Nach Malfa und Pollara

Das Wetter ist wunderschön heute, und das Meer glatt. Die Fahrt von Stromboli nach Santa Marina Salina, dem Haupthafen von Salina, dauert mit dem Aliscafo etwa 70 Minuten. Kaum Geschaukel.

Unsere Ankunft hatte ich telefonisch angekündigt und so empfängt uns am Hafen ein schüchtern wirkender junger Mann - Gianfranco, der Manager (na, oder so ähnlich – Mädchen für alles trifft es auch) des Bed&Breakfast „Il Gelso Vacanze“ in Malfa. Dieses Quartier in einem äolischen Haus hatte ich mir im Internet ausgeguckt und schon vor Weihnachten via booking.com gebucht. Die Nacht mit Frühstück für 70 Euro das Doppelzimmer, nur beste Bewertungen, laut Bildern schön eingerichtet und mit viel Platz. Später hatte ich in einem Italienforum von einem Salina-Kenner gelesen, er wolle in Malfa „nicht tot überm Zaun hängen“. Mhh, ehrlich gesagt – ich möchte das am liebsten nirgends. :-) Und wir mögen ruhige, beschauliche Orte. Würde für uns schon passen.

 

Gianfranco lädt uns und unser Gepäck in sein Auto und dann geht es auf der kurvigen Straße entlang der Küste zuerst nach Norden, dann nach Westen nach Malfa, etwa sieben, acht Kilometer. Nach dem sehr überschaubaren Stromboli ist Salina mit knapp 27 Quadratkilometern (etwas größer als Paxos), und rund zweieinhalbtausend Einwohnern eine richtig große Insel (die zweitgrößte Äole), die außerdem sogar drei Gemeinden hat (Leni/Rinella, Malfa/Pollara und Santa Marina Salina/Lingua) – alle anderen äolischen Inseln sind zusammen eine Gemeinde mit Verwaltungssitz in Lipari. Auf Salina mag man den großen und dominanten Nachbarn Lipari nicht so sehr – und bleibt lieber unter sich.

Salina ist auch eine typische Vulkaninsel, nur hat sie nicht nur einen Vulkankegel, sondern gleich zwei. Die sind fast gleich hoch (Monte dei Porri, 860 und Monte Fossa delle Felci, 962 Meter), echte Zwillingsgipfel, weshalb die Insel in der Antike den Namen „Didyme“ (griechisch „Zwilling“) trug. Die Vulkane sind nicht mehr aktiv, und so dominiert hier die Farbe Grün an allen Hängen. Grün wie Farn, grün wie Wald, grün wie die Reben der Malvasia-Traube, die hier in großem Stil angebaut wird. Und dann gibt es hier natürlich noch die Kapern, aber davon später. Tourismus hat es auf Salina natürlich auch, aber in vergleichsweise bescheidenem Maß. Was vielleicht auch daran liegt, dass Salina nicht mit schönen Stränden gesegnet ist. Aber wir wollen ja vor allem wandern, und ich glaube, mit diesem Wunsch sind wir hier richtig.

 

Wir erreichen schließlich Malfa. Der Ort liegt weitläufig an einem Hang etwas über der Küste, die Straße führt durch den ganze Ort, so dass wir erst denken: ganz schön groß. Aber das täuscht. Durch eine Allee fahren wir auf ein Anwesen, parken am Ende und gehen einen schmalen Weg zu einer Wohnanlage mit viel Grün und zahlreichen Terrassen. Da ist unser Zimmer, und es hält was das Internet versprach: es ist riesig, hat sogar vier Betten, einen schöne Terracottafliesen-Boden, und ein Bad in Weiß, das ich am liebsten einpacken würde. Außerdem Moskitogitter in den Fenstern – schön, wenn die Besitzer mitdenken. Die Terrasse davor mit zwei Sonnenliegen ist nur unwesentlich kleiner und man hat einen schönen Blick gen Norden auf das ein Stück entfernte Meer.

Gianfranco spricht leider nur wenig Englisch, und Italienisch ist bei mir nur noch passiv vorhanden – ich verstehe es leidlich, spreche es aber nicht (wenn ich den Mund aufmache kommt Griechisch oder Englisch raus). Aber mit Händen und Füßen kommen wir zurecht, er zeigt uns den kurzen Fußweg in den Ort, und gibt mir den Fahrplan des Busses (den hatte ich schon aus dem Internet, aber er stimmt genau so) und sagt uns, dass jeder Bus ab Malfa unten auf der Straße vor der Einfahrt vorbeikommt – einfach per Handzeichen stoppen.

 

Dann sitzen wir in der warmen Mittagssonne vor unserem Zimmer, und finden es etwas fad hier. Irgendwie fehlt uns das Donnern des Vulkanes. So kann es gehen wenn man den Urlaubshöhepunkt schon zu Urlaubbeginn hat.

 

Nur kurz lassen wir uns hängen, und nach einem Mittagsschläfchen nehmen wir um 15.25 Uhr den Bus ins sechs Kilometer entfernte Pollara. Der Kleinbus hält tatsächlich vor dem Haus, ein Euro achtzig kostet die Fahrt, Serpentinen inklusive. Erst geht die Straße über einen etwa 250, 300 Meter hoch gelegenen Bergrücken beim ehemaligen Marineobservatorium (Semaforo), dann liegt die halbkreisförmige Caldera von Pollara vor und unter uns, der Bus schraubt sich hinab durch lose Bebauung und grüne Felder. Hält nach viertelstündiger Fahrt vor einer Kirche – die Straße endet hier.

Das ist also Pollara. Der Postino-Ort. Genauer: der Ort, wo der Spielfilm (oder Teile davon, weiterer Drehort war die Insel Procida vor Neapel) „Il Postino“ („Der Postmann“) von Michael Radford gedreht wurde. Die Verfilmung des Romans „Mit brennender Geduld“ von Antonio Skármeta mit Philippe Noiret und Massimo Troisi in den Hauptrollen. Diese schöne Geschichte des Briefträgers Mario, der dem auf der Insel im Exil lebenden Dichter Pablo Neruda mit dem Fahrrad die Post bringt – auf einer Insel, auf der sonst niemand Post bekommt und kaum jemand lesen und schreiben kann. Mario und Neruda freunden sich zaghaft an, und Mario gelingt es, mit Hilfe von Nerudas Lyrik und Metaphern das Herz der schönen Beatrice zu erobern. Unvergesslich der Ausspruch Marios „Gedichte gehören nicht dem, der sie geschrieben hat, sondern denen, die sie brauchen“, mit dem er Nerudas Gedichte bei des Liebeswerbung benutzt.

 

Am Strand von Pollara findet Mario, in Begleitung Nerudas, eine Metapher (nachdem ihm Neruda früher erklärt hat was eine Metapher ist).

Nun, und da wollen wir nun auch auf Metaphernsuche gehen, und entsteigen dem Bus, der prompt wieder wegfährt. In zwei Stunden kommt er wieder (hoffentlich!)

 

Dieses Pollara, das außerdem das Zentrum des Kapernanbaues auf Salina ist (das wiederum neben Pantelleria der größte Kapernproduzent Italiens ist) ist ein verschlafenes und weitläufiges Dorf, das in einem zum Meer hin halb abgebrochenen erloschenen Vulkankrater liegt. Jetzt, um diese Zeit, bewegt sich hier nichts außer den dem Bus entstiegenen Fahrgästen – einigen Einheimischen und einer jungen Frau. Keine Bar, kein Laden ist geöffnet.

 

Aber freundlicherweise ist der Weg zum Meer ausgeschildert, mit einem profanen „mare“ und Pfeil nach rechts. Denn der Weg zum und der Postino-Strand sind wegen Steinschlags geschlossen. Tss, da geht man auf Metaphernsuchen und bekommt Steine! Das harte Brot der Dichter.

 

Wir folgen also dem mare-Schild zunächst ein paar Meter eben auf einer heißen Piste bis zu einem Parkplatz (da steht genau ein Moped), dann geht es auf einem Stufenweg hinab. Zu einem speziellen Platz: in den weichen Stein der Steilküste sind hier Bootshäuser und Stufen gegraben und gemauert, davor kann man zwischen den Felsen baden wenn man Badeklamotten dabei hat, und Badeschuhe. Beides haben wir nicht, im Gegensatz zu einem älteren Paar (Deutsche), das auf den Felsen sitzt. Laut Reiseführer soll das hier der beste Badeplatz der Insel sein (ich schreibe bewusst nicht „Strand“, denn das hat es ja keinen betretbaren).

 

Und es ist auch nett hier. Erinnert ein wenig an Milos, oder Kimolos. Nur nicht ganz so farbenfroh, und etwas vernachlässigter. Und steiler.

Weiter links die Steilküste mit dem Postino-Strand, einem kaum mehr als handtuchbreiten Kiesstreifen davor. Und einer beeindruckenden Kerbe darin, durch die wohl mal der Weg geführt hat. Klar, dass da Steinschlag droht.

 

Wir sitzen auf den Stufen, genießen den Schatten, den Blick auf das wunderschön schillernde Meer und das vorgelagerte Felseninselchen Faraglione (= Klippe), auf der auch die schwarze Äolische Eidechse vorkommen soll. Wenn ich Bergschuhe an hätte, würde ich versuchen, um das Kap herum zu klettern – da soll man eines der Wahrzeichen von Salina sehen können, die Punta Perciato, einen großer Felsenbogen an der Küste. Mit meinen Sandalen erscheint mir der Weg zu rutschig (will ja nicht ins Nass wie letztes Jahr die Touristin auf Ikaria).

Irgendwann gehen wir die Stufen dann wieder hinauf und vor zu Bushaltestelle. Hier irgendwo muss auch das "Postino-Haus" sein, oder genauer: das Haus, in dem Pablo Neruda in dem Film gewohnt hat und der Briefträger Mario immer mit seinem Fahrrad angesteuert hat. Wir können es nicht genau orten – man ist hier eher zurückhaltend mit der Film-Geschichte (obwohl man natürlich stolz darauf ist). Der Hype ist vielleicht auch schon wieder abgeflaut, schließlich ist der Film von 1994 und damit schon 18 Jahre alt.

 

Da ist auch ein Kiosk oder eine Imbissbude mit Plätzen im Schatten. Aber jetzt, im Mai, nicht geöffnet.

Die junge Frau, die mit uns aus dem Bus gestiegen ist, kommt auch wieder, und wir ins Gespräch. Sie ist aus Kanada, ist zu einem längeren Aufenthalt in Florenz und brauchte mal wieder so richtig Ruhe. Weshalb sie hierher gefahren ist, und da ist sie genau richtig. Vielleicht fährt sie noch nach Stromboli, ich kann es ihr nur empfehlen.

 

Pollara ist also das Zentrum des salinatischen (oder saliniotischen? salinischen?) Kapernanbaus. Im Gegensatz zu den Kykladen oder Dodekanes, auf denen man schon auch mal Kapern bekommt, wird die Knospe hier richtig angebaut. Der Strauch wird im Winter gestutzt wie Weinreben, und treibt dann neu aus.

Die Sträucher werden ab Ende Mai bis Ende August wöchentlich am frühen Morgen abgeerntet, je kleiner die Knospe, desto besser die Qualität, und um so teurer. Bis zu vier Kilogramm kann ein Strauch im Jahr ertragen. Die Kapern werden in Meersalz eingelegt und sind so über zwei Jahre haltbar. Das Kilogramm (oder war es das Pfund?) kostet je nach Qualität sechs bis acht Euro. Auch die Kapernfrüchte (Kapernäpfel) werden geerntet und eingesalzen. Sie heißen hier Cucunci, schmecken olivenähnlich und werden - nach längerem (tagelangem!) Wässern - im Salat, auf der Pizza und in der Pasta verwendet.

Wir werden einige Tage später, bei einer Wanderung oberhalb des Kessels von Pollara, noch Kapernfelder sehen. Leider aber nur ganz wenig Blüten – wobei die auch genutzt werden, in der Kosmetikindustrie. Vielseitiges Pflänzchen. Am ersten Junisonntag gibt es in Pollara übrigens ein großes Kapern-Fest, das „Sagra del cappero“.

Um zehn vor sechs kommt planmäßig der Bus und bringt uns zurück nach Malfa. Er hält dort am oberen Ortsrand, und wir steigen aus um uns Malfa anzusehen. Die Bebauung ist locker, viel Grün, viele Gärten dazwischen. Nicht überkandidelt, nicht ungepflegt - hat viel Charme.

Die Läden haben jetzt geöffnet, wir machen zwei Restaurants aus, und ein Cafe-Rosticceria-Bar. Sehr hübsch die Piazza, an der sich das Leben versammelt, Jungs Fußball spielen, die Männer im Café sitzen, die Frauen davor ratschen. Tot überm Zaun? Nein, also uns gefällt es hier.

Die beige Kirche ist leider immer geschlossen. Einen Bäcker mit dem schönen Namen "Pane, amore... e fantasia" gibt es auch (nur vormittags geöffnet), und eine Pasticceria "Cosi duci", die aber zu aussieht.

Kirche von Malfa
Kirche von Malfa

Dann hat es einen Supermarkt, in dem man wirklich alles kriegt was man braucht (auch völlig ungriechischen Anislikör als Ouzo-Ersatz zum Sonnenuntergang), und auch was man nicht braucht. Die Preise, vor allem der alkoholischen Getränke, sind deutlich niedriger als auf Stromboli.

Wobei der einheimische Malvasia, die zweite salinische Spezialität, immer noch einen stolzen Preis hat – der sizilianische ist wesentlich billiger. Malvasia ist ein bernsteinfarbener Süßwein (ca. 18%), für den die überreifen Trauben (der Sorte Malvasia di Lipari) nach dem Ernten noch einige Tage lang getrocknet werden eher sie gepresst werden.

Der Weinanbau hat auf Salina Tradition – und führte nach dem Jahr 1889 zu einer Auswanderungswelle der Einwohner (es gibt ein Auswanderer-Museum in Malfa, aber es war geschlossen). Da wurde nämlich die Reblaus auf der Insel eingeschleppt, und ihr fielen nahezu alle Weinstöcke zum Opfer. Erst in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckte ein norditalienischer Architekt namens Hauner die Insel für sich, und die Traube wieder, und sorgte für die Wiederbelebung des Malvasia-Anbaus. Die größte Anbaufläche liegt im Valdichiesa zwischen den beiden Zwillingsgipfeln.

 

Im Gegensatz zu den anderen äolischen Inseln hat Salina nämlich eines: Wasser. Nicht im Überfluss, aber ausreichend für so viel Landwirtschaft, dass man nicht vom Tourismus abhängig ist, sondern diesen lediglich als Zubrot mitnimmt. Pools brauchen hier nur wenige Hotels, zum Beispiel das edle „Signum“ samt Spa, Wellness-Center und Restaurant mitten im Ort unterhalb der Hauptstraße. Dessen rege Besitzerin Clara hat viel für den Tourismus auf Salina getan, und auch das Kapernfest in Pollara erfunden. Schön, wenn all dies so maßvoll geschieht wie hier. Ein etwas dickerer Geldbeutel ist aber nötig wenn man dort wohnen will – die Übernachtungen auf Salina sind generell nicht unbedingt preiswert, da sind wir mit unseren 70 Euro echt noch günstig dabei.

 

Es scheint so als wären wir die einzigen Gäste der B&B-Anlage. Sechs Zimmer gibt es in dem Komplex hier, und etwas weiter drüben, Richtung Allee, noch sechs Appartements, die laut Reiseführern auch zu empfehlen sind, aber erst noch für die Saison gerichtet werden. Bei booking wollte ich eine Verlängerung um eine Nacht buchen, das war nicht möglich – ausgebucht. Das ist es aber definitiv nicht. Anscheinend wird über den Zimmervermittler nur ein Teil der Zimmer angeboten, und auch nur für länger als ein Nacht. Ein gutes Konzept, so kommen wir in den Genuss fast unendlicher Ruhe. Abends stört allenfalls die relaxte, aber durchaus laute Musik von der Pool-Bar des „Signum“.

Zwei Männer sehen wir immer wieder bei der Arbeit, sie streichen Mauern, bringen Sonnendächer an. Gianfranco hat uns erlaubt, uns auf der Frühstücksterrasse niederzulassen – von dort aus sieht man was wir heute Nachmittag vermisst haben: den rauchenden Stromboli. Der immer mal wieder ein Wölkchen aushustet.

Nein, inzwischen gefällt es uns auf Salina wirklich auch.

Blick zum Stromboli
Blick zum Stromboli

Zum Abendessen gehen wir in das Ristorante „A’Lumeredda“ weit oberhalb im Ort, fast unterhalb der Tankstelle. Es ist so lau, auch nach Sonnenuntergang kann man – mit Jacke – noch gut auf der weitläufigen Terrasse unter einem grünen Blätterdach sitzen. Das Lokal ist gut besucht, im Ort scheinen schon viele Touristen zu sein. Wir hören Französisch, Deutsch, Englisch, und natürlich auch Italienisch.

Zur Vorspeise bestellen wir Caponatina und Insalata Eoliana, danach Hühnchen und Nudeln mit Sardinen. Vorab gibt es noch eine Ameuse Geule vom Haus, und zu allem Wasser und einen offenen Rotwein. Die Caponatina ist zum Hineinlegen, der Salat natürlich kaperngespickt. An Huhn und Pasta ist gleichfalls nichts auszusetzen – mhhhh!

Außer, dass alles eigentlich viel zu viel ist, und wir nach der Mahlzeit das Gefühl haben, uns nicht mehr wegbewegen zu können – zu vollgegessen. Da trifft es sich gut, dass wir zu unseren Betten nur noch bergab müssen.

Morgen wollen wir nach Lingua, ganz in den Südosten der Insel.