Auf Iddu

Natürlich bin ich viel zu früh bei Magmatrek, wo nur noch ein sehr schneller Blick auf meine Ausrüstung geworfen wird (also eigentlich gar keiner). Ich bekomme einen roten Helm und eine Schutzbrille aus Plastik, die ich pfleglich behandeln soll. Und meine Guide vorgestellt, Mario. Etwa in meinem Alter, nicht sehr groß, sonnengebräunt, lockig, sympathisch. Aus Ginostra. Ich solle auf der Piazza vor der Kirche warten, so in einer halben Stunde ginge es los. Von allen Seiten strömen nun die potenziellen Vulkanbesteiger auf die Piazza, bekommen je nach Gruppe einen roten, orangen oder blauen Helm zugeteilt. Eine ganze Horde italienischer Schüler trifft ein, überwiegend männlich. Hoffentlich nicht meine Gruppe! Nein, die gehen extra. Und von irgendwoher kommen plötzlich Horden definitiv nichtwandernde Touristen (da älter, und ohne Berg-Outfit geschweige denn Schuhwerk) überwiegend deutschsprachiger Herkunft – da muss ein Boot mit Tagesausflüglern gekommen sein, von Lipari oder Milazzo. Als zukünftige Vulkanbezwingerin fühle ich mich natürlich überlegen. ;-)

 

Es ist schon dreiviertel fünf vorbei als Mario sein „Schäfchen“ einsammelt und auf Englisch begrüßt. Uns kurz auf den Aufstieg einstimmt und darauf hinweist dass er langsam gehen werde, und dass das kein Wettbewerb wäre (er benutzt das Wort „challenge“ – na, eine Herausforderung ist der Berg schon). Etwa jede halbe Stunde gäbe es eine Pause, wer dem Aufstieg nicht gewachsen sei, den würde er zurückschicken. Und ob wir alle Windjacken und Lampen dabei hätten? Nicken allerseits. Dann, kurz vor fünf, geht es endlich los. Links an der Kirche vorbei und dann einen geraden, breiten Asphaltweg bergauf, das Ziel über uns vor Augen. Eigentlich nicht weit….

Wir sind die erste Gruppe. Am Ende des breiten Weges biegen wir nach rechts ab auf einen schmaleren Weg, der sich durch überraschend hohes Grün zieht: Zistrosen, Schilf, duftender Ginster.

Das Tempo ist nicht wirklich langsam, zunächst versucht jeder, seinen Rhythmus zu finden. Schnell hat man einen schönen Blick hinab auf den Ort mit der Kirche und den vorgelagerten Felsen Strombolicchio. Ich bleibe stehen, zücke den Fotoapparat, und hänge sofort gnadenlos am Schluss der Gruppe. Nein, der Weg ist nicht das Ziel… schade! Aber es gibt eine andere Wanderung oberhalb des Ortes nach Nordwesten zur Sciara del Fuoco, die möchten wir in den nächsten Tagen gerne machen. Und da geht man auch hier hinauf.

 

Obwohl die Sonne schon tief steht komme ich gehörig ins Schwitzen. Dazu tragen auch die hohen Stufen bei, die den Weg bilden. Mit Querhölzern, aber zum Teil ziemlich ausgewaschen. Besser läuft es sich meist am stufenlosen Rand.

 

Erste Pause. Wir sollten erst etwas warten und uns erholen bevor wir trinken, sagt Mario. Das spart Wasser. Das Wetter wäre heute prima für den Aufstieg. Der Wind hätte gedreht, von Süd auf Ost. Deswegen würde man die Eruptionen im Ort nicht mehr so gut hören. Es gäbe aber welche, keine Angst.

Die Gruppe besteht aus fünf, sechs Deutschen (bzw. Deutschsprachigen), etwas mehr Franzosen, einigen Skandinaviern und einem osteuropäischen Paar. Eine Australierin haben wir auch dabei. Etwas mehr als zwanzig Leute, viele in meinem Alter, nur wenige Ältere. Ein junger Mann überholt uns mit einem Hund, einem beigen Labrador. Er scheint zu den Bergführern zu gehören. Hunde am Vulkan? Auf dem Gipfel wird eine zweite Gruppe auch einen Labrador dabei haben. Vielleicht können die Hunde vor unvorhergesehenen Ereignissen warnen? Ich versäume leider, Mario danach zu fragen.

 

Weiter geht es, die nächste Gruppe drängt von hinten nach. Ich habe mich mit meinem Platz am Ende der Gruppe abgefunden, hinter mir ein junger Österreicher, der die Australierin anquatscht. Irgendwann zweigen wir nach links ab vom Weg, der auf dieser Höhe weiter bis zur Sciara del Fuoco führt.

Bis auf eine Höhe von 400 Metern darf man sich auch ungeführt aufhalten, darüber kostet es Strafe wenn man ohne erwischt wird. Eine Regelung, die den Einheimischen einen guten Verdienst sichert, aber auch bewirkt dass oben auf dem Gipfel nicht mehr wild gecampt und übernachtet werden darf – eine Müllhalde samt Ratten war früher die Folge. Man mag sich streiten ob die Führung wirklich für die Sicherheit der Wanderer notwendig ist. Aber ich finde es vollkommen in Ordnung, dass die Einwohner stärker von diesem in Europa einzigartigen Naturwunder profitieren. Und bezahle gerne dafür.

 

Es geht weiter steil aufwärts über hohe Stufen. Nach knapp eineinhalb Stunden haben wir die Vegetationsgrenze erreicht. Auf einem Felsenbalkon machen wir eine längere Rast, Mario erklärt die Entstehung des Vulkane hier, und die Bedeutung von Obsidian für die Besiedelung der liparischen Inseln seit der Jungsteinzeit.

Der Berghang liegt nun schon im Schatten, und verschwitzt wie wir sind wird es uns schnell kalt. Jacke anziehen, schnelles Vesper. Ein guter Schluck Cola bringt Kräfte zurück. Wunderbar der Blick hinab auf den Ort von Piscità im Westen bis Scari im Osten. Und die Lavastrände. Später könnten wir vielleicht den Ätna sehen, meint Mario. Dazu wird es aber doch zu dunstig sein.

 

Nun wird es unwirtlich: der schmale Weg führt südwärts im Bergschatten über feinen schwarzen Sand und Geröll, nur noch vereinzelt grüne Büschel darin. Oder große Steinbrocken. Wir gehen im Gänsemarsch, ich fast am Ende der Gruppe. Nur die zwei Skandinavier sind noch hinter mir, zwei Journalisten anscheinend. Einer hat Probleme: der scharfe Sand hat seinen sockenlosen Füßen zugesetzt. Der andere fotografiert. An das Tempo habe ich mich gewöhnt, gelegentlich gibt es einen kleinen Stau. Wenn man im losen Sand wenig Halt hat. Im Dunklen wollte ich hier nicht absteigen, aber der Rückweg verläuft woanders.

Vor mir reden die Franzosen über die heutigen Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Es gibt erste Ergebnisse aufs Handy, aus den Départements d'outre-mer: danach hat Hollande gewonnen. In Griechenland wird heute auch gewählt. So weit weg…

Die letzte Dreiviertelstunde ist die Härteste, steil und steinig. Und trotz Schattens schwitze ich unter meinen Regenjacke. Hinter uns sehe ich die weiteren Gruppen aufsteigen, wie die Ameisen. Die Guides sind per Funksprechgerät miteinander in Kontakt.

 

Es kann nicht mehr weit sein. Plötzlich, vollkommen unerwartet und erschreckend nah, vor uns eine Eruption.

So schnell krieg ich den Foto nicht aus der Tasche, es reicht noch für die imposante Rauchwolke im Licht der untergehenden Sonne. Mario drängt uns vorwärts, durch Mondlandschaft. Die beiden Skandinavier sind ihm zu langsam. Dort vor, zum Hubschrauberlandeplatz, sollen wir schnell gehen, und die Helme aufsetzen. Hier sind wir auf 865 Meter Höhe. Es ist dreiviertel acht.

Hier hat es Unterstände zum Schutz gegen fliegende Steine. Und wer ein dringendes Bedürfnis verspürt: die Damen links, die Herren rechts. Ich hab alles rausgeschwitzt. Klamotten wechseln wer hat, ratzfatz, das nasse T-Shirt einpacken. Sonst friert man nachher.

Mario geht es zu langsam: gleich geht die Sonne unter, und da sollte wir auf dem Gipfel des Pizzo sein. Es ist nicht mehr weit, schön nacheinander gehen, im Gänsemarsch über den Grat, Überholverbot.

Und dann sind wir da. Mario stellt uns entlang eines Grates auf, schön nebeneinander und mit gebührendem Abstand zum Krater. Vor und unter uns, vielleicht hundert, hundertfünfzig Meter tiefer, liegt eine schwarze Mulde, darin mehrere Kraterschlünde, aus denen es mächtig raucht (praktischerweise von uns weg). In einem Schlund glüht es feuerrot, gelegentlich schlagen Flammen heraus. Und dann, wir sind noch kaum angekommen, steigt mit Fauchen und Knallen aus einem nicht einsehbaren Krater rechts eine Feuerfontäne empor! Die ist so hoch wie ich es auch nicht annähernd erwartet habe – vielleicht hundert Meter. Natürlich hab ich den Fotoapparat nicht so schnell im Anschlag, ohne Stativ werden die Bilder eh nix. Ich probiere es trotzdem, halte einfach drauf.

Die anderen Gruppen sind jetzt auch da, stellen sich links von uns entlang des Grates auf. Jeder Führer sieht an der Farbe der Helme wer zu seiner Gruppe gehört – praktisch. Ein paar Leute sind wohl schon länger da, haben ihre Fotoausrüstungen und Stative aufgebaut. Die Sonne geht vor uns im Meer unter, links sieht man die Zwillingsgipfel der Insel Salina.

 

Danach habe ich keine Blicke mehr für anderes als die Vulkankrater vor uns.

Immer wieder, mal hier, mal dort, steigen aus einem der Krater Feuerwerke empor. So hoch, so schön, so lang – meine Erwartungen werden bei weitem übertroffen. Die glühend-flüssige Lava regnet klirrend auf den Boden, glüht dort noch ein wenig ehe sie sich in Schwärze auflöst.

Nun wieder Warten. Wo wird die nächste Eruption stattfinden? Ich stelle meinen Foto auf Videofunktion, aber nach drei Minuten schaltet er in Stromsparmodus. Ich beschließe, ihn einzupacken und die Ausbrüche einfach so zu erleben - in Bilder kann man sie nicht wirklich fassen.

Iddu enttäuscht uns nicht: wieder ein besonders hoher Lavaspringbrunnen.

Man könnte heulen, so schön!

 

Eine halbe, dreiviertel Stunde sind wir oben.

Erleben sieben, acht Eruptionen. Mario hat jetzt ein Problem: wir waren die erste Gruppe auf dem Gipfel, wir müssen auch als erste wieder runter. Können uns aber kaum losreißen. Digitale Bilderflut – im Spaß hat er sich schon nach den analogen Zeiten mit begrenzter Film- und Fotokapazität zurückgesehnt. Nach halb neun bläst er zum Aufbruch. Fotoapparate soll man gut eingepackt jetzt einstecken wenn man sie auch in Zukunft noch nutzen möchte, der feine Staub dringt überall ein. Deshalb keine Bilder vom Abstieg.

Und natürlich die Lampen an, es ist schon recht dunkel geworden.

Zunächst geht es ein kurzes Stück abwärts zu einem Kamm zwischen zwei Gipfeln, dem Pizzo und dem höheren Vancori.

Dort soll, wer Zipp-Hosen hat, jetzt die Beine jetzt anzippen. Damit der feinen Aschesand beim Abstieg nicht so leicht von oben in die Schuhe hineingeschleudert wird. (Warum hat mir niemand vorher gesagt, dass lange Hosen beim Abstieg besser wären? Dann hätte ich auch meine Zipp-Hose angezogen statt der Dreiviertelhose.) Wer ein Halstuch hat, vor Mund und Nase binden. Wer keines hat (ich natürlich, vergessen…) bekommt eine Atemschutzmaske aus Papier von ihm. (Die verteilten Schutzbrillen brauchen wir nicht.)

Es geht nun etwa eine halbe Stunde ohne Halt durch tiefen, weichen Sand steil abwärts. Mehr rutschend als gehend. Staub wird aufgewirbelt, man sieht nur wenige Meter weit im trüben Schein der eigenen Lampe (halt doch ein Tchibo-Sparmodell) bis zum Vordermann. Man soll Abstand halten zum Vordermann um diesen nicht noch mit Sand zu bewerfen. Aber nicht zu viel, damit man diesen nicht verliert. Nach wenigen Metern scheuert der scharfe Aschesand schon an den Knöcheln. Nix zu machen, da muss ich jetzt durch. Ein unwirklicher Gang ist das, durch braungrauen, mäßig lampenerleuchteten Dunst. Elastisch-rutschend. Tunnelblick.

 

Ich halte mich vorne in der Gruppe, ob es hinten schlimmer ist? Fehltritte muss man nicht fürchten: der Weg, oder vielmehr die Piste ist breit. Wäre aber ohne Führer im Dunkeln kaum zu finden. Gelegentlich ist der Untergrund unerwartet hart und felsig. Im nächsten Schritt taucht man dann wieder in den tiefen Sand ab. Wie wenn man eine Düne hinabgeht. Und zwar ganz schön steil.

Die vorher mühsam erklommene Höhe verlieren wir so schnell wieder. Ich verfluche meine Dreiviertelhosen.

 

Endlich Stopp. Gucken ob alle da sind. Schnell die Schuhe aus und leeren. Die Fußknöchel sind schon etwas rot aufgescheuert. Die Franzosen haben die Wahlergebnisbestätigung bekommen: Hollande hat gewonnen. „Carla wird sich scheiden lassen“ sagt eine Französin. Ich frage zaghaft nach den Wahlen in Griechenland. Griechenland? Interessiert hier nicht. Wie viele Griechen im Jahr wohl den Stromboli besteigen?

Dann stimmt einer im Spaß die Marseillaise an.

 

Der schlimmste Staub ist nun vorbei, die Helme dürfen wir absetzen, die Jacken ausziehen. Der Weg ist jetzt besser sichtbar, und bald erreichen wir auch wieder die Vegetationsgrenze, gehen durch einen Hohlweg aus Schilf. Es staubt aber immer noch sehr, der Mundschutz bleibt auf. Der Schon-nicht-mehr-Vollmond geht über dem Meer auf, ich hätte gedacht man hätte mehr Hilfe von ihm.

 

Nach fünfviertel Stunden erreichen wir wieder den schnurgeraden Asphaltweg hinab in den Ort, und die Uhr der Kirche San Vincenzo schlägt gerade zehn Uhr als unsere euphorisierte Gruppe an der Piazza eintrifft.

 

Bei Magmatrek geben wir Helme und Schutzbrillen zurück, bedanken uns bei Mario. Ich schütte noch einen mittelgroßen Sandkasten aus meinen Schuhen ins Grüne an der Piazza („bitte nicht auf die Piazza“, hatte Mario gebeten, „das sei ja quasi der Salon, die gute Stube des Ortes, und da würde man das doch auch nicht machen“) und sitze da und weiß nicht wohin mit meiner Begeisterung. Am liebsten ginge ich gleich wieder hoch…

 

Reiße mich schließlich los und wandere durch den unbeleuchteten Ort (auf Stromboli gibt es keine Straßenbeleuchtung) hinab zum Hotel, wo die Mutter mich so früh noch gar nicht erwartet hat. Und ich ihr nach einer erfrischenden Dusche (endlich mal ein Vorteil dass der breite Brausekopf direkt an der Decke befestigt ist) von meinem Erlebnis vorschwärme.

 

Es dauert lange bis ich schlafen kann, und das liegt nicht am Dreirad-Korso der Juventus-Fans, die lautstark die Meisterschaft ihres Vereines feiern (wieso die Einwohner der äolischen Inseln anscheinend mehrheitlich ausgerechnet Fans eines Turiner Clubs sind, muss ich nicht verstehen). Auch nicht an den lauten, noch später heimkehrenden vulkanstürmenden Schülern der Nachbarzimmer.

 

Es liegt am Adrenalin, das ich erst allmählich abbauen muss.

Und dem Vulkanfieber. Ich will das wieder haben, das weiß ich genau.

Iddu hat mich erwischt.

PS

Tolle Bilder, Informationen und Webcams von Stromboli (und anderen Vulkanen) gibt es hier bei Stromboli online - swisseduc: http://www.swisseduc.ch/stromboli/index-de.html

 

Und was machen wir morgen?