen dahinter machen einen vernachlässigten Eindruck. Darüber thront eine breite Häuseranlage in tarnfarbenem Steingraun, sieht wie eine Ruine aus, sind aber Ferienwohnungen.

 

Aber der Strand hat schattenspendende Tamarisken mit Kaikia darunter, und wenn man den breiten Streifen aus getrocknetem Seegras, durchsetzt mit etwas Plastikmüll, überwunden hat, ist das Meer wunderschön. Wenn auch frisch, mit 20°C.

Die Mutter sammelt Steine.

Ich lasse mich von der Sonne trocknen, genieße die Ruhe und den Blick auf die vorgelagerte Planitis-Insel samt Leuchtturm und beobachte, wie ein junges Paar mit Sack und Pack das letzte Häuschen an der Küste bezieht - ein Häuschen am Meer mit Bootsgarage unten (bei airbnb zu mieten), näher am Meer geht es kaum. Es lebe das einfache Leben (wenn nur das Mobilfonempfang und Wifi gibt).

 

Es kommen sogar noch weitere Badegäste, ein einzelner Mann, der sich nur schnell ins Meer wirft und dann zügig wieder abzieht, und eine Mietwagenbesatzung, der es hier nicht so recht gefällt und die ungebadeter Dinge wieder abzieht. Wir sehen uns den "Ort" dann auch noch von näherem an: da gibt es unten ein gepflegtes Steinhaus samt ausladender Deko (ein angemalter Karren), daneben primitive Häuschen. Es stinkt nach Meer und Farbe, die Uferbefestigung samt Bank ist abgebrochen.

Im Sommer tobt hier vermutlich das volle Badeleben. Jetzt schwer vorstellbar.

Es ist schon fünf Uhr vorbei und allmählich Zeit für den Rückweg.

Mit einen Fotohalt an der merkwürdigen Ansammlung von Kapellen, einer Windmühle und einem Leuchtturm (mit Oberlichtern!) auf dem Pass zwischen Pyrgos und Isternia. Die Kirche Agios Athanasios soll aus dem Jahr 1453 sein, es dürfte sich wohl um die Marmorkapelle handeln, die an höchste Stelle der Gebäude steht und sehr prächtig aussieht. Die andere Kapelle ist dem heiligen Kyrill gewidmet. Aber was es mit dem Leuchtturm auf sich hat? Und der Sammlung von Mühlsteinen, Amphoren und Marmorteilen, die auf der anderen Straßenseite liegen?

Der Galaktobureko hat nicht lange angehalten, wir haben Hunger. Ob in Isternia eine Taverne geöffnet hat? Wir machen uns zu Fuß auf die Suche, gehen auf dem Hauptweg durch das langgestreckte Dorf, das nicht so rausgeputzt ist wie Pyrgos, aber auch hübsch. Es scheint nur noch von alten Leuten bewohnt zu sein, zumindest haben nur diese die Muse, um sechs Uhr abends in der Gasse zu sitzen.

 

Die marmorgepflasterte Aussichtsterrasse mit Heldenstatue vor der Hauptkirche Agia Paraskevi bietet einen schöne Blick hinüber nach Syros - ich winke dann mal zu Lothar hinüber, der sich gerade dort befindet.

Mit der Taverne haben wir aber kein Glück. Das ist nicht schlimm, denn wir werden es dafür in Ktikados im "Drosia" probieren. Ein paar Fotostopps später- die Ikonostasi ist Taubenhaus-Schiefer-Optik ist schon sehr speziell, und die Taubenhäuser bei Tarambados im Abendlicht sind einfach zu fotogen - treffen wir in Ktikados ein, und haben Glück: das "Drosia" hat tatsächlich schon geöffnet.

 

Der Wirt spritzt gerade die Terrasse und die üppigen Pflanzen mit dem Schlauch ab, die Bedienung ist eher reserviert, aber es gäbe alles von der Karte. Mit dem Bakaliaros ist das dann auch wirklich der Fall, aber der Hase, den die Mutter gerne hätte, müsste erst noch geschossen werden. Sie weicht auf Hühnchen aus, das eher durchschnittlich ist, während mein frittierter Fisch - natürlich von Skordalia begleitet, wie es sich gehört - sehr gut schmeckt. Und der Ausblick auf die Terrassenfelder bis hinab nach Kionia ist schon einfach schön. Bei unserem ersten Tinos-Aufenthalt sind wir damals von dort hierher gewandert - unsere erste griechische Wanderung, mehr weglos, und von völliger Ahnungslosigkeit geprägt. Sämtliche Einheimische, denen wir davon erzählten, schlugen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen: zu Fuß, und die vielen Schlangen. Schlangen? Also, wir hatten keine gesehen.

 

Lang, lange ist's her. Damals wurde die Saat gelegt, die zu bsiher 41 weiteren Griechenland-Reisen geführt hat. Ob sich für die Mutter wirklich hier der Kreis schließt? Sie meint, sie wäre zu alt für weiteres griechisches Inselspringen.

Wir werden sehen.

Morgen wollen wir auf alle Fälle noch etwas zu Fuß unterwegs sein. Das ist dann schon der letzte ganze Tinos-Tag.